Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2533
Gotha (Thüringen)

Altes Rathaus (Rotes Rathaus)

Vom Schloß Friedenstein aus leitet nordwärts der Schloßberg mit seiner Wasserkunst über zum in Nord-Süd-Richtung langgestreckten Hauptmarkt, der immer noch einiges Gefälle überwindet. Am unteren, also nördlichen Ende des oberen Teiles des Hauptmarktes steht frei das langgestreckte Gebäude des Rathauses (Hauptmarkt 1), auf dessen nördlicher Seite sich der untere Teil des Marktes bis zur Marktstraße anschließt. In der Gesamtschau steht das Rathaus an der engsten Stelle des Marktes und teilt ihn in einen kleineren nördlichen und einen größeren südlichen Abschnitt. Das Gebäude ist ca. 53 m lang und ca. 13 m breit. An der Westseite sind drei Zwerchgiebel zu sehen, ein großer symmetrisch flankiert von zwei kleineren. Dadurch ergibt sich die Vertikalgliederung durch Pilaster, jeweils außen und je zwei als Begrenzung der Zwerchgiebelbreite. An der östlichen Längsseite befinden sich drei unregelmäßig gesetzte Zwerchgiebel. An der Südseite überragt der 35 m hohe Rathausturm die Schmalseite; er kann von April bis November bestiegen werden und besitzt in 23 m Höhe eine Aussichtsplattform, von der aus man das Stadtwappen als Pflastermosaik unter sich auf dem Hauptmarkt sehen kann. Das Erdgeschoß ist reihum mit Fugenschnittrustika versehen.

 

Abb.: Südseite mit Rathausturm, links von Südwesten und rechts von Süden.

Die Nordseite ist die eigentliche Schauseite mit dem mittig angeordneten Hauptportal und zwei seitlichen Halbrundfenstern, mit insgesamt vier Wandvorlagen. Die Fenster beider Obergeschosse, außen einzelne und in der Mitte verzwillingte, sind gestalterisch durch Zwischenfelder mit Medaillons mit Personenbrustbildern miteinander in der Vertikalen verbunden. Der reich dekorierte Nordgiebel trägt die große Uhr und darüber die Figur des hl. Gothardus, Bischof von Hildesheim (Original in Schloß Friedenstein). Diese Heiligenfigur hat einen engen Bezug zum Stadtwappen, denn das ist geteilt, oben golden, unten dreimal schwarz-rot geteilt, über allem der hl. Gotthard im Bischofsornat, in der Rechten den Krummstab haltend, in der Linken die Bibel, auf einer mit Löwenköpfen und -beinen verzierten goldenen Kathedra sitzend, alles auf einem silbernen Podest, über dem Heiligen schwebend eine fünftürmige rote Mauerkrone, rechts und links des Heiligen die dreizeilige Inschrift S. GOTEHARDVS. Dieser Heilige ist der Schutzpatron der Stadt; der Legende nach ließ er in seiner Zeit als Hersfelder Abt die erste Stadtmauer von Gotha errichten und die Stadtkirche St. Margarethen erbauen (das Kloster hatte damals Besitz bei Gotha).

Abb.: Details des Nordgiebels

Das gleiche Motiv ist auch noch einmal im mittleren Zwerchgiebel der Westseite ganz oben im allerobersten Giebelfeld zu sehen (ohne Abb.). Ein nettes Detail ist direkt unterhalb von St. Gotthard zu sehen: Oberhalb der Uhr ist eine vergoldete groteske Maske mit beweglichem Unterkiefer dargestellt. Dieser Kopf, der seine Wurzeln in mittelalterlichen Droh- und Neidköpfen hat, wurde vom Volksmund als Wilhelm von Grumbach umgedeutet, wozu das wilde und gefährliche Aussehen sicherlich dazu beigetragen hat, daß er mit dem Mann assoziiert wird, der so viel Unglück über seine Zeitgenossen gebracht hatte.

Abb.: Details des Nordgiebels

Bei näherem Hinsehen wurde dieser Renaissancebau in mehreren Bauphasen geschaffen, die bis ins 19. Jh. reichen. Zugleich kennzeichnen diese Phasen auch ganz unterschiedliche Nutzungen und Funktionen des Gebäudes. In der ersten Bauphase wurde nach Plänen der Baumeister Caspar Mans, Christoph Goetze und Nicolaus Rausch 1567-1577 ein Kaufhaus gebaut. Der Steinbau ersetzte einen Vorgängerbau aus Fachwerk, den man 1553 abgerissen hatte. 1567 riß man noch einen dort befindlichen Turm ab, und das Baumaterial konnte man gleich für den Neubau verwenden. Hier lief nördlich einst eine schon im Mittelalter wichtige Handelsstraße vorbei, deren Verlauf etwa den Straßen Brühl, Marktstraße und Erfurter Straße entspricht.

Als Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha (25.12.1601-26.3.1675) nach der Erbteilung im Hause Sachsen-Weimar 1640 sein neugeschaffenes Teilherzogtum Sachsen-Gotha bezog und in der Stadt noch keine eigene und standesgemäße Residenz hatte, zog er vorläufig hier ein und lebte hier bis zur Fertigstellung von Schloß Friedenstein. Das Gebäude wurde in dieser Zeit "fürstliches Residenzhaus" genannt. 1646 zog er um auf den Hügel hoch über der Altstadt, und das Gebäude wurde wieder zum Kaufhaus.

Abb.: Westseite mit Wappenstein über dem Eingang rechts unterhalb des mittleren Zwerchgiebels

1665 brannte die Altstadt, wobei auch die ehemalige herzogliche Residenz schwer beschädigt wurde. Der Baumeister Rudolph (auch: Rudolphi) baute das Anwesen danach für die neue Funktion als Rathaus wieder auf. Vielleicht wurde das Gebäude schon ab 1632 als Rathaus genutzt, weil in jenem Jahr das bis dahin diese Funktion erfüllende Gebäude, die heutige Innungshalle, bei einem anderen Brand beschädigt worden war. In den oberen Etagen waren die Kämmerei und der Fiskus untergebracht, im Erdgeschoß die Ratswaage und die Kaufläden. In dem Gewölbekeller unter der Kleinen Ratsstube zog das Stadtarchiv ein. 1748 wurde das Gebäude noch einmal umgebaut und im Stil der Zeit modernisiert.

 

Abb. links: Nordportal. Abb. rechts: Portalbogen, Schild mit dem Buchstaben "G" unter einer Laubkrone

Die nächste Bauphase liegt im 19. Jh. Erst dann baute man im zweiten Obergeschoß den großen Ratssaal ein, in dem sich eine ältere Reliefdarstellung des letzten ernestinischen Kurfürsten Johann Friedrich I. von Sachsen befindet. Die 1852 gesetzten Trennwände nahm man wieder heraus, um einen größeren Saal zu erhalten. Die Fassade und die Innengestaltung nahm man sich 1897-1998 vor und vereinheitlichte alles im Stil der Neorenaissance, wobei auch neue Schmuckelemente geschaffen wurden. Die Nordseite erhielt einen neu gestalteten Eingangsbereich mit repräsentativer Treppenanlage. Aus dem bis dahin quadratischen Aufsatz wurde ein oktogonaler. Das zeitweise unverputzte Gebäude bekam wieder einen Überzug, aber erst 1966 den charakteristischen roten Anstrich. Das Gebäude überlebte den Zweiten Weltkrieg weitgehend ohne Schäden und wurde 1994-1998 umfassend saniert mit Hilfe des Bund-Länder-Förderprogrammes Städtebaulicher Denkmalschutz. Auch heute hat das Gebäude noch Verwaltungs- und Repräsentationsfunktion für die Stadt Gotha, auch wenn das eigentliche Rathaus jetzt in anderen Gebäuden untergebracht ist. Aber hier haben einige Ämter der Stadtverwaltung ihren Sitz, außerdem ist hier der repräsentative Dienstsitz des Gothaer Oberbürgermeisters.

 

Über dem Nordportal ist folgende Inschrift zu lesen, die das ikonographische Programm der Bogenzwickel (Abb. oben) erläutert: "ALS MANN ABBRACH DENN ALTEN DVRM / DARAHN STVND DIS LAMB VND LINSWURM / DAS LAMB DIE GOTTEN IN IHREN FAHNEN GEFVHRT IN FRIDENS ZEITTEN / DEN LINDWVRM ABER WIDER IHREN FEIND IN KRIEG VND STREITEN / 1574".

 

Abb.: die beiden Delphine des Nordportals mit je einem auf ihnen reitenden Putten

Es gibt zwei landesherrliche Wappen am Rathaus, eines an der nördlichen Giebelseite über dem Schmuckportal, einem Meisterwerk der deutschen Renaissance, und eines über dem Eingang an der westlichen Längsseite. Nachfolgend die Photos des Nordwappens, von den zuvor abgebildeten beiden Delphinen flankiert:

Abb.: Wappen der Nordseite, Gesamtaufnahme

Es handelt sich aufgrund des Fehlens der Kurschwerter und des Vorhandenseins typischer anderer Komponenten um ein Wappen der ernestinischen Linie Sachsen-Weimar aus der Zeit, als das Gebäude als Kaufhaus genutzt wurde. Die Kurwürde ist bereits verloren (1547), aber Kleve-Jülich-Berg ist noch nicht angefallen (1609), Gleichen (1631) und Henneberg (1583) auch noch nicht. Damit hat dieses Wappen 1547-1583 Gültigkeit. Da wir anhand der Spolien vom Grimmenstein gesehen haben, daß der Herzog und Ex-Kurfürst bis zu seinem Tod die kurfürstlichen Zeichen unbeirrt weiterbenutzt hat, können wir den Zeitraum sogar auf 1554-1583 eingrenzen, was das Zeitfenster der Bauzeit 1567-1577 plausibel einschließt. In dieser Zeit regierten über Gotha Johann Wilhelm Herzog von Sachsen-Weimar (11.3.1530-2.3.1573), vermählt am 15.6.1560 in Heidelberg mit Dorothea Susanne Pfalzgräfin bei Rhein (1544-1592), und anschließend deren Sohn, Friedrich Wilhelm I. von Sachsen-Weimar (25.4.1562-17.7.1602), während Abschluß der Bauarbeiten noch unter Vormundschaft stehend. Da das Portal auf 1574 datiert ist, ist das Wappen des Nordportals dennoch ihm sicher zuzurechnen, auch wenn er erst 12 Jahre alt war und sein Vater erst ein Jahr lang tot war. Der Schild ist zweimal gespalten und dreimal geteilt, mit einem Herzschild über dem Feld 5.

Abb.: Wappen der Nordseite, Detail: Schildinhalte

Im einzelnen stehen die 12 Inhalte für:

 

Abb.: Wappen der Nordseite, Detail: die beiden äußeren Helme

Dazu werden drei Helme geführt:

Das zweite Wappen an der Westseite ist inhaltlich vollkommen gleich (Abb. oben und unten). Der einzige Unterschied liegt in den Prunkstücken: Zwei goldene Löwen mit untergeschlagenen Schwänzen dienen als Schildhalter, der rechte ist gekrönt. Als besonders aufwendiges Detail sind hier noch zwei weitere Löwen zu sehen, deren Köpfe und Vorderpranken aus zwei in den gesprengten Dreiecksgiebel eingepaßten, runden Rahmen hervorkommen.

Wappen an der Westseite, Detailaufnahme: Schild und Kleinode. Dieses Wappen ist undatiert, ist aber vermutlich genau wie das andere Friedrich Wilhelm I. von Sachsen-Weimar (25.4.1562-17.7.1602) zuzurechnen, der noch unter Vormundschaft stand, als der Bau vollendet wurde.

Abb.: Wappen an der Westseite, Detailaufnahme: Schildinhalte wie oben beschrieben

Abb.: Wappen an der Westseite, Detailaufnahme: Kleinode wie beschrieben, Helm 2 jedoch ohne Kleestengel an den Büffelhörnern.

Genealogie der Wettiner mit Wappenfundstellen:
fett hervorgehoben für Gotha relevante Personen, fett und dunkelrot mit Bezug mit alten Rathaus, rot Wappenfundstellen, blau Funktion in Bezug auf das alte Rathaus:

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/dir///@50.9491344,10.7016869,19z - https://www.google.de/maps/dir///@50.9491344,10.7016869,136m/data=!3m1!1e3
Stadtrundgang Gotha:
https://www.mr-kartographie.d/fileadmin/images/bilder/Gotha/Stadtrundgang-Gotha.pdf
Udo Hopf, Lutz Ebhardt: Die Geheimnisse des Gothaer Rathauses, Artikel in der Thüringer Allgemeinen vom 23.7.2011:
https://gotha.thueringer-allgemeine.de/web/gotha/startseite/detail/-/specific/Die-Geheimnisse-des-Gothaer-Rathauses-2027189281
Thüringer Städte: Gotha:
http://www.thueringer-staedte.de/staedte/gotha/
P. Lehfeldt: Bau- und Kunstdenkmäler Thüringens, Heft VIII, Herzogthum Sachsen-Coburg und Gotha: Landrathsamtsbezirk Gotha: Amtsgerichtsbezirk Gotha, Jena 1891, S. 85
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/PPN632582782/1/LOG_0003/
Altes Rathaus:
https://de.wikipedia.org/wiki/Altes_Rathaus_(Gotha)
Altes Rathaus:
https://www.thueringen.info/gotha-rathaus-gotha.html
Altes Rathaus:
https://www.thueringer-wald.com/urlaub-wandern-winter/rathaus-gotha-110002.html
Hinweistafel am Gebäude
Udo Hopf: Marktturm, Kaufhaus, Residenz: Zum 444. Jahrestag der Grundsteinlegung des Gothaer Rathauses, 64 S., d/m/z Druckmedienzentrum Gotha, 1. Auflage 2011, ISBN-10: 3939182362, ISBN-13: 978-3939182368

Schloß Friedenstein, Teil 1: Spolien von Schloß Grimmenstein - Schloß Friedenstein, Teil 2:Hofarkaden des Westflügels - Schloß Friedenstein, Teil 3: Hofarkaden des Nordflügels - Schloß Friedenstein, Teil 4: Hofarkaden des Ostflügels - Schloß Friedenstein, Teil 5: Hofarkaden der Südgalerie - Schloß Friedenstein, Teil 6: der Altan im Nordosteck des Hofes - Schloß Friedrichsthal

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