Bernhard Peter
Typisch japanische Dinge: Go-shuin und Go-shuin-cho


Ein Shuin-cho (Shuin-chou) oder Nokyo-cho (Noukyou-chou) ist ein typischerweise ca. 11-18 cm x 16-25 cm großes und 20-50 Papierlagen starkes Büchlein ohne Bindung mit Washi-Papier in Leporello-Faltung zwischen zwei stabilen, oft mit kunstvoll ornamentierten Stoffen überzogenen Pappdeckeln. Am Anfang ist es leer, denn es handelt sich um ein Buch, das zum Sammeln von Inhalten gedacht ist. Am Ende einer Reise ist es voller Einträge, die sowohl in ihrer Zusammenstellung und Kombination als auch in ihrer individuellen Ausfertigung jeder Seite einzigartig sind. Es handelt sich um Pilgerbüchlein, die der Pilger beim Besuch des ersten besuchten buddhistischen Tempel (oder shintoistischen Schreines) erwirbt und auf seiner weiteren Reise mit sich führt und jeweils in den besuchten Tempeln (oder Schreinen) an einem speziellen Schalter gegen einen entsprechenden Obolus mit Einträgen versehen läßt. Wer Größeres vorhat wie den Shikoku-Pilgerweg mit seinen 88 Stationen, kann auch dickere Ausgaben erwerben; in der Regel haben die großen und bekannten Pilgerrouten eigene und spezielle Bücher. Es gibt sogar eines des Koyasan, das Zedernholztafeln als Buchdeckel besitzt.

Das Pilgern hat in Japan eine große Tradition, vor allem, weil es in früheren Jahrhunderten für die Bevölkerung (Nicht-Samurai) die einzige Möglichkeit war, überhaupt zu reisen, denn sie durften normalerweise ihr Gebiet nicht verlassen. Seit der Edo-Zeit werden die Pilgerstempel gesammelt. Früher gab es sie als Beleg für eine gespendete (kopierte) Sutra. Dabei mag durchaus auch eine Rolle gespielt haben, daß man damit den religiösen Zweck der Reise dokumentieren und so die Reise auch legitimieren konnte. Auch heute noch sammeln Pilger an jeder Station Einträge ins Buch. In der Regel gibt es pro heilige Stätte einen Eintrag. Wenn ein großer Tempelkomplex mehrere heilige Stätten besitzt, kann man auch an einem einzigen Ort entsprechend viele Stempel sammeln. Am Mii-dera in Otsu kann man beispielsweise sechs verschiedene Seiten füllen lassen (Miroku Bosatsu = Maitreya am Kondo, Juuichimen Kannon am Bimyo-ji, Nyoirin Kannon am Kannon-do und drei weitere).

Je nach Tempel wird das unterschiedlich gehandhabt mit den Stempeln: Einige Tempel lehnen die Praxis gänzlich ab (z. B.Tempel der Jodo Shinshu = Schule vom Reinen Land, in Kyoto z. B. Higashi Hongan-ji und Nishi Hongan-ji), andere geben Stempel sehr gerne und freiwillig. Die meisten Tempel sind zwischen diesen Extremen zu finden, für einen Eintrag muß man entweder ein Gebet verrichten, eine Sutra spenden oder eine Spende in festgesetzter Höhe entrichten. Meistens beugt sich die Tempelverwaltung den Wünschen der Pilger (und Touristen) gegen einen Obolus (ca. 3-8 €), da aufgrund der strikten Trennung von Staat und Religion die religiösen Einrichtungen sich selbst um das Fließen der Einnahmen kümmern müssen. Wenn man als Tourist einen Eintrag möchte, helfen folgende Phrasen: "Sumimasen, goshuin wa doko de morae masuka" = Entschuldigung, wo kriege ich bitte einen Pilgerstempel? Meistens ist es dort, wo man auch Omamori kaufen kann. Oder: Gibt es hier Pilgerstempel? = "Sumimasen, goshuin wa arimasuka". Am richtigen "Schalter": Bitte einen Pilgerstempel = "Goshuin wo onegai shimasu". Danach unbedingt höflich bedanken, "Arigatou gozaimasu", denn es handelt sich nicht um einen Kauf, sondern um eine Spende des Pilgers einerseits und eine Gunst des Tempels andererseits, denn ein Tempelstempel wird nicht erworben, sondern gewährt. Ein Pilgerstempelbuch wird von rechts nach links befüllt, also aus unserer Sicht von hinten nach vorne.

Damit wird jedes Shuin-cho zum Itinerar des Pilgers, zur Dokumentation der von ihm besuchten religiösen Stätten, zu einem Dokument individuellen Suchens nach Erkenntnis und hoffentlich Finden von Frieden, Erkenntnis und Erlösung entlang des Weges. Und jeder einzelne Eintrag ist individuell, denn er wird von Hand kalligraphiert: Name des Tempels, Bezeichnung der verehrten Gottheit (Honzon = Hauptbild) und Datum und weitere Angaben wie ggf. ein Segenswunsch werden vom diensthabenden Mönch von Hand mit Tusche und Pinsel in das Buch geschrieben, unendliche Male am Tag und doch jedesmal einzigartig und ein bißchen anders, weiterhin hat jeder Mönch seinen eigen Stil, so daß kein Eintrag mit einem anderen identisch ist. In der rechten oberen Ecke stehen meistens zwei Kanji übereinander für "bete mit Respekt" (Hou-hai), so jeweils auf den unten abgebildeten sieben Seiten, wobei man gut die erstaunliche Varianz der Schreibweise bewundern kann. Auf vier der sieben Beispielseiten steht das Datum des Besuches in der linken oberen Ecke, in einem Fall rechts unten. Die letzten drei abgebildeten Seiten mit Einträgen enthalten alle in der unteren rechten Ecke die Zeichen für Koyasan, auch hier kann man die Individualität der gestalterischen Umsetzung gut vergleichen. Dazu kommen noch ein paar (2-6) rote Stempel des Tempels, und auch hier gleicht kein Eintrag dem anderen, weil das Setzen der Stempel auf das Papier jedesmal eine neue künstlerische Entscheidung des Kalligraphen ist. Vor dem Zuklappen des Buches wird ein Löschpapier eingelegt, um die gegenüberliegende Seite zu schützen. So ist ein Shuin-cho zugleich eines der ästhetisch ansprechendsten und eines der individuellsten und privatesten Dokumente einer Pilgerreise.

Der Stempeleintrag wird Shuin (rotes Siegel) oder Go-Shuin genannt, wobei "Go" nur ein Honorativ-Präfix ist, der Ehrerbietung gegenüber dem Tempel und seines den Eintrag ausstellenden Personals ausdrückt. Als pars pro toto bezeichnet man auch den ganzen Eintrag ins Pilgerbuch, der immer eine ganze Seite einnimmt, als Shuin oder Go-Shuin, auch wenn der größte Teil handgeschrieben ist. Entsprechend werden die Pilgerbücher auch Go-shuin-cho (Go-shuin-chou) genannt, wörtlich "ehrenwertes Buch roter Siegel". Der Name wird mit 4 Kanji geschrieben, Go = Honorativpräfix, Shu = Zinnoberrot, In = Stempel und Chou = Notizbuch.

Ein Pilgerbuch ist etwas Heiliges und höchst Individuelles. Es gehört zu einer bestimmten Person und wird auch nicht an andere Personen weitergegeben, wenn noch ein paar Seiten frei sind o.ä. Bei einer Gelegenheit wird das Pilgerbuch aus der Privatheit geholt und öffentlich gezeigt: Es ist üblich, Verstorbenen das zick-zack-förmig ausgebreitete Leporello ihrer Pilgerschaft auf den Sarg zu legen, damit jeder die spirituellen Verdienste des Verstorbenen ermessen kann.

 
Vorderer Einbanddeckel   erste Seite
 
Datum: 19.4.1987    
 
Datum: 20.4.1987   Datum: 20.4.1987
 
Datum: 21.4.1987, Koyasan   Datum: 21.4.1987, Koyasan
 
Datum: 21.4.1987, Koyasan   Hinterer Einbanddeckel

Alternativ gibt es auch Nokyo-jiku (Noukyou-jiku), das sind Rollbilder zum Aufhängen, typischerweise 30 cm - 50 cm breit und 1,00 m - 1,50 m lang, deren vorgezeichnete Leerfelder um die zentrale Darstellung herum mit den entsprechenden Pilgerstempeln sukzessive gefüllt werden; sie gibt es für themenbezogene Pilgerwanderungen wie Kannon oder Fudo Myo-o, aber auch für den Shikoku-Rundweg.

Das Shuin-cho oder Nokyo-cho ist nicht das einzige Utensil, das für zünftiges Pilgern in Japan dazugehört: Pilger (O-Henro) haben ansonsten noch als typische Ausrüstung das weiße Pilgerhemd (Oizuru oder Hakui), einen kreisrunden, konischen Pilgerhut mit Kalligraphie darauf (Suge kasa, Henro kasa), einen Pilgerstab, typischerweise mit 2x 3 Ringen an der Spitze (Shakujo, Shakujou), alternativ einen Pilgerstab ohne die Ringe (Kongoutsue), eine Glocke (Ji-rei), gedruckte Gebetszettelchen (Osame-fuda), Kerzen für jeden Tempel (Roosoku) und einen Rosenkranz mit 108 Perlen (Nenju oder Juzu) dabei. Übrigens: Manche Pilger sammeln die Stempel nicht in einem Buch, sondern auf ihrem Oizuru.


Literatur, Links und Quellen:
Herrn Götz Frömbgen aus Koblenz ein herzliches Dankeschön für sein Pilgerbuch, das er freundlicherweise zum Photographieren und Scannen zur Verfügung stellte
Herrn Oswald-Paul Stock und Frau Masako Stock aus Kramsach ein herzliches Dankeschön für die Identifizierung der einzelnen Stempeleinträge.
Pilgern in Japan:
http://www.onmarkproductions.com/html/pilgrimages-pilgrims-japan.html
Ian Reader, Paul L. Swanson: Editors' Introduction: Pilgrimage in the Japanese Religious Tradition, Japanese Journal of Religious Studies, 1997, 24, 3-4. Online:
http://nirc.nanzan-u.ac.jp/nfile/2635
auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Shuin - https://en.wikipedia.org/wiki/Shuin
Verkauf online von Pilgerbüchern:
www.goshuincho.com
Pilgerstempel:
https://www.japanhoppers.com/de/features/temples_shrines/320/
Pilgerausrüstung:
http://shugendo.org/content/henro-tabi
Pilgerstempelbuch:
https://en.japantravel.com/kanagawa/the-japan-temple-stamp-book/14659
Sammeln von Tempel-Kalligraphie:
https://www.kuroshiomag.com/2017/02/09/goshuin-collecting-temple-calligraphy/
Pilgerstempelbücher:
http://www.genbu.net/zatu/zatu014.htm
Datenbank mit Pilgerstempeln:
http://www5f.biglobe.ne.jp/~fkm-ito/html/frame01.htm bis ...frame26


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