Bernhard Peter
Kyoto, Daitoku-ji (6): Subtempel Obai-in


Lage und Erreichbarkeit
Der Obai-in (Oubai-in) gehört als Subtempel (Tatchu) zum Daitoku-ji-Komplex und ist in dessen südlicher Hälfte zu finden (Adresse: 1-83, Murasakino Daitokujicho, Kita-ku Kyoto-shi, Kyoto, 603-8231, Japan). Wenn man durch den Haupteingang im Osten des Komplexes kommt, biegt man gleich hinter dem So-mon, also noch vor dem Chokushi-mon, nach links (Süden) ab und nimmt das zweite Tor auf der rechten (westlichen) Seite. Alternativ kann man auch durch das Minami-mon von Süden her den Komplex betreten, dann ist der Obai-in der erste Tempel auf der linken Seite. Im Norden stößt der Obai-in an den kleineren Ryogen-in (Ryougen-in), im Süden an einen ausgedehnten Friedhofsbereich. Westlich stößt der Obai-in mit seiner Rückseite an den Daiji-in.

Der Tempel ist nicht generell für den Publikumsverkehr geöffnet, meist im April und noch einmal in den Herbstmonaten Oktober bis Dezember. Das ist besonders schade, als sich gerade in den Subtempeln die wahren Schätze des Daitoku-ji-Komplexes verbergen, um so frustrierender, wenn man zur europäischen Haupturlaubszeit vor solchen Subtempeln steht und nur ein "no admittance"-Schild zu sehen bekommt. Da der Tempel über eine beachtliche Anzahl an Gebäuden aus der Momoyama- bzw. Sengoku-Zeit besitzt, ist er, wenn er denn mal für ein paar Wochen im Jahr zu besichtigen ist, ein kunstgeschichtliches Muß.

Der große und hier besonders ärgerliche Haken an der Sache: Es ist selbst nicht gestattet, in den wunderschönen Gärten Photos zu machen; damit reiht sich der Obai-in in die Gruppe der ganz, ganz photounfreundlichen Tempel ein, von denen seltsamerweise besonders viele im Daitoku-ji-Komplex anzutreffen sind. Photofreunde sollten trotzdem den Anblick genießen und sich von allen Vorstellungen verabschieden, etwas anderes als den Vordergarten photographieren zu dürfen, den man schon vom Vordertor aus sieht. Das ist im Vergleich zu dem, was noch kommt, zwar nur zum Warmwerden, aber wenigstens etwas. Dieser Subtempel ist in dieser Hinsicht genauso ärgerlich wie der Daisen-in. Und doch, ja, der Besuch lohnt trotzdem, unbedingt, wegen der historisch wertvollen Bausubstanz und wegen der schönen Gärten - deshalb sollte man wirklich keine Sekunde zögern, reinzugehen, wenn er denn mal offen hat.


Geschichte und Bedeutung
Der Tempel wurde im Jahre 1562 gegründet, zunächst unter dem Namen Obai-an (Oubai-an), mit dem Gründungspriester Shunrin Soshuku Osho (Shunrin Soushuku Oushou), welcher der 92. Abt des Daitoku-ji war. Der Subtempel besitzt eine enge historische Beziehung zu mehreren wichtigen Persönlichkeiten der japanischen Geschichte: Oda Nobunaga wies Hashiba Hideyoshi (damaliger Name, später hieß er Toyotomi Hideyoshi) an, den Obai-an zum Gedenken an seinen Vater Oda Nobuhide (1510-8.4.1551) zu gründen, als er 1562 das erste Mal in Kyoto Einzug hielt. Nach dem Tod von Oda Nobunaga im Honnou-ji no Hen 1582 kümmerte sich Toyotomi Hideyoshi und das Angedenken des Heerführers. Er baute ihm den Subtempel Soken-in, der seinen Namen nach dem postumen Namen von Oda Nobunaga erhielt, der Soken-in-den lautete. Ihm erschien der Obai-an zu klein als Begräbnisplatz für den großen Heerführer.

Der Obai-an wurde auf Anweisung von Toyotomi Hideyoshi von Kobayakawa Takakage, einem seiner führenden Generäle, mit neuen Bauwerken ausgestattet: 1586 entstanden die Haupthalle und das Kara-mon, und 1589 wurden Vordertor, Glockenturm, Kuri und Empfangshalle wiederhergestellt. Der Subtempel bekam als wirtschaftliche Basis ein jährliches Einkommen von 100 Koku. Aus Anlaß der Ausstattung mit neuen Gebäuden wurde der Obai-an nun in Obai-in umbenannt. Der Subtempel wurde zum Familientempel der Kobayakawa, die während der Bürgerkriegszeit (Sengoku-Zeit) die Region Chugoku (Chuugoku-chihou, wörtlich heißt Chuu + koku "mittleres Land") regierten, den westlichsten Teil der Hauptinsel Honshu um die Städte Hiroshima, Okayama, Shimane, Yamaguchi und Tottori. Kobayakawa Hideaki (1582-1602) war der Neffe von Toyotomi Hideyoshi und wurde von diesem adoptiert. Die Kobayakawa-shi, die ihre Herkunft von den Taira ableiteten, verloren kurz nach der Schlacht von Sekigahara Lehen und Einfluß. Erst in der Meiji-Zeit stieg die Familie wieder auf. Die in Choshu herrschende Familie Mori folgte nach und machte den Obai-in zu ihrem Familientempel. Etliche Mitglieder der Familien Oda und Mori sind auf dem Tempelgelände begraben, neben Oda Nobuhide und Kobayakawa Takakage finden wir Gräber u. a. von Daimyo Gamo Ujisato (1556-1595), einer Tochter Nobunagas nebst Ehemann, Mori Motonari und seiner Frau sowie von drei seiner Söhne.

Wie der ganze Tempelkomplex vertritt auch dieser Subtempel die Daitoku-ji-ha des Rinzai-Zen-Buddhismus. Das im Tempel verehrte Hauptbild (Honzon) ist ein Shaka Nyorai (Buddha Shakyamuni, historischer Buddha). Das im Kuri erhältliche Goshuin dieses Subtempels hat ein ganz untypisches Aussehen mit einem mehrspaltigen Waka-Gedicht. Dafür kostet es auch 1000 Yen, mehr als dreimal so viel wie "normale" Goshuin. Ob man solche inflationären Bestrebungen geschäftstüchtiger Tempel unterstützen sollte, ist eine offene Frage.


Struktur der Anlage und Beschreibung
Man betritt den Subtempel im Osten durch das 1589 errichtete Omote-mon, von dem aus man zunächst nur in einen Hain mit einem Moosteppich voller Bäume blickt und durch das schüttere Laub die dahinter liegenden Gebäude kaum erspähen kann. Der häufigste Anblick wird eine quergelegte Bambusstange sein, denn der Subtempel ist selten für Besucher geöffnet. Der Weg knickt zweimal rechtwinklig ab und führt an einer Trennmauer entlang und dann im Winkel um den Kuri herum zum Kara-mon, der als Genkan der Haupthalle (Hondo) dient. Dort sehen wir wieder die für viele Subtempel des Daitoku-ji typische Konstruktion mit dem zweiten Tor, das den Übergang vom halbformellen zum informellen Bereich bildet und den vorderen Garten vom Garten der Haupthalle trennt. Ein glockenförmiges Fenster hinter dem Tor erlaubt bereits den Durchblick zum Garten. Hinter dem Tor liegt ein rechtswinklig nach Norden abknickender Gang, der den Besucher schließlich zum 2017 renovierten Hondo führt. Haupthalle und Kara-mon entstanden beide in der Momoyama-Zeit im Jahr 1586.

Im Vorbereich ist im Südosteck im Winkel der Begrenzungsmauern der Glockenturm (Shoro) zu finden, dessen Wände bis zu einem Querbalken in halber Höhe geschlossen sind, unten aus Holzbrettern bestehen und darüber mit weiß gestrichener Füllung versehen sind. Nur die obere Hälfte bis zum Dachansatz ist offen. Bemerkenswert ist eine Steinlaterne von ungewöhnlicher Form (erinnert ein bißchen an einen Steinpilz); sie soll von Daimyo Kato Kiyomasa (1562-1611) von seinem Feldzug nach Korea mitgebracht worden sein, genau wie die Glocke.

Der von Kobayakawa Takakage, einem Sohn von Mori Motonari, erbaute Kuri stammt aus der Momoyama-Zeit und wurde 1589 fertiggestellt; er ist einer der ältesten Japans. Auf den Schiebetüren befinden sich aus dem späten 16. Jh. stammende Malereien von Unkoku Togan (1547-1618), ursprünglich ein Gefolgsmann der Familie Mori, dem Mori Terumoto im Jahre 1593 (Bunroku 2) einen Tempel namens Unkoku-an gestiftet hatte, und zwar genau den, in dem zuvor der berühmte Sesshu gelebt hatte. Die Beiden haben sich zwar nie getroffen, aber diese räumliche Nachfolge wurde nun zu einer künstlerischen, und der Künstler wählte seinen Namen nach dem Tempelnamen. Dargestellt werden u. a. die Sieben Weisen im Bambushain (Chikurin-Shichiken-zu), Landschaften mit Personen und Wildgänse. Diese Malereien, insgesamt 44 Paneele, sind als wichtiges Kulturgut gelistet. Die Gebäude Kuri, Kara-mon und Hondo sind ebenfalls als wichtige Kulturgüter klassifiziert. Kara-mon und Hondo sind mit Zypressenrinde gedeckt. Der nordwestlich an den Hondo angrenzende Shoin (Arbeitszimmer) ist in seiner gegenwärtigen Form Edo-zeitlich und wurde 1652 errichtet.

Der Hato-tei (Hatou-tei) ist der Vordergarten der Haupthalle (Hondo). Er besteht zum größten Teil aus parallel gerechtem Kies (Shira-su) mit geradlinig abgesetzter Moosfläche (Koko-chi) im Süden und wird von zwei Mauern im Süden und Westen begrenzt. Im Südwesten steht eine markante Steinsetzung, die Ni-ishi (zwei Steine).

Ein kleiner Karesansui-Garten liegt im Zwischenraum zwischen Hondo und Kuri; im Norden und Süden wird er von zwei gedeckten Korridoren begrenzt, die sich brückenartig über den Kies spannen und dessen nördlicherer eine glockenförmige Fensteröffnung hat. Dieser Steingarten heißt Sabutsu-tei.

Der Obai-in hat im Westen des Areals einen der besten Gärten Japans, der aber wie der ganze Subtempel nur während einiger Wochen im Oktober und November geöffnet ist, was der schönsten Zeit für die Besichtigung entspricht. Der berühmte Teemeister Sen no Rikyu (1522-1591), der diesen Tempel sehr schätzte, soll den moosbedeckten Garten im Alter von über 60 Jahren entworfen haben.  Er ist vom seltenen Typ eines fast völlig von Moos bedeckten Karesansui-Gartens und heißt Jikichu-tei (Jikichuu-tei). Dieser Garten befindet sich im Bereich südlich des Shoin und südwestlich des Hondo und besitzt eine Teehütte. Sen no Rikyu soll übrigens in dem Raum Sakumu-ken Teezeremonien durchgeführt haben. Den im Shoin, der später erbaut wurde, eingebauten Teeraum selbst hat aber TeemeisterTakeno Jyo-o (Takeno Jyoou, Takeno Jouou, 1502-1555) gestaltet.



Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf google maps: https://www.google.de/maps/@35.0417237,135.7461679,19.88z - https://www.google.de/maps/@35.0417701,135.7459956,69m/data=!3m1!1e3
Subtempel Obai-in auf Wikipedia:
https://en.wikipedia.org/wiki/%C5%8Cbai-in - https://ja.wikipedia.org/wiki/%E9%BB%84%E6%A2%85%E9%99%A2_(%E4%BA%AC%E9%83%BD%E5%B8%82)
Subtempel Obai-in auf JPManual:
http://jpmanual.com/en/oubaiin
Subtempel Obai-in auf Kyotofukoh:
https://kyotofukoh.jp/report732.html
Subtempel Obai-in auf Japan-Kyoto:
https://japan-kyoto.de/obaiin-subtempel-des-daitokuji-kyoto/
Obai-in
http://www.japanesegardens.jp/gardens/famous/000098.php
Obai-in auf Samurai Archives:
https://wiki.samurai-archives.com/index.php?title=Obai-in
Kobayakawa:
https://en.wikipedia.org/wiki/Kobayakawa_clan
Fusuma-e:
http://www.kyohaku.go.jp/eng/dictio/kaiga/oubai.html
Unkoku Togan:
https://wiki.samurai-archives.com/index.php?title=Unkoku_Togan
Sen no Rikyu:
https://wiki.samurai-archives.com/index.php?title=Sen_no_Rikyu
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Daitoku-ji, Kyoto, Teil (1): Haupttempel - Daitoku-ji, Kyoto, Teil (2): Korin-in - Daitoku-ji, Kyoto, Teil (3): Zuiho-in - Daitoku-ji, Kyoto, Teil (4): Ryogen-in - Daitoku-ji, Kyoto, Teil (5): Daisen-in

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