Bernhard Peter
Kyoto, Daitoku-ji (5): Subtempel Daisen-in


Lage und Erreichbarkeit
Der Daisen-in ist ein Subtempel (Tatchu) des Daitoku-ji-Komplexes und liegt in der Nordhälfte des Areals, im Norden des Haupttempels (Adresse: 54-1 Daitokuji-cho, Murasakino, Kita-ku, Kyoto). Man erreicht ihn, wenn man links an den linear aufgereihten Gebäuden des Haupttempels nach Norden geht und gleich hinter dem Daitoku-ji-Hauptbereich die erste Querstraße nach rechts (Osten) nimmt. Während man geradeaus zum Shinju-an käme, führt das erste Tor auf der linken (nördlichen) Seite zum Daisen-in. Rückseitig grenzt der im äußersten Nordosten des Komplexes gelegene Subtempel an die Straße Ushiwaka Dori. Seine Nachbarn sind im Nordwesten der Hoshun-in, im Süden der Dai-Hojo des Haupttempels, im Westen der Ryusen-an (Ryuusen-an) und der Nyoi-an sowie im Osten der Shinju-an.

Wegen seiner Berühmtheit ist der Tempel oft sehr voll, und die Menge an Touristen in Kombination mit dem Kommerz und dem geschäftstüchtigen und bevormundenden Auftreten des Personals hinterlassen einen unzufriedenen Nachgeschmack - man erwartet die Essenz des Zen-Buddhismus, doch man bekommt seine pure Antithese. Der Daisen-in ist in einer Hinsicht extrem ärgerlich: Es ist nicht nur nicht gestattet, Buddha-Figuren zu photographieren (das ist ja normal und hat mit Respekt zu tun), in den Innenräumen allgemein zu photographieren (normal bei Nationalschätzen und wichtigen Kulturgütern), sondern es ist auch verboten, ab der Bezahlschranke Außenaufnahmen der Gebäude oder der Gärten zu machen, es ist sogar verboten, Kameras, auch Handy-Kameras überhaupt offen mit sich zu führen, das muß alles in eine verschlossene Tasche, die während des ganzen Rundgangs geschlossen zu sein hat. Das Personal behandelt Besucher mit mitgeführten Kameras wie kleine Kinder oder Volldeppen, hält einem Schilder in holprigem Englisch unter die Nase und fragt dreimal nach, ob man diese rigiden Regeln auch wirklich verstanden hat. Dann erst darf man rein, während Überwachungskameras allerorten die Einhaltung der Regeln festhalten und neurotisches Personal suspekte Personen bewacht. Man fühlt sich hier nicht wirklich willkommen, und ab einem gewissen Grad der Antiphotoneurose macht es wenig Spaß. Damit hat der Daisen-in den Preis für den photounfreundlichsten Tempel von ganz Japan gewonnen!  Insgesamt scheinen sowieso die photounfreundlichsten Tempel Japans im Daitoku-ji-Komplex zu kumulieren: Haupttempel, Daisen-in, Obai-in, ... Photofreunde sollten trotzdem den Anblick der sehenswerten Gärten genießen und sich von jeglicher Wunschvorstellung verabschieden, etwas anderes als das Vordertor, den Glockenturm und den Vordergarten photographieren zu dürfen, also den semiformellen Außenbereich. Das ist im Vergleich zu dem, was noch kommt, zwar nur die Vorspeise, aber wenigstens etwas. Dieser Subtempel ist in dieser Hinsicht genauso ärgerlich wie der Obai-in, und als Mekka der Touristen sogar noch nerviger.

Und doch lohnt der Besuch trotzdem, wegen der historisch wertvollen Bausubstanz und wegen der schönen Gärten - deshalb sollte man wirklich keine Sekunde zögern, diesen Subtempel zu besuchen. Am besten geht man hier ganz früh bei Öffnung um 9:00 Uhr oder noch besser bei Regen besichtigen, dann ist es wenigstens nicht so voll. Alle wollen den berühmten Nordostgarten sehen, und der ist nur 104 m2 groß. Aber trotz des großen Andrangs und der immensen Besucherzahlen muß lobend erwähnt werden, daß die Anlage und insbesondere die Gärten sehr gut gepflegt und in Ordnung gehalten werden. Man kann sich im Tempel auch für die Teilnahme an Meditationen anmelden.


Geschichte und Bedeutung
Dieser Subtempel wurde vom Priester und Zen-Meister (Zen-ji) Kogaku Soko (Kogaku Soukou, 1464-1548) im Jahre 1509 (Eisho 6) gegründet, welcher der 76. Oberpriester des Daitoku-ji war, ein wichtiger Abt von starker Persönlichkeit. Damals in der alten, nach dem Vorbild der chinesischen Stadt Xian mit gitterförmigem Straßennetz gegründeten Hauptstadt lag der Tempelkomplex im Nordwesten der Kaiserstadt. Gestiftet wurde der Subtempel von dem Bruder des Gründers, Rokkaku Masayori, nachdem der sich vom Amt des Abt des Haupttempels zurückgezogen hatte. Die Familie Rokkaku herrschte als Militärgouverneure über die südliche Hälfte der Provinz Omi (heute in der Präfektur Shiga). Oda Nobunaga besiegte 1568 die Familie Rokkaku, aus der der Gründungsabt kam und die danach in der historischen Bedeutungslosigkeit versank.

Damit folgt der Daisen-in dem Modell vieler anderer Subtempel: Äbte des Haupttempels zogen sich von ihrem Amt zurück und bezogen zusammen mit einigen ihnen besonders nahe stehenden Schülern eine Eremitage, die von Stiftern finanziert wurde und so einen besonderen Bezug zu einem Daimyo oder zur finanzierenden Familie entwickelten. Nach dem Tod von Gründer und Stifter wurde so ein Subtempel zum Gedenktempel für beide oder auch zu einer Familiengrablege. Der Gründer des Daisen-in, Kogaku Soko (Kogaku = "Alter Berg"), erhielt im Jahre 1522 (Daiei 2) von Kaiser Go-Shirakawa den Titel "Busshin Seito Zenji", und im Jahre 1536 (Tenmon 5) von Kaiser Go-Nara noch zusätzlich den Titel "Shobo Daisho Kokushi". Die Bauten entstanden in der Zeit von 1509 bis 1513, und diese Muromachi-zeitliche Anlage ist heute noch weitgehend nachzuvollziehen, auch wenn ein Brand große Teile des Tempels zerstört hat. Zu den wenigen Gebäuden, die unbeschädigt überdauert haben, gehört die Haupthalle, der im frühen Shoin-Stil errichtete Hojo. Nach dem Gründer folgten einige bedeutende Äbte im Daisen-in nach, darunter Dairin Soto, Shorei Sokin, Shun-oku Soen und Kokei Sochin. Gegenwärtiger Abt des Daisen-in ist Soen Ozeki Roshi.

Der Name "Daisen-in" bedeutet soviel wie "Subtempel der großen Sen", Dai = groß, sen = wörtlich Berg-Mensch, in = Subtempel, Rückzugsort, Klause. Dabei ist das Kanji für "sen" zweideutig. Es besteht aus den Einzelzeichen für Mensch und Berg. Menschen, die auf Bergen leben, auf denen sich Tempel befanden, sind Eremiten, auch als Weise interpretierbar. Andererseits kann sich das auch auf den mythischen Berg Horai beziehen, den die Unsterblichen bewohnen und der in der Gartengestaltung eine Rolle spielt. Deshalb bedeutet der Tempelname je nach Interpretation "Subtempel der großen Unsterblichen" oder "Rückzugsort der großen weisen Eremiten".

Bei dem Daisen-in handelt es sich um den Haupttempel der Daitokuji-Kita-Schule, also um den Haupttempel der Nord-Richtung der Daitoku-ji-Schule innerhalb des Rinzai-Zen-Buddhismus. Insgesamt ist die Daitoku-ji-Schule in vier Richtungen oder Traditionslinien aufgegliedert, eine nördliche und eine südliche Traditionslinie, die Shinju-Linie (nach dem Shinju-an) und die Ryusen-Linie (nach dem Ryusen-an, auch Ryosen geschrieben). Der Haupttempel der nördlichen Linie ist der Daisen-in, derjenige der südlichen Linie der Ryogen-in.

Der Daisen-in gehört zu den fünf wichtigsten und einflußreichsten Zen-Tempeln der einstigen Hauptstadt. Er ist berühmt für die tiefe Schönheit der Zen-Ästhetik, für seine bemalten Wandteile und seine Trockengärten, weswegen er der berühmteste Subtempel des Daitoku-ji ist. Er ist ein Höhepunkt der japanischen Kunstgeschichte und ein Meisterwerk des frühen 16. Jh.. Hier gibt es einen der besten Trockengärten der Muromachi-Zeit (1336-1573). Im Tempelbesitz befinden sich Werke des Künstlers Soami (-1525), einem stark von der chinesischen Landschaftsmalerei beeinflußten Maler und Gartengestalter der Muromachi-Zeit. Auch die Gartengestaltung wird ihm zugeschrieben, auch wenn das nicht belegt ist und eher eine symbolische Aufwertung ist, denn der Garten wurde vom Gründungsabt angelegt. Andere Fusuma wurden von den Künstlern Kano  Motonobu (1476-1559) und Kano Yukinobu (1513-1575) bemalt, so daß nicht nur die Gebäude und die Gärten, sondern auch die künstlerische Ausstattung ein durch und durch Muromachi-zeitliches Gesamtkunstwerk erzeugen. Architektur, Malerei und Gartenkunst verbinden sich synergistisch zu einem Höhepunkt des künstlerischen Schaffens der Muromachi-Zeit. Der Subtempel hat zudem eine enge Beziehung zum Teemeister Sen-no-Rikyu (1522-1591).


Struktur der Anlage und Beschreibung
Der Daisen-in besitzt zwei Tore, das Omote-mon (Vordertor, auch: Ichino-mon) im Süden, das auch der Besucher nimmt, und das Kita-mon (Nord-Tor), das zur Ushiwaka-Dori und zum Parkplatz im Nordostecke des Daitoku-ji-Komplexes führt. In der südlichen Abschlußmauer befinden sich noch zwei weitere kleine Durchgänge, die für den Besucher aber keine Rolle spielen. Im Vorderbereich außen vor dem Omote-mon steht eine Kiefer mit sorgsam an Bambusstangen in die Länge geleiteten Ästen. Diese Kiefer hat der seit 1989 regierende Kaiser Akihito als Kronprinz hier gepflanzt. Nach Durchschreiten des Omote-mon sieht man rechterhand den Glockenturm (Shoro) im Südosteck des Subtempels. Der Weg knickt bei der Durchquerung des semiformellen Vordergartens zweimal rechtwinklig ab, um baulich wie symbolisch Abstand zur Außenwelt zu erzeugen, ehe der Besucher den Kuri-Genkan erreicht, die Eingangskonstruktion mit geschwungenem Karahafu, die zum Kuri führt, in dem sich auch das Tempelbüro (Jimusho) befindet. Im diesem Eingangsbereich befinden sich auch der Tempelladen und eine Teestube. Es lohnt, den Weg genauer zu betrachten. Nicht nur hat der hinführende Weg ein sehr schönes Pflaster, sondern direkt vor dem Kuri bildet das Pflaster das stilisierte buddhistische Manji-Zeichen (Swastika), umgeben von 12 Steinen für den Zodiak.

Über den gedeckten Korridor (Watari Roka) kommt man westwärts zur Abtsresidenz (Hojo), einem noch aus der Muromachi-Zeit stammenden Gebäude, das als Nationalschatz klassifiziert ist. Die Korridore sind mit Nachtigallen-Parkett (Uguisu-bari) ausgelegt und quietschen bei jedem Schritt. Am Südosteck ist südwärts an den Hojo ein Genkan (Eingangshalle) angebaut, der den südlich des Hojo gelegenen Garten (Hojo Zentei, Hojo teien) nach Osten hin abschirmt und zugleich einen zweiten, direkten Eingang vom halbformellen Vorgarten aus bietet. Besucher benutzen diesen Eingang nicht. Dieser Genkan ist der älteste seines Typs und ebenfalls ein Nationalschatz. Somit liegen im Bereich hinter dem Vordertor zwei Genkan nebeneinander, derjenige links führt zum Hojo, derjenige rechts zum Kuri. Der Hojo-Genkan besitzt auf seiner Ostseite eine geschlossene Wand, während die Westseite nur im ersten Abschnitt eine Wandfüllung hat und ansonsten offen ist, und dieser eine Wandabschnitt öffnet sich bereits mit einem großen glockenförmigen Fenster zum Hojo-teien. Dieser Hojo-Genkan hat einen interessanten Stil, der typisch für die Muromachi-Zeit ist und einen Übergang bildet. Im alten Heian-zeitlichen Shinden-Stil gab es gar keinen Genkan. Während der Muromachi-Zeit (1333-1573) entwickelte sich ein Eingangs-Portikus in Form eines Genkan-ro, also eines besonders hervorgehobenen Eingangsportals mit dahinterliegendem Gang (Korridor). Dadurch wirkt das Tor wie mit einer "Verlängerung" abgesetzt vom Baukörper der Halle dahinter. Im Shoin-Stil hatte man nur einen Genkan; der lange Korridor ist nun verschwunden, das vorgezogene Portal mit dem Eingangsraum dahinter bleibt. Dieser Genkan vor dem Hojo besitzt eine dreieckige, geschwungene Giebelform des Satteldachs ohne Karahafu. Man achte auch auf den filigran geschnitzten Einsatz des Oberlichts über dem Durchgang.

Nördlich der Baugruppe aus Kuri und Hojo bilden mehrere Gebäude in Reihe eine zweite Gruppe, die mit gedeckten Korridoren mit ersterer verbunden ist. Im Westen befindet sich der Kita Shoin (nördliches Arbeitszimmer "Jitsu unken" oder "Shuunken") mit Irimoya-Dach. Östlich des Shoin steht der kleine Küchenbau (Ko-Kuri). Im L-förmigen Zwischenraum zwischen Ko-Kuri und Hojo befindet sich der interessanteste Garten des Subtempels. Zwischen einem schmalen Verbindungsgang und dem Korridor zwischen Kuri und Hojo befindet sich ein weiterer kleiner Hofgarten. Zwischen dem Ostteil des Ko-Kuri und dem Kuri liegt noch ein Hofgarten (Nakaniwa), ebenso als Pendent im Norden des Ko-Kuri und natürlich zwischen Kita Shoin und Hojo. Zwischen dieser zweiten Baugruppe und dem Nordtor liegt eine dritte Gebäudegruppe, von der das westlichste Gebäude mit einem Korridor an den Ko-Kuri angebunden ist. Die nördlichen Gebäude sind alle neueren Datums.


Der Hojo (Abtsresidenz)
Der Hojo ist architekturgeschichtlich ein besonders interessanter Bau, weil sich hier der Übergang vom Shinden-Stil zum Shoin-Stil nachvollziehen läßt. Etliche Elemente des Shoin-Stils werden schon vorweggenommen, aber zugleich hat die Muromachi-zeitliche Architektur einige typische Eigenheiten, die sich hier exemplarisch studieren lassen. Z. B. die Raumaufteilung: Eine Halle war im Shinden-Stil ein großer Raum, oder anders herum ausgedrückt: Jeder Raum war ein eigenes Gebäude. Die einzelnen Gebäude werden mit gedeckten Korridoren untereinander verbunden. Wenn Unterteilungen erforderlich waren, benutzte man Vorhänge oder frei stehende Wandschirme. Das führte zu hoher Flexibilität der Raumnutzung durch bedarfsgerechte Schaffung von Subräumen. In diesem Hojo der Muromachi-Zeit sehen wir die typische Aufteilung der Halle in sechs Räum, drei repräsentativere auf der Vorderseite und drei privatere auf der Rückseite.

Der Hojo des Daisen-in besitzt zur Südseite hin drei Räume. Der große Mittelraum ist der Shicchu-no-ma, der Raum für Meditation und Sutra-Rezitation. Links wird er flankiert von dem Dan-na-no-ma, dem Empfangsraum für hochgestellte Gäste. Rechts flankiert den Hauptraum der Rei-no-ma, der Warteraum, der von dem Genkan aus zuerst erreicht wird. Auf der Nordseite gibt es links im Westen dan Raum Ehatsu-no-ma, den Raum des Zen-Studiums, und rechts im Osten den Shoin-no-ma, das Studierzimmer mit Alkoven, das auch Suishoshitsu genannt wird. Diesen Raum nutzten Sen-no-Rikyu und Toyotomi Hideyoshi (1537-1598) einen Raum als Chashitsu (Teeraum). Dazwischen liegen mehrere kleinere Räume, die für die privaten Lebensbedürfnisse des Abtes da sind, zum Schlafen, zum Aufbewahren von Kleidung und Utensilien etc., und zur Verehrung der heiligen Figuren (Butsu-no-ma). Genauso sieht man das im Hojo des Ryogen-in.

Die Raumtrennung erfolgt bereits durch gleitende Wandelemente aus Holz und Shoji-Schiebetüren. Im Shoin-Stil wurde dann später eine komplexe Innenaufteilung typisch mit Wandelementen und Schiebetüren, die sich an den erforderten Funktionalitäten orientiert, und die Raumtrennung erfolgte durch verputzte Wandelemente mit Shoji-Schiebetüren. Die tragenden Pfosten, die Stützen der alles überdachenden Konstruktion waren im Shinden-Stil rund. Sie müssen auf keine anstoßenden Wandelemente Rücksicht nehmen. Hier nehmen sie auf die anstoßenden Wandelemente Rücksicht und haben abgeflachte Seiten, aber noch runde Ecken. Im Shoin-Stil wurden schließlich die tragenden Pfosten in die Wandelemente gut eingebunden und haben daher einen quadratischen Querschnitt. Im Shinden-Stil hatte man eine umlaufende, an allen Seiten gleich breite, insgesamt recht breite Veranda, im Übergangsstil ist die Veranda immer noch umlaufend, aber auf der Vorderseite breit, an den drei anderen Seiten hingegen schmal. Im Daisen-in ist die älteste erhaltene Tokonoma-Nische (Alkoven) Japans zu sehen. Tokonoma bzw. Alkoven sind im Shinden-Stil nicht vorhanden, im hier zu findenden Übergangsstil schlicht und funktional, und erst im Shoin-Stil wurde sie als Schmucknische verwendet zur Ausstellung eines Kunstwerks als Blickfang und Raumschmuck. Durchscheinende Schiebetüren sind im Shinden-Stil nicht vorhanden. Im Muromachi-zeitlichen Übergangsstil gibt es jeweils eine einzelne Tür, die vollständig mit Papier bespannt ist, ohne Holz-Fläche. Erst im voll ausgeprägten Shoin-Stil bilden zwei Schiebetüren eine Einheit, die unteren Teile sind Holz-Paneele, die oberen Partien sind mit Papier bespannt. Im Shinden-Stil verwendete man als Regenschutz Klappläden, die nach oben weggeklappt werden. In der Muromachi-Zeit kamen Mairado (einzelnes Holzpaneel in einem Rahmen, mit dünnen, meist horizontalen Sprossen belegt) oder hölzerne Schiebewände zum Einsatz, und im späteren Shoin-Stil verwendete man Amado (Schiebetür aus Holzpaneelen, aus einem seitlich angebrachten Fach hervorgezogen) oder hölzerne Schiebewände. Die Schienen für Amado und Shoji, die im Shinden-Stil noch nicht vorkamen, sind in der Übergangszeit aus vier Teilen zusammengesetzt, erst im späteren Shoin-Stil werden sie aus einem einzigen, entsprechend profilierten Teil hergestellt.


Malereien im Hojo
Im Hojo sind etliche Räume mit Malereien ausgestattet. Im Hauptraum der Südseite (Shicchu-no-ma) sind acht Ansichten der Flüsse Hsiao und Hsiang zu finden, im Dan-na-no-ma werden Blumen und Vögel thematisiert, im Rei-no-ma Szenen aus dem Reisanbau. Im Shoin-no-ma sind historische Persönlichkeiten des alten China das Thema der Darstellungen, im Ehatsu-no-ma Zen-Patriarchen. Die Fusuma wurden u. a. von Kano Motonobu in monochromem Stil chinesischer Landschaftsmalerei mit natürlichen Szenerien mit Vögeln und Blumen bemalt; diese Malereien sind als wichtige Kulturgüter eingestuft. Soami malte Landschaften chinesischen Stils für den Shicchu-no-ma (20 Teile) und den Butsu-no-ma. Kano Motonobu (1476-1559) malte Blumen und Vögel der vier Jahreszeiten für den Dan-na-no-ma (8 Teile) und studierende Priester für den Ehatsu-no-ma (1 Teil), und Kano Yukinobu (1513-1575) malte Szenen des Landlebens und des Reisanbaus zu den vier Jahreszeiten für den Rei-no-ma (8 Teile) und studierende Weise für den Shoin-no-ma (14 Teile). Die Originale befinden sich im Nationalmuseum Kyoto; hier im Tempel sind Repliken aus der Meiji-Zeit ausgestellt. Während der Meiji-Zeit sah man sich aus materieller Not gezwungen, die berühmten Schiebetüren teilweise zu veräußern, zu verkaufen oder als Dauerleihgaben an Museen zu geben. Die ausgestellten Kopien wurden von Kano Shurei und seinen Schülern angefertigt und bilden den Jahreszeiten-Zyklus ab.


Der Garten
Der L-förmig sich um die Nordostecke des Hojo legende Garten ist das wichtigste Kunstwerk der Gartenarchitektur in diesem Tempel; er ist als Stätte besonderer landschaftlicher Schönheit klassifiziert. Glücklicherweise blieb der Garten während der Zeiten unversehrt und ist bis auf marginale Änderungen heute noch die Originalanlage des frühen 16. Jh. Im Westen und Nordwesten gibt es zwar noch weitere Gärten, die sind vergleichsweise ohne Signifikanz und wurden erst im 20. Jh. angelegt. Zwischen Hojo und Shoin sieht man in der Kiesfläche des Nordgartens eine Kamelie und eine steinerne Triade in dem mittleren Meer (Chukai).

Berühmt ist der Daisen-in wegen der Gärten im Nordosten, Osten und Süden des Hojo. Die Einzelelemente sind nicht das, was den Karesansui-Garten einzigartig macht, denn in vielen anderen Gärten zählen die Einzelelemente zum Standardprogramm. Es ist vielmehr die Art und Weise, wie diese Elemente dazu benutzt werden, eine chinesische Landschaft der Song-Zeit in dreidimensionaler Form Gestalt annehmen zu lassen. Diese Dreidimensionalität wird dadurch verstärkt, daß der Garten nicht frontal betrachtet wird, sondern sich wie ein plastisches Diorama um das zentrale Gebäude, den Hojo, herumlegt, daß der Betrachter sich zur Wahrnehmung entlang der gestalteten Motive mitbewegen muß und sich dabei mitdreht, weil sich der Garten um das Gebäude schlingt: Die Betrachtung ist eine aktive, nicht eine ruhende.

Der Garten ist zwar schmal und nur 3,70 m tief, aber es handelt sich um den detailreichsten und vielfältigsten Garten des Tempels, der eine ganze Miniaturlandschaft im Stil der chinesischen Malerei der Song-Zeit (960-1279) nachmodelliert. Im Norden beginnend sieht man zunächst eine kleine, mit einem Baum bewachsene Schildkröteninsel (Ko Kamejima -> Kogamejima), einen auf der Oberseite vertieften Felsen mit Buddhas Fußabdruck (Butsu-ban-seki) und einen Felsen der Erfahrung (Dokusei-seki). Näher zum Eck hin liegt die (große) Schildkröteninsel (Kamejima), mit dem Schildkrötenkopffelsen (Kito-seki) am rechten Ende und dem oben ganz flachen Felsen oder Stein für die Sitzmeditation (Zazen-seki, Zazen-ishi). Zur Veranda hin liegt am Rand der Schildkröteninsel der Sattelfelsen (Ban-seki). Im Eck des "L" stehen zwei besonders hohe aufrechte Felsen, links der Fudo-Felsen (Fuso-seki) und rechts der Kannon-Stein (Kannon-ishi). Dahinter erhebt sich der Berg Horai (Horai-san) in Form einer geschnittenen Kamelie.

Dann schließt sich an die Eckgestaltung nahtlos der interessanteste Teil im Osten an: Mit Felsen werden ein trockener Wasserfall (Karetaki ishi, kare = ausgetrocknet, taki = Wasserfall, ishi = Stein) und Berge inszeniert, mit geharktem weißen Kies ein Fluß und Meere nachgebaut, und geschnittene Büsche und Bäumchen stehen als pars pro toto für Wälder. Direkt unterhalb des Wasserfalls befindet sich ein Felsen, in den man einen Karpfen hineinsehen kann, der den Wasserfall hoch schwimmt. Eine Steinbrücke (Ishibashi) führt über den Kiesfluß. Hier sind zu finden: Hossuseki (Priester-Pinsel-Felsen), Shiwabuki (Stromschnellen, Wellenspritzerstein) und der Horagai-ishi (Trompetenmuschelstein). Im Hintergrund erhebt sich die baumbestandene Kranichinsel (Tsuru-jima). An deren Rand liegen der hohe, klobige Daruma-ishi (Dharma-Stein) und der ebenfalls hohe Haku-un-seki (Felsen der weißen Wolke, Felsen der Wasserfee), davor die kleinen Elemente Meikyo-seki (Felsen des glänzenden Spiegels), Senbo-seki (Felsen des Kopfes des Eremiten), Kappa-ishi (Wasserkobold-Stein), Ryoto-seki (Ryu-zu-seki, Felsen des Drachenkopfes), Furo-seki (Felsen des Nichtalterns oder Felsen des Stuhles für die Alten) und Koto-seki (Tigerkopf-Felsen). Der einem außen faserigen Stammabschnitt ähnelnde Chinko-seki (Aloeholzstein) liegt vorne nahe der Veranda. Jeder einzelne Stein hat eine bemerkenswerte Gestalt und / oder Oberfläche, die ihn einzigartig macht und Raum für symbolhafte Wahrnehmung gibt.

In der Mitte der Ostseite des Hojo überspannt ein teilender Korridor wie eine Brücke (Damm) den Fluß aus weißem Kies. Auf der südlichen Seite ist ein Wandelement mit glockenförmigem Fenster (Kato-mado) hochgezogen und teilt den Raum und schafft gleichzeitig eine Verbindung durch den offenen Durchguck. Diese Brücke heißt Ka-tei-bashi. Ein besonders geformter Stein (Takara-bune = Schiff des inneren Schatzes) steht südlich des Dammes wie ein Boot in der Strömung des Flusses. Der Reiki-seki zwischen Schiff und Veranda ist der Stein der Heiligen Kraft. Er wird als stromaufwärts schwimmende Schildkröte angesehen und auch Kameseki = Schildkrötenfels genannt. Und so wenig, wie sie gegen die Strömung ankommt, kann man im Leben die Zeit umkehren. Ein anderer, besonders großer Stein am südwestlichen Ende dieses Abschnitts, nahe der Veranda, stellt einen schlafenden Stier oder Ochsen dar (Gagyu-ishi oder Gagyu-seki), ein Bild aus dem chinesischen Ochsenzyklus, eine Sammlung von Lehrbildern, in denen der Ochse für das eigentliche Selbst des Menschen steht. Schräg hinter diesem ist der Perlstein (Shinyu-ishi, Shinju-ishi) in den Kies eingebettet, und an der Rückwand steht der Eizan-seki, der Felsen des Berges Hiei.

Am besten schreitet man die Veranda im Uhrzeigersinn ab, denn die Gartenabschnitte schließen sich thematisch aneinander an und die südlichen Gartenabschnitte ergänzen den konzentriert gestalteten L-förmigen Nordostgarten, bis alles in die große Kiesfläche im Süden vor dem Hojo mündet. Man kann diesen Garten einerseits als nachgebaute Miniaturlandschaft sehen, andererseits aber auch als metaphorische Reise von dem Quellwasserfall aus entlang des Flusses des Lebens mit den verschiedenen Kulissen und Hindernissen und dem finalen Ziel des Aufgehens im Ozean der Unendlichkeit, wo sich der Fluß in eine flache Mulde aus weißem Kies ergießt. Die große Fläche im Süden vor dem Hojo (Taikai-Garten, Taikai = großes Meer) ist gänzlich frei von Felsen; nur zwei Kieskegel stehen im Ozean der Leere. Am Anfang der Reise stand der Berg Horai, das Land der Unsterblichen, in Form einer geschnittenen Kamelie, womit sich der Zyklus an das Ende des Lebens anschließt und der Kreis geschlossen wird.

Dazu kann man den Garten in vier thematische Bereiche einteilen: Der Wasserfall kennzeichnet den Anfang allen Lebens, gefolgt von den Stromschnellen der Jugend; das Tor symbolisiert die Übergänge des Lebens, und die im Strom schwimmenden Steine für Boot und Schildkröte stehen für das Bemühen im Strom des Lebens und das Passieren dieser Übergänge zur Erlangung von Weisheit und Reife. Die nächsten Etappen sind das Meer und schließlich der Ozean als Ziel der Reise, der reine Kies als Symbol für die Leere des Todes. Am Ende des Ozeans kann, von der Veranda aus gesehen hinten rechts, ein Bodhi-Baum (Sarasoju) gesehen werden, Symbol der Erleuchtung Buddhas. Vor diesem Hintergrund sind die zwei Hügel aus Kies Hindernisse auf dem Weg zur Erleuchtung (Satori), die überwunden werden müssen.  Jeder Interpret des Gartens betont andere Aspekte, allen gemeinsam ist aber, daß sie die stilisierte Miniaturlandschaft als symbolhafte Darstellung der Lebensreise wahrnehmen. Und weil sich der Betrachter selbst auf die Reise um den Hojo herum, die Veranda entlang begeben muß, wird eine Beziehung zwischen der betrachteten Reise und den eigenen Schritten des Betrachters hergestellt.

Der Garten wurde bereits vom gartenbegeisterten Gründungsabt Kogaku Soko angefangen oder auch komplett angelegt. Die Kombination des klassischen Horai-Motivs mit einem Karesansui-Garten war zur Entstehungszeit ein Novum. Ob der Garten komplett in wenigen Jahren oder sukzessive in mehreren Etappen entstanden ist, darüber gehen die Meinungen auseinander: Shigemori Mirei geht aufgrund des Materials von zwei Phasen aus. Das Material der Steine von Schildkröteninsel und Kranichinsel (Kame = Schildkröte und Tsuru = Kranich sind klassische Symbole der Langlebigkeit) zeigt an, daß diese ältesten Elemente aus den umliegenden Bergen stammen, und dann seien in einer zweiten Phase im späten 16. Jh. Steine aus der Provinz Awa auf Shikoku verarbeitet worden. Andere Autoren gehen davon aus, daß der Garten aus einem Guß entstand, und daß das aus entfernteren Gegenden stammende Material kaputten, im Onin-Krieg zerstörten Anlagen entnommen wurde. Die Schlüssigkeit der Gesamtkomposition spricht für die Entstehung aus einem Guß. Aber es gibt auch neue Komponenten; so wurde der das Boot darstellende Stein erst 1959 hinzugefügt, nachdem man anhand von Archivmaterial herausgefunden hatte, daß es einmal einen ähnlichen Stein dort gab. Der jetzige Stein gehörte einst Ashikaga Yoshimasa (1435-1490). Ebenfalls erst 1961 baute man den überbrückenden Korridor (Ka-tei-bashi), nachdem man in Dokumenten aus der späten Edo-Zeit Belege für das Vorhandensein gefunden hatte - ob er gründungszeitlich ist oder eine spätere Zutat war, läßt sich dabei nicht sicher feststellen, wahrscheinlich wurde er 1614 gebaut und 1905 entfernt, jedenfalls wurde er 1961 wieder hin restauriert.


die von Kaiser Akihito als Kronprinz gepflanzte Kiefer vor der Südmauer

Glockenturm im Südosteck

Omotemon von der Innenseite aus gesehen


Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf google maps: https://www.google.de/maps/@35.0446288,135.7458411,19.25z - https://www.google.de/maps/@35.0446135,135.7458096,70m/data=!3m1!1e3
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Ozeki Soen, Mizuno Katsuhiko: Daisen-in, 2003, ISBN: 978-4-916094-72-8
Daisen-in, including all the Gardens and Tea Houses of Daitoku-ji, vom Tempel herausgegebene Publikation aus Anlaß des 500. Gründungsjahres (2047 buddh. Zeitrechnung)
Subtempel Daisen-in auf Wikipedia:
https://en.wikipedia.org/wiki/Daisen-in
Subtempel Daisen-in auf Kyotofukoh:
https://kyotofukoh.jp/report628.html
auf Kyoto Travel:
https://kyoto.travel/de/shrine_temple/137
auf Japanese Gardens:
http://www.japanesegardens.jp/gardens/famous/000006.php
bei Sotai M. Knipphals:
http://www.daisen-in.de/
auf Japanese Gardening:
http://www.japanesegardening.org/site/daisen-en/
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https://www.jnto.go.jp/eng/location/spot/gardens/daisenin.html
auf Japan Travel:
https://www.japan.travel/en/spot/1157/
Mitchell Bring, Josse Wayemburgh: Japanese Gardens, McGraw-Hill, New York 1981, S. 67-68
auf JGarden:
http://www.jgarden.org/gardens.asp?ID=4
auf Japan Hoppers:
https://www.japanhoppers.com/de/kansai/kyoto/kanko/580/
Webseite des Tempels:
http://www.b-model.net/daisen-in/syokai.htm
auf Traditional Kyoto:
http://traditionalkyoto.com/gardens/daisen-in/
im Samurai-Wiki:
https://wiki.samurai-archives.com/index.php?title=Daisen-in
Architektur-Details:
http://www.aisf.or.jp/%7Ejaanus/, insbesondere http://www.aisf.or.jp/%7Ejaanus/deta/s/shindenzukuri.htm - http://www.aisf.or.jp/%7Ejaanus/deta/s/shoinzukuri.htm - http://www.aisf.or.jp/%7Ejaanus/deta/s/shoin.htm - http://www.aisf.or.jp/%7Ejaanus/deta/m/mairado.htm - http://www.aisf.or.jp/%7Ejaanus/deta/a/amado.htm


Daitoku-ji, Kyoto, Teil (1): Haupttempel - Daitoku-ji, Kyoto, Teil (2): Korin-in - Daitoku-ji, Kyoto, Teil (3): Zuiho-in - Daitoku-ji, Kyoto, Teil (4): Ryogen-in - Daitoku-ji, Kyoto, Teil (6): Obai-in

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