Bernhard Peter
Kumari Ghar (Kumari Chowk) in Kathmandu (1)

Der Kumari Chowk (Kumari Ghar) ist der Amtssitz der jeweils amtierenden Kumari von Kathmandu. Es handelt sich um eine regelmäßig strukturierte, dreistöckige Vierflügelanlage mit Innenhof und ausgesucht qualitätvollem Bauschmuck in Form von Holzschnitzereien an Fenstern und Türen.

Taleju, die furchterregende Göttin und eine Erscheinungsform der Göttin Durga, deren Tempel im Norden des Palastkomplexes von Kathmandu steht, lebt: Genauer gesagt, eine Inkarnation von ihr wird in der Hauptstadt wie auch in den anderen nepalesischen Königsstädten Patan und Bhaktapur verehrt. Taleju ist die "Haus- und-Hof-Göttin" der Malla- und Shah-Dynastien, und König Hari Singh Deva hatte den Kult im Jahre 1323 von Simrongarh mitgebracht und im Kathmandutal etabliert.

Traditionell handelt es sich bei der Kumari um ein Kind, ein Mädchen, das noch nicht in der Pubertät ist, denn mit der ersten Monatsblutung ist es vorbei mit dem göttlichen Status. Ebenso verliert eine Kumari bei einer schweren Krankheit oder einem größeren Blutverlust durch Verletzung o.ä., denn man glaubt, daß die Göttin dabei den Körper verläßt. Das Wort Kumari bedeutet dabei Prinzessin. Sie wird anhand von 32 körperlichen Merkmalen (wohlgestaltete Füße, ein Kreis unter der Fußsohle, lange Zehen, ein Körper in der Form eines Saptacchata-Blattes, Schenkel eines Rehs, runde Schultern, Brust eines Löwen, ein reiner Körper, vierzig Zähne, die tiefe Stimme eines Spatzes, die Wimpern einer Kuh, ein schöner Schatten, ein runder Kopf, ein Körper wie ein Banyanbaum etc.) ausgewählt, und körperliche Makellosigkeit (keine Wunden, Narben,  Verunstaltungen) sowie unter Beweis gestellte Furchtlosigkeit sind wichtige Voraussetzungen für das zeitweise Leben als Göttin.

Diese Tradition steht im Grenzbereich beider Religionen: Die stets aus der Shakya-Kaste stammende Kumari wird von Hinduisten wie von Buddhisten verehrt, nicht aber von Anhängern des tibetischen Buddhismus. Eigentlich stammt sie damit aus einer traditionell buddhistischen Newar-Familie, verkörpert aber eine hinduistische Gottheit. Allein schon das Vorhandensein einer Kaste buddhistischen Glaubens verdeutlicht die Durchmischung der Systeme.

Der Kumari-Kult wurde offiziell im Jahre 1757 von König Jayaprakasha Malla (1736-1768) in Kathmandu eingeführt. Der Kumari-Kult von Bhaktapur ist jedoch ein wenig älter und entstand unter König Trailokya Malla (1560-1613). Besagter König hatte der Legende nach einst der Göttin Taleju amouröse Avancen gemacht, worauf sie floh. Die Göttin erschien ihm daraufhin im Traum und kündigt an, in einem jungfräulichen Körper eines Mädchens der Shakya-Kaste buddhistischen Glaubens zu erscheinen und den König jedes Jahr zu segnen, was bis zur Abschaffung der Monarchie 2008 immer im September stattfand, denn die Schah-Dynastie, die die Malla-Könige ablöste, hatte diesen Kumari-Kult seinerzeit übernommen. Interessant ist hierbei nicht nur die legendäre Umdeutung der sexuellen Dimension und die Projektion verhinderter  Leidenschaft auf die vorpubertäre Kindheit, sondern auch die ganz reale Verknüpfung von Politik und Religion, die Hinduismus und Buddhismus aneinander bindet und ein gesellschaftlich integratives Element darstellt.

Einerseits wird die lebende Göttin hoch verehrt, andererseits wurde ihr die "normale" Kindheit geraubt, denn sie stand bis vor wenigen Jahren praktisch unter Hausarrest, ihre Füße durften den unreinen Boden draußen nicht berühren, und zu religiösen Pflichtveranstaltungen und Festen wird sie in einer Sänfte getragen. In Kathmandu muß sie in die offizielle Residenz gegenüber dem Königspalast am südlichen Rand des Durbar Square ziehen und wird somit von ihrem gewohnten sozialen Umfeld getrennt; nur mit der Familie besteht weiter Kontakt. Mit anderen Kindern draußen spielen geht also nicht, geredet wird nur mit engen Familienmitgliedern, denn gegenüber Außenstehenden muß sie schweigen. Das einzige, was man von ihr als Tourist eventuell mit viel Glück zu sehen bekommt, ist ein schweigendes, emotionsloses und stark geschminktes, traurig wirkendes Kind an einem Fenster der obersten Etage ihrer Residenz, dessen Blick keine Bindung zu den Anwesenden sucht. Das Land zu verlassen war auch verboten. Bildung gab es früher auch nicht, denn da eine Kumari als Göttin allwissend ist, braucht sie nicht zur Schule zu gehen. Früher galt das streng, im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jh. bekam sie Privatlehrer. Wie effektiv das war, da man einer Göttin als Lehrer nicht widersprechen darf, ist eine andere Frage. Seit 2008 gilt, daß sie ganz normal zur Schule gehen darf. Die damals zwölfjährige Preeti Shakya war die erste Kumari von Kathmandu, die prinzipiell die Schule besuchen durfte. Noch im selben Jahr fand ein Wechsel statt, und die dreijährige Matina Shakya wurde zur königlichen Kumari von Kathmandu erhoben. Sie ist die Tochter des Uhrmachers Pratap Man Shrestha. Für sie ist bis auf weiteres jedoch Unterricht durch Privatlehrer vorgesehen.

Eine Kumari wird das Fehlen einer alterstypischen Sozialisierung in ihrer Amtszeit nicht so wahrnehmen, den Verlust in Bezug auf ihre Altersgenossinnen draußen nicht fühlen, weil sie es nicht anders kennt, und weil sie durch die erfahrene Verehrung eine gewisse hedonistische Kompensation erfährt. Andererseits, wenn man sonstige Mädchenschicksale in einem der ärmsten Länder der Welt sieht, sollte man auch die Haben-Seite wahrnehmen: Zugang zur Bildung ist heute möglich via Privatlehrer bzw. seit 2008 auch öffentlicher Schule, und dieses Mädchen lebt in relativem Wohlstand und landet weder am Teppichknüpfstuhl der Kinderarbeit noch in einer Kinderehe oder Schlimmerem. So gesehen, ist es ein durchaus privilegiertes Schicksal.

Tatsache ist jedenfalls, mit der Pubertät wird eine Kumari hart ins Leben zurückgeworfen, mit dem göttlichen Status ist es vorbei, wenn die Göttin den Körper verläßt und sich einen anderen sucht, eine Ex-Kumari hatte nie eine Sozialisation mit den Kindern des Viertels erfahren, sie hatte früher nie eine "normale" Erziehung oder Ausbildung erfahren; im Grunde wurde ein völlig verzogenes Balg abrupt in die Realität geworfen, für die es nie vorbereitet wurde, und der Start in einen "normalen" Lebensweg ist kein einfacher; manche Ex-Kumaris finden ihn nie. Heiraten ist für eine Ex-Kumari nicht leicht, denn das Volk glaubt, daß ein Ehemann, der eine ehemalige Kumari heiratet, jung sterben wird. Da stellt sich durchaus die Frage, ob das die paar Jahre Glanz und Ruhm, das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, gelohnt hat, eine Frage, die wohl nur die Ex-Kumaris selbst beantworten können. Kumaris im Ruhestand erhalten daher eine kleine staatliche Pension und soziale Betreuung; im wesentlichen werden sie aber danach von ihren Familien betreut und unterhalten, wofür sie im Gegenzug häusliche Pflichten übernimmt.

In anderen Königsstädten wurde das weniger streng gehandhabt als in Kathmandu; die Kumari von Bhaktapur,  Shreeya Bajracharya, durfte schon vor 2008 die Schule besuchen und mit anderen Kindern ganz normal spielen und hat es auch getan, die von Kathmandu und Patan durften es aber nicht. In Patan durfte eine Kumari im Elternhaus wohnen bleiben. Wie auch immer gibt es von den oben genannten Regeln Ausnahmen: Die 1953 gefundene und 1954 inthronisierte Kumari von Patan, Dhana Kumari Bajracharya, war bis weit jenseits ihrer Kindheit, genauer bis 1985, im Amt, damals war sie 34 Jahre alt. Sie regierte folglich 30 Jahre lang, weil ihre Menarche einfach nicht kam. Abgesetzt wurde sie erst, nachdem der damals 13jährige Prinz Dipendra (der 17 Jahre später das Massaker an seiner Familie ausführte) sich über ihr Alter beschwerte. Und Sajani Shakya, Kumari von Bhaktapur, ist ins Ausland gereist, wurde deswegen abgesetzt, aber nach Protesten der Bevölkerung nach umfangreichen Reinigungsritualen wieder erneut eingesetzt. Und der dreckige Boden da draußen wurde von einer Kumari alten Stiles erstmals betreten, als 2015 das Erdbeben das Kathmandutal  erschütterte: Nach Jahren der Isolation geschah das Undenkbare: Die zwar längst abgesetzte, aber immer noch das klösterliche Leben fortsetzende, 63 Jahre alte Dhana Kumari Bajracharya betrat in Patan erstmals selber den Boden der Außenwelt und lief zum ersten Mal in ihrem Leben selber auf der Straße. Im Amt als Kumari von Patan waren ihr längst 2001 ihre Nichte Chanira Bajracharya und seit 2010 Samita Bajracharya gefolgt.

Zurück nach Kathmandu: Wie es mit der Kumari weitergeht, ist eine offene Frage. Einerseits war es erklärtes Ziel der nachmonarchischen Regierung, alles abzuschaffen, was mit dem abgeschafften Königshaus verknüpft war, und der Kumari-Kult war es aufs engste. Das neue Nepal brauche die Kumari nicht als essentielle Institution, äußerte man sich von politischer Seite. Menschenrechtsgruppen fordern schon länger die Abschaffung und ein kindgerechtes Aufwachsen des Mädchens. Andererseits war eine der ersten Handlungen des frischgewählten Präsidenten Rama Baran Yadav 2008, am 22.7. des Jahres die Kumari von Kathmandu zu besuchen und ihren Segen zu erbitten. Nach der Abschaffung der Monarchie liegt das Recht der Zustimmung zur Wahl einer Kumari beim nepalesischen Präsidenten. War es die symbolische Übernahme einst königlicher Aufgaben oder war es Respekt vor Traditionen? Oder war es doch die Erkenntnis, daß kulturelle Identität ein höheres Gut ist als Politik? Richtig ist auf jeden Fall die Entscheidung, die Kumari ganz normal zur Schule zu schicken und die frühere Bewegungseinschränkung als unbegründet festzustellen und diesem Kind nicht länger seine Rechte als Kind vorzuenthalten. Richtig ist es auch, das Symbol als solches zu belassen, weil die Bevölkerung es braucht. Nötig wäre es, daß das Symbol die frischgewonnenen Rechte wahrnimmt und nicht vom sozialen Umfeld weiterhin "freiwillig" in Abgeschlossenheit gehalten wird. Man wird sehen, wie es weitergeht. Ihre offizielle Residenz, der in der Mitte des 18. Jh. unter König Jaya Prakash Malla errichtete Kumari Chowk gehört jedenfalls zu dem Schönsten und Feinsten, was die Newar-Architektur geschaffen hat. Glücklicherweise hat der wunderschöne Bau voller kunstreicher Details das Erdbeben von 2015 bis auf ein paar Risse überstanden und war damit eines der wenigen Gebäude am Durbar Square, die nicht einstürzten.

Literatur, Links und Quellen:
Kumari: http://www.hinduismtoday.com/modules/smartsection/item.php?itemid=4891
Kumari:
http://www.visitnepal.com/nepal_information/kumari.php
Kumari:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kumari - https://en.wikipedia.org/wiki/Kumari_(goddess)
Gerhard Haase-Hindenberg: Göttin auf Zeit - Amitas Kindheit als Kumari in Kathmandu, Heyne Verlag, München 2006, ISBN-10: 3453120337
Deepak Shimkhada: The Future of Nepal’s "Living" Goddess - Is Her Death Necessary?
http://www.asianart.com/articles/kumari/
Dhana Kumari Bajracharya:
https://www.theguardian.com/world/2015/jul/20/nepals-earthquake-forces-living-goddess-to-break-decades-of-seclusion#img-2 und http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/asia/nepal/11750554/Nepals-earthquake-forces-living-goddess-to-break-decades-of-seclusion.html
Kumari Chowk überlebt Erdbeben:
http://www.dailymail.co.uk/wires/afp/article-3065201/Kathmandus-living-goddess-survives-quake.html - http://www.npr.org/sections/parallels/2015/05/28/410074105/the-very-strange-life-of-nepals-child-goddess
Dinesh Wagle: Kumaris, the living Goddesses of Nepal (or Kathmandu valley)
https://wagle.com.np/2008/06/07/kumaris-the-living-goddesses-of-nepal-or-kathmandu-valley/
Absetzen von Sajani Shakya:
http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/1556498/Nepalese-living-goddess-loses-divine-rights.html
Rudolf Sponsel: Kumari - Göttin auf Zeit in Nepal, Kindesmißbrauch zu religiös-politischen Zwecken?
http://www.sgipt.org/gipt/entw/bindung/Kumari/goetinaz.htm (sehr umfangreiche Materialsammlung)

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