Anne Christine Hanser
Reportagen aus dem Jemen, Teil 6:
Viel Trouble mit Fluggesellschaften

11. Februar 2005

Den Januar verbrachte ich weitestgehend in Deutschland - auf dem Zahnarztstuhl. Da ich weder Masochist noch Sadist bin, unterlasse ich es an dieser Stelle, den werten Leser mit Detailbeschreibungen meiner halbtäglichen Dentalsitzungen zu quälen.

Nur Fliegen ist schöner…
Meinen Flug nach Deutschland hatte ich bereits Anfang Dezember versucht zu buchen und dabei festgestellt, dass die jemenitische Airline Yemenia für die in Frage kommenden Tage im Januar ausgebucht war. Die Erklärung bekam ich später von dem jemenitischen Reisebüro, das ich danach ansteuerte, um eine Alternative zu recherchieren. Jemenitische Studenten – hieß es - flögen über die Weihnachtsfeiertage (die in Deutschland natürlich) auf Heimaturlaub in den Jemen. Die Fluggesellschaften bieten daher etwas früher und etwas später günstigere Tarif an, aber selbstredend nicht an den von mir ins Auge gefassten Terminen. Das Reisebüro schlug einen viel versprechenden Flug mit Quatar Airlines als Alternative vor, aber auch nicht an dem gewünschten Termin. Nur widerwillig und nach hartnäckigen Insistieren spuckte der Computer die einzige zeitlich passende Möglichkeit aus: Sana’a – Kairo – Frankfurt mit Egypt Airways. Naiv – wie ich war – freute ich mich darüber, das ich mit der Lösung nunmehr die wenigsten Tage von meinem wertvollen Urlaubskontingent für den Zahnarztbesuch in Deutschland verlieren würde (denn: wer fährt im Januar schon aus freien Stücken nach Deutschland zum Heimaturlaub.). Ich dachte auch noch im Stillen an die vielen jemenitischen Bekannten, die mir von Kairo vorgeschwärmt hatten.

Einzig die Reaktion des Reiseagenten - „Egypt Airways wird für Sie doch nicht in Frage kommen!“ - hätte mich stutzig machen müssen. Ich habe keine großen Ansprüche an ein Flugzeug. Als größten Luxus empfinde ich einen netten Gangplatz, vielleicht ein vegetarisches Essen, und nach Möglichkeit keinen Nachtflug. Was konnte schon schlimmes an Egypt Airlines sein – im Vergleich zu den innerrussischen und zentralasiatischen Flügen?

Auch als unser stellvertretender Gesundheitsminister ein paar Tage später mit krauser Stirn auf mich einredete, umgehend das Ticket auf Yemenia oder besser noch zu Lufthansa zu wechseln – ließ ich mich nicht davon abbringen. Wusste ich doch, dass die Flüge an dem 9 Januar alle ausgebucht waren.

Ganz im geheimen muss mein Unterbewusstsein doch Notiz von den Vorzeichen genommen haben, denn als mich Yassir, unser Fahrer, um halb drei in der Nacht abholen wollte, schlummerte ich seelenruhig in meinem Bett, das Krächzen des Radioweckers, die langatmige Hausklingel, das polternde Hämmern auf das metallene Eingangstor ignorierend… Nach einer halben Stunde endlich wurde ich von dem wiederholten Telefonklingeln wach, nachdem es sich einfach nicht mehr in meine nächtlichen Träume integrieren ließ. – Wie benommen schlug ich auf den Radiowecker ein, nahm entsetzt die fortgeschrittene Uhrzeit wahr, um anschließend zum Mobiltelefon zu wanken, das mich mit Yassir’s Stimme aufforderte, mein Gepäck in die Hand zu nehmen und ins Auto zu steigen. Gleichzeitig meldete sich das Festnetztelefon mit Hannahs Stimme (der Tochter des Hauses), die wohl deutlich vor mir von dem Poltern des Tores wach geworden war, so dass ich allmählich keinen Zweifel mehr hatte: ich hatte verschlafen. – Angesichts des dicken Zeitpuffers, den Yassir mir in hartnäckigen Verhandlungen am Vorabend abgerungen hatte (Abholung 2 Stunden vor Abflug), erreichte ich aber dennoch rechtzeitig und ohne Schlange den Flughafen. Wenn ich es mir recht bedenke hätte ich mir noch eine weitere halbe Stunde Zeit gönnen können… (Das werde ich bei zukünftigen Verhandlungen mit Yassir bezüglich Abholzeit berücksichtigen…)

Das Flugzeug war praktisch leer (kein Wunder, hatte mir doch jeder erzählt, dass man nicht mit Egypt Air fliegt), was mir eine freie Bank einbrachte und – in Verbindung mit dem vegetarischen Essen und dem äußerst freundlichen Bordpersonal - das Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. – Enttäuscht wurde ich erstmals bei der Ankunft am Flugplatz in Kairo, von dem kalten Regenwetter, aber dafür konnte ich kaum Egypt Air verantwortlich machen. Enttäuscht wurde ich abermals, (hierfür kann man dann schon eher Egypt Air verantwortlich machen), als mir nach einigen Stunden des uninformierten Wartens klar wurde, dass es bestimmt noch etliche Stunden dauern würde, ehe ich zusammen mit der Masse deutscher Ägyptentouristen den bis dahin bereitgestellten Ersatzflieger besteigen würde. Somit war der ganze Sonntag futsch. – Mit arabischer Gelassenheit nahm ich dies als Kismet hin, schob mir meine dank deutscher Gründlichkeit mitgebrachten Stöpsel in die Ohren (um mich gegen den Flughafen und Gesprächslärm abzuschotten) und verbrachte die weiteren Stunden mit der Lektüre meines Arabischlehrbuches. – Eine Information oder gar eine Erklärung seitens Egypt Air zu der Verspätung gab es nicht. – Punkt.

Wenn ich auch nur geahnt hätte, dass mein Koffer in Sana’a nur nach Kairo, nicht aber nach Frankfurt durchgecheckt worden war, hätte ich sicherlich in einer der vielen Stunden des Wartens am Kairoer Flughafen ein paar Minuten Zeit gefunden, um meinen Weg zur Gepäckausgabe zu bahnen. Aber, die die Zusammenhänge begann ich erst an dem Gepäckausgabeband in Frankfurt zu erahnen, an dem ich als letzte Passagierin – ohne Gepäck –übrig blieb. – Nach einer dreiviertel Stunde Konversation mit drei verschiedenen Instanzen stand fest, dass das Gepäck noch in Kairo weilte, und erst am folgenden Tag mit dem gleichen Flug (der diesmal sogar vorzeitig eintraf) am Band abgeholt werden konnte. Immerhin muss ich zugeben, dass der Egypt Airline Vertreter, der mehrfach versicherte, er sei ja eigentlich gar nicht für den Fall zuständig, sehr nett und hilfsbereit war.

Solch ein logistischer Fehler kann immer mal passieren, dachte ich. Ich hätte vorausschauend in Sana’a beim Einchecken fragen können, ob das Gepäck durchgecheckt würde… Also auch ein bisschen meine Schuld.

Was nun den Rückflug von Frankfurt aus anbelangt, sehe ich nur eine geringe Teilschuld meinerseits, abgesehen davon, dass ich mich trotz – allerdings vager - Vorzeichen doch für Egypt Air entschieden hatte. Beim Einchecken in Frankfurt wurde in einem Nebensatz erwähnt, dass die Maschine erst eine Stunde nach geplantem Abflug in Frankfurt ankommen würde und noch nicht ganz klar sei, wann sie zum Abflug nach Sana’a bereit sei. An der Eincheckzeit wurde aber nichts verändert. Etwa 6 Stunden verbrachte ich auf dem Frankfurter Flughafen, bevor wir endlich abhoben. Mit ein bisschen besserem Informationsmanagement hätte ich drei oder vier Stunden davon zuhause verbringen können. – Auch mein Hinweis an das Bodenpersonal, dass ich den Anschlussflug von Kairo nach Sana’a wohl nicht mehr erreichen würde, führte nur zu Beschwichtigungen, die im Nachhinein betrachtet eher den Märchen von 1001 Nacht glichen als dem Kundenmanagement des 21 Jahrhunderts.

Natürlich wurde ich nicht bei Ankunft am Flugzeug abgeholt (wie man mir in Frankfurt versichert hatte) und zum Anschlussflieger gebracht, natürlich hatte auch der Flieger nach Sana’a trotz der dergleichen wortreichen Versicherungen in Frankfurt nicht auf mich gewartet, natürlich gab es oder wollte man uns keine Alternativrouten nach Sana’a zum Weiterflug am gleichen Tag geben (obwohl man mir zuvor in Frankfurt versichert hatte, es gäbe ja soo viele Anschlußmöglichkeiten), natürlich ließ man die gestrandeten Passagiere (wir waren etwa 8 bis 10 Passagiere, die meisten von Russland kommend, die den Weiterflug nach Sana’a verpasst hatten)mehrere Stunden in tiefer Nacht auf dem lärmenden Flughafen warten, ehe wir – wieder wartend – mit einen Kleinbus zum Hotel gebracht wurden. Höhepunkt war zum Abschluss der Fahrer, der orientierungslos zweimal bei patrouillierenden Polizisten nach dem Weg zum Hotel fragte (die in einem Fall die Achseln zuckten im anderen wage in eine Richtung wiesen), bis eine der Passagiere (die eigentlich nach Nairobi wollte) den Fahrer auf die Leuchtschrift des Hotels hindeutete. Zwei volle Tage und Nächte verbrachten wir im Kairo, die ein jeder für den Besuch der Pyramiden und der Innenstadt Kairos nutzte. Sicherlich mussten wir anerkennen, dass man uns die zwei Tage in einem netten Hotel untergebracht hatte und für die Mahlzeiten aufkam – und nicht wie in Russland üblich zwei Tage dem Schicksal einer windigen Wartehalle überlassen hatte. Und natürlich hatte ich immer schon geliebäugelt, eine Reise zu den Pyramiden und dem ägyptischen Museum in Kairo zu machen. Aber meine ursprüngliche Planung, sowenig Urlaubstage wie möglich für den Januarurlaub, um rasch wieder an meinen Arbeitsplatz im Jemen zu gelangen, war nicht aufgegangen. - Eine weitere Lektion in meinen täglichen Lernprozess.

Naja, für meinen nächsten Flug nach Deutschland werde ich, Insha’ Allah, wieder - reumütig - Yemenia Airways den Vorzug geben. Was aber auch damit zusammenhängt, dass ich immer noch den Rückflug für den Sana’a Frankfurt Flug von meinem ersten September 2004 Hin-(und Rück)Ticket offen habe. Das heißt – wieder habe. Denn zwischendurch war dieses Rückflugticket ohne mein Zutun bereits auf dem Sana’a Flughafen „gelandet“.

Mein Freund und ehemaliger Kollege, Ernst, hatte mich Anfang November in Sana’a besucht. Am Morgen nach Ernst Abflug wachte ich in aller Frühe auf, aufgeschreckt von einer dumpfen Ahnung, die sich in der schlichten Frage manifestierte: „wo ist mein Ticket?“. Es ist durchaus nicht so, dass ich mir jeden Morgen diese Frage stelle, alle 5 Zimmer meiner Wohnung durchkämme auf der Suche nach meinem Rückflugticket. Außerdem ist mein Rückflug erst für Mai 2005 vorgesehen, weshalb ich mich eigentlich beruhigt hätte zurücklehnen können. – Als ich das Ticket schließlich auf dem Schreibtisch neben dem Telefon erspähe, will meine Intuition bei meinem Verstand Abbitte leisten für ein solch irrationales Verhalten, wenn ich nicht zur Sicherheit – hier waren sich Intuition und Verstand einig – einen Blick auf die Innenseite der Tickethülle geworfen hätte. Es geht doch nichts über weibliche Intuition… Hier habe ich den Beweis schwarz auf weiß: Mr. Ernst R. – voll ausgeschrieben, kein Zweifel. Rückflugdatum: 4. November 2004, auch kein Zweifel.

Damit war klar, wo mein sich mein Ticket befand, zumindest wo es sich in der vorigen Nacht zwischen 22.00 und 24.00 Uhr befand, nachdem ich Ernst zum Flughafen gebracht hatte. Ernst hatte mein Ticket anstatt seinem Ticket eingesteckt. – Wie eingebrannt ist das Bild in meinem Gedächtnis: ein Ticket schaut aus Ernst Computertasche heraus. Ich hatte Ernst noch fragen wollen, die Idee aber sofort verworfen. Niemand ist so gewissenhaft wie Ernst. – Also hatte ich es unterlassen, durch die Frage, „ist das auch wirklich Dein Ticket“, einen vernichtenden Blick oder strafendes Schweigen zu ernten.

Völlig schleierhaft war mir allerdings, warum sich Ernst nicht sofort vom Flughafen gemeldet hatte, damit ich ihm das richtige Ticket bringe, oder Ernst nicht mit betretenem Gesicht und zwei Taschen vor meiner Haustür stand, um mir zu sagen, dass das Flugzeug ohne ihn nach Frankfurt abgeflogen war.

Wenn offensichtlich weder der eine noch der andere Fall eingetreten war, konnte dies nur bedeuten, dass Mister Ernst R. als Misses Anne – Christine H. zurück nach Deutschland geflogen war, an mindestens drei oder vier Pass-/und Ticketkontrollen vorbei, bevor er sich erlöst in den Flugzeugsitz fallen lassen konnte. – So war es auch gewesen – wie mir Ernst am Abend beichtete. Er habe das falsche Ticket selbst erst sehr spät bemerkt, dann aus Angst, das falsche Ticket nicht rechtzeitig vor Abflug mit dem richtigen austauschen zu können, geschwiegen. Und tatsächlich, niemand sei es aufgefallen. (Nichts war Ernst wichtiger gewesen, als rechtzeitig nach Frankfurt zur Arbeit zurückzukommen. – Da sieht man doch wieder einmal, wie ähnlich wir beide uns sind.)

Es hat Yassir (unseren Fahrer) ein paar Nachmittage Recherche und mich einige tausend Rial gekostet, um mein Ticket wieder von Yemenia am Sana’aer Flughafen zurückzuerhalten. Kein Vergleich zum Unterhaltungswert der Geschichte. Für Yassir gab es keine größere Freude, als den Vorfall gleich brandheiß meinem Kollegen Francois mitzuteilen, dessen Aufgabe die Beratung der jemenitischen Flugsicherungsbehörde CAMA ist.

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© Text, Graphik und Photos: Anne Christine Hanser 2005
Autorin: Anne Christine Hanser, International Advisor, Support for Administrative Reform, Sana'a, Jemen
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