Anne Christine Hanser
Reportagen aus dem Jemen, Teil 21:
Geld zurück - garantiert?

Oktober 2006

Wegen der angeblich noch fälligen Junimiete empfahl mir Rissaj, daß ich dem Vermieter einfach die Quittung vorlegen sollte. – ‚Werde ich’, sagte ich, ‚aber erst wenn ich im Juli aus Deutschland zurück bin’ und verabschiedete mich….

In Deutschland feierten wir erst einmal Ernsts Geburtstag. Ein paar Tage vor meiner Abfahrt hatte ich ein Gespräch mit meinem Arbeitgeber und der Mutterfirma, in dem mir vorab eröffnet wurde, daß meine Stelle gestrichen werden sollte. Offizielle Begründung war, daß das jemenitische Gesundheitsministerium nicht ‚committed’ sei. Ich hatte mit dieser Entscheidung seit der Evaluierungsmission im Februar gerechnet.

Es erschien mir müßig, darüber zu debattieren. Ich hörte mir die ausführliche Rede des Vertreters unserer Mutterfirma an und machte lediglich ein paar Notizen. Die Hintergründe und Einzelheiten sind buchfüllend; zu lang für eine gewöhnliche Jemenfolge, allerdings nicht minder abenteuerlich. Vielleicht ist es besser, mit zeitlichem Abstand darüber zu schreiben. Auch, weil sich bis dahin den Verantwortlichen die Augen geöffnet haben.

Zurück in Sana’a eröffnete ich Rissaj, meinem Fahrer (Name geändert), vor dem Hintergrund meiner baldigen Abreise, daß ich ihm nicht länger den noch ausstehenden Betrag des veruntreuten Geldes (frühere Folge) stunden könnte. Er nickte vielversprechend.

Im Gegenzug gab ich Rissaj zur Sicherstellung meiner Reputation die Quittung über die im Voraus gezahlten Monatsmieten Mai und Juni. Rissaj schaute sich den Zettel an und runzelte die Stirn. ‚Er (Mohamed, der Vermieter) hat auf der Quittung in arabischer Sprache Zahlung für April und Mai’ vermerkt.’ Mich überraschte nichts mehr bei meinem Vermieter.

In den nächsten Tagen suchte ich die Quittungen über die in den letzten 22 Monaten gezahlten Monatsmieten zusammen und fand – nach etlichem Suchen in den Umzugskisten – alle, bis auf eine: die für März 2006.

Könnte es sein, daß mein Vermieter recht gehabt hatte, und ich tatsächlich einen Monat nicht bezahlt hatte? Rissaj, der sich die Quittungen genauer ansah, zeigte mir, daß die Quittungen erst seit Ende Januar 2006 mit handschriftlichen Notizen des Vermieters versehen waren (die Quittungen wurden immer von mir in englischer Sprache verfaßt). Wir blickten uns schweigend an. Wir trauten Mohamed zu, daß er die Quittung für März hatte verschwinden lassen. Mehr noch, es schien, daß er sein Unterfangen bereits Monate vorher geplant hatte, als er nämlich anfing handschriftliche Notizen zu machen. – Ich erinnerte mich noch daran, wie Mohamed mich im Frühjahr unerwartet besuchte, um sich die am Vortag unterschriebene Quittung noch einmal vorzeigen zu lassen. Er nickte befriedigt, als er seinen handschriftlichen Vermerk las. (Bedauerlicherweise tue ich mir mit dem Arabischlesen schwer, ganz zu schweigen von arabischen Handschriften…)

Meine Enttäuschung über meine Dummheit war mir ins Gesicht geschrieben (warum hatte ich nicht alle Quittungen systematisch in EINEM Quittungsblock und das brav hintereinander gelistet – anstatt quer durcheinander – dann wäre mir aufgefallen, wenn eine fehlte. Und warum war ich nicht bereits damals stutzig geworden, als Mohamed anfing, Notizen zu machen??? Ich war wohl ziemlich naiv!!!).

Rein rechtlich konnte mir Mohamed nichts anhaben. Aber er würde alles tun, um meine Reputation zu untergraben. Konnte mir egal sein, jetzt, wo ich ohnehin bald den Jemen verlassen mußte. Aber es war mir nicht egal. Niemand sollte behaupten, daß ich ihm eine Monatsmiete schuldig geblieben war.

Rissaj versprach, sich für mich bei dem Vermieter und dessen Nachbarn einzusetzen. Man hatte sich auf den unparteiischen Nachbarn als Schlichter geeinigt. Ich hatte versprochen, seinen Spruch zu akzeptieren.

An folgenden Donnerstagmittag (Samstag) rief mich Rissaj an, um mir zu eröffnen, daß der Nachbar die Zahlung einer Monatsmiete empfohlen habe, auch wenn er mir insgeheim Glauben schenke. Die Nachbarn kannten Mohamed und seinen Geiz nur allzu gut… Aber dennoch, ich konnte nicht alle Monate nachweisen.

Ich willigte ein, zog aber 50 Dollar ab als Kompensation für den Verlust ab, der mir durch die Vorauszahlungen bzw. die EURO / USD Kursdifferenz entstanden waren (siehe frühere Folge). Ich schärfte Rissaj ein, sich die Summe quittieren zu lassen, bevor ich ihm die 600 USD übergab. Ich selbst ließ Rissaj nicht quittieren. Einen Augenblick schoß mir der Gedanke durch den Kopf, ich entschied mich aber doch dagegen: ‚Ich habe genügend Belege, die Rissaj in der Vergangenheit unterschrieben hat, angefangen von dem Betrag, den er seinerzeit an Said (Name geändert) hätte aushändigen sollen. 2000 EURO hatte er zwar unterschlagen, aber quittiert hatte er damals für den Gesamtbetrag.’ Ich konnte deshalb, diesmal gut und gern auf eine Quittung verzichten - und damit Rissaj mein (wieder gewonnenes) Vertrauen bezeugen.

So intelligent ich mich damals wähnte, so war ich in Wirklichkeit.

Als Rissaj am Samstagmorgen zur Arbeit erschien, konnte er weder Quittung noch das Geld vorweisen, auch meine Quittungen über alle (bis auf eine) bisher gezahlten Monatsmieten hatte er nicht dabei. Der Vermieter habe sich geweigert, die 600 Dollar zu akzeptieren und verlangte mehr, mehr, mehr… Rissaj werde die nächsten Tage über den Nachbarn / Schlichter versuchen, den Vermieter zur Vernunft zu bringen. – Wahrscheinlich hatte der Vermieter, meine Bereitwilligkeit zur Zahlung der 600 Dollar geradezu als Einladung gesehen, mehr zu verlangen. Ja, das paßte ungemein zu seinem Charakter.

Als ich aber die nächsten Tagen immer noch nichts tat, mir Rissaj die Quittung über die 600 Dollar bzw. deren Zahlung an den Vermieter und nicht zuletzt die restlichen Summe von dem Anfang des Jahres unterschlagenen Geld schuldig blieb, begann ich langsam nervös zu werden.

Die Quittungen über die Monatsmieten und auch das Geld seien bei dem Buchhalter Abu Nabil’s, erklärte Rissaj mit seinem sprichwörtlich treuseligen Blick, der alle Herzen weich werden läßt.

‚Und Du hast Dir keine Quittung darüber ausstellen lassen?’ Fragte ich ungläubig. ‚Nein. Ich vertraue ihm.’‚Und was’ wandte ich ein, ‚wenn der Buchhalter behauptet, das Geld niemals bekommen zu haben?’ ‚Dann ist das mein Risiko,’ erklärte Rissaj – offenbar in seinem Stolz verletzt.

‚Aber ein Buchhalter gibt immer eine Quittung. Das ist der Wesenszug eines Buchhalters. Er kann gar nicht anders’’“ Mir schien Rissaj’s Erklärung kein bißchen glaubwürdig, erinnerte, oh Schreck, ganz und gar an die Geschichte mit Said.

‚Wie dem auch sei’ fuhr ich fort, ‚bis wann wirst Du mir die ausstehenden Beträge zurückbezahlen?’ setzte ich nach.

Wir einigten uns auf den Samstag der kommenden Woche. Aber am Samstag kam kein Geld. Ich rief Rissaj an, der mich auf das Ende der Woche vertröstete. Er warte noch auf Geld von einem Freund…

Just zu dem Zeitpunkt erhielt ich das offizielle Kündigungsschreiben, na ja, jedenfalls die Kopie dessen, die mich - zu meinem ersten Entsetzen - dazu aufforderte, meine Arbeit im Ministerium sofort zu beenden. Meine Forderungen an Rissaj waren nicht meine erste Priorität. Ich sah Rissaj noch an meinem letzten Tag, aber dann ward er verschwunden. Er war weder per Mobiltelefon noch zu Hause zu erreichen.

Seine Nichte eröffnete mir beim zweiten oder dritten Telefonat, daß Rissaj nach Aden gefahren sei, ohne eine Telefonnummer dort zu hinterlassen.

Ich fühlte mich hilflos, verraten, enttäuscht und geprellt. Mein Ärger war grenzenlos. Nicht nur mein Ärger auf Rissaj, sondern auch mein Ärger über meine Naivität. Wie hatte ich Rissaj das Geld für Miete geben können, wo er doch vorher schon Geld unterschlagen hatte und das Unterschlagene gerade einmal zur Hälfte zurückgezahlt hatte. Und wie hatte ich Rissaj Geld anvertrauen koennen, nachdem ich mehrfach bittere Enttäuschungen im engsten Freundeskreis erlebt hatte (Immer noch stechen mir die Worte meiner Freundin Christine ins Auge, die mir in einem Brief geschrieben hatte: ‚bei Geld hört alle Freundschaft auf!’ Schrieb’s und verschwand auf Nimmerwiedersehen mit meinem Ersparten.) Rissaj war kein enger Freund gewesen, es war nicht der Verrat, den meine Freundin Christine B. – eine bekennende konvertierte Katholikin – mit einer wesentlich größeren Summe begangen hatte. Es war mehr die Wut, daß Rissaj glaube, mich, die ihm immer gut gesonnen war, so behandeln zu können. Hätte Rissaj unseren Teamleiter dermaßen betrogen, ich hätte Rissaj’s Verhalten verstanden: die Demütigungen, die Rissaj erlitten hatte, um das ihm zustehende Gehalt oder die fristgerechte Miete für das Auto zu erbetteln oder die versprochene Fortbildung, die er nicht erhalten hatte. Aber warum rächte sich Rissaj an mir?

‚Du bist zu gut. Du erweckst den Anschein, dann man mit Dir leichtes Spiel hat’, sagte Ernst. Und doch war es Ernst gewesen, der mich im Februar davon abgehalten hatte, die Unterschlagung publik zu machen und damit Rissaj den Job gerettet hatte (siehe frühere Folge).

Auch Ahmed und Ines, die Kollegen, konnten ihn nicht erreichen. Nur Dr. Wafa rief er nach einigen Tagen an (ich hatte der Familie angekündigt, die Polizei einzuschalten, wenn ich nichts von Jassir hören sollte) und bat sie, zu vermitteln. Er behauptet ihr – und später auch Ines und Ahmed - gegenüber, daß Said der Bösewicht sei, der das Geld seinerzeit angenommen und Rissaj keine Quittung gegeben habe. Die drei waren geneigt, ihm zu glauben. (Wie hatte Ines einmal gesagt: ‚Ich beneide Rissaj um die Fähigkeit, bei Menschen grenzenloses Vertrauen zu erwecken. Damals hatte ich mir auf die Zunge gebissen und nichts von der Unterschlagung erzählt.)

Als ich Rissaj’s üble Verleumdungen gewahr wurde, packte ich den Kollegen gegenüber die ganze Geschichte aus, die ich mit Rücksicht auf Rissaj ein halbes Jahr verschwiegen hatte. Aber die Vermittlung blieb ohne Erfolg. Sie hatte nur das Ziel, Zeit zu schinden. Zeit, die ich nicht mehr hatte, da ich in Kürze, den Jemen verlassen würde. Das wußte Rissaj nur allzu gut.

Ich schlug zum Gegenangriff über. Dabei hatte ich Glück im Unglück. Rissaj’s Familie entpuppte sich als durch und durch redlich. Als ich am nächsten Samstagnachmittag anrief und meinen Besuch ankündigte, gaben sie dem Taxifahrer eine genaue Wegbeschreibung. Ohne sie hätte ich das Haus nie gefunden. Als ich dann mit Rissaj’s älterem Bruder und den Schwestern von Angesicht zu Angesicht redete, versprachen sie, die Sache zu regeln. Nach einer Weile erschien Rissaj in persona. Dabei stellte sich heraus, daß er keineswegs in Aden weilte, wie Rissaj seine Nichte hatte auftragen lassen, sondern Sana'a die ganze Zeit nicht verlassen hatte. Immer noch stritt er ab, die 600 Dollar veruntreut zu haben. Zu meinem Erstaunen hörte ich, daß er das Geld Anfang des Jahres nicht unterschlagen hatte, sondern es verloren gegangen war (das wäre ja dann bei mindestens zwei Gelegenheiten gewesen und war nun eine neue Variante). Ich verstand, daß Rissaj vor seiner Familie nicht wie ein Betrüger dastehen wollte. Mir selbst war es egal, ob Rissaj sein Gesicht verlor.

– Derweil flüchtete er sich von einer zur nächsten Behauptung. Zuletzt überreichte er mir ein paar Hundert Euro, der Rest würde zusammen mit der Quittung über die 600 Dollar Miete, die einstweilen bei besagtem Buchhalter in Verwahrung seien, am nächsten Tag folgen. Besagter Buchhalter war an diesem Abend nicht mehr in der Firma anzutreffen, niemand mehr außer dem Wächter – als Rissaj und ich auf dem Nachhauseweg bei Abu Nabil’s Firma haltmachten. Ich sagte Rissaj auf den Kopf zu, daß er auch dieses Geld unterschlagen habe. Entrüstet wies er diese Behauptung von sich. Ich nahm mir ein Taxi von der Strasse für den restlichen Nachhauseweg.

Am nächsten Abend kam Rissaj dann zu mir in die Altstadt, um mir das Geld zu überreichen. Aber wieder reichte das Geld nicht. Unumwunden und diesmal ohne Zeugen gab er zu, daß er auch die 600 Dollar unterschlagen hatte. Ich ließ Rissaj eine weitere Erklärung unterschreiben, in der er alle Unterschlagungen zugab (was Rissaj nicht wissen konnte, ich hatte im Umzugstrubel im Juni sein Schuldeingeständnis für die frühere Unterschlagung verzottelt. Keine Bange, die von ihm quittierten Belege über die Beträge hatte ich noch!) und sich zur Zahlung der noch ausstehenden Beträge binnen einer Woche verpflichtete.

Als Rissaj nach einer Woche abermals ausblieb, kontaktierte ich Bassim, einen befreundeten Dolmetscher, und bat ihn, mir beim Gang zur Polizei beizustehen. Bassim dachte anfangs, es sei noch eine Regelung auf jemenitische Art, d.h. ohne Einschaltung der Polizei, möglich, kam aber nach meiner Schilderung der Umstände zu einem ähnlichen Schluß wie ich.

Zuerst aber galt es einen anderen prekäreren Fall bei der Polizei anzuzeigen: eine (oder sollte ich besser sagten eine dreimal) per Email verschickte, keineswegs anonyme Morddrohung (aber davon mehr in der nächsten Jemenfolge). Nachdem ich dank Bassim’s Unterstützung die Anzeige bei der für mich zuständigen Polizei aktenkundig gemacht hatte, sprachen wir Rissaj’s Fall an. Man riet uns, ich vermutete erst und das fälschlicherweise: weil es schon so spät war (es war nach 21 Uhr), daß wir bei der für Rissaj zuständigen Polizeiwache vorsprechen sollten.

Gesagt, getan. Am nächsten Abend (Bassim war viel beschäftigt und darum erst abends verfügbar) brachten wir mein Anliegen dort vor, Rissaj wurde geladen, kam, aber ohne Geld, gab unumwunden den Tatbestand zu – und versprach, das Geld binnen drei Tagen zu erstatten.

Ich wollte dem Frieden nicht trauen und verlangte sofortige Zahlung, andernfalls wäre es mir eine Freude, Rissaj im Gefängnis zu sehen. Zu meiner ursprünglichen Forderung waren noch zwei kleine Beträge hinzugekommen, die Rissaj nicht der Zweckbestimmung hatte zukommen lassen: Aufwandsentschädigungen für Teilnehmer eines Workshops im Juli des Jahres. Natürlich war ich nur doch Zufall darauf gestoßen, und natürlich hatte Rissaj wie immer eine Ausflucht. – Nichts, was meinen Zorn auf Rissaj hätte dämpfen können. Ich glaube, was mich am meisten enttäuschte, war, daß sich Rissaj nicht ein einziges Mal bei mir für seine Betrügereien entschuldigt hatte oder wenigstens mir erklärte, wozu er das Geld so dringend gebraucht hatte (Wafa vermutete, es war für den Ausbau einer neuen Wohnung.)

Ein Englisch sprechender Polizist beschwichtigte, ‚Keine Angst, wenn Rissaj bis Donnerstag nicht zahlt, dann muß er ins Gefängnis’.

Ich nutzte die Atempause, um kurz meine Gedanken zu ordnen. ‚Wirklich? Ist das so?’ ‚Ja.’ bestätigten alle Anwesenden. Ich war beeindruckt. In Deutschland könnte ich mir das nicht vorstellen. Hm, ich brauche einen weiteren Moment, um nachzudenken und mich auf eine weitere Fristverlängerung einzulassen. Zu oft war ich nachsichtig gewesen. Es war Bassim, der mich überredete. ‚O.K. Drei Tage.’

Donnerstagabend versammelten wir uns alle, d.h. diesmal kam ich ohne Bassim, aber dafür mit Katja, die mich gerade im Jemen besuchte. Rissaj präsentierte eine schriftliche Erklärung meines Vermieters, in der dieser sich damit einverstanden erklärte, daß Rissaj ihm das Geld für die Miete abstottert. Ein Nachbar des Vermieters hatte sich als Bürge für Rissaj angeboten. – Rissaj’s große rehbraune Augen wirkten Wunder, und das nicht nur bei Frauen, sondern offensichtlich auch bei Männern…

Dennoch blieb ich mißtrauisch. ‚Woher weiß ich denn, daß die Erklärung auch authentisch ist?’ fragte ich in die Runde. Mittlerweile traute ich Rissaj alles zu (na ja, nicht gerade ALLES, aber doch so manche Gaunerei…). Schnell einigten wir uns darauf, daß wir alle zu meinem ehemaligen Vermieter fahren würden, um aus seinem Mund die Bestätigung zu vernehmen. Auf Rissaj’s Rat hin, gingen dann aber nur der Polizist und er zu Mohamed, dem Vermieter. War mir recht, und so blieb ich im Wagen sitzen, während Katja noch schnell ein paar abendliche Besorgungen bei meinem früheren Lieblings- Tante-Emma- (Sorry ‚Onkel Ahmed’s) Laden machte. Nach einer geraumen Weile, die sicherlich noch länger gedauert hätte, wäre ich dabei gewesen, erschienen Rissaj und der Polizist. ‚Alles in Ordnung. Es stimmt.’

Auf dem Weg in die Altstadt nahm ich endgültig Abschied von der früheren Wohnung. ‚Am meisten vermisse ich die beiden Hunde…’ Rissaj lachte. ‚Die sind nicht mehr da.’ Wie denn das?’ wollte ich wissen. ‚Die waren gar nicht Mohamed, und er hätte sie Dir auch nicht schenken können. Er hatte sie zeitweilig vom Nachbarn in Pflege genommen, und dafür dickes Geld kassiert. Jetzt hat der Nachbar sie wieder zurückgenommen, um sie zu verkaufen…’

Rissaj’s Erzählung heiterte die gedrückte Stimmung auf. ‚So ein Geizhals!!! Und mir hat er die Hunde schenken wollen, um sich das Futtergeld gänzlich zu sparen.’ – Ich erinnerte mich noch, wie Mohamed kam, um mir feierlich die zwei süßen weißen Hunde als Geschenk zu überbringen. Wie gut, daß mir damals eingefallen war, daß ich als Vegetarier kein Hundefutter (=Fleisch) kaufen kann… Allzu viel wird er für das Futter eh’ nicht bezahlt haben, Essensreste und knorpelige Hühnerfüße gab’s sicher umsonst…

Wir fuhren zusammen zur Altstadt, wo wir die letzten Formalien erledigten. Rissaj zahlte den Rest des Geldes, ich unterschrieb eine Erklärung, daß ich keinerlei Anspruch mehr gegenüber Rissaj erhebe, jedenfalls keinen, der mit meiner Anzeige in Zusammenhang stand. (ich konnte ja nicht ausschließen, daß Rissaj weitere Gelder unterschlagen hatte, die vielleicht erst in der Zukunft ans Tageslicht kommen würden.)

Zum Abschluß bat mich der Polizist, in die Erklärung einen Satz einfließen zu lassen, in dem ich meine Zufriedenheit mit den Diensten der Polizei zum Ausdruck brachte. Ich folgte dem Wunsch, so wie ich es bereits in Hamada’s Fall getan hatte (aber davon mehr in der nächsten Folge). Es war klar, daß der Satz nur die halbe Miete war… Wie aber sollte ich es anstellen. Diesmal gab es keinen Dolmetscher, der die Angelegenheit in die Hände nahm. Diesmal war meine Phantasie gefragt, ein Balanceakt:

‚In Deutschland’, so fing ich an, ‚gibt es ein Gesetz, das festlegt, wie viel man einem Staatsbeamten, wie z. B. einem Polizisten, als Geschenk geben darf, ohne daß dies als Bestechung angesehen wird. Da ich die jemenitischen Gesetzen nicht kenne und natürlich vermeiden will, daß man mir ein Geschenk als Bestechung auslegt, würde ich gerne wissen, ob ein solches Gesetz bzw. eine Obergrenze für ein Geschenk im Jemen existiert.’ Rissaj grinste, während der Polizist nicht nachließ, mir zu versichern, daß es ein solches Gesetz bzw. eine Obergrenze zum Glück hier im Jemen nicht gäbe. Man könne einem Polizisten geben, was man als angemessen betrachtet.

Ich entschied mich für etwa 5000 Rial (25 Dollar) von dem Betrag zu nehmen, den mir Rissaj gerade zurückerstattet hatte, und übergab sie mit den Worten: ‚die andere Hälfte wird Rissaj sicher gerne übernehmen’.

Wieder grinste Rissaj: ‚Das habe ich bereits.’ Jetzt wunderte ich mich nicht mehr, daß der Polizist in den letzten Tagen so eifrig bemüht war, in der Sache zu vermitteln. Er hatte mir mehrfach in den vergangenen Tagen per SMS Einladungen zum Abendessen geschickt, ‚um die Angelegenheit zu besprechen. Ich solle aber niemandem davon erzählen…’

Ich schenkte den Aufforderungen (nach Beratung mit meiner Freundin Katja) keine Beachtung. Auch antwortete ich nicht auf die SMS, die danach folgten und in denen der Polizist mir seine aufrichtige Zuneigung bezeugte - verbunden mit der Bitte, mich wieder zu sehen. Manchmal kann ich richtig herzlos sein! Aber damit entspreche ich voll dem jemenitischen Ehrenkodex für Frauen!!

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© Copyright Text, Graphik und Photos: Anne Christine Hanser 2006
Autorin: Anne Christine Hanser, International Advisor, Support for Administrative Reform, Sana'a, Jemen
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