Anne Christine Hanser
Reportagen aus dem Jemen, Teil 19:
Eheschließung, -Anbahnung und -Umgehung

Juli 2006

Weibliche Hochzeitsfeier
Wie in einer früheren Folge bereits angedeutet, ist die Hochzeit das wichtigste soziale Event im Jemen, jedenfalls für den weiblichen Teil der Bevölkerung. – Die Männer treffen sich ohnehin jeden Nachmittag zum Qatkauen. War ich bei meiner 'ersten' Hochzeit noch völlig unvorbereitet - weil ich dummerweise das Wort 'Wiiding' nicht als 'Wedding' verstanden hatte, kam ich zu meiner zweiten Hochzeit standesgemäß in meinem (bis dahin) einzigen dunkelblauen Abendkleid angetanzt. Das heißt, natürlich hatte ich das Kleid mit meinem Schwarzen Umhang verhüllt, was ich sicherlich auch in Deutschland getan hätte.

Die Einladung zur Hochzeit hatte ich von Najla, unserer damaligen Projektassistentin erhalten. Wie Ihr aus der Folge zu Weihnachten 2004 (Nabil) und anderen früheren Folgen bereits wißt, stand die Hochzeit ihrer Schwester Jusra an. Eigentlich handelte es sich um zwei Einladungen, da sich die Feierlichkeiten auf mindestens zwei Abende ausdehnten. Ein Abend mit den engsten Familienangehörigen und ein Abend mit den weitläufigen 'Bekanntinnen'. Nur wunderte ich mich, daß bei beiden Festivitäten, die an hintereinander folgenden Abenden stattfanden, jeweils etwa die gleiche (riesige) Anzahl von - selbstverständlich - ausschließlich weiblichen Gästen anwesend war. Eingeladen wurde in einen speziellen Hochzeitsaal.

Aber erst einmal der Reihe nach: Noch vor dem Eingang wurde ich freundlich um meine Eintrittskarte gebeten (die Eintrittskarte war die Einladungskarte, was selbstverständlich jeder Jemenitin klar ist und mir dämmerte, während ich verzweifelt meine Handtasche durchwühlte). Zum Glück hatte Najla die Eingangswächter vorgewarnt, die verständnisvoll fragten, ob ich die eingeladene Ausländerin sei. Mein Nicken ersetzte jegliches Papier. Al Hamdulillah.

Ich nehme an, die Eingangskontrolle ist wohlbegründet, könnte sich doch sonst jeder in die Feier einschleichen - im Schutz der Massen von eingeladenen Gästen, die entweder zur ausgedehnten Seite der Freundinnen und Verwandten der Braut oder der Freundinnen und Verwandten der Schwester des Bräutigams gehören. - Ein wenig später fand ich die Einladung, die übrigens den Vermerk enthielt, daß das Mitbringen von Mobiltelefonen mit Photofunktion verboten war...

Nachdem ich die erste Hürde also passiert hatte, begab ich mich in den Umzugraum im Erdgeschoß. Dort verwandelten sich alle schwarzen Entlein in elegante Schwäne bzw. Paradiesvögel mit sehr gewagtem Outfit. Metamorphose nennt man das - glaube ich im Griechischen.

Danach begab man sich über eine ausladende Treppe nach oben in den Ballsaal. Am Eingang des Ballsaals fand dann die eigentliche Begrüßung durch die engsten weiblichen Familienangehörigen statt. Najla stand schon parat, an der Seite ihrer Mutter und - wie ich annahm - Nabil's Mutter. Wer nicht anwesend war, war die Braut selbst.

Ich wurde herzlich begrüßt und der Fürsorge einer jungen weiblichen Verwandten anvertraut, die zum Glück Englisch sprach. Diesen Kontakt nutzte ich auch gleich, um mich mit den Geflogenheiten jemenitischer Hochzeiten weiter vertraut zu machen.

Dabei erfuhr ich, daß die Feierlichkeiten, die sich traditionell über mehrere Tage erstrecken, mit der rituellen Wäsche der Braut beginnen. Die beiden folgenden Tage sind dem Feiern mit Freundinnen und Familienangehörigen gewidmet, bis die Braut am späten Abend des dritten Tags zum Haus des Bräutigam gebracht wird, entweder (wie in Sana'a üblich) von einem Verwandten der Braut - Vater, Bruder oder Onkel - oder vom Bräutigam selbst. Hochzeitbräuche variieren je nach Region.

Im Augenblick jedoch war die Braut in der Friteuse - sorry, ich meine natürlich 'bei der Friseuse'.

Der Ballsaal bestand aus einem lang gezogenen Rechteck, in der Mitte der Laufsteg, am Ende das Podium mit dem Brautthron. Najla hatte sich viel Mühe mit der Gestaltung des Brautthrons gemacht. Pinkfarbene Stoffe mit Silbernen Sternen. Wenn schon denn schon.  - Am anderen Ende des Saales, also gegenüber dem Brautthron, allerdings in weiter Ferne entdeckte ich am ersten Abend die Band. Das heißt eigentlich brauchte es nicht viel Einsicht, man konnte die Band natürlich gleich durch die Musik lokalisieren. Die Band - zumindest an diesem ersten Abend - bestand aus 4 WEIBLICHEN Mitgliedern, die arabische Klänge und Gesänge produzierten: Drei Trommlerinnen und eine Lautenspielerin, die gleichzeitig den Gesangspart übernahm. Obwohl ich nichts verstand, zuckte es mich in den Zehenspitzen mitzutanzen. - Normalerweise ist die Band gar nicht zu sehen, weil Bands in der Regel aus Männern bestehen, und die haben bei Frauenfeiern nichts im Ballsaal zu suchen (sehen). Vor der Band und in den Gängen zwischen den Sitzreihen tanzten anfangs noch wenige, später immer mehr Frauen orientalische Tänze. Wenn (frau = ich) die erste Scheu überwunden hat, macht das Tanzen richtig Spaß!

An den beiden langen Seiten des Saales entlang reihten sich die Sitzkissen, weitere Sitzreihen zogen rechts und links am Laufsteg entlang, der von der Mitte des Saales - in Höhe des Eingangs - zum Brautthron am Saalende führte. Die Mehrheit der Frauen widmete sich dem Gespräch. Einige von ihnen, meistens ältere, die in einer speziellen Sitzreihe Platz genommen hatten, rauchten Schischa (Wasserpfeife) oder kauten Qat. Bewirtet wurden die Gäste mit Kaffee oder Wasser und einer Art Lunchpaket (na ja, eigentlich Dinnerschachtel), das aus süßen und salzigen Teilchen bestand, die aber alle nicht koscher für strenge Vegetarier schienen - weshalb ich meine Schachtel später an Jassir's weibliche Verwandtschaft verteilte, die sich später zu mir gesellte. Appetitlicher als der Geruch der Teilchen war zweifellos der Weihrauch, der in speziellen Gefäßen verrauchte.

Für den Festtag hatten sich alle Frauen in Schale geworfen - oder sollte ich besser sagen, hatten ihre Schalen abgeworfen: Kleider mit tiefen Ausschnitten, hohe Beinschlitze, transparente Stoffe, lange Ohrringe, rasselnde Ketten aus Gold oder traditionellem Silber, manche mit Diadem oder Stirnband. - das sehr gewagte, abendliche Outfit mit dem Flair eines Nachtklubs stand in diametralem Gegensatz zu dem anonymen Schwarz der Straßenkleidung.

Sehr viel später am Abend kam dann tatsächlich die Braut. Die Ankunft der Braut am Eingang des Gebaeudes wurde im Saal mit freudiger Erregung registriert und drückte sich in einem merkwürdigen Gellen aus, daß ich trotz mehrfacher Versuche immer noch nicht in der Lage war auszustoßen (ich half mir mit den Wu-Wu-Wu Lauten aus den Indianerspielen meiner Kindheit). Das Lächeln der Braut, jede ihrer grazilen Bewegungen wurde sorgsam von der Videokamera festgehalten, der einzigen, die zu diesem Fest erlaubt war. Die Braut war übrigens - am ersten Abend - traditionell gekleidet. Das bodenlange Kleid glich eher einem Mantel, der Kopf war verdeckt mit einem bortenverzierten Tuch, das Gesicht zart umhüllt mit einem lila Schleier. Die Hände und Arme kunstvoll rot (Henna) und schwarz verziert, was aber nur zur Geltung kam, wenn die Braut die überlangen Ärmel hochzog.

Sobald eine der Frauen in den Einzugsbereich der Linse zu geraten Gefahr lief, hob sich ein schwarzer Vorhang, d.h. zückten die Frauen schnell ihre schwarzen Schleier, die sie sich breitfront vor Gesicht und Körper hielten. Die zartlächelnde, hochgestylte Braut wurde von zahllosen Freundinnen und Verwandten umringt, die sie auf ihrem schneckenlangsamen Weg zum Brautthron begleiteten. Für die 25 Meter brauchte sie etwa eine Stunde.

Vom Bräutigam (Nabil) ward am ersten Abend nichts gesehen. Der erschien erst am Ende des zweiten Abends und bewegte sich - gefilmt von der einzigen, autorisierten Videokamera - auf seine Auserwählte (Jusra) zu – nicht weniger langsam als diese bei deren Defilee. Natürlich gingen auch diesmal prompt die individuellen schwarzen Vorhänge nach oben, jedenfalls von den Frauen, die nicht bereits mit Kopftuch und Schleier verhüllt waren.

Höhepunkt und Abschluß des (zweiten) Abends bildete der Tanz des Brautpaares, was bei dem ausufernden Hochzeitskleid eine nicht zu unterschätzende Koordinationsleistung darstellte. Die Szene hatte eine unverkennbar romantische Ausstrahlung. Braut und Bräutigam strahlten beide übers ganze Gesicht.

Ganz anders als Najla's Cousine, die bei ihrer Hochzeit vor einem Jahr auf mich eher den Eindruck eines verstörten Kaninchens - das auf die Schlange wartet - gemacht hatte. - Jusra und Nabil hatten in den vergangenen Monaten ausgiebig Nutzen gemacht von der wichtigsten Errungenschaft der modernen Zivilisation, dem Mobiltelefon, und waren sich - wenn auch nicht physisch - so doch virtuell näher gekommen.

Männliche Hochzeitsfeier
Meine erste und bisher einzige männliche Hochzeitsfeier verbrachte ich vor kurzem mit Hajo, einem deutschen Computerexperten, der immer wieder zu Kurzzeiteinsätzen in den Jemen kommt und der sich freundlicherweise bereit erklärt hatte, mich zur Hochzeitsfeier zu begleiten. Bräutigam war der Sohn Dr. Al Amari's, den ich im letzten Jahr auf einem Workshop kennen gelernt hatte. Hajo und ich trudelten gegen 5 Uhr nachmittags ein und fanden in dem riesigen Hochzeitsaal am Rande der 60 Street die ausschließlich männliche Hochzeitsgesellschaft an. Die meisten Gäste waren schon wieder auf dem Sprung, den die erste Qatkaurunde neigte sich dem Ende zu.

Dr. Al-Amari, der Bräutigamvater, begrüßte uns am Eingang des Saales und wies uns einen Platz neben seinem englischsprachigen Neffen zu, der extra aus Aden angereist war, um den Feierlichkeiten beizuwohnen. Wir wurden dem Bräutigam vorgestellt und machten fleißig Photos, was bei einer weiblichen Hochzeitfeier unvorstellbar gewesen wäre. Die Braut bekamen wir selbstverständlich nicht zu Gesicht. Die Feierlichkeiten bestanden hauptsächlich aus Qatkauen, das bereits am frühen Nachmittag begonnen hatte und das gelegentlich von arabischer Musik begleitet wurde. Später dann am Abend bewegte sich der Bräutigam über den Laufsteg in Richtung Ausgang zu. Das langsame Tempo des Bräutigamzuges machte den Brautvater sichtlich nervös. Dazu muß ich wohl erwähnen, daß ich keinen rührigeren Menschen im Jemen (und vielleicht auch sonst wo) begegnet war als Dr. Al Amari. - Nur zu gut konnte ich Dr. Al Amari's Wunsch nachvollziehen, das Tempo zu beschleunigen. Nach einer Stunde war der Zug dann vor das Gebäude getreten, wo sich die Mannschaft zu Gesang und angedeuteten Tanzgesten versammelte. - Es war 10 Uhr abends, als sich Hajo und ich verkrümelten, ohne das Ende Gesanges und den Aufbruch zur Braut abzuwarten. Wäre Hajo nicht gewesen, ich hätte sicherlich schon früher das Handtuch geworfen. Nein - männliche Hochzeitfeiern waren nichts für mich! Kein Vergleich zu den prachtvollen Events der weiblichen Hochzeitsfeiern!

Eheanbahnung und –Umgehung
Auch wenn die Pracht nicht für Männeraugen bestimmt ist, hat ein weibliches Hochzeitsfest ehestiftende Funktion. Traditionell werden die jungen heiratswilligen Männer nämlich von ihren Müttern bzw. Schwestern bei der Brautwahl beraten. Ein Hochzeitsfest ist die Gelegenheit, die Aufmerksamkeit einer zukünftigen Schwiegermutter auf sich zu ziehen. - Jassir, unser Fahrer, hatte die Brautwahl völlig seiner weiblichen Verwandtschaft überlassen. 'Dann können sie sich später nicht über meine Frau beklagen, schließlich haben sie sie selbst ausgesucht,' war seine durchaus einleuchtende Begründung.

Jemenitische Familien sind Großfamilien, meist leben unterschiedliche Generationen unter einem Dach. Und bei durchschnittlich 7 Kindern (pro Frau) sind jemenitische Häuser immer gefüllt. Kein Wunder auch, daß sich Vans und Minivans großer Beliebtheit in Jemen erfreuen, nur daß sich die nicht jeder leisten kann.

Männer und Frauen scheinen im Jemen in verschiedenen Welten zu leben, was die Kontaktaufnahme nicht gerade erleichtert. Lediglich zu Hause fällt der Schleier, allerdings nur, wenn kein fremdes männliches Wesen zugegen ist. Viele Ehen werden im weiteren Verwandtenkreis geschlossen. Ehen zwischen Cousin und Cousine sind an der Tagesordnung. Das reduziert (böse) Überraschungen über den (Charakter des) Ehepartner(s) und hält das Familienvermögen zusammen, begünstigt allerdings auch die Rate der Erbkrankheiten im Jemen.

Das Konzept der Liebesheirat ist in der Praxis eher die Ausnahme, auch wenn fast alle arabischen Lieder von der Liebe handeln. Ein Widerspruch? - dachte ich - und fragte meine Gesprächspartner. 'Keineswegs, die Liebe kommt nach der Hochzeit.' Jedenfalls in den meisten Fällen, in einigen anderen Fällen endet die Ehe - wie in unseren Gefilden auch - mit der Scheidung.

Das erinnert mich an meine Unterhaltung mit Elke (frühere Folge), deren Vermieterin bereits zum 5. Mal verheiratet war. Ich bin kein Demograph, aber es schien mir, daß wohl nicht nur im Jemen eine Ausnahme ist. Wenn ich mich recht erinnere, sagte Elke, daß die Dame in der Mehrzahl der Fälle wieder geschieden wurde (Frau müssen sich vor Gericht scheiden lassen, während Männer wohl nach islamischen Recht die Ehe einfach so auflösen können...) und sich nicht a la Agatha Christie des (der) Problems(e) erledigte. – Die jetzige Ehe der Hausherrin - so erklärte Elke's jordanische Freundin – die die Wohnung an Elke vermittelt hatte - sei allerdings eine Wunschverbindung beiderseits gewesen. (So daß man / frau hoffen mag, das die Statistik damit ihr Ende findet.)

In dem Gespräch hatten Elke und ihre Freundin die wenn auch eingeschränkten Möglichkeiten erörtert, die Ehe kurzfristig über eine Seitenstraße zu by-passen. Elke fragte ungläubig, ob ich denn nicht wüßte, daß es auch im Jemen so etwas wie Stundenhotels gäbe. - Naiv wie ich war, hatte ich tatsächlich geglaubt, daß die Sittenpolizei da sicherlich einen Riegel vorschieben würde, genauso wie nirgends - außer im Sheraton und im britischen oder war es der russische Klub – Alkohol ausgeschenkt wurde.

Dunkel erinnerte ich mich an ein Gespräch mit einem Fahrer – NATÜRLICH NICHT unser Jassir - zurück, der mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut hatte, daß er sich eine ganz nette Freundin zugelegt hatte, die auch viel netter war als seine angeblich immer kranke Frau. - Damals hatte ich mich gewundert...

Aber mein Bild wurde wieder zurechtgerückt, als mir ein jemenitischer Kollege aus dem Ministerium anvertraute, daß er ja auch gerne einmal über den Tellerrand schauen wollte, aber er sich selbst auf dem Präsentierteller befand. Nichts könne er unbeobachtet unternehmen, da sein Schwiegervater ein früherer Premierminister sei. Zu dumm aber auch...

Ein anderer (jemenitischer) Kollege aus dem Ministerium lud mich vor ein paar Monaten zum Mittagessen ins Restaurant ein, um mir in Anwesenheit eines weiteren Kollegen zu verkünden, daß seine Frau abgrundtief häßlich sei und er sich jetzt dazu entschlossen hatte, ein zweites Mal zu heiraten. Ich bedauerte ihn aufrichtig, fragte vorsichtig nach, warum er seine erste Frau denn überhaupt geheiratet hatte - zu fragen, wie die drei Kinder bei einer solchen unüberbrückbaren Abneigung entstanden waren, traute ich mich dann doch nicht. Konstruktiv - schließlich bin ich als Managementberaterin im Ministerium tätig - schlug ich ihm vor, doch gleich mal eine Long list anzulegen, Auswahlkriterien festzulegen und die lange Liste dann in eine Short list umzuwandeln. - Irgendwie sagte mir eine Stimme in meinem tiefsten Inneren, daß ich vielleicht selbst gerade auf der Longlist stand und das Mittagessen ein Auswahlinterview war.

Die richtige Auswahl zu treffen ist in der Tat eine schwierige Angelegenheit, die normalerweise auch nicht von dem Heiratswilligen selbst in Angriff genommen wird. Schließlich - wer will das bestreiten - fehlt ihm oder ihr dazu die Erfahrung.

Najla, unsere ehemalige Projektassistentin, ist 26 und noch zu haben. Den Richtigen zu finden ist nicht unbedingt eine Frage des Herzens, sondern eher eine des Verstandes. Der Richtige muß Muslim sein oder bereit sein, einer zu werden (Ausländer durchaus willkommen!), aus einer angesehenen Familie kommen, die ihr die angemessene Sicherheit und gesellschaftliche Stellung bieten kann, nicht verheiratet sein oder bereit sein, sich scheiden zu lassen (Zweitfrau zu sein kommt für Najla nicht in Frage), einigermaßen intelligent sein, um den Anforderungen einer zwischenmenschlichen Kommunikation zu genügen, keinen Anstoß daran finden, daß Najla eine Universitätsausbildung abgeschlossen hat und ihr (nicht unerhebliches) Geld selbst verdient.

Für sachdienliche Hinweise zum Ergreifen des Gesuchten winkt eine attraktive Belohnung, eine Art Überraschungspaket, das frühestens am Tage der Verlobung enthüllt werden darf (nur das Antlitz versteht sich, der Rest erst nach den Hochzeitsfeierlichkeiten). Scherz beiseite: den richtigen zu finden ist wirklich nicht einfach, und für Frauen in einer traditionellen Gesellschaft um so mehr.

Im Gegensatz zu muslimischen Frauen haben Männer immerhin die - wenn auch meist eher rein theoretische Moeglichkeit, eine Nichtmuslimin zur Frau zu nehmen. Allerdings meinte neulich ein hinzugezogener muslimischer Sachverständiger, daß die Frau doch zumindest einer der Buchreligionen angehören müsse, sprich Jüdin oder Christin sein sollte. Buddhistinnen sind somit offensichtlich ausgeschlossen. Damit - schloß ich folgerichtig - bin natürlich auch ich ein mögliches Zielobjekt. Daß ich vor vielen, vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten war, würde hier niemand verstehen (und schon gar nicht gutheißen; denn besser eine Andersgläubige als ein Heidenkind). Aber es würde auch nichts nützen, denn einmal getauft, ist immer getauft.

Besser noch macht sich die Erklärung, daß die Mehrehe in Deutschland rechtlich verboten ist...

Nein, ich kann nicht behaupten, daß ich mich hier im Jemen belästigt fühle. Offene Anmache ist gänzlich verpönt, mal abgesehen von dem „I want to fuck you“, was ich einmal von einem Taxifahrer zu hören bekam, als ich ihn glauben machen wollte, ich verstünde kein Englisch. Damals war ich gerade auf dem Weg zu Najla. Ich ließ das Taxi kurzerhand anhalten, entschlüpfte aus der Hintertür (ich sitze immer auf der Hinterbank) und hielt sogleich das darauf folgende Taxi an. Zum Glück gibt es im Jemen keinen Taximangel. - Der erste Taxifahrer folgte mir wütend, weil ich ihm das Fahrtgeld noch schuldete. Aber alle Umstehenden, die sich rasch einfanden - und auch später Najla, der ich die Geschichte erzählte, bestätigten, daß ich das einzig richtige getan hatte. Keine Entschuldigung seinerseits, vor allem nicht die, daß er ja schließlich nicht habe wissen können, daß ich Englisch spräche, ließen mich erweichen, die 150 Rial Fahrgeld zu bezahlen. Zähneknirschend und mit meinem Aib (Schande!)-Kommentar zog er unverrichteter Dinge ab. Ich legte die 150 Rial dann später als Anerkennung der Solidarität dem zweiten Taxifahrer auf das Fahrgeld drauf.

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© Copyright Text, Graphik und Photos: Anne Christine Hanser 2006
Autorin: Anne Christine Hanser, International Advisor, Support for Administrative Reform, Sana'a, Jemen
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