Anne Christine Hanser
Reportagen aus dem Jemen, Teil 16:
Kämpfe um Wohnung und Miete

Mai 2006 - Fortsetzung der vorletzten Folge - bitte zurückblättern...

....Die Emotionen lagen blank, und eine Einigung lag in weiter Ferne. Das Gespräch zog sich hin wie Gummi. Irgendwann wurden die Argumente nur noch wiederholt. Schließlich vertagten wir uns - wie zwei ermüdete Krieger nach einem unentschiedenen Kampf - auf den nächsten Tag....

Den nächsten Tag war ich vollends damit beschäftigt, den Bericht über die Zufriedenheit der Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums fertig zustellen (bevor ich am späten Abend den Heimatflug nach Deutschland antreten würde), als mich gegen 2 Uhr nachmittags der Anruf meines Vermieters ereilte. Die Fortsetzung des gestrigen Zweikampfs... Diesmal hatte mein Vermieter ein Art Schiedsrichter mitgebracht, der nebenbei die arabisch - deutsche Übersetzung sicherstellte. Ein netter älterer Herr, der vor vielen Jahren in Ostdeutschland studiert hatte und in den kritischen Stunden des Lebens, d.h. wenn sich Hannah - die Tochter des Hauses - nicht mehr dazu in der Lage sah, von meinem Vermieter herangezogen wurde, um mit mir zu kommunizieren. (Hannah vermeidet voraussichtlich unangenehme Gespräche unter dem Vorwand, ihr Englisch sei für solche Gespräche nicht ausreichend.

Immer wieder versuchte mir mein Vermieter klar zu machen, daß ich laut Mietvertrag verpflichtet sei, ihm drei Monatsmieten zu bezahlen, wenn ich das Haus vorzeitig verlassen sollte...

Woraufhin ich mit einem breiten Lächeln antwortete, ich sei mir keines Vertrages bewußt, den ich unterschrieben hätte. (Der Mietvertrag, auf den er sich bezog, war zwischen ihm und der jemenitischen Consultingfirma geschlossen, die uns am Anfang betreut hatte...

Worauf er konterte, daß er und ich in einem Vertragsverhältnis stünden, was man leicht daraus ersehen könne, daß ich bisher immer meine Miete brav bezahlt habe. Er sei Jurist von Beruf, unterrichte einmal im Monat an der Universität und könnte daher den Sachverhalt sehr wohl beurteilen (mir war klar, daß auch ihm klar war, daß sein Argument reichlich schwach war...).

Woraufhin ich entgegnete, daß - wenn wir dem ursprünglichen Vertrag folgten - ich nur 600 USD Miete monatlich zu bezahlen hätte, und nicht 650 USD, auf die wir uns geeinigt hatten, nachdem wir vor einen knappen Jahr herausgefunden hatten, daß die Consultingfirma uns beide geleimt hatte (indem sie ihm 600 USD Miete in den Vertrag schrieben und mir 700 USD für die nächsten 6 Monate gleich im Voraus abverlangten - abgesehen von der Maklergebühr von jeweils einer Monatsmiete, die sie uns BEIDEN abgeluchst hatten.

Darauf hin wandte er ein, daß er bisher großzügig von einer Kaution für die wertvollen Möbel abgesehen hatte, die er vor - weiß Allah - wie vielen Jahren für 8000 USD (damals herrschte sicherlich Hochpreispolitik) angeschafft hatte.

Dem setzte ich meinen Computer, Stereoanlage und wertvollen Businessklamotten entgegen, die ich dieser Wohnung anvertraute, während ich mich nun auf den Heimflug machen würde.

So hitzig ging es noch eine Weile zwischen uns beiden hin und her – immer wieder wurden die gleichen Argumente ausgetauscht. Wie bei einem Ehestreit (was für ein Glück, daß ich nicht verheiratet bin) beharrten beide Partner auf ihrer Position. Zwischen uns besagter Übersetzer, der immer wieder die gleichen Phrasen übersetzen mußte. Am Ende einigten wir uns darauf, daß wir die Sache nach meiner Rückkehr aus Deutschland noch einmal besprechen wollten. In der Zwischenzeit nahm mein Vermieter die halbe Monatsmiete an und verlangte obendrein noch das Wassergeld (was ich stirnrunzelnd kommentierte). Auf seine Bitte hin verfaßte ich ein Papier, in dem ich erklärte, daß ich den über die lokale Consultingfirma geschlossenen Mietvertrag niemals erhalten hatte und nur eine wage Ahnung davon hatte, was in dem Mietvertrag stand.

Siegesbewußt nahm mein Vermieter dieses Schreiben entgegen und erklärte mit überzeugter Stimme, daß er sich in den nächsten zwei Wochen meiner Abwesenheit mit dem Eigentümer der Consultingfirma treffen werde, um die Sache zu klären. 'Prima' - sagte ich mit einem aufmunternden Lächeln, vorausahnend, daß er nichts dergleichen tun würde. Er wollte sich wohl kaum zu Narren machen...

Endlich verließen die beiden mein Revier, und ich machte mich daran, meinen Bericht zur Mitarbeiterzufriedenheit (meine lag reichlich danieder) zu Ende zu schreiben und den Koffer zu packen...

Zwei Wochen später - nach meiner Rückkehr aus Deutschland - machte ich mich daran, nach anderen Wohnungen Umschau zu halten, in der festen Überzeugung, daß das nun nicht allzu schwierig sein würde. Jassir, unser Fahrer und Mädchen für alles, kontaktierte ein Maklerbüro, das uns an zwei Nachmittagen die Palette überteuerter Wohnungen im Golfstil vorführte. Aber keine sagte mir wirklich zu. Eine vielleicht. Aber die verlangte nach einer Reihe von Investitionen, die der Eigentümer sogar bereit war zu tätigen, wenn ich mich für mindestens ein Jahr verpflichten würde. Gerade dazu war ich angesichts der verschiedenen Versuche meines Teamleiters (kurz zuvor hatte inzwischen bereits der zweite Kollege das Handtuch geworfen) nicht bereit.

Nachdem wir uns alle Wohnungen angeschaut hatten, meinte Jassir: „Wenn Du mich fragst... Deine Wohnung ist so schlecht gar nicht, und wenn die Ratten nicht mehr kommen sollten - geradezu ideal.“ Ich mußte Jassir beistimmen. In der Tat. Jetzt war ich mir wenigstens dessen bewußt.

In der Zwischenzeit hatte mein Vermieter mit weit reichenden Verschönerungsarbeiten im Hof begonnen oder - sollte ich besser sagten - beginnen lassen: die Pflanzen im Garten wurden gestutzt, die Hälfte der Geranien eliminiert, und die Mauer weiß getüncht. Alles in allem – sehr passabel. Sogar das Gartentor, an dem ich mich einige Wochen zuvor versucht hatte, wurde ein weiteres Mal gestrichen.

Der Höhepunkt jedoch war zweifelsohne die weiße Fliegenfängertür, die sich plötzlich vor meiner eigentlichen Haustür befand. Kopf nickend meinte mein Vermieter: „Jetzt kann keine Maus mehr rein.“ (Das Wort „Ratte“ wollte einfach nicht in seinen Wortschatz.) Noch größer aber war meine Überraschung, als ich ein paar Nachmittage später eine völlig neue, bedeutend prestigevoller aussehende und definitiv Mäuse wie Fliegen abhaltende braun-metallige Vordertür statt der weißen - die schmachvoll in einer Ecke des Hofes verbannt worden war - vorfand.

„Die ist noch viel sicherer!“ - meinte mein Vermieter sichtlich stolz, „wa gamil djiddan (und sehr schön)" fügte ich hinzu.

Es grenzte an ein Wunder, daß mein Vermieter von sich aus eine Ausgabe machte. Insgeheim hatte ich über Jassir erfahren, daß mein Vermieter sich von meinen ernsten Absichten, die Wohnung zu wechseln, spätestens zu dem Zeitpunkt überzeugt hatte, als er draußen vor dem Tor die Wohnungsmakler auf mich hatte warten sehen. Er hatte Jassir - unseren Fahrer - zur Seite gezogen und ihn ausgehorcht. Eile war geboten. Besondere Ereignisse verlangen besondere Maßnahmen.

Ich schmunzelte. Längst hatte ich die Entscheidung getroffen, NICHT auszuziehen. So hatten wir beide unser Gesicht gewahrt.

Allerdings hätte ich mir denken können, daß ich früher oder später zur Kasse gebeten würde. Am nächsten Monatsende kam prompt der Anruf und ein freundlicher Besuch am Abend... ob ich angesichts der erheblichen Ausgaben vielleicht eine Monatsmiete zusätzlich im Voraus bezahlen könnte. – Was blieb mir anderes übrig...

Einen weiteren Monat später erhielt ich wieder einen freundlichen Anruf und den obligatorischen darauf folgenden Besuch mit der Bitte, zwei Monatsmieten zusätzlich im Voraus zu bezahlen. Diesmal mußte die Neuanschaffung eines Autos herhalten. Ich versuchte hart zu bleiben und wandte Hannah's Taktik an: Einfach so tun, als ob man nichts versteht. Das war natürlich nicht sonderlich schwierig, wenn der eine nur Arabisch, und die andere nur Englisch spricht...

Ich hätte mir denken können, daß ich in dem Spiel nur kurzfristig in Führung gegangen war, denn prompt zog mein Gegenüber ein As aus dem Ärmel: Ein Freund, ein Doktor, der in Deutschland studiert hatte (ein anderer Freund als der, den ich bisher in unserem Wohnungsstreit kennen gelernt hatte). Mit lobenden Worten erklärte er dem Doktor, welch außergewöhnlich gute und gütige Mieterin ich sei, wie zufrieden er mit mir sei und möge Allah mir noch viele lange Arbeitsjahre im Jemen geben. –

Wie konnte ich solch netten Worten widerstehen. - Aber ich schwor mir: Beim nächsten Mal bleibe ich hart. Schließlich bin ich keine BANK.

Warten wir ab: das nächste Monatsende steht vor der Haustür...

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© Text, Graphik und Photos: Anne Christine Hanser 2006
Autorin: Anne Christine Hanser, International Advisor, Support for Administrative Reform, Sana'a, Jemen
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