Anne Christine Hanser
Reportagen aus dem Jemen, Teil 11:
Ein ganz normaler (!) Arbeitstag im Ramadan

9 Oktober 2005

Mal wieder Ramadan….
Heute war ein ganz normaler, verrückter Tag im - Ramadan. Unsere beiden Kurzzeitexperten, William (Italiener - wie man unschwer am Namen erkennt), Nicola (Britin - ebenfalls unschwer am Namen zu erkennen!!) und ich waren um 10 Uhr im Hauptbüro des Projektes im Ministerium des Öffentlichen Dienstes verabredet. - Punkt 10 Uhr (das heisst eigentlich schon um 9.58 h - denn 2 Minuten hatte ich für das Treppensteigen einkalkuliert) kamen wir auf dem Hof vor dem Ministerium an (Jassir war ausnahmsweise mal pünktlich). Ich machte mir erst gar nicht die Mühe, die drei Stockwerk-Treppen hochzusteigen. Der Blick über den Vorhof (d.h. genauer gesagt das Fehlen des Autos) sagte mir, dass unser Teamleiter nicht wie verabredet zu dem Treffen erschienen war. Warum nur überraschte mich das so ganz und gar nicht?! Als er sich auf mehrmaliges Anklingeln per Handy auch nicht meldete, schwante mir, dass er vielleicht noch seelenruhig schlummerte. - Womit ich ihm - wie sich später herausstellte, völlig unrecht tat.

Nach 10 Minuten Warten bat ich Jassir, unseren Fahrer, den Weg in UNSER Gesundheitsministerium anzutreten, was von meinen beiden Kurzzeitkollegen mit den Worten 'bei uns in Italien / Großbritannien dauert das akademische Viertel 15 – in Worten: FÜNFzehn - Minuten kommentiert wurde'. Aber: Zum einen kannten die beiden unseren Teamleiter (Paul) nicht, zum anderen gilt das akademische Viertel natürlich nur für Akademiker - wie William (der Italiener!!) selbst zugab.  

Jassir's Kommentar war mehr praktischer als theoretischer Natur. Er schlug vor, dass ich sicherheithalber auch noch Paul's Büro-Telefonnummer wählen sollte, denn sonst würde der nachher behaupten, er habe im Büro gesessen (ohne sein Mobiltelefon, das sich zuhause ausruhte) und vergeblich auf uns gewartet. Meinen Einwand, dass dann aber doch wenigstens das Auto im Hof stehen müsste, schmetterte Jassir gekonnt ab, indem er darauf hinwies, dass Paul den Fahrer weggeschickt haben konnte (wohin bloss?? - im Ramadan kam weder Frühstücken noch Einkaufen in Frage - um die Zeit waren die meisten Geschäfte nämlich geschlossen).

Aber der Anruf zeigte ebenso wenig Erfolg. Selbst der Anrufbeantworter, der normalerweise nach dem 2. Klingeln erbarmungslos sein Sprüchchen hersagt, blieb diesmal stumm. - Kein Wunder. Es ist Ramadan, und da muss sich eben auch der Anrufbeantworter schonen.

Als ich heute morgen - früher als gestern noch den Mitarbeitern gegenüber angekündigt!! - ins Gesundheitsministerium kam, war niemand in unserem Büro, vor allem nicht unsere beiden Mitarbeiter. Die Türen waren verschlossen. (Na besser als aufgebrochen!!)

Ich schickte eine freundliche SMS (den unfreundlicheren Textteil löschte ich nach einminütigem intensiven Nachdenken wieder. Man will ja nicht gleich die Chefin raushängen lassen) an beide mit den Worten "darf ich fragen, wo ihr seid?" - auf die aber keine Antwort kam. - Langsam gab ich das Wundern auf. Es ist Ramadan.

Kaum hatte ich die Tür aufgesperrt, da klingelte auch schon mein Handy. Paul, der fragte, wo wir denn seien. – Er schien eher erleichtert, dass wir das Warten abgebrochen hatten, denn er sei in der Britischen Botschaft aufhalten worden, wo Handy-Benutzen kategorisch verboten ist. Und natürlich hatte sein Aufenthalt in der Botschaft länger als erwartet gedauert, weshalb er uns weder benachrichtigen geschweige denn rechtzeitig treffen konnte.

Damit war das Treffen auf den nächsten Tag verschoben (eine Art immer wiederkehrendes Deja Vue Erlebnis), was ohnehin keinen Unterschied machte, denn die Gehalts-Schecks, die ich hätte unterschreiben sollen, waren – laut Aussage unseres Teamleiters - eh nicht gedeckt, da er auf die Geldüberweisung aus Deutschland wartete. (Dass er die erst vor einigen Tage – NACH dem ERSTEN – an dem normalerweise die Gehälter bezahlt werden – beantragt hatte, hatte er gestern in einem Nebensatz verraten. – Wie es den Anschein hat, werden Gehälter jeden Monat neu festgelegt, am besten nach dem Ersten des Folgemonats, so dass es völlig unmöglich ist, rechtzeitig die Summe zu kalkulieren und das Büro in Deutschland um den Transfer zu bitten.) – Das einzige, was mich an der Geschichte mit den Schecks nervte, war, dass unser Teamleiter fröhlich jedem, der es hören oder nicht hören wollte, erzählte, dass er die Schecks nicht rechtzeitig an die Mitarbeiter übergeben konnte, weil Anne - Christine die Schecks nicht VOR ihrer Abreise nach Deutschland am 28. September unterschrieben hatte. Hätte ich nur allzu gern, wenn es Schecks zum Unterschreiben (ich habe die dankbare Aufgabe, alle Schecks gegenzuzeichnen, die unser Teamleiter ausstellt) gegeben hätte. Als ich mich extra zu diesem Zweck am 25. September im Hauptoffice bei Paul einfand, stellte sich heraus, dass das Scheckheft nur noch ein leeres Formular enthielt. Das wurde dann für das Augustgehalt einer Sekretärin (meines Kollegen) verwendet, die leider letzten Monat vergessen worden war.

Zurück zum heutigen Morgen und unserem Office:

Als nach 2 Stunden die neue Sekretärin Huda (die alte, Najla, hatte uns gerade verlassen.) immer noch nicht da war (aber wenigstens Jalal, unser Projektassistent), kam ich meinem Verpflichtungen als Arbeitgeberin nach und rief bei ihr zuhause an, um von ihr mit einem Lächeln in der Stimme zu erfahren, dass ihr der Job nicht zusagt. (Sie ist gerade mal 1 Woche hier, und in dieser Woche war ich in Deutschland.) Nach meiner ersten Verwunderung und Enttäuschung über so wenig 'Professionalität' nahm ich es gelassen als Kismet hin, freute mich insgeheim darüber, dass ich nun ohne schlechtes Gewissen Hamada, meinem jungen Arabischlehrer, eine Chance geben kann.

Am Abend suchte ich Hamada auf, um ihn zu fragen, wie seine Tippkenntnisse inzwischen vorangeschritten seien (das war der Hauptgrund, warum ich mich für Huda entschieden hatte, nachdem Najla so überraschend gekündigt hatte). Hamada meinte, dass dies der glücklichste Tag in seinem Leben sei, worauf ich nur anmerkte, ‚na hoffentlich auch für mich.’ Ich gebe zu, dass ich gewisse Anforderungen an meinen sekretariellen Mitmenschen habe, die nur schwer mit den Gepflogenheiten in einem Land wie dem Jemen vereinbar sind. Die wichtigste Voraussetzung: Mitdenken, die zweite: Englisch sprechen und Schreiben (oder sollte ich sagen: TIPPEN), die Dritte: Arabisch – insbesondere das Fachvokabular – beherrschen. Daneben erwarte ich ein bisschen Eigeninitiative, ein fröhliches Lächeln ab und an - was zugegebenermassen nur schwer unter dem Schleier zu erkennen ist. – Na, mit nunmehr 2 männlichen Assistenten ist das Schleierargument perdu. 

Trotz meiner Entscheidung für Hamada (und seinerzeit für Jalal) bin ich immer noch der Überzeugung, dass Frauen die professionelleren Sekretärinnen, besseren Officemanager, die härteren Arbeiter etc. sind. Wer mich deswegen für eine Chauvinistin hält, dem empfehle ich die Lektüre der falscheinparkenden Frauen und nicht-die-Wahrheit-sagenden Männern, die seit einigen Jahren obenauf der Bestsellerliste steht. – Man muss dass ganze nur ein wenig wissenschaftlich untermauern, und schwupp ist meine gesammelte Lebenserfahrung politisch korrekt. Beruhigend.

Beruhigend auch, dass ich mein Sekretariatsproblem erst einmal kurzfristig behoben habe. Im Ramadan ist eh’ nicht so viel zu tun, da hat Hamada genügend Zeit, sich im Tastenklimpern zu üben.

Apropos Tastenklimpern. – Ich habe seit Jahren zum ersten Mal wieder auf dem Keyboard gespielt, ich meine eine elektrische Orgel, nicht das normale Computerkeyboard. – Yemenia (die Airline) drückte beide Augen zu, als ich mit 33 Kilo Fluggepäck (die drei Handgepäckstücke brauchte ich zum Glück nicht aufs Band zu legen) eincheckte, 16 Kilo davon mein Keyboard. Üblicherweise frage ich bei solchen Gelegenheiten immer ganz betroffen nach dem Vegetarischen Essen, das – welch ein Glück – diesmal nicht vom Reisebüro geordert worden war, und genau zu dem beabsichtigen Mitleidseffekt führte. (Na mal ein Glück, dass ich wieder mal abspecken wollte…)

Um mich meinerseits bei Yemenia erkenntlich zu zeigen, honorierte ich die Kulanz beim Übergepäck heute mit dem Kauf zweiter Tickets (für Nicola und mich) für einen Flug nach Aden übers verlängerte Wochenende. Jassir hatte mich gestern zu diesem spontanen Entschluss veranlasst, als er sagte, der 14 Oktober stehe vor der Tür. Daran fand ich per se nichts Ungewöhnliches.

Der 14 Oktober ist der Tag der Befreiung des Südjemens von der britischen Kolonialherrschaft. Damit kam Jassir nur zögerlich raus – offensichtlich aus Mitgefühl für Nicola (die Britin, wie der Name schon sagt). Der Jemen ist eines dieser wundersamen Länder, wie im übrigen auch Russland und die anderen Post-Sowjetstaaten, die im Fall, dass ein Feiertag auf das Wochenende fällt, großzügig den Samstag freigeben (bei uns wäre das der Montag. Keine Angst, ich will es nicht komplizierter machen.)

Wie denn das, wollte Nicola ungläubig wissen. „Na, da würden die Südjemeniten einen Aufstand machen, wenn sie in diesem Jahr keinen Revolutionstag feiern könnten, die Nordjemeniten (am 26 September) aber doch“. Man muss dazu sagen, das Jassir aus dem Süden stammt, und insofern diese Aussage einen umso größeren Authentizitätsgrad aufweist.

Als ich gegen 20.15 h heute vor den Toren der Fluggesellschaft wartete, um die Tickets ausstellen zu lassen (natürlich hatte ich fälschlicherweise optimistisch angenommen, dass die Schalter um die Zeit noch geöffnet seien. Waren sie aber nicht. Dass heisst NOCH NICHT, denn während des Ramadan macht das Büro erst um 20.30 h AUF!!), fiel mein Blick auf das Spielzeuggeschäft gegenüber. In großen Lettern prangte doch das Schild ‚Bicecles’ – was unverkennbar darauf hinwies, dass es hier ‚FAHRREDER’ zu kaufen gäbe.

Ich nahm die 15 Minuten als Wink des Schicksals – ich meine natürlich ‚Kismet’ hin und erstand für 50 EURO und weiteren 1140 Rial (ca. 10 DM… ja, ja, ich weiß, ich gehöre zu den ewig gestrigen) ein schwarzes Damenfahrrad. Als Geschenk bekam ich eine batteriebetriebene abartig klingelnde Hupe obendrein, bestimmt made in China; die als Ersatz für den nichtvorhandenen Scheinwerfer dient.

Meine ersten Fahrversuche machte ich auf der stark befahrenen Haddastreet nach Hause – mit den Tickets für das Wochenende in Aden in der Tasche.

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© Text, Graphik und Photos: Anne Christine Hanser 2005
Autorin: Anne Christine Hanser, International Advisor, Support for Administrative Reform, Sana'a, Jemen
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