Anne Christine Hanser
Reportagen aus dem Jemen, Teil 10:
Nabil zu Besuch

Nabil kommt Najla’a und mich nach dem Ramadan im Büro besuchen, um uns seine Ehre zu erweisen. Nabil ist erst vor kurzem von dem 6 - jährigen Betriebswirtschaftsstudium in den USA nach Hause zurückgekehrt. Die Eingewöhnung in die alte Heimat fällt ihm schwer, zu krass sind die Unterschiede zwischen der Welt im Jemen und der hinter dem großen Ozean. „Was gefällt Dir nicht?“ frage ich ihn und setze nach: „Was möchtest Du am dringendsten verändern?“ „Die Menschen!“ sagt Nabil und präzisiert mit einem vorsichtigen Lächeln „die Mentalität der Menschen.“

Nichts scheint sich zu ändern. Und dabei müsste sich so vieles ändern: viele Probleme und zu wenig wird getan. Die weisen Männer des Landes, und auch die weniger weisen, sitzen all-nachmittäglich in vertrauter Runde zusammen, beratschlagen die Probleme der Welt und kauen dabei Qat. Qat, eine im Jemen kultivierte Staude, deren Blätter die Eigenschaft haben, Appetit, Schmerz und Müdigkeit zu unterdrücken, ist die Gesellschaftsdroge Nr. 1 im Jemen. 15 – 20 Prozent des verfügbaren Einkommens, das danach eben nicht mehr verfügbar ist, geben die jemenitischen Haushalte im Durchschnitt für das Vergnügen aus, grüne Blätter in einem Mundwinkel zu bunkern, gelegentlich auf die gegenüberliegende Mundwinkelseite zu schieben und nach allein-Allah-weiß-wie-vielen-Stunden wieder auszuspucken. „In Saudi Arabien ist das Zeug strengstens verboten. Hier im Jemen hat man das auch versucht. Aber es hält sich niemand an das Verbot“, erklärt mir später Mohamed, Nabil Cousin.

Nabil indes fehlt es an der fatalistischen Geduld. Irgendwo in Amerika muss sie ihm abhanden gekommen sein, wenn er sie denn je besaß. Der Aufbau einer neuen Existenz wird durch die Zugehörigkeit zu einer angesehenen jemenitischen Familie erleichtert. Doch der Preis für den Schutz und die Geborgenheit der Großfamilie sind die Zugeständnisse des Individuums in Punkto persönlicher Freiheit. Männer haben es vergleichsweise einfach. Viel gravierender sind die Einschnitte für Frauen, die nach mehrjähriger Ausbildung aus dem Westen oder den liberaleren arabisch-sprachigen Staaten in den Jemen zurückkehren.

Nabil besucht uns heute zum ersten Mal im Büro, er sei geschäftlich im Gesundheitsministerium unterwegs und komme nur kurz auf einen Sprung bei uns im Büro vorbei. Der kurze Sprung dauert immerhin zwei Stunden. Najlaa und mir soll es recht sein. In der Woche nach den Id-Feierlichkeiten, d.h. dem Fest zum Abschluss des Ramadan, ist im Gesundheitsministerium nicht viel los. Das Gespräch mit Nabil ist eine angenehme Abwechslung, und Kekse für etwaige Besucher habe ich gestern in meinem Lieblingssupermarkt „Happy Land“ besorgt.

Nabil hat sich für die Schokoladenwaffeln entschieden, was meine Projektassistentin Najla’a zu kritischen Bemerkung in Punkto Nabils Außenmaße veranlasst. „Nabil ist mir zu dick.“ Sagt sie in aller Direktheit, die Mann so gar nicht von einer devoten arabischen Jungfrau gewohnt ist. Ich versuche, die Situation zu retten, in dem ich mich für einen Augenblick auf Nabils Seite schlage: „Das klingt mir so wie die Fabel vom Fuchs und den Trauben. Die sind mir zu sauer, sagt der Fuchs, als er die Trauben nicht erreichen kann.“ Nabil versteht die Anspielung sofort und lacht. Najla’a arbeitete bis vor kurzem im Unternehmen von Nabil’s Vater. Nach Nabils Rückkehr fiel die Wahl auf Najla’a jüngere Schwester Jusra.

„Was machen die Hochzeitsvorbereitungen, Nabil?“ lenke ich ab, wohl wissend, dass ich damit auf Nabil’s Achillesferse abziele. - Wie liebe ich doch meine Rolle als Agent Provokateur. - „Insha’ allah, eine Woche, nachdem Jusra das Sommersemester beendet haben wird.“ Schon beginnt zwischen Najla’a und Nabil eine Debatte, mit welchem Datum das Sommersemester endet bzw. ob nicht Jusra die Prüfungen um ein paar Wochen vorziehen kann. Ich höre mir genüsslich schmunzelnd an, wie Najla’a die Interessen ihrer Schwester Jusra in deren Abwesenheit vertritt. – Erst einmal muss Jusra’s und Najla’as Vater aus Australien zurückkommen, damit die Verlobung offiziell bekannt gegeben werden kann.

Schon kraust sich Nabil’s Stirn vor Unbehagen: „wenn sich das Ganze noch weiter in die Länge zieht, dann lasse ich die Verhandlungen platzen. Irgendwann muss man doch zu einem Abschluss kommen.“ – Wie bereits erwähnt, fehlt es Nabil ein wenig an der demütigen fatalistischen Grundeinstellung, die doch ausgesprochen notwendig in einem Land ist, in dem sich mindestens die Hälfte der Zeit gar nichts bewegt, abgesehen vom dem Speichel, der die grünen Qatblätter benetzt.

Natürlich hat niemand ein Interesse am Abbruch der Verlobungsverhandlungen. Pech für Nabil, dass sich die Rückkehr von Jusra’s Vater um einen weiteren Monat verzögert. Die Zwischenzeit hat Nabil jedoch sinnvoll genutzt, um die Mobiltelefonnummer der Braut in Erfahrung zu bringen. Wovon natürlich die Eltern des Paares nicht die geringste Ahnung haben, offiziell jedenfalls nicht. - Trotz Aufbietung seines reichlich vorhandenen natürlichen Charmes sieht es nicht danach aus, dass Nabil Jusra bewegen kann, den Schleier der Ungewissheit VOR der Verlobungsfeier zu heben.

Mit einem Lächeln von fast naiver Unschuld erwähne ich Nabil gegenüber, dass erst vor wenigen Tagen Jusra auf einer Familienfeierlichkeit traf, sie sich bester Gesundheit erfreute und bezaubern wie immer aussah. „Das nächste Mal musst du ein Foto machen.“ Natürlich weiß er, dass sich die unverheirateten Mädchen, ja nicht einmal die verheirateten Frauen der eingesessenen Sanaa’er Familien jemals freiwillig fotografieren ließen. Im Versuch, seine offensichtliche Niederlage doch noch in einen Sieg zu verwandeln, holt Nabil zu einem befreienden Gegenschlag aus, der die beabsichtigte Wirkung nicht verfehlt: „Eigentlich habe ich schon ein Foto von Jusra.“ Najlaa, deren Augen durch das Fenster des Schleiers, plötzlich starr vor Entsetzen an Nabils Lippen haften, fehlt es in diesem Augenblick der Wahrheit an ihrer sonst sprichwörtlichen Schlagfertigkeit. Nabil, sichtlich gestärkt von der überraschenden Wende der Debatte, setzt zum finalen Stoß an: „Um genau zu sein, habe ich, hm,“ er zählt gedankenverloren an den Fingern ab „eins.., zwei.., drei.., vier.. Fotos von Jusra.“

Najla’a, die Ehre der Schwester wie die eigene verteidigend, pariert wie erwartet: „woher?!“ Die Erklärung Nabils klingt durchaus plausibel. Najla’a kommt ins Grübeln. Ich kann ihre Gedanken förmlich aus den Augenwinkeln, denn viel mehr sieht man hinter Najlaa’s schwarzen Schleier nicht, erahnen. Es ist wahr, dass die Studenten eine Kopie des Ausweises bei der Verwaltung abgeben müssen, jeder Ausweis, auch der der strenggläubigsten, tiefschwarz verhüllten Studentinnen enthält zu Identifizierungszwecken ein Passbild OHNE Schleier. Gegen Bezahlung eines entsprechenden Bakschisch an die chronisch unterbezahlte Verwaltungskraft sollte es keine allzu große Schwierigkeit darstellen, an die Kopie des Passes zu gelangen: eine undichte Stelle im System.

Der Schlagabtausch der beiden ungleichen Kontrahenten endet abrupt mit dem Klingeln des Bürotelefons, das Najla’a zum Hörer greifen lässt. Schließlich sind wir zum Arbeiten hier. Unser Projekt zur Reform der öffentlichen Verwaltung im Jemen hat Anfang September 2004 begonnen: Verbesserung des Management, Personalwesens, Training und Einführung von Computertechnik. Meine Aufgabe ist es, das jemenitische Gesundheitsministerium innerhalb der nächsten drei Jahre bei der laufenden Reform zu unterstützen.

– „Ist alles nur erfunden“, raunt mir Nabil vertraulich zu „ich hab gar kein Foto. Kannst du bitte versuchen eines zu bekommen, wenn Du sie das nächste Mal siehst.“ Das ist pure Illusion. Aber vielleicht könnte ich es schaffen, Jusra’s Gesichtszüge mit ein paar Bleistiftstrichen festzuhalten.

Fast schon rührt mich Nabils Ungeduld und der Mut seiner Verzweiflung. Am liebsten würde ich dem Schabernack ein Ende setzen. Schließlich hat die Maskerade ihr Ziel, Nabils Neugierde zu wecken, erreicht. Aber die schwarze Umhüllung, der scharschaf, ist kein Maskerade, sondern selbstverständlicher Bestandteil der weiblichen, jemenitischen Kleiderordnung.

Auch ich habe durchaus die praktischen Seiten des balto (schwarzer Umhang) kennen gelernt, allerdings verzichte ich üblicherweise auf die litma, den eigentlichen nur die Augenpartie freigebenden Schleier. Frischer Wind im Gesicht ist mir mehr wert als meine Anonymität. Anders als in Saudi Arabien besteht im Jemen, übrigens der einzigen Demokratie unter den Golfstaaten, keineswegs die Pflicht zur schwarzen Robe. – Ich trage den balto am liebsten zum Einkaufen, einmal überziehen, den higab (das schwarze Kopftuch) oder einen farbigen Schal um die blonden Haare gewickelt, und schon ist frau ausgehbereit. Manchmal grinse ich innerlich wie äußerlich bei dem Gedanken, was die Daheimgebliebenen in Deutschland zu meinem Aufzug sagen würden.

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© Text, Graphik und Photos: Anne Christine Hanser 2005
Autorin: Anne Christine Hanser, International Advisor, Support for Administrative Reform, Sana'a, Jemen
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