Anne Christine Hanser
Reportagen aus dem Jemen, Teil 1:
3 Jahre im Jemen - so fing es an

18. September 2004

Das Angebot meiner alten Firma, im Jemen zu arbeiten, kam für mich überraschend. Nach Abschluss meines MBA (Master of Businessadministration) Studiums und dem Entschluss, meinen bisherigen Arbeitsplatz nach 10 Jahren zu verlassen, hatte ich mich mental darauf eingestellt, die nächsten Jahre in Osteuropa bzw. der Ex-UdSSR zu verbringen. Fern von Deutschland leben - jedoch in Reichweite; in einem anderen Sprachkreis arbeiten - aber einem mir bekannten (Russisch), vor allem aber umgeben von Menschen mit einer vertrauten Mentalität. Wie so häufig im Leben kommt es anders, als man denkt.

Ein bisschen habe ich das meinem Lebenspartner zuzuschreiben, der – den Urlaub 1999/2000 (das MILLENNIUM) im Roten Meer badend (und das ENDE DEZEMBER) in Erinnerung - meinte, ich solle das Angebot ganz nüchtern prüfen. – Tat ich (zum Glück und zum Verdruss meiner Wein produzierenden Verwandtschaft bin ich recht häufig nüchtern), befand es für gut, und sagte nach den vorvertraglichen Verhandlungen zu, mich als eine von drei Kandidatinnen für die abgesprungene Restrukturierungsexpertin nominieren zu lassen und – gesetzt ich würde ausgewählt – es erst einmal bis zum Jahresende zu probieren. Dass der Finanzmanager der Firma, mit dem ich die Konditionen aushandelte, zufälligerweise mein Lebenspartner war, hatte selbstverständlich nicht den geringsten Einfluss auf das Ergebnis der Verhandlungen, wohl aber auf den Anteil seiner grauen (ansonsten allerdings noch reichlich vorhandenen) Haare nach Abschluss der Verhandlungen.

Ich maß der Wahrscheinlichkeit, von der EU Delegation und den jemenitischen Projektpartnern als eine der drei vorgeschlagenen Kandidatinnen ausgewählt zu werden, exakt das statistische Drittel zu. Hatte dabei die Rechnung jedoch ohne den Abteilungsleiter der federführenden Mutterfirma gemacht. Besagter Abteilungsleiter wollte kein Risiko eingehen und flog persönlich zur EU Delegation nach Amman, wo er mich als das wertvollste, erfahrenste, intelligenteste, lernfähigste, schönste, umgänglichste, schnellste, ausdauernste, kurzum das beste Camel (ich meine natürlich Consultant) im Firmenstall anpries. Dass dann der Projektpartner einen überzeugenden Lebenslauf mit einem noch überzeugenderen Begleittext zugesandt bekam, habe ich wiederum meiner wortgewandten Ex-Kollegin Inke zu verdanken.

An dem Tag, als ich von der endgültigen Zustimmung der EU and der jemenitischen Projektpartner erfuhr, traf ich auch zum ersten Mal meine späteren Kollegen, d.h. zwei der drei, die mit mir die nächsten drei Jahre im Support for Administrative Reform zusammenarbeiten sollten. Paul, der britische Teamleiter ist mit einer Russin (eigentlich halb Armenierin, halb Ukrainierin) verheiratet, Francois, der Aviationsexperte – nur Fliegen ist schöner - ist Franzose, bringt eine Frau und einen Chiwauwau (für orthographische Fehler ist allein das Wortscpelling pggramme verantwortlich) mit in das Projekt und Mike, ein ausgesprochen höflicher und liebenswerter Brite, der die letzten Jahre in Südafrika gearbeitet hat.

Dass ich es in den wenigen verbleibenden Tagen bis zu meiner Abreise NICHT schaffte, allen Freunden, Bekannten, Verwandten Bescheid zu geben, geschweige denn die Sauna, den Whirlpool und die Duschkabine im Keller unseres Hauses aufzustellen oder nun wirklich alle PIN-Nummern aufzuschreiben und TAN-Listen einzupacken, versteht sich von selbst. Das meiste Kopfzerbrechen bereiteten mir allerdings meine Eltern, die schlichtweg schockiert waren von der Vorstellung, ihre letzte verbliebene Tochter (sieht man mal von meiner Schwester ab) von beduinischen Kidnappern entführt zu wissen, denn dass ich als unverheiratete deutsche Blondine gekidnappt werden würde, stand außer Frage… Statt einen Haufen von Lösegeld an die Entführer zu bezahlen, schlugen meine Eltern vor, mich hier und jetzt freizukaufen, wenn ich doch nur nicht in den Jemen ginge. Dass bei solchen Entführungen üblicherweise die jemenitische Regierung bezahlt oder auch überhaupt nicht bezahlt bzw. den Kidnappern lediglich freies Geleit oder einen Kugelhagel verspricht, empfanden sie nicht wirklich als beruhigend.

Also versprach ich, die Lage im Jemen vorsichtig zu beäugen und sie ganz bestimmt viel öfter zuhause zu besuchen, als ich in den letzten 10 Jahren getan habe… (das half, oder vielleicht doch die weise orientalische Erkenntnis, dass man besser einem sturen Kamel die Orientierung in der Wüste überlassen sollte.).

Bevor ich in den Jemen aufbrach, warf ich einen Blick auf die Statistikdaten, die einen nicht unbedingt hoffnungsvoll stimmen: eine hohe Fertilität/Geburtenrate, die auf eine Verdoppelung der Bevölkerung in den nächsten 20 Jahren schließen läßt. Jemen ist mit durchschnittlich 18 (unnötig) verlorenen Lebensjahren führend in der WHO Statistik der Lost Life Years. Im Vergleich zu den benachbarten Golfstaaten hohe Prozentsatzsätze von Mädchen, aber auch Jungen, die keine Schule besuchen, und eine daraus resultierende hohe Analphabetenrate.

Meine erste Erfahrung bei der Ankunft im Jemen war äußerst positiv: unser Teamleiter Paul holte mich persönlich mit Fahrer und Auto ab (Briten haben Stil!). Im Laufe meiner ersten Woche hatten wir mehrere Treffen mit Paul und Francois (weder den Wauwau noch die Ehefrau bekam ich zu Gesicht), ein Treffen mit meinem zukünftigen Projektpartner, dem für das Projekt zuständigen stellvertretenden Gesundheitsminister, ein vergleichsweise junger Mann (etwa mein Alter; ist doch jung oder?!), der Englisch spricht, keine Probleme hat, mir als Frau die Hand zu schütteln und mich ins Gespräch einzubeziehen (Pfui, was habe ich doch für Vorurteile!). Er scheint Humor zu haben, was prinzipiell eine gute Angewohnheit ist. Paul meinte hinterher, es sei etwas häufig das Wort Budget gefallen, aber Paul scheint keinerlei Erfahrungen mit armenischen Projektpartnern gemacht zu haben (an dieser Stelle erfuhr ich dann, dass seine Frau gar nicht Russin, sondern zur Hälfte Armenierin ist. - Nun, vielleicht redet man in der eigenen Familie nicht über Geld). Ich war von dem Gespräch und der perspektivischen Zusammenarbeit mit dem Projektpartner angetan, was von Stephan, dem Teamleiter des zweiten, laufenden EU Gesundheitsprojektes, genährt wurde.

Neben den Arbeitsbeziehungen knüpfte ich auch erste Kontakte mit zwei jungen Frauen, was mir gleich am dritten Tag meiner Anwesenheit im Jemen bereits eine Einladung zu einer jemenitischen Hochzeit verschaffte. Hätte ich doch bloß verstanden, dass ich zu einer Hochzeit (‚weeding’) eingeladen war, so hätte ich mich entsprechend ‚gestylt’. Schwarze Schatten drangen unaufhörlich durch den Türschlitz in die größte Festhalle der Hauptstadt Sana’a ein und überboten sich anschließend an gewagter Kleidung, so dass ich mir in meinem Hosenoutfit eher wie ein hässliches Entlein vorkam. – Gleich mit nächsten Telefonat bat ich meinen daheim gebliebenen Lebenspartner, mir bei nächster Gelegenheit mein schickes, dunkelblaues Abendkleid aus Deutschland nachzusenden. Aber wahrscheinlich ist die Einladung zur nächsten Hochzeit schneller. Bis dahin tut es auch das kurze Rote im Schrank. Die Konkurrenz schläft nicht. – Gefeiert wird übrigens getrennt, Frau und Männer separat, und die Partner werden üblicherweise von den Eltern ausgewählt. So kann es passieren, dass mich Nabil bittet, ihm die Gesichtszüge seiner eigenen Verlobten zu beschreiben, da er sie noch nie gesehen hat.

Unter dem schwarzen Outfit (scharschaf) aus schwarzem Überwurf (balto oder abaya), schwarzem Kopftuch (higab) und schwarzem Schleier (litma) bewegen sich jemenitische Frauen vollkommen anonym in der Stadt. Frauen sind nur unterschwellig präsent, Schatten in der äußerlich von Männern dominierten Gesellschaft.

Unsichtbar zu sein oder zu agieren, hat aber auch seine Vorteile. Hier könnte eine Frau bei helllichtem Tag einen Mord auf offener Straße begehen und sich sicher sein, dass die Täterbeschreibung auf nahezu die Hälfte der Sana’ischen Bevölkerung zuträfe; na, sagen wir mal auf dreißig Prozent, schließlich sind da noch die Kinder und Jugendlichen, die von der Größe her ausscheiden. Wenn ich auch sicherlich keinerlei Mordabsichten habe, so gibt es genügend andere Gründe, die mich zu dem Entschluss gebracht haben, mir ebenfalls eine schwarze Tunika zuzulegen. Gleich um die Ecke in einer kleinen Schneiderbude. Die Maße haben mir meine beiden weiblichen Begleiterinnen, Tochter und Schwiegertochter des Hauses, abgenommen.

Ich habe tatsächlich binnen 5 Tagen eine Wohnung in Sana’a gefunden, sehr geräumig, Erdgeschoss. Sehr schön, mit Optimierungspotential. Ich spiele mit dem Gedanken, mir meine Fliesenschneidemaschine aus Deutschland nachkommen zu lassen, um den orangegeblümten, ansonsten gelben Teppichboden zu ersetzen. Vorerst habe ich genug im Projekt zu tun, insbesondere nachdem ich heute offiziell ins Gesundheitsministerium eingeführt wurde. Die Räumlichkeiten stehen bereit, nur ein Farbanstrich und ein neuer Fußbodenbelag notwendig. Noch nie habe ich in meinen früheren Projekten erlebt, dass ausreichend Räumlichkeiten, ja sogar zwei Computer und ein Kopierer zu Projektanfang zur Verfügung standen. Insha’ Allah, ein gutes Zeichen. Alle sind ausgesprochen freundlich und hilfsbereit. Ja, mit Gamil, der mir kurzfristig seinen Schreibtisch überließ, habe ich mich in einem Kauderwelsch aus Spanisch und Russisch verständigt, er mehr Spanisch, ich mehr Russisch. Er – der aus Aden, dem Südlichen sozialistischen Jemen stammt, war 1983 für ein Jahr in Kuba und zwischen durch für 4 Monate in Moskau.

Unabhängig davon, wie viele Russisch, Spanisch und Englisch sprechende Mitarbeiter ich auch immer im Ministerium finden werde, habe ich mir doch vorgenommen, etwas für meine bislang nicht vorhandenen Arabisch-Kenntnisse zu tun.

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© Text, Graphik und Photos: Anne Christine Hanser 2004
Autorin: Anne Christine Hanser, International Advisor, Support for Administrative Reform, Sana'a, Jemen
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