Bernhard Peter
Typisch japanische Dinge (9): Omiki und Sakedaru


Große Ballen, weiß eingepackt und mit großen Schriftzeichen und farbenfrohem Design stapeln sich an manchen Schreinen, je nach Menge zu ein oder zwei Reihen oder zu einer ansehnlichen Wand aufgeschichtet. Was verbirgt sich darin? Es handelt sich um Sake-Fässer, die hier aufgestapelt werden. Reiswein wurde hier in großem Stil den Kami geopfert. Reiswein wird üblicherweise heute als "Sake" bezeichnet, aber es gibt in Zusammenhang mit Opfergaben noch den altertümlichen Ausdruck "Miki", und wenn er in so großem Stile und in solchen Mengen dargebracht wird, als "Omiki". Das "o" ist ein Präfix, das Größe und Ehrfurcht signalisiert, ein sogenanntes Honorativ-Präfix. O-miki ist also ein stilistisch aufgewerteter Miki. Insgesamt hat die japanische Sprache sogar fünf unterschiedliche Honorativ-Präfixe, nämlich "o-", "go"-, "on-", "gyo-" und "mi-"; vor Nomen nimmt man meistens "o-". "Gyo-" ist z. B. eine Variante von "go-" und stellt einen Zusammenhang mit dem Kaiser her. Selbst das Wort "Miki" ist ein höflich aufgewerteter Wein (Ki), so daß O-mi-ki ein zweimal, durch "o-" und durch "mi" aufgewerteter Wein (Ki) ist, also eigentlich normaler Wein, der aber dadurch etwas Besseres wird, daß er einer hochgestellten Person angeboten wird, und der noch besser wird, wenn er einem Kami gegeben wird. Omiki ist also ein super-erhabener Reiswein, der seine Superklasse durch die Verwendung als Opfergabe im Schrein erhält. Die gleiche Konstruktion ist übrigens beim Wort Omikuji zu erkennen, den in einem anderen Kapitel beschriebenen Papierstreifchen: Der Sinn ergibt sich durch "Kuji", davor stehen zwei Honorativ-Präfixe.

Zwei Sorten Omiki werden unterschieden, Shiroki und Kuroki. Daß "Ki" Wein bedeutet, hatten wir im ersten Abschnitt erwähnt. Die jeweiligen "Vorsilben" geben eine Farbe (iro) an: Weiß = shiro, als Adjektiv weiß = shiroi (sog. i-Adjektiv, das für sich alleine verwendet werden kann ohne da oder desu dahinter), Schwarz = kuro, als Adjektiv schwarze/r/s = kuroi (ebenfalls ein i-Adjektiv). Durch das nichtadjektivische Zusammenziehen entsteht jeweils ein neues Nomen ohne "i". Shiroki und Kuroki bedeuten also "weißer Wein" und "schwarzer Wein". Der leichtere weiße Wein wird gewonnen, indem der fermentierte Reis zu einem gewissen Zeitpunkt gefiltert wird, während für die Herstellung des schwarzen Weines ein weiterer Herstellungsschritt erfolgt, nämlich die Zugabe von Asche einer Pflanze namens Kusagi, wodurch der Wein eine gräuliche Farbe bekommt. Weitere Varianten von Sake sind Nigorizake, Sumisake oder Seishu sowie Hitoyozake.

Als Sakedaru bezeichnet man die Sake-Fässer an sich. Sie sind aus Holz und werden für den Transport in eine Reisstrohhülle eingewickelt, und dann noch einmal mit der beschrifteten Plastikfolie umhüllt. Das verleiht ihnen die charakteristische Form, ein Mittelding zwischen Würfel und Kugel. Der Reiswein wird von den Gläubigen gespendet, aber er wird typischerweise auch direkt von den Sake-Brauereien geschenkt. Es ist nicht nur eine gute Tat, sondern eine super-toll-erhabene Werbung, sozusagen eine O-mi-Werbung, wenn die Sakedaru mit der Herstelleraufschrift öffentlichkeitswirksam im Schrein aufgebaut werden und von Hunderten Besuchern täglich gesehen werden. Dafür werden die eingepackten Sake-Fässer dekorativ aufgeschichtet. Das Ergebnis wird mit dem Wort "Kazaridaru" benannt, was "dekorative Fässer" bedeutet.

Was wird aus dem Sake? Dieser Reiswein ist Teil der sogenannten Shinsen, Nahrungsopfer für die Kami in Shinto-Schreinen und wird auch Shinshu genannt. Die Gabe von Shinsen, also Nahrungsmitteln aller Arten, Sake, Wasser, Reis, Gemüse, Fisch, Fleisch etc. für die Geister, ist geeignet, ihre Gegenwart herbeizuführen. Ein Mahl mit den Kami zu teilen, ist also eine gute Methode, um sie zum Erscheinen zu bringen. Rohe Gaben bezeichnet man als Seisen, gekochte Gaben als Jukusen. Opfergaben von Lebendigem benennt man als Ikenie, während man vegetarische Opfergaben Sosen genannt werden. Natürlich wird nichts verschwendet, sondern der Sake wird bei Schreinfesten und Zeremonien im Anschluß an den offiziellen Teil gemeinsam getrunken, denn den geopferten Wein zu genießen läßt die Gläubigen den Göttern nahe sein. In den Schreinen gibt eine eigene Abteilung "Shuzo-keishinkai", die als eine Art Brauerei-Komitee den Bedarf ermittelt und den Sake-Herstellern übermittelt.

Abb.: Kyoto, Kitano Tenman-gu, dekorativ aufgebaute Kazaridaru

Abb.: Kyoto, Kenkun-Schrein im Funaokayama-Park, mit Omiki-Fässern

Abb.: Kyoto, Omiki-Fässer am Fushimi Inari Taisha


Literatur, Links und Quellen:
Encyclopedia of Shinto: http://eos.kokugakuin.ac.jp/modules/xwords/, insbesondere http://eos.kokugakuin.ac.jp/modules/xwords/entry.php?entryID=330,  http://eos.kokugakuin.ac.jp/modules/xwords/entry.php?entryID=336, und http://eos.kokugakuin.ac.jp/modules/xwords/entry.php?entryID=337
Opfer-Sake:
http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Alltag/Opfergaben
Farben
https://de.wikibooks.org/wiki/Japanisch/_Farben
Farbbezeichnungen in der japanischen Sprache: Videokurs von Christina Plaka:
https://www.youtube.com/watch?v=NRcFFVo_Qns


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