Bernhard Peter
Typisch japanische Dinge (6): Ema


Sowohl an buddhistischen Tempeln als auch an Shinto-Schreinen begegnen dem Besucher Holzgestelle, an denen Dutzende, oft Hunderte kleiner, etwa handgroßer Holztäfelchen in den verschiedensten Formen hängen, meist querrechteckig oder mit einer flachen Spitze oben, angebohrt und mit einer Schnur zum Aufhängen versehen. Sie können aber auch rund oder herzförmig etc. sein - alles ist möglich. Diese Täfelchen haben auf einer Seite ein vorgefertigtes gedrucktes Bild und weiterhin rückseitig eine individuelle Aufschrift. Auf dem Gelände des Sakralbezirkes befindet sich dann meist auch ein Verkaufsstand für diese Rohtäfelchen, wo die Besucher die bedruckte Grundform erwerben können, um sie anschließend mit Aufschriften zu individualisieren und an bereitgestellten Ständern aufzuhängen.

Es handelt sich dabei um sogenannte Ema. Wörtlich bedeutet E-ma Bild-Pferd, also Pferdebild. Sehr große Tafeln werden O-e-ma genannt. Dieser Name reicht in eine alte Opfer-Tradition zurück, Tiere symbolisch an religiösen Stätten darzubringen, freizulassen oder dann auf dem Gelände zu halten. Daß man sich für den Namen des Pferdes entschieden hat, mag wohl an dem Besonderen, dem extrem Wertvollen einer solchen Darbringung gelegen haben. Pferde galten als Wesen, die Botschaften der Kami transportieren konnten oder ihnen als Reittier dienen konnten. Pferde spielten daher eine Rolle bei der Anrufung der Kami. Aus den echten Tieren wurden im Laufe der Zeit kleine Statuen oder Pferde aus Papier, daraus wurden gemalte Tiere. In einigen Schreinen oder Tempeln gibt es eigene kleine Halle, die Ema-do (Ema-dou) oder Ema-den genannt werden, Halle der Bild-Pferde. Dort sind etliche alte Bilder mit weißen Pferden in lauter kleinen Rahmen aufgehängt. Später wurden es dann auch ganz andere Symbole, und die Pferde traten in den Hintergrund. Wie auch immer, allein der Name blieb, denn heute tragen die Täfelchen eine Vielzahl von Bildchen je nach Anlaß, und Pferde kommen kaum noch vor. Dazu kann der Name des Tempels oder des Schreines angegeben sein, und der Zweck des Täfelchens kann in Schriftzeichen verzeichnet sein. In dem Brauch vermischen sich buddhistische Vorstellungen (gutes Karma durch Freilassen von eingefangenen Tieren) und shintoistische Rituale (symbolische Opfergabe), entsprechend kann man den Brauch auch an Tempeln und Schreinen beobachten, so wie die japanische Kultur allgemein ein sich ergänzendes Nebeneinander von Buddhismus und Shintoismus pflegt. Ursprünglich ist es ein shintoistischer Brauch, der aber seit der Kamakura-Zeit Eingang in die volkstümlichen religiösen Praktiken in den buddhistischen Tempeln gefunden hat.

Was macht man nun mit den Täfelchen? Die beim Kauf noch freie Rückseite wird vom Erwerber mit seinen Gebeten, Hoffnungen, Bitten und Sorgen beschriftet und ist Träger individueller Wünsche, ein Brief an die Kami, Geister oder Götter. Das kann ein Kinderwunsch sein, der Wunsch nach einem Partner fürs Leben, nach Gesundheit, oder ganz profan der Wunsch nach geschäftlichem Erfolg oder dem Bestehen eines Examens, nach der Kraft, mit dem Rauchen oder Trinken aufzuhören, nach einem Gewinn in der Lotterie u. v. a. m. Es muß nicht immer auf den Schreiber selbst bezogen sein; man kann auch für Dritte wünschen. Man kann sich auch den Sieg der heimatlichen Fußballmannschaft wünschen - Shinto-Kami haben dafür vollstes Verständnis, insbesondere Inari. Das eigentliche Hintergrundwissen um den Brauch ist längst nicht mehr präsent, um so beliebter ist er im täglichen Leben, denn diese hölzernen Votivtafeln werden im Land täglich millionenfach beschrieben und aufgehängt und sind ganz konkret mit dem Erstreben von Genze riyaku, den durch die Kami, Geister oder Götter, vermittelten weltlichen Wohltaten, verbunden. Für die Verkäufer an den Schreinen sind natürlich auch weltliche Wohltaten drin, der Handel mit den beliebten Täfelchen ist einträglich, und manche Schreine stehen durchaus in der Kritik großer diesbezüglicher Geschäftstüchtigkeit. Bei speziellen Anlässen werden die gesammelten Täfelchen rituell verbrannt, wobei symbolisch die Wünsche freigesetzt werden. Nebenbei wird so Platz für neue Täfelchen gewonnen.

Die Bilder auf der Vorderseite können natürlich Glücksgötter zeigen oder Tiere des Tierkreises oder Bodhisattvas, Kannon oder Jizu, aber sie können auch konkret in Zusammenhang mit den Wünschen stehen und beispielsweise weibliche Brüste oder einen Phallus tragen bei Kinderwunsch, oder das Körperteil, das geheilt werden soll. Die Abbildung eines Schiffes steht für den Wunsch nach glücklichem Verlauf einer Seereise. Ein Tintenfisch (Oktopus) steht beispielsweise für den Wunsch, von Warzen befreit zu werden. Der gewünschte Beziehungsstatus läßt sich ebenfalls erkennen. Befindet sich eine Palme zwischen Mann und Frau, wünscht sich der Betreffende eine lange und glückliche Beziehung. Sind hingegen Nesseln zwischen Mann und Frau gemalt, dann wünscht sich der oder die Betreffende schnellstmöglich die Trennung oder Scheidung. Eine Frau, die ihre Milch in eine Schale schießen läßt, steht für den Wunsch nach üppiger Milchproduktion für den Säugling. Das öffentliche Aufhängen solcher höchst privater Wünsche, manchmal sogar mit Namen und Adresse auf der Rückseite, ermöglicht nicht nur eine Kommunikation mit der Welt der Kami, sondern auch eine von sozialen Restriktionen freie Kommunikation mit der Gemeinschaft, wodurch einerseits die Wünsche eine gelebte Ernsthaftigkeit erfahren und andererseits die Möglichkeit geschaffen wird, Dinge öffentlich darzustellen, die man im direkten zwischenmenschlichen Umgang so nie zur Sprache brächte.

Ema aufzuhängen ist heute noch sehr beliebt, und erstaunlicherweise besonders bei Jugendlichen, und da ganz besonders bei Mädchen. Deshalb herrschen auch die Themen Prüfungen, Liebe und Heirat vor. Für Schüler und Studenten besonders wichtig sind die Tenjin gewidmeten Schreine - das ist der zum Kami gewordene berühmte Lehrer und Staatsmann Sugawara Michizane (845-903), und anhand des Andrangs an diesen Schreinen kann man sehen, wenn Examina bevorstehen. Sehr beliebt sind weiterhin Inari-Schreine. Einen allgemeinen Höhepunkt des Brauches gibt es um Neujahr. Die Kommunikation mit den Kami ist eher unbeschwert ich-bezogen und enthält ganz konkrete Wünsche an das Leben. Vom früheren Charakter der "Briefchen an die Kami", die auch von Dank, Ehrerbietung, Lob, Gelübden etc. geprägt waren, ist wenig geblieben, vielmehr ist es heute eher eine Mischung aus Spaß und Forderung. Einige Schreine gehen mit der Zeit, so werden an manchen Orten schon Ema mit Manga-Motiven angeboten.

Kyoto, Ema auf dem Gelände des Tempelkomplexes Sennyu-ji

Otsu, Ema am Tempelkomplex Ishiyama-dera

Otsu, Ema am Tempelkomplex Ishiyama-dera

Kyoto, Ema am Tempel Kiyomizu-dera


Literatur, Links und Quellen:
Angelika von Ortenberg: Ema - Motiv und Hintergrund japanischer Votivtafeln, 239 S.,
Verlag Iudicium, München 2013, ISBN-10: 386205134X, ISBN-13: 978-3862051342
Ema:
https://de.wikipedia.org/wiki/Ema - https://en.wikipedia.org/wiki/Ema_(Shinto)
Daniel Clarence Holtom: Japanese Votive Pictures (The Ikoma Ema), in: Monumenta Nipponica, Bd. 1, Nr. 1, Januar 1938, S. 154-164,
http://www.jstor.org/stable/2382449
Ian Reader: Letters to the Gods - the Form and Meaning of Ema, in: Japanese Journal of Religious Studies, Bd. 18, Nr. 1, März 1991, S. 23-50, URL:
http://www.jstor.org/stable/30233428
Encyclopedia of Shinto:
http://eos.kokugakuin.ac.jp/modules/xwords/, insbesondere http://eos.kokugakuin.ac.jp/modules/xwords/entry.php?entryID=323
Ema - Ansichtskarten für die Götter:
http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Alltag/Opfergaben/Ema
Nina Schönemann: Pilgerfahrten zu den Sieben Glücksgöttern: Religiöse Praxis und "Materielle Religion" im gegenwärtigen Japan, Transformierte Buddhismen 02/2011, S. 92-94:
http://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/tb/article/viewFile/10071/3924
Nicholas Bornoff, Michael Freeman: Things Japanese - Everyday Objects of Exceptional Beauty and Significance, 143 S., Verlag Periplus, 2014, ISBN-10: 480531303X, ISBN-13: 978-4805313039 , S. 114-115


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