Bernhard Peter
Typisch japanische Dinge (5): Sudare und Yoshizu


Beide Bezeichnungen, Sudare und Yoshizu, stehen für Abdeckungen aus parallel zusammengenähten Streifen natürlichen Materials zur Abschirmung. Sudare sind eine Art in der Vertikalen aufgehängten Jalousie. Sudare-Lichtblenden werden auch Su, Osu oder Misu genannt. Sie bestehen aus horizontal gelegten Bambusstreifen (Kanchiku), die vertikal mit Schnur oder Garn zusammengenäht sind und deshalb zwar eine fast geschlossene Fläche bilden, in dieser Richtung aber flexibel sind und eingerollt werden können. Anstelle der gebräuchlichsten Bambusstreifen kann auch Schilfrohr (Yoshi), Schachtelhalm (Tokusa) oder Buschklee (Hagi) verwendet werden. Das verwendete Material kommt praktisch überall vor und macht die Matten preiswert; sie stellen Verschleißteile dar. Man kann sie am unteren Ende zusammenrollen, wenn man keine vollständige Verdeckung wünscht, und man rollt sie zum Lagern gänzlich zusammen.

Zwischen den einzelnen Horizontalelementen bestehen schmale Zwischenräume, so daß diese Matten zwar das grelle Sonnenlicht abschirmen, aber weder- blick- noch winddicht sind. Das sollen sie auch nicht sein, damit im schwül-heißen Sommer eine kühle Brise ungehindert in die Zimmer wehen kann und damit man trotz geschlossener Sudare wahrnehmen kann, was draußen vorgeht. Aufgrund der engen Abstände bieten die Sudare aber einen Blickschutz von außen wie eine Gardine. Ihr typisches Einsatzgebiet sind alle Außenöffnungen eines traditionellen Hauses außer Türen, also Fenster und Veranden. Dabei werden sie entweder am Fensterrahmen oder am Ende der Dachsparren aufgehängt. Die Matten schützen vor dem grellen Licht des Sommers und sind daher jahreszeittypisch; sie werden im Frühling nach der Kirschblüte angebracht und im Herbst abgenommen. Auch gegen fliegende Insekten und Regen bieten Sudare einen gewissen Schutz. Sie können auch eine Rolle in de Wahrnehmung der Außenanlagen haben: Die Gärten sind so optimiert, daß sich der maximale Effekt bei kniender Betrachtung ergibt; und eine halb herabgelassene Sudare garantiert diese Wahrnehmung.

Abgesehen von der Jalousiefunktion werden Sudare auch in Innenräumen verwendet. Wenn sie weniger der Witterung ausgesetzt sind und innen mehr dem dekorativen Zweck dienen, können sie von hochwertigerer Qualität sein und eine Brokateinfassung und seidene Schnüre aufweisen oder sogar Seiden- und Goldstickerei. Sie können auch auf der Innenseite bemalt sein. Bei Hofe dienen Innen-Sudare der Abschirmung von hochgestellten Persönlichkeiten; z. B. durfte früher niemand direkt auf den Tenno schauen, weshalb Sudare bei kaiserlichen Audienzen zum Einsatz kamen. Die zusammengebundenen Bambusstreifen oder Schilfrohre werden manchmal anstelle von papierbespannten Gitterrahmen auf den verschiebbaren Wänden angebracht, vertikal oder horizontal gelegt, was man dann als Sudare-Shouji, Yoshi-shouji (Schilf-Shoji) oder Natsu-Shouji (Sommer-Shoji) bezeichnet. Ein typisches Vorkommen ist das in Teehäusern (also Häusern speziell für die Teezeremonie, Chashitsu), wenn sie im Sukiya-Stil (Sukiya-zukuri) bzw. Shoin-Stil (Shoin-zukuri) gehalten sind. Manchmal verzieren Sudare auch die Decke eines Teehauses oder werden über der Schmucknische (Tokonoma) angebracht. Heute werden Sudare kaum noch in Japan hergestellt. Die angebotenen Matten kommen meist aus China. In Amano-cho, Kawachinagano, Osaka, gibt es ein eigenes Sudare-Museum.

Im Gegensatz zu den Sudare sind die Yoshizu zwar ganz ähnlich aufgebaut und dienen genauso als schnell auf- und abzubauender Licht- und Blickschutz, werden für den gleichen Zweck aber auf andere Art und Weise verwendet. Yoshizu sind nicht zum Hängen, sondern zum Stellen, werden also nicht von oben nach unten gezogen, sondern von links nach rechts. Das bringt es mit sich, daß die Laufrichtung der Bambusstreifen bzw. Schilfrohre nun vertikal ist. Yoshizu werden auf den Boden gestellt und leicht schräg gegen das Haus gelehnt, um z. B. eine Veranda oder einen Korridor zu verdecken, oder auch um vor Geschäften ausgelegte Ware abzudecken.

Haus in Kyoto mit Sudare vor allen Fenstern des Obergeschosses

Haus in Kyoto mit mehreren Sudare

Kyoto, Straßenzug im Stadtteil Gion, im Obergeschoß überall mit Sudare

Sudare vor einer offenen Vorhalle vor einem Eingang eines Subtempels des Horyuji (Nara).


Literatur, Links und Quellen:
Nicholas Bornoff, Michael Freeman: Things Japanese - Everyday Objects of Exceptional Beauty and Significance, 143 S., Verlag Periplus, 2014, ISBN-10: 480531303X, ISBN-13: 978-4805313039, S. 16-17
Sudare:
https://de.wikipedia.org/wiki/Sudare - https://en.wikipedia.org/wiki/Sudare
Jaanus- Dictionary of Japanese Architectural and Art Historical Terminology compiled by Dr. Mary Neighbour Parent:
http://www.aisf.or.jp/%7Ejaanus/, insbesondere: http://www.aisf.or.jp/~jaanus/deta/s/sudare.htm
Koji Yagi: A Japanese Touch for Your Home, Verlag: Kodansha America Inc., 1. Auflage 1982, 84 S., ISBN-10: 087011526X, ISBN-13: 978-0870115264, S. 30-31


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