Bernhard Peter
Typisch japanische Dinge (12): Shachi


Ein Shachi ist ein typisches Dekorationselement japanischer Dächer, das symmetrisch beiderseits an den Enden eines Dachfirstes angebracht wird. Es hat die Form eines gestürzten Fisches mit dem nach innen gewendeten Maul auf dem First und einem steil aufwärts gebogenen Körper. Das Shachi ist eine mythologische Figur, das eigentlich ein Karpfen mit dem Kopf eines Tigers ist und auch Shachihoko genannt wird; Shachi ist nur die Abkürzung. Da Tiger in Japan nicht vorkamen und als Anschauungsobjekt fehlten, ist das Maul recht phantasievoll gestaltet. Der Schwanz steht steil aufwärts; auf dem Rücken befindet sich eine Reihe scharfer Stacheln. Auf den Dächern besitzt das Wesen eine Wächterfunktion und gilt traditionell als Schutz gegen Feuer, weil ihm die Fähigkeit nachgesagt wird, als Regenbringer zu fungieren, vermutlich, weil es selbst ein "amphibisches" Mischwesen ist. Die in der Literatur oft noch zu findende Wahrnehmung als Delphin ist unzutreffend. Die Kanji-Zeichen für diese Fabelwesen bestehen aus einer Kombination der Zeichen für Fisch und Tiger. Abgesehen davon wird der Name Shachi auch für Orca-Wale angewandt.

Dieses mythologische Fabelwesen ist vermutlich nicht japanischen Ursprungs, sondern aus anderen Ländern übernommen und in der Gestalt verändert worden. Vielleicht hat das Wesen seine Wurzeln in der südasiatischen Makara (Sanskrit), einem Seemonster, das in anderen Ländern ganz anders verwendet wird, z. B. als Wasserspeier. Ähnlich sind bei Makara und Shachi jeweils die Kombination aus Land- und Seewesen und der angedichtete Schutz vor Feuer. Diese Idee kam vielleicht von Indien über Korea und wurde möglicherweise kombiniert mit den aus China stammenden, hakenförmigen aufgeworfenen Dachornamenten, die Shibi genannt werden (z. B. am Todai-ji Kondo in Nara zu sehen).

Shachi können vielerorts angetroffen werden, an Tempeln ebenso wie an den meisten Burgen, auf denen sie in der Edo-Zeit Verbreitung fanden. Angeblich wurden sie von Oda Nobunaga als Dachornament auf Burgen eingeführt. Das Material ist entweder Keramik oder Bronze, manchmal auch Stein. Die größten Shachi, die aus mittelalterlicher Zeit erhalten sind, befinden sich in der Burg Matsue und sind 2,08 m hoch und werden im dortigen Tenshu ausgestellt. Sie sind aus metallbeschlagenem Holz gefertigt. Die mächtigsten und wohlhabendsten Burgbesitzer ließen ihre Shachi sogar vergolden (Gold = Kin). So sehen wir auf der Burg Nagoya goldene Shachi (Kin-shachi), zuletzt 1959 erneuert, die es sogar zum Wahrzeichen der Stadt Nagoya geschafft haben. Sie haben gigantische Ausmaße: Der nördliche ist 2,62 m hoch und wiegt 1,272 t; zu seiner Herstellung waren 44,69 kg Gold nötig. Der südliche mißt 2,58 m und wiegt 1,215 t, und zu seiner Herstellung wurden 43,39 kg Gold für die 0,15 mm dicke Schicht verwendet. Auch die Burg von Okayama besitzt vergoldete Shachi.

 

Abb. links: Himeji-jo, ausgedientes Shachi vom Hauptturm. Das im Bild gezeigte Beispiel stammt aus der Meji-Zeit, wurde 1860 hergestellt und ist bereits die fünfte Shachi-Generation auf dem Hauptturm in der Geschichte der Burg Himeji. Die sechste Generation Shachi stammt aus der Showa-Periode, die siebte Generation aus der Heisei-Periode, und momentan befindet sich die 2011-2012 angefertigte achte Generation oben auf dem Turm, gestiftet von der Yamamoto Kawara Kogyo C. Ltd. Insgesamt besitzt die Burg Himeji elf Shachi. Abb. rechts: Kochi-jo, Shachi vom Otemon (Outemon), dem 1610 erbauten und 1664 erneuerten Haupttor der Burg Kochi.

Abb.: Uji, Stadtteil Obaku, Soumon vor dem Tempel Manpuku-ji mit insgesamt vier Shachi, Ansicht von Westen.


Literatur, Links und Quellen:
Shachi: https://en.wikipedia.org/wiki/Shachihoko
Burg Nagoya:
https://en.wikipedia.org/wiki/Nagoya_Castle
Shachi:
http://www.onmarkproductions.com/html/shachihoko.html
Shachi:
http://www.japanesesearch.com/shachi-animal-japanese-folklore/
Imaginäre Tiere:
http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Mythen/Imaginaere_Tiere
Jaanus - Dictionary of Japanese Architectural and Art Historical Terminology compiled by Dr. Mary Neighbour Parent:
http://www.aisf.or.jp/%7Ejaanus/, insbesondere: http://www.aisf.or.jp/~jaanus/deta/s/shachi.htm


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