Bernhard Peter
Jantar Mantar - astronomische Geräte Indiens, Teil 21:
Das Misra Yantra in Delhi

Konstruktion des Instrumentes:
Auf rechteckiger Basis erhebt sich ein schräges Podest, dessen markanteste Züge einerseits vier gerade Mauern sind, die in einem Winkel des Breitengrades von Delhi genau in Nord-Süd-Richtung angeschrägt das Podest jeweils zur Seite begrenzen und in der Mitte doppelt durchziehen, wodurch alle vier Oberkanten dieser Mauern genau auf den Himmels-Nordpol zeigen, und andererseits vier vollendete Halbkreise rechts und links der Mitte sind, welche unterschiedliche Winkel besitzen. Ansonsten scheint das Gebäude fast nur aus Treppen zu bestehen. Beim näheren Hinsehen entdeckt man noch Anbauten rechts und links der Rampe sowie Skalen an der rechten Außenwand und an der Rückwand.

Funktionsweise des Misra Yantra in Delhi
Das Misra Yantra ist ein Kombinationsinstrument, welches viele Funktionen in Zusammenhang mit dem Sonnenstand in sich vereinigt. Das Mischinstrument besteht aus folgenden vier Untereinheiten:

Samrat Yantra: Das ist eine klassische Sonnenuhr, genauso gebaut wie die großen Sonnenuhren in den Observatorien von Delhi und Jaipur, mit dem einzigen Unterschied, daß das Gnomon quasi in der Mitte gespalten ist und die trapezförmige Rampe eingefügt wurde, wodurch rechte und linke Hälfte des Gnomons nun etliche Meter auseinander stehen. Auf dem linken Quadranten liest man die Morgen- und Vormittagstunden ab, auf dem rechten Quadranten die Nachmittag- und Abendstunden. Im Detail gilt all das beim Samrat Yantra Gesagte hierzu auch.

Dakshino Bhitti Yantra: Eine halbkreisförmige Skala mit einem Zeiger in der Mitte ist auf der östlichen Wand der Rampe angebracht. Da die Wand genau in Nord-Süd-Richtung steht, ist der Schatten zur Mittagszeit am längsten. Dann zeigt der Schatten den Winkel der Sonne an. Mit diesem Instrument wird also die Höhe der Sonne zur Mittagszeit bestimmt. Ungewöhnlich ist die umgekehrte Positionierung der Skala.

Niyat Chakra Yantra: Die beiden zentralen trapezförmigen Mauern rechts und links der Mitteltreppe dienen genauso wie die Außenmauern als Schattenzeiger. Die Ebenen der Halbkreise sind gegenüber der Ebene der Maueroberkanten um 13° (äußerer Ring) bzw. 22° (innerer Ring) abgesenkt. Wenn die Sonne im Laufe des Tages über das Misra Yantra streicht, steht die Sonne erst ca. um 7 morgens hoch genug, um den linken äußeren Halbkreis zu beleuchten, um ca. 8 Uhr wird auch der tiefer liegende innere linke Halbkreis beleuchtet. Um ca. 16 Uhr fällt der rechte innere Halbkreis zurück in den Schatten, um ca. 17 Uhr auch der rechte äußere Ring. Wir können auch schreiben, der Übergang vom Licht zum Schatten und umgekehrt findet immer dann statt, wenn in knapp 4 bzw. 5 Stunden Zeitverschiebung in östlicher oder westlicher Richtung Mittag ist. Die halbkreisförmigen Skalen sind also jeweils Meridiankreise für vier verschiedene Orte auf der Welt, jeweils 68° (innen) und 77° (außen) in östlicher und westlicher Richtung des Betrachters. Ein Zeiger im Zentrum wirft zur Mittagszeit (jeweils Ortszeit) seinen Schatten auf die entsprechende Gradzahl der Skala.

In der Literatur werden diesen Meridiankreisen oft konkrete Städte zugeordnet im Sinne einer Weltzeituhr, was ich persönlich nicht für überzeugend halte, sondern eher für Ausdruck einer eurozentrischen Einstellung des jeweiligen Autors, denn was für ein Interesse hätte der indische Herrscher an Zürich, Greenwich, Natke oder Syrichev gehabt, wahrscheinlicher ist hingegen, daß die Anlage einfach den weltumspannenden Machtanspruch des Herrschers ausdrücken sollte, egal, welche Stadt da nun gerade liegt, so ähnlich wie in Europa Karl V als der Kaiser tituliert wurde, „in dessen Reich die Sonne nicht untergeht“.

Kark Rashivalaya Yantra: An der Nordseite (Rückseite) der Rampe ist eine halbkreisförmige 180°-Skala angebracht. Die Rückwand ist nicht genau senkrecht, sondern so geneigt, daß sie genau dann parallel zur Achse der Ekliptik steht, wenn die Sonne ins Sternbild des Krebses eintritt, also ihren höchsten Punkt erreicht. Wenn also der Zeiger dieses Instrumentes vom Sonnenlicht erreicht wird, ist die Sonne in das Sternbild des Krebses eingetreten, und die Koordinaten der Sonne können an der Skala abgelesen werden. Die restliche Zeit bleibt die Skala im Dunkeln.

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Photos vom Misra Yantra (Dr. Hans Mertens)

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