Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2870
Gissigheim (zu Königheim, Main-Tauber-Kreis)

Die Schutzengelkapelle in Gissigheim

In Gissigheim, einem Ortsteil von Königheim, gibt es neben der neueren Pfarrkirche St. Peter und Paul 60 m weiter südlich eine zweite Kirche, die barocke Schutzengelkapelle. Sie steht direkt an einer Straßengabelung, an der Einmündung des Schützenbaums in die Schloßstraße. Die kleine Kapelle hat ihre von einem hölzernen Glocken-Dachreiter überhöhte Hauptfassade nach Norden gerichtet und wird im Süden mit einem dreiseitigen Chorbereich abgeschlossen. Diese Kapelle wurde 1710-1712 errichtet. Die Ortsherrschaft lag damals bei der Adelsfamilie von Bettendorff, die im Ort auch ein Schloß errichtet hatten. Vor ihnen hatte der Ort unterschiedlichen Familien gehört, den von Riedern, seit 1588 halb und seit 1628 ganz den Echter (die andere Hälfte lag bei den von Wichsenstein und dann bei den von Herda zu Domeneck), ab 1665 den von Walderdorff zu Eubigheim, und ab 1702 den Freiherren von Bettendorff. Von den gegen Ende des 17. Jh. bestehenden vier Familienästen der letzteren Familie (Mainzer Ast, erloschen 1773, Miltenberger Ast, Gauangellocher Ast, erloschen 1763, und Weidesheimer Ast, erloschen 1831) ist der Gissigheimer Ast aus dem Miltenberger Ast hervorgegangen.

Diese Kapelle sollte nicht nur der Bevölkerung zu Gottesdiensten dienen und in dieser Funktion die abseits gelegene, bis dahin genutzte Pfarrkirche beim Friedhof ergänzen, sondern auch die herrschaftliche Gruft enthalten. Der Bauherr hat sich und seine Frau mit einem Doppelwappen über dem rechteckigen Portal, das mit einem einfachen Segmentbogengiebel abgeschlossen wird, verewigt, wo auch die Jahreszahl der Fertigstellung zu lesen ist. Die Abkürzung "I. P. V. B. * M. A. I. V. B. G. V. F." steht für Johann Philipp von Bettendorff und Maria Anna Josepha von Bettendorff geborene von Franckenstein. Es war die Witwe, die die Vollendung erlebte, denn ihr Mann war als General der kurpfälzischen Truppen mitten in der Bauzeit der Kapelle im Jahr 1711 auf einem Feldzug in Grünberg in Schlesien gestorben, im Großen Nordischen Krieg (1700-1721). Die Bauherrin ließ die Kapelle dem hl. Philipp Neri weihen, weil das der Namenspatron ihres Mannes war. Diesen Heiligen sieht man in der einen der beiden Fassadennischen auf der Nordseite; die andere Figur stellt Ignatius von Loyola dar, den Begründer des Jesuitenordens.

Das Wappen besteht aus zwei ovalen Kartuschen, die unter einem geflügelten Engelskopf zusammengestellt sind. Heraldisch rechts sieht man den Schild der von Bettendorff, in Rot ein silberner Ring, hier falsch golden angestrichen. Nur diese eine rote Feldfarbe stimmt bei dem Allianzwappen, alles andere ist falsch angepinselt worden. Die zugehörige, aber hier nicht verwendete Helmzier wäre zu rot-silbernem Decken ein silberner Ring, oben besteckt mit einem schwarzen Hahnenfederbusch. Das Wappen der von Franckenstein ist hier farblich vollkommen falsch angestrichen, korrekt wäre es geviert, Feld 1 und 4: in Gold drei mit den Stielen dreipaßförmig zusammengestellte Kleeblätter oder herzförmige Blätter (von Klee, von Clee, von Cleen), Feld 2 und 3: in Gold ein schräg einwärts gestelltes, rotes Axteisen ohne Stiel (Stammwappen Franckenstein). Normalerweise werden die Motive in umgekehrter Verteilung geführt, also das Stammwappen in den Feldern 1 und 4. Dazu gehören zwei Helme (hier nicht verwendet): Helm 1 (rechts): zu rot-goldenen Decken ein Flug, beiderseits mit dem Schildbild belegt, die Axteisen schräggestellt und mit den Klingen einander zugeneigt (Stammhelm Franckenstein), Helm 2 (links): zu rot-goldenen Decken entweder ein schwarzer Flug, mit einem Schildchen belegt, das das Schildbild wiederholt, oder der Flug direkt mit dem Schildbild belegt (von Klee, von Clee, von Cleen). Unten ist noch ein kleines Vollwappen zwischen den beiden Ovalkartuschen eingefügt, vermutlich dasjenige des Baumeisters.

Das gleiche Ehewappen von Johann Philipp von Bettendorff, kurpfälzischer General-Feldmarschall-Lieutenant, und Maria Anna Josepha von Franckenstein (-1734) ist im Inneren der Kapelle am Altar angebracht, in der gleichermaßen falschen Farbgebung. Johann Philipp von Bettendorff, Sohn von Franz Reinhard von Bettendorff (-1700), kurmainzischer Rat, und Anna Margaretha von Sternenfels, hatte übrigens zweimal geheiratet, in erster Ehe Marie Christine Freiin von Franckenstein, und dann 1705 Maria Anna Josepha aus der gleichen Familie. Dieses Wappen wird von zwei goldenen Blattornamenten eingerahmt und oben von einer Krone überhöht. Zwei geflügelte Putten halten es an seiner Position über dem 1744 gemalten Altarbild mit einer biblischen Szene, in der der junge Tobias vom Erzengel Raphael auf seiner Reise begleitet wird (vgl. Buch Tobit). Hier ist unten kein weiteres Wappen eingefügt.

Später erfuhr die Kapelle 1738 eine Umwidmung, nachdem der Sohn des Erbauers, Christoph Friedrich von Bettendorff (1709-1761), kaiserlicher Obristwachtmeister während der Türkenkriege und Kommandeur des Regiments Salm, nach seiner Befreiung aus türkischer Gefangenschaft heimkam und aus Dankbarkeit entsprechend einem Gelöbnis die Kapelle in eine Schutzengelkapelle umwandelte, deren Fest seit der Stiftung durch Freiherr Christoph Friedrich von Bettendorff im Jahre 1739 alljährlich am ersten Sonntag im September als Heimat- und Wiedersehensfest begangen wird, eine mittlerweile 283jährige Tradition. Die Befreiung des Freiherrn wurde früher auch im Deckengemälde dargestellt, mit der Hilfe durch den Engel. Das Gemälde stammte allerdings erst von 1912 und wurde 1965 zerstört, als anläßlich einer Renovierung ein Deckenbalken ausgewechselt werden mußte. Christoph Friedrich von Bettendorff, Herr zu Gissigheim, Eubigheim, Gauangeloch und Nußloch, war seit 1752 mit Maria Johanna Josepha Freiin Schenk von Stauffenberg (1727-1803) verheiratet, der Tochter von Sebastian Karl Freiherr Schenk von Stauffenberg und Maria Theresia Margarethe Susanna Gräfin Schenk von Castell. Ihrer beider Sohn war Friedrich Wilhelm Freiherr von Bettendorff (1755-19.7.1806), kurmainzischer Kämmerer, fürstlich würzburgischer Geheimer Rat, Oberamtmann in Lauda, Herr zu Gissigheim, Eubigheim, Gauangeloch und Nußloch; dieser heiratete Therese Freiin von und zu Guttenberg (-1814), die Tochter von Franz Wilhelm Freiherr von und zu Guttenberg und Johanna Charlotte Freiin von Rosenbach.

Die Familie wohnt nicht mehr im Ort. 1806 zog sie nach der Mediatisierung nach Würzburg um. Am 7.4.1841 verkaufte der Sohn Friedrich Wilhelms, Franz Ludwig Freiherr von Bettendorff (15.7.1793-15.4.1879), großherzoglich badischer Rittmeister à la suite und großherzoglich toskanischer Kammerherr, Schloß und Besitzungen an das Großherzogtum Baden. Der Gissigheimer Ast der Familie war derjenige, der am längsten von allen Ästen bestanden hat. Er erlosch als letzter Ast 1942 mit Ludwig Wilhelm Sigmund Franz Christian Freiherr von Bettendorff (10.3.1862-25.10.1942). Durch Adoption lebt der Name als Kombinationsname "von Bettendorff Escorsell" fort; die Tochter des Letztgenannten, Gertrud Freifrau von Bettendorff (1904-1999), hatte ihren Enkel adoptiert. Die Erinnerung an die Familie lebt in der kommunalen Heraldik fort, denn Gissigheim verwendet das Stammwappen der von Bettendorff als Ortswappen. Um so verwunderlicher ist der durchgehend falsche Anstrich des Wappens an und in der Kapelle.

Beinahe gäbe es diese Kapelle nicht mehr im Ort: Die Familie von Bettendorff war nach Eubigheim gezogen, und nach dem Verkauf ihrer Gissigheimer Besitzungen 1841 wollte sie die Schutzengelkapelle abbauen und in Eubigheim wieder aufbauen. Doch die Gissigheimer Bevölkerung wehrte sich erfolgreich gegen dieses Vorhaben, und die Kapelle blieb im Ort. Im Jahre 2012 wurde die Kapelle im Rahmen der Dreihundertjahrfeier der Fertigstellung der Kapelle und der Tausendjahrfeier Gissigheims einer kompletten Außenrenovierung unterzogen; dabei wurde auch das Dach neu eingedeckt.

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.com/maps/@49.5940995,9.5871755,20z?hl=de - https://www.google.com/maps/@49.5940984,9.5871906,42m/data=!3m1!1e3?hl=de
Familie von Bettendorff auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Bettendorff_(Adelsgeschlecht)
Schutzengelkapelle auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Schutzengelkapelle_(Gissigheim)
Informationstafel vor der Schutzengelkapelle
Anton P. Rahrbach, Reichsritter in Mainfranken. Zu Wappen und Geschichte fränkischer Adelsfamilien. Bauer & Raspe Verlag - Die Siebmacherschen Wappenbücher, die Familienwappen deutscher Landschaften und Regionen, Band 2, 2003, ISBN 3-87947-113-4
Wilhelm Freiherr von Bettendorff: Die ehemals reichsunmittelbaren Freiherren von Bettendorf, Nußloch 1940
Edmund von der Becke-Klüchtzner: Stamm-Tafeln des Adels des Großherzogthums Baden, ein neu bearbeitetes Adelsbuch, Baden-Baden, 1886 -
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/beckekluechtzner1886/0067/image,infohttps://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/beckekluechtzner1886/0068/image,info
Webseite von Königheim:
https://www.koenigheim.de/de/koenigheim-umgebung/ortsteile-wappen/gissigheim
Gissigheim auf Leo-BW:
https://www.leo-bw.de/web/guest/detail-gis/-/Detail/details/ORT/labw_ortslexikon/3794/Gissigheim+%5BAltgemeinde-Teilort%5D

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