Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2760
Stafflangen (zu Biberach an der Riß, Landkreis Biberach)

Pfarrhaus (Pfarrschloß) und Pfarrkirche St. Remigius Stafflangen

Pfarrhaus (Pfarrschloß) Stafflangen
Im Biberacher Stadtteil Stafflangen bilden die auf einer Anhöhe errichtete katholische Pfarrkirche St. Remigius und das südöstlich davon gelegene, dreistöckige Pfarrhaus ein bemerkenswertes Ensemble im historischen Ortskern an der Buchauer Straße, ergänzt um den 1996-1998 zum Gemeindezentrum umgebauten Pfarrstadel und den Pfarrgarten. Im Osten der Kirche liegt ein geometrisch angelegter Garten, und im Norden und Osten des Pfarrhauses ein weitläufiger Park mit altem Baumbestand, von einer Mauer eingefaßt. Das Pfarrhaus entstand ab 1759; die hochwertige Architektur deutet daraufhin, daß es ursprünglich als Sommerresidenz der Äbte von Schussenried gedacht war und genutzt wurde.

Der Baumeister ist Jakob Emele (13.7.1707-8.8.1780), der beim damaligen Schussenrieder Klosterbaumeister, dem Vorarlberger Michael Mohr, lernte. Er kaufte sich 1730 in die Schussenrieder Maurerzunft ein. Ab 1735 arbeitete er für die Schussenrieder Äbte, in Hagnau am Bodensee, Eberhardzell, Ummendorf etc. Ab 1746 arbeitete er an der Barockisierung der Schussenrieder Stiftskirche. Seine Arbeiten überzeugten seine Auftraggeber, so daß er schließlich offizieller Klosterbaumeister von Schussenried wurde. Arbeiten in Muttensweiler und am großen Klosterneubau von Schussenried folgten. 1758-1760 folgte der Bau des Pfarrschlosses in Stafflangen, das ursprünglich wesentlich größer konzipiert war als Dreiflügelanlage. Das Pfarrhaus ist nur der ehemalige Südflügel der Anlage; die beiden anderen Flügel wurden abgebrochen. Spätere Arbeiten von Emele sind die doppeltürmige Westfassade der Stiftskirche Waldsee und die Pfarrkirche von Otterswang. Zu seinen Arbeiten für nichtklösterliche Auftraggeber zählt die Wiederherstellung des durch einen Brand zerstörten Schlosses Tettnang für die Grafen von Montfort.

Bei der Geschichte von Stafflangen unterscheiden wir die geteilte Grundherrschaft und die Pfarrei. Die Grundherrschaft wechselte oft und lag bei dem freiweltlichen Damenstift Buchau, bei der Reichsabtei Schussenried, beim Kloster Beuron und verschiedenen weltlichen Ortsherren wie den von Stadion, den von Sulmingen und den Gräter, Biberacher Patrizier, die versuchten, die Reformation einzuführen, ohne bleibenden Erfolg. Die Hoch- und Blutgerichtsbarkeit lag zunächst bei der Oberen Landvogtei Schwaben. 1608 kam die Ortsherrschaft an das Kloster Schussenried, das 1612 die Hoch- und Blutgerichtsbarkeit zunächst nur als Pfand, 1743 aber als Lehen bekam, ein Beispiel für den schrittweisen Erwerb von Liegenschaften mit einer Vorstufe der Verpfändung vor dem eigentlichen Erwerb. 1737 kaufte das Kloster Schussenried den Besitz des Klosters Beuron im Ort auf. Die 1275 erwähnte Pfarrei und das Kirchenpatronat lagen erst bei den von Stadion, die 1355 an die von Sulmingen verkauften. Diese schenkten die Pfarrei 1388 dem Kloster Schussenried, das die Pfarrei 1397 inkorporierte. Nach der Säkularisation kam Stafflangen 1803 an die von Sternberg-Manderscheid, 1806 an Württemberg, das es zunächst dem Oberamt Waldsee zuschlug, seit 1842 dem Oberamt Biberach.

Einen Wappenstein des Schussenrieder Abtes Nikolaus Kloos (1.8.1718-5.9.1775) finden wir über dem nordseitigen Eingang des Pfarrschlosses. Zwei ovale Kartuschen sind in einer Rocaille-Umrahmung nebeneinander gestellt, in der heraldisch rechten in Silber ein einwärts gewendeter, gekrönter und doppelschwänziger roter Löwe (Klosterwappen Schussenried, hier stark zerstört), in der linken in Rot drei (1:2) goldene Ringe (persönliches Wappen des Abtes). Das Wappen wird abweichend beschrieben im Siebmacher Band: Klö Seite: 20 Tafel: 35; die dort beschriebene Teilung des persönlichen Feldes und der Gebrauch von verwechselten Farben kann an den bauplastischen Belegen nicht bestätigt werden. Das Klosterwappen hat seine Wurzeln in einem Adelswappen: Die Brüder Beringer und Konrad von Schussenried, die letzten ihres Geschlechts, stifteten ihren Adelssitz im Jahr 1183 als Kloster und traten selbst dem neuen Stift bei. Ihr Familienwappen wurde zum Klosterwappen (Siebmacher Band: WüA Seite: 25 Tafel: 23). Grünenberg gibt als Kleinod einen roten Löwenkopf mit silbernem Rückenkamm an, dessen Spitzen mit Pfauenfedern besteckt sind. Seyler gibt an, die Familie habe "einen Helmschmuck wohl nicht geführt". Von dem Bauherrn gibt es weitere Wappendarstellungen auf seinem Portrait im Neuen Kloster Schussenried sowie im Bibliotheksaal Schussenried im Deckenstuck.

Zwischen den beiden Ovalkartuschen sehen wir eine eigenwillige Konstruktion aus einer Inful, die dreiviertelkreisförmig von einem Band umgeben wird, das unten in einen Anker ausläuft, und seitlich ragen hinter der Inful Krummstab und gestürztes Schwert schräg nach außen empor, denn Schussenried war Reichsabtei und hatte neben der geistlichen auch die weltliche Macht. Abt Johannes III. Wittmayer (regierte 1544-1545) hatte das Regal des Blutbanns erhalten und war der erste Prälat, der neben dem Krummstab auch das Schwert im Wappen führen durfte. Die Inful gab es erst später, Abt Christoph Müller (amtierte 1604-1606) war der erste infulierte Abt.

Pfarrkirche St. Remigius
Die Pfarrkirche St. Remigius hatte einen älteren Vorgängerbau, der 1721-1722 vom Schussenrieder Klosterbaumeister Michael Mohr instandgesetzt wurde. Der Schussenrieder Klosterbaumeister Jakob Emele, der aus dem Ort Stafflangen stammte und hier als Sohn von Matthäus Emele und Maria Hepp geboren wurde, baute 1758-1767 den neuen Kirchturm, mit größter Wahrscheinlichkeit erneuerte er auch 1759-1770 die Kirche. Über dem Kirchenportal ist ein farbig gefaßtes Wappen des gleichen Schussenrieder Abtes angebracht, ohne Klosterwappen, nur mit den drei goldenen Ringen in rotem Feld, aber mit Inful, Krummstab und gestürztem Schwert.

Nikolaus Kloos (1.8.1718-4.9.1775) stammte aus Biberach an der Riß und war der Sohn von Kaufmann Peter Clauss (Cloos, Kloos) und dessen Frau, Anna Maria Herbrand. Der zukünftige wuchs als Johann Peter Cloos auf. Als er mit 19 Jahren in das Kloster Schussenried eintrat, wählte er den Ordensnamen Nikolaus. An der Jesuitenuniversität Dillingen studierte er Theologie. Zum Priester wurde er 1743 geweiht. Er stieg bis zum Prior auf und war damit die rechte Hand des Abtes Magnus Kleber bei dessen Verwirklichung des großen Klosterneubaus. Nikolaus Kloos ist der geistige Vater des ikonographischen Programms für die Ausmalung des Bibliotheksaales im Kloster, die 1755 beim Füssener Maler Franz Georg Hermann in Auftrag gegeben wurde. Kurz darauf, am 15.3.1756 wurde er zum Abt gewählt. Da alle anderen Trakte des Neubaus vollendet sind und weitere Realisierungen des ursprünglichen Idealplanes nicht beabsichtigt waren (finanzielle Gründe, politisch veränderte Lage, Umgewichtung der Ausgaben für spätbarockes Luxusleben), widmete er sich ganz der Ausgestaltung der Bibliothek, deren Ausstattung von vorne bis hinten sein künstlerisches Vermächtnis ist. Abgesehen davon war Stafflangen sein einziges Bauprojekt. Der Abt verstarb in seinem neuen Stafflanger Sommersitz, und er wurde in der Stafflanger Kirche bestattet. Er ging als ein Abt in die Geschichte ein, in der einerseits das Kloster Schussenried eine personelle, künstlerische, kulturelle Blütezeit, ein Aufblühen der Musikkultur und des Geisteslebens erfuhr, andererseits das barocke Luxusleben mit Wohlleben, Gastgesellschaften und Tafelfreuden einen Höhepunkt erlebte.

Innen in der Pfarrkirche St. Remigius gibt es noch weitere Wappen eines anderen Schussenrieder Abtes, des allerletzten Abtes, der am 1.12.1802 im Zuge der Säkularisation abdanken mußte, nämlich von dem aus Füssen stammenden Siard II. Berchtold (9.12.1738-3.12.1816), der mit Unterzeichnung seiner Abdankungsurkunde einen Schlußstrich unter über 600 Jahre Klostergeschichte setzte. Der Abt hatte versucht, mit dem Zeitgeist Schritt zu halten, hatte noch 1793 ein Spital neu erbauen lassen und auch das Schulwesen neu geordnet, aber er wurde von der Wucht der überregionalen Interessen überrollt: Der Hintergrund war die Besetzung der linksrheinischen Gebiete durch Frankreich nach 1792, wodurch etliche Adelsfamilien erhebliche territoriale Verluste hatten hinnehmen müssen, und im Zuge der Kompensation richteten sich die Begehrlichkeiten auf den umfangreichen oberschwäbischen Klosterbesitz. Napoléon hatte den geschädigten Territorialherren diesen Ausgleich zugesagt, wohl auch mit dem Hintergedanken, daß er ihre Unterstützung für den anstehenden Rußlandfeldzug brauchte und wollte. Der Besitz der Reichsklöster sollte dabei an die Reichsgrafen fallen. Der Besitz des Klosters Schussenried ging an die Grafen von Sternberg-Manderscheid. Das persönliche Wappen des Abtes zeigt in Silber auf grünem Grund einen schreitenden naturfarbenen Hirsch. Da in seiner Amtszeit die Ausstattung der Pfarrkirche St. Remigius erfolgte, sehen wir sein Wappen sowohl am Hauptaltar als auch an beiden Seitenaltären.

 

An den Seitenaltären (beide Abb. oben: linker Seitenaltar, beide Abb. unten: rechter Seitenaltar) ist das aus dem Klosterwappen, dem roten Löwen im silbernen Feld, und dem Hirsch gevierte Wappen jeweils oben im gesprengten Hauptgiebel angebracht, am linken Seitenaltar über einer Mondsichelmadonna und unter einem flammenden und strahlenden Herzen im Altarauszug, am rechten Altar in identischer Situation, aber über einer männlichen Statue mit dem Kind. Es wird nur mit einer Inful (Mitra) mit zu beiden Seiten gelegten und aufwärts geschwungenen Bändern (Infuln), nicht aber mit Krummstab und Schwert geführt.

 

Am Hauptaltar ist das Wappen unter einem strahlenden Auge Gottes angebracht. Die Kartusche ist hier nicht geviert, sondern zeigt das Motiv des Hirsches nicht im heraldischen Stil wie in den beiden anderen Fällen, sondern in Art einer Landschaftsmalerei, naturnah und mit Farbtonverläufen, beides klassischer Heraldik fremd. Ein Engelskopf trägt die Inful (Mitra), hier ohne herabhängende Bänder (Infuln), und hier ist im Schmuckrahmen aus üppigen Blattornamenten heraldisch rechts der Krummstab eingearbeitet; ein Schwert ist jedoch nicht vorhanden.

 

Liste der Äbte von Schussenried:
Abt, hier mit Wappen vertretener Abt, sonstige Wappenfundstellen

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@48.0921528,9.70811,19z - https://www.google.de/maps/@48.0921295,9.7081682,84m/data=!3m1!1e3
Pfarrbüro Stafflangen:
https://se-biberach-umland.drs.de/stafflangen-st-remigius/leitung/pfarrbuero.html
Kirchengemeinde St. Remigius Stafflangen:
https://se-biberach-umland.drs.de/stafflangen-st-remigius.html
Stafflangen auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Stafflangen
Stafflangen auf Leo-BW:
https://www.leo-bw.de/eu/web/guest/detail-gis/-/Detail/details/ORT/labw_ortslexikon/17135/Stafflangen
Pius Bieri: Jakob Emele, in: Süddeutscher Barock
https://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/a-g/Emele_Jakob.html
Alfons Kasper: Das Prämonstratenser-Stift Schussenried, Teil 1 und 2, Schussenried 1960
Otto Beck und Ingeborg Maria Buck: Oberschwäbische Barockstraße, Regensburg 1997
Otto Minsch: Jakob Emele - vor 300 Jahren gestorben, in: Zeit und Heimat, Schwäbische Zeitung vom 12.7.2007, Biberach 2007
Karl Kaufmann: Die Äbte des Prämonstratenser-Reichsstifts Schussenried 1404-1803, Schussenried 1985
Liste der Äbte von Schussenried:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Äbte_von_Schussenried
Bernhard Rueß: Schussenrieder Wappen, in: Rottenburger Monatsschrift, 14. Jg., 1930/1931, S. 113-118 und S. 129-134, sowie in: Schallwellen, 34. Jg., 1932, S. 62-74, Nachdruck in: Beiträge zur Geschichte Schussenrieds von Amtsrichter Paul Beck und Stadtpfarrer Bernhard Rueß, Federseeverlag, Bad Buchau 1981
Kloster Schussenried auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Schussenried
Kloster Schussenried auf Leo-BW:
https://www.leo-bw.de/web/guest/detail-gis/-/Detail/details/DOKUMENT/labw_kloester/158/Prämonstratenserabtei+St+Magnus+Schussenried
Webseite des Klosters Schussenried:
https://www.kloster-schussenried.de/start
Klöster in Baden-Württemberg:
https://www.kloester-bw.de/klostertexte.php?kreis=&bistum=&alle=&ungeteilt=&art=&orden=&orte=&buchstabe=&nr=158&thema=Geschichte
Pius Bieri: Kloster Schussenried:
https://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Werke/s-z/Schussenried.html
Pius Bieri: Abt Nikolaus Kloos, 2009, in: Süddeutscher Barock:
https://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Bauherr/s-z/Schussenried_Cloos.html
1. Dezember 1802: Abt Siard II. Berchtold besiegelt das Ende des Klosters Schussenried, Pressemitteilung vom 27.11.2020, hrsg. von: Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, onlien:
https://www.kloster-schussenried.de/presse/pressemeldungen/pressemeldungen-detailansicht/4595/2020/dezember/01 - weiterhin zur Säkularisation in Schussenried: https://www.kloster-schussenried.de/wissenswert-amuesant/dossiers/die-saekularisation
Veröffentlichung der Innenaufnahmen aus der Kirche mit freundlicher Genehmigung von Herrn Pfarrer Wunibald Reutlinger vom 14.4.2021, wofür ihm an dieser Stelle herzlich gedankt sei

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