Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2759
Oggelshausen (Landkreis Biberach)

Pfarrhaus, jetzt Schullandheim, und Pfarrkirche Oggelshausen

Pfarrhaus, jetzt Schullandheim
Das Schullandheim Oggelshausen (Pfarrer Alois Strahl-Haus) liegt südlich neben der Pfarrkirche St. Laurentius, Kirchplatz 5. Es handelt sich um ein fünfachsiges, zweistöckiges Gebäude mit Satteldach und dem Eingang in der Mitte der Südseite. Das Gebäude wurde im Jahre 1714 im Auftrag des Schussenrieder Abtes Innozenz Faber (12.4.1648-25.9.1719) von dem Bregenzer Maurermeister Leonhard Albrecht und dem Schussenrieder Meister Michael Mohr errichtet. Der Maurer und Baumeister Michael Mohr stammte aus Vorarlberg und baute auch die Eggmannsrieder Kirche und den Otterswanger Pfarrhof. Auch dort tauchen die typischen Rundfenster auf der Giebelseite auf, anscheinend ein beliebtes Motiv dieses Baumeisters. Für den Abt des Prämonstratenserklosters war Oggelshausen ein Sommersitz, und später nutzte man es als Pfarrhaus und als katholisches Gemeindezentrum. Heute ist das Gebäude ein Schullandheim und bietet Platz für rund 30 Jugendliche.

Über dem Eingang ist eine auf das Jahr 1715 datierte Wappentafel mit dem Wappen des Schussenrieder Abtes Innozenz Faber (alias Innozenz Schmid) angebracht. Die Bauinschrift lautet: "Innocenti(us) Ab/bas Sorethan(us) has / aedes Parochiales ex/trui curavit" - Abt Innozenz von Schussenried hat dieses Pfarrgebäude erbauen lassen. Die Prämonstratenserabtei Schussenried war nicht Ortsherrin von Oggelshausen. Der Ort war Teil der Herrschaft Warthausen, die 1331 an die Habsburger kam. Österreich wiederum verpfändete seinen Besitz wieder, an die Herren von Hornstein, an die Herren von Freyberg, an die Herren von Stain, an die Stadt Biberach etc. 1695 fiel der Besitz heim und wurde 1696 an die Familie von Stadion bzw. von Stadion-Warthausen verliehen, die 1700 bzw. 1755 die Grundherrschaft im Ort übernahm, die zuvor größtenteils dem Stift Buchau und der Biberacher Familie Brandenburg zugestanden hatte. Das Kloster Schussenried tritt vielmehr hier als Inhaber des Kirchenpatronats auf, das es seit 1365 besaß; davor war es ein justingisches Lehen der Herren von Muschenwang.

Zwei ovale Kartuschen sind einander zugeneigt, in der heraldisch rechten in Silber ein einwärts gewendeter, gekrönter und doppelschwänziger roter Löwe (Klosterwappen Schussenried), in der linken in Rot ein silberner Vogel Strauß mit einem schwarzen Hufeisen im Schnabel (persönliches Wappen des Abtes). Das Wappen wird beschrieben im Siebmacher Band: Klö Seite: 20 Tafel: 35. Das Klosterwappen hat seine Wurzeln in einem Adelswappen: Die Brüder Beringer und Konrad von Schussenried, die letzten ihres Geschlechts, stifteten ihren Adelssitz im Jahr 1183 als Kloster und traten selbst dem neuen Stift bei. Ihr Familienwappen wurde zum Klosterwappen (Siebmacher Band: WüA Seite: 25 Tafel: 23). Grünenberg gibt als Kleinod einen roten Löwenkopf mit silbernem Rückenkamm an, dessen Spitzen mit Pfauenfedern besteckt sind. Seyler gibt an, die Familie habe "einen Helmschmuck wohl nicht geführt". Über das persönliche Symbol des Abtes kann nur vom Namen her spekuliert werden, vielleicht war das Hufeisen der Bezug zum Namen Schmid = Faber, und in der Heraldik ist es das traditionelle Begleitzeichen des Straußenvogels. Oben trägt ein Puttenkopf eine Inful; hinter dem Schild schräggekreuzt sehen wir Krummstab und gestürztes Schwert, denn Schussenried war Reichsabtei und hatte neben der geistlichen auch die weltliche Macht. Abt Johannes III. Wittmayer (regierte 1544-1545) hatte das Regal des Blutbanns erhalten und war der erste Prälat, der neben dem Krummstab auch das Schwert im Wappen führen durfte. Die Inful gab es erst später, Abt Christoph Müller (amtierte 1604-1606) war der erste infulierte Abt.

 

Eine ganz ähnliche Bautafel mit dem gleichen Wappen ist am Pfarrhof Otterswang angebracht, mit bis auf die abweichende Jahreszahl 1719 und das Wort "fieri" identischer Inschrift und gleichem Wappen. Das Straußenwappen in Farbe kann man auf einem Portrait des Abtes im Gang zur Bibliothek in Schussenried sehen, das ihn im Alter von 67 Jahren darstellt. Weiterhin ist sein Wappen im Kloster Schussenried am Hochaltar (nur der Strauß, ohne Hufeisen und auf einem Grund stehend) und am Chorgestühl (gespalten aus Löwenfeld und Straußenfeld) zu finden. In einer zeitgenössischen Druckgraphik wird das Wappen auch in gevierter Form verwendet.

Innozenz Schmid stammte aus Reichenbach und war der Sohn von Georg Schmid, Ammann des Klosters und Schenkwirt im Mauritiusgut, und dessen Ehefrau Anna Fessler. Innozenz wuchs als Matthäus Schmid auf. Den Vornamen bekam er, weil sein Taufpate der Schussenrieder Reichsprälat Matthäus Rohrer war. Mit seinem 1662 erfolgten Klostereintritt nahm er den Namen Innozenz oder lateinisch Innocentius an, und ebenso übersetzte er seinen Familiennamen ins Lateinische: Faber. 1664 legte er die Profeß ab, 1666 ging er zum Studium an die Jesuitenuniversität in Dillingen. Zum Priester wurde er 1671 geweiht. Dann übernahm er 1676 das Amt des Großkellerers (Verwalter der gesamten Wirtschaftsgüter), 1680 das des Priors. Er begann 1683, sich aktiv in die Führung des Klosters einzumischen und half, den Abt Vinzenz Schwab abzusetzen, nach seiner Einschätzung ein liederlicher Prälat. Auch dessen Nachfolger Tiberius Mangold dient Innozenz Faber als Prior. Zwischenzeitlich war er nach Weißenau abgeordnet, um dort 1698-1705 als Prior tätig zu sein, de facto aber um die Geschäfte eines sehr schwachen Abtes zu führen und anschließend dessen Nachfolger einzuarbeiten. Zurück in Schussenried gab es neue Probleme und neue politische Agitation: Er hatte zwar selber den liederlichen Abt Vinzenz Schwab mit abgesetzt und den neuen Abt Tiberius Mangold mitgewählt, aber nun erwies sich dieser als zu streng. Dessen 180prozentige Auslegung der Ordensregeln wurde von den Mönchen nicht mehr mitgetragen, und so kam es zu einer internen Rebellion, an der sich Innozenz Faber beteiligte: Da dieser sich zunächst weigerte, den Posten zu räumen, wurde Innozenz Faber von den anderen Mönchen als Administrator eingesetzt. Erst 1710 gab sein Vorgänger auf und resignierte. Der Weg zur eigenen Macht war frei: Am 27.10.1710 wurde Innozenz Faber zum 18. Abt von Schussenried gewählt. Diese Wahl wurde geleitet von Leopold Mauch, Abt von Weißenau, genau jener, den Innozenz Faber 1704 als Abt eingeführt hatte, nachdem dessen schwacher Vorgänger resigniert hatte, alles unter der Betreuung von Innozenz Schmid. Im Alter von 62 Jahren trat er also sein Amt als Abt an, und er hatte noch eine Amtszeit von knapp 9 Jahren. In Schussenried gestaltete er die Stiftskirche um und leitete deren Barockisierung ein, ließ 1717 ein neues Chorgestühl einbauen und einen neuen Hochaltar und neue Seitenaltäre anfertigen.

Pfarrkirche St. Laurentius und Agatha
Ein weiteres Wappen befindet sich innen in der nahen Pfarrkirche St. Laurentius und Agatha. Es handelt sich um einen neugotischen Bau aus der Zeit um 1901-1902; nur der Kirchturm ist älter und stamme aus dem Jahre 1775. Ein historischer Wappenstein, der die Jahreszahl 1696 trägt, ist im Inneren in die Wand eingelassen. Dort ist das Wappen des Schussenrieder Abtes Tiberius Mangold (18.3.1655-14.5.1716) zu sehen, es ist geviert, Feld 1 und 4: in Silber einwärts ein roter, ungekrönter, doppelschwänziger Löwe, Feld 2 und 3: in Silber über einem grünen Dreiberg das Brustbild eines schwarzgekleideten Mannes mit Hut, der mit seinen erhobenen Händen je drei Mangoldpflanzenstengel emporhält, wodurch das persönliche Element des Abtes ein redendes Wappen bildet. Die Buchstaben "T A Z S" stehen für "Tiberius Abt zu Schussenried", Tiberius Abbas Sorethanus. Ein geflügelter Engelskopf trägt über der Wappenkartusche die Inful; schräglinks ragt der Krummstab hervor, dessen Sudarium auf die andere Seite hinüberweht; ein Schwert fehlt.

 

Tiberius Mangold stammte aus Hagnaufurt, Gemeinde Michelwinnaden (heute Bad Waldsee). Sein Vater war der Schussenrieder Lehenbauer Michael Mangold, und der Taufname war Andreas. Andreas besuchte die Schule im Kloster Schussenried und legte 1674 die Profeß ab, wobei er den Ordensnamen Tiberius wählte. Die Priesterweihe erhielt er nach dem Studium der Theologie im Haus im Jahre 1679, danach besuchte er joch die Universität Dillingen. Nachdem man seinen Vorgänger Vinzenz Schwab zum Rücktritt gezwungen hatte, wurde er am 10.5.1683 im Alter von erst 28 Jahren zum Abt gewählt. Er erwies sich als strenger Abt und guter Verwalter; die Zahl der Mönche stieg ebenso wie das Klostervermögen, und auch der Grundbesitz konnte durch Zukäufe vermehrt werden. Sein Projekt der barocken Erneuerung des gesamten Klosters konnte er aufgrund des Spanischen Erbfolgekrieges nicht verwirklichen. Die Spaltung des Konvents, die Rebellion und seine erzwungene Resignation am 27.10.1710 wurden bereits oben bei seinem Amtsnachfolger beschrieben. Mit einem kleinen Auskommen versehen, zog sich der Ex-Abt bis zu seinem Tod im Alter von 61 Jahren in die Pfarrei Eggmannsried zurück. Sein Wappen ist außerdem am Hauptaltar der Pfarrkirche St. Margaretha in Obereisenbach zu sehen.

Liste der Äbte von Schussenried:
Abt, hier mit Wappen vertretener Abt, sonstige Wappenfundstellen

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@48.0723758,9.6472169,19z - https://www.google.de/maps/@48.0723832,9.6472487,88m/data=!3m1!1e3
Hinweistafel am Gebäude
Seelsorgeeinheit Federsee:
https://dekanat-biberach.drs.de/seelsorgeeinheiten/13-federsee.html - https://www.se-federsee.de/
katholische Kirchengemeinde Oggelshausen:
https://www.se-federsee.de/oggelshausen-2
Oggelshausen auf Leo-BW:
https://www.leo-bw.de/web/guest/detail-gis/-/Detail/details/ORT/labw_ortslexikon/17476/Oggelshausen+BC - https://www.leo-bw.de/web/guest/detail-gis/-/Detail/details/ORT/labw_ortslexikon/17473/Oggelshausen
Pius Bieri: Innozenz Schmid, 2009, in: Süddeutscher Barock
https://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Bauherr/s-z/Schussenried_Schmid.html
Alfons Kasper: Das Prämonstratenser-Stift Schussenried, Teil 1 und 2, Schussenried 1960
Karl Kaufmann: Die Äbte des Prämonstratenser-Reichsstifts Schussenried 1404-1803, Schussenried 1985
Liste der Äbte von Schussenried:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Äbte_von_Schussenried
Bernhard Rueß: Schussenrieder Wappen, in: Rottenburger Monatsschrift, 14. Jg., 1930/1931, S. 113-118 und S. 129-134, sowie in: Schallwellen, 34. Jg., 1932, S. 62-74, Nachdruck in: Beiträge zur Geschichte Schussenrieds von Amtsrichter Paul Beck und Stadtpfarrer Bernhard Rueß, Federseeverlag, Bad Buchau 1981
Kloster Schussenried auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Schussenried
Kloster Schussenried auf Leo-BW:
https://www.leo-bw.de/web/guest/detail-gis/-/Detail/details/DOKUMENT/labw_kloester/158/Prämonstratenserabtei+St+Magnus+Schussenried
Webseite des Klosters Schussenried:
https://www.kloster-schussenried.de/start
Klöster in Baden-Württemberg:
https://www.kloester-bw.de/klostertexte.php?kreis=&bistum=&alle=&ungeteilt=&art=&orden=&orte=&buchstabe=&nr=158&thema=Geschichte
Pius Bieri: Kloster Schussenried:
https://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Werke/s-z/Schussenried.html
Siebmacher, Band: Klöster
Pius Bieri: Abt Tiberius Mangold, 2009, in: Süddeutscher Barock:
https://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Bauherr/s-z/Schussenried_Mangold.html
Veröffentlichung der Innenaufnahmen aus der Kirche mit freundlicher Genehmigung von Herrn Pfarrer Martin Dörflinger vom 8.4.2021, wofür ihm an dieser Stelle herzlich gedankt sei

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