Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2707
Rheinbreitbach (Landkreis Neuwied, Rheinland-Pfalz)

Untere Burg Rheinbreitbach

In Rheinbreitbach gab es früher zwei Burgen, eine untere Burg und eine obere Burg. Die untere Burg ist im Osten der Kirche am Renesse-Platz zu finden. Viel ist nicht mehr von ihr übrig: Im Westen, an der Burgstraße gegenüber dem gotischen Kirchenchor, befindet sich als einziges Relikt der Umfassungsmauer ein Portal, und östlich des Parkplatzes liegen die ausgegrabenen und knapp aufgemauerten Grundmauern der ehemaligen Burg, auf drei Seiten von einer Teichbeckenabfolge und an der vierten, der südlichen Seite von der Westerwaldstraße und einem Fußweg umgeben. Man kann anhand des Grundrisses nachvollziehen, daß es sich einst um eine kompakte, schlichte Wasserburg gehandelt hat, mit einem viereckigen Turm in der Mitte und sich daran anlehnenden Gebäuden auf drei Seiten reihum, wobei die Raumgröße zeigt, wie klein dimensioniert das Leben in dieser Burg einst gewesen sein muß. Im Osten befand sich ein kleiner ummauerter Hof. Umgekehrt läßt sich anhand des Grundrisses die Baugeschichte gut nachvollziehen: In der Nähe des Baches wurde am Fuße des Koppelberges um 1250 ein Graben ausgehoben, der Aushub zu einem Hügel aufgeschüttet, auf dem man einen festen, vier- bis fünfgeschossigen Turm baute - eine Burg vom Mottentyp, die ein fester Teil des Verteidigungssystems des Dorfes Rheinbreitbach war und dem Burgherrn im Falle eines Angriffes als sicherer Rückzugsort diente. Die Untere Burg ist damit eine der ältesten Wasserburgen des Rheinlandes. Später umbaute man den Turm mit ein paar Zimmern in Anbauten, um es bequemer zu haben, beginnend im Westen mit einem dreigeschossigen Anbau. Viel Platz war hier nicht. Noch später entstanden ringförmig weitere Außenanlagen mit Wirtschaftsgebäuden: Gesindehaus, Ställe, Scheune, wobei die Gebäude sich alle mit ihrer Rückseite in die Außenmauer integrierten. Im Norden der Ruine steht noch am Breitbach ein langgestrecktes, im stumpfen Winkel geknicktes Wirtschaftsgebäude, das ehemalige Gesindehaus, das von Privatleuten mühevoll und vorbildlich renoviert wurde und bewohnt ist. Daneben stand früher ein Stallgebäude. Im Süden der Burg stand ein Keltereigebäude mit Weinkeller und die Scheune, wo heute die Straße verläuft.

Diese erste Burg, Stammsitz der 1217 urkundlich bezeugten niederadeligen Herren von Breidbach und späteren Freiherren von Breidbach-Bürresheim, war zunächst ein Lehen der Herren von Sayn bzw. deren Erben Johann von Sponheim, wurde aber 1264 an das Erzstift Köln verkauft. Mit zunehmendem Ausbau der Burg wurde sie zum verwaltungsmäßigen und wirtschaftlichen Zentrum der kurkölnischen Ländereien in Rheinbreitbach. Doch auch mit Anbauten war der Burgsitz aufgrund des umgebenden Wassergrabens nicht wirklich expansionsfähig, sondern blieb ein Turm mit Anbauten mit winzigen Zimmern, im Grunde alles andere als repräsentativ und herrschaftlich, sondern eine alte Hütte. 1473 kauften die Herren von Breidbach einen Teil von Schloß Bürresheim, das man ungleich schöner, bequemer und repräsentativer ausbauen konnte, und verlegte ihren Hauptsitz dorthin. Seitdem nannte sich die Familie auch von Breidbach-Bürresheim. Die alte Burg in Rheinbreitbach hatte ausgedient, und vor Ort kümmerte sich ein Verwalter oder Vasall um die wirtschaftlichen Angelegenheiten.

Die mittelalterliche Burg wurde entweder im kurkölnischen Krieg (1583-1588) oder im Dreißigjährigen Krieg von durchziehenden schwedischen Truppen oder bei beiden Gelegenheiten niedergebrannt. Ab 1661 ging man an den Wiederaufbau. 1707 investierte man erneut in die Wiederherstellung, weitere Baumaßnahmen sind 1726 und 1764 belegt. Zeitweise wurde die Burg an die Bergwerksbesitzer Peter Breuer und Anton Clouth verpachtet. Ferdinand Damian von Breidbach-Bürresheim (1670-1747) mußte erneut 7000 Taler aufbringen, um dem zunehmenden Verfall entgegenzuwirken. Im Barock baute man das Treppenhaus an der Südseite an. Die Familie von Breidbach wurde 1691 in den Reichsfreiherrenstand erhoben. Ihr bedeutendstes Mitglied war Emmerich Joseph von Breidbach-Bürresheim (12.11.1707-11.6.1774), Fürsterzbischof und Kurfürst von Mainz (seit 1763) und in Personalunion auch Fürstbischof von Worms (seit 1768). Nach diesem machtpolitischen Höhepunkt dauerte es jedoch nur wenige Jahre bis zum Erlöschen des Hauptstammes der Familie. Aus einer Phase der spätbarocken Instandsetzung stammt das Wappen am äußeren Tor, es verweist auf Ferdinand Damians Sohn, Franz Ludwig Anselm von Breidbach-Bürresheim (1718-21.2.1796), den Letzten der Familie im Mannesstamm. Das Wappen der von Breidbach-Bürresheim zeigt in Silber einen zweibeinigen, geflügelten, roten Drachen mit untergeschlagenem Schwanz, auf dem Helm mit rot-silbernen Decken der rote Drache wie beschrieben. Das Wappen findet sich bei Gruber (dort aber Drache der Helmzier wachsend) und im Siebmacher Band Na, S. 5, T. 5, bei Zobel Tafel 50, ferner im Aschaffenburger Wappenbuch, Tafel 50 Seite 124, außerdem bei Otto Hupp, Münchener Kalender 1934.

Auszug aus der Genealogie der Herren und Freiherren von Breidbach-Bürresheim und der Grafen von Renesse:

Die Ordenskette ist die des bayerischen Ordens des hl. Michael. Durch diese Kette kann das Wappen exakt dem Franz Ludwig Anselm von Breidbach-Bürresheim (1718-21.2.1796) zugeordnet werden. Der Orden wurde von Herzog Joseph Clemens von Bayern, Fürsterzbischof von Köln, im Jahre 1693 gestiftet. Üblicherweise ist ein Prinz einer Nebenlinie Ordens-Großmeister des Ordens. Die Mitgliedschaft im Orden war ausschließlich Adeligen vorbehalten. Die Zahl der Mitglieder ist auf 18 Kommandeure oder Großkreuze sowie 36 Ritter festgelegt. Eigentlich lautet der vollständige Titel des Ordens "Ritterorden der Beschützer der göttlichen Ehre unter dem Schutze des heiligen Erzengels Michaels". Das hier vereinfacht dargestellte Ordenszeichen ist ein goldenes, blau emailliertes Kreuz, auf dessen vier gleichlangen Enden üblicherweise in goldener Schrift die Buchstaben: P. F. P. F. stehen, für die Tugenden Pietas, Fidelitas, Fortitudo und Perseverantia - Frömmigkeit, Treue, Stärke und Ausdauer. Auf der goldenen Medaillonfläche des Avers befindet sich üblicherweise eine bildnerische Darstellung des Hl. Michaels, den Drachen mit Füßen tretend, und in der linken Hand einen Schild mit der Inschrift: Quis ut Deus, haltend. Auf dem Revers steht mit goldenen Lettern: Dominus potens in proelio.

Die Kette ist eine heraldische, die Glieder sind einerseits Waffentrophäen (üblicherweise ein Ensemble aus Helm, Harnisch und Fahnen, hier nur eine Rüstung aus Helm und Harnisch) und andererseits ovale Medaillons mit den bayrischen Schrägrauten, von denen zu beiden Seiten je drei Donnerkeile (Blitze) strahlen. Ordenssitz war in Bonn das 1751-57 eigens von Kurfürst Clemens August hierfür errichtete Koblenzer Tor. Mit der Säkularisation des Kölner Fürsterzbistums ging der Orden im Rheinland unter. In Bayern wurde er 1837 von König Ludwig I. in einen Verdienstorden umgewandelt, der bis zum Untergang der Monarchie 1918 verliehen wurde. Franz Ludwig Anselm von Breidbach-Bürresheim wurde am 21.10.1760 in den Orden aufgenommen. Ein Register-Eintrag mit seinem Wappen und der Ordenskollane nennt: "François Louis Baron de Breidbach à Burresheim Conseiller intime et Vice Grand Chambellan de S(on). A(ltesse). E(vèque). de Trèves, Grand Baillif d'Ehrenbreitsein (sic) et Coblence. Commandeur du grand Croix du très illustre Ordre de S. Michel Archange. Reçu le 21. Octob(re). 1760." Übrigens war auch sein Bruder, Friedrich von Breidbach-Bürresheim (-1770), Ordensmitglied.

Es gibt im Ort noch einen zweiten Wappenstein der Freiherren von Breidbach-Bürresheim: Jenseits der modernen Erweiterung der Kirche St. Maria Magdalena steht im Norden am Kirchplatz 13 ein modernes, zur Pfarrei gehörenden Gebäude, an dessen Backstein-Außenwand eine Spolie eingemauert ist. Der Drache ist linksgewendet; die reichverzierte Kartusche trägt oben eine Rangkrone mit sieben vorne sichtbaren Perlen und zwei teilverdeckten weiteren Perlen an der Seite.

 

Auch dieses spätbarocke Wappen ist das der Herren von Breitbach-Bürresheim wie oben beschrieben, aber ohne die Ordenskette. Ein weiterer Wappenstein befand sich früher an der abgetragenen Kelterei, das war ein Renaissance-zeitlicher Allianzwappen von Wilhelm von Breidbach-Bürresheim, Amtmann von Linz und Neuerburg, und seiner Frau Anna von Harff (Verbleib unbekannt, ohne Abb.).

Nach dem Erlöschen der Freiherren von Breidbach-Bürresheim kam der Besitz an die Grafen von Renesse, wie vom Testament des letztes Freiherrn vorgesehen. Nicht sofort und nicht ganz problemlos, denn es entbrannte ein heftiger Erbschaftsstreit, der letztendlich erst durch die Auflösung der geistlichen Fürstentümer 1803 entschieden wurde. Der Begünstigte war der Enkel der Schwester des letzten Freiherren, Graf Clemens Wenzeslaus von Renesse. Die in Belgien beheimateten Grafen von Renesse nannten sich nun Renesse-Breidbach und fügten den Drachen ihrem eigenen Wappen hinzu. Sie hatten aber viel mehr Interesse an Schloß Bürresheim als an der Burg Rheinbreitbach. Seit 1801 wohnte in der Unteren Burg der Hofkammerrat und Bergwerksdirektor Bleibtreu aus Neuwied, und er hielt die alten Mauern instand. Dennoch wurde zu wenig für den Erhalt getan, und der Verfall schritt voran. Die Stabilität war gefährdet; innen wurde die Burg nur noch von hölzernen und stählernen Stützen zusammengehalten. In den 1930er und den 1940er Jahren kam es zum Beschluß von Renovierungsmaßnahmen, wegen des Kriegsausbruchs wurden sie nicht mehr durchgeführt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, den die Burg weitgehend unbeschadet überstanden hatte, diente die Burg nur noch als Lagerplatz für Fässer der örtlichen Marmeladenfabrik. Im ehemaligen Gesindehaus waren Flüchtlinge untergebracht. Die Wohnburg war wegen Einsturzgefahr abgesperrt. Ende der 1950er Jahre war es dann soweit, eine Katastrophe mit Ansage: Der von einem steilen Pyramidendach bekrönte Hauptturm krachte aus Altersschwäche in sich zusammen und riß alle Anbauten mit sich. Was noch stand, riß man auch noch nieder. Nur auf Initiative des Heimatvereins Rheinbreitbach konnte das äußere Tor gerettet werden, wobei die bei Ausschachtungen für die Hans-Dahmen-Halle gefundenen Knochen von Maria Anna Gräfin von Walderdorff, Ehefrau des Wappenträgers am Tor, in den restaurierten Torbogen eingemauert wurden. Der zugehörige Sarkophag steht heute in Schloß Bürresheim. Die restliche Umfassungsmauer fiel dem Ausbau der Westerwaldstraße in den 1970er Jahren zum Opfer. Über den Ruinenhügel wucherte Ruderalflora und wuchsen schließlich Bäume; das einstige Ortszentrum wurde zum städtebaulichen und denkmalpflegerischen Schandfleck, zum Abenteuerspielplatz für Kinder, während sich die Wurzeln der Bäume immer tiefer in das historische Mauerwerk gruben. Erst 2006-2009 wurden die Grundmauern wieder freigelegt, der Schutt abtransportiert und der ganze Burgplatz mit umgebenen flachen Teichen neu gestaltet, bezuschußt aus Mitteln der Dorferneuerung des Landes.

Literatur, Links und Quellen:
Position in Google Maps: https://www.google.de/maps/@50.6172515,7.2307071,19z - https://www.google.de/maps/@50.6171997,7.2305696,57m/data=!3m1!1e3
Artikel von Thomas Napp:
https://www.regionalgeschichte.net/bibliothek/aufsaetze/napp-macht-und-pracht-der-herren-von-breitbach.html
Liste der Kulturdenkmäler in Rheinbreitbach:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Kulturdenkmäler_in_Rheinbreitbach
Untere Burg in Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Untere_Burg_(Rheinbreitbach)
Untere Burg in der EBIDAT-Datenbank, Artikel von Jens Friedhoff:
http://www.ms-visucom.de/cgi-bin/ebidat.pl?id=17
Ausgrabung der Grundmauern:
https://ga.de/region/mit-hacke-und-schaufel-auf-spuren-der-geschichte_aid-40196807
Wiederherstellung als Bodendenkmal:
https://ga.de/region/rheinbreitbacher-wasserburg-wird-zum-idyllischen-kleinod_aid-40277393
Dokumentation des Heimatvereins mit historischen Photos:
https://heimatverein-rheinbreitbach.blogspot.com/2013/05/untere-burg.html
Dokumentation des Heimatvereins zur Familie:
https://heimatverein-rheinbreitbach.blogspot.com/2015/03/breitbach-zu-burresheim-emmerich-joseph.html
Ordensmitgliedschaft:
https://4.bp.blogspot.com/-3XDFq-luYaY/UZFgbIjgloI/AAAAAAAAHMU/A5Vsgj9Nr54/s1600/Breidbach-Bürresheim.jpg
Franz-Josef Federhen, Bernd Hamacher: 750 Jahren Herren von Breitbach, 1246-1996, Rheinbreitbacher Heimathefte 1996.
Werner Bergmann: Verzeichnis der Mitglieder des altbayerischen Hausritterordens vom heiligen Michael, 2018 -
https://www.deutsche-gesellschaft-fuer-ordenskunde.de/DGOWP/wp-content/uploads/2018/08/Verzeichnis_Mitglieder_Hausritterordens-vom-heiligen-Michael_BERGMANN.pdf

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