Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2688
Helmstedt (Landkreis Helmstedt, Niedersachsen)

Das Hauptgebäude des Klosters St. Ludgeri

Das Kloster St. Ludgeri in Helmstedt
Das Kloster St. Ludgeri liegt nordwestlich der Hauptachse des ehemaligen Klostergeländes, durch die heute zum Stadtring gehörende Straße Am Ludgerihof von den ehemaligen Wirtschaftsbauten getrennt. Was früher der Hauptplatz zwischen Ökonomie und Kloster war, ist heute eine Hauptverkehrsachse mit dem Taubenhaus auf einer Verkehrsinsel zwischen den beiden Fahrtrichtungen. Das Kloster ist eine Vierflügelanlage, wobei die Klosterkirche den Südwestflügel bildet; der Kirchturm steht auf der Seite des Innenhofs. Die drei anderen Flügel im Nordwesten, Nordosten und im Südosten bilden das eigentliche Kloster. Zwischen der Kirche und dem Nordostflügel ist das Viereck auf einem kurzen Teilstück nur durch eine Mauer mit Durchlaß geschlossen.

Vom Nordwestflügel aus springt ein Anbau in den Hof hinein, das ist eine interessante Doppelkapelle mit Unterkapelle und der Oberkapelle. Die untere ist die als Missions- und Taufkapelle errichtete Kapelle St. Peter und St. Paul; sie stammt aus karolingischer Zeit und ist das älteste Gebäude des gesamten Klosterkomplexes und das älteste noch erhaltene sakrale Gebäude in Niedersachsen. Sie stand früher ebenerdig und war zu den Seiten geöffnet. Heute liegt sie deutlich eingesenkt, so viel Schutt hat im Laufe der Jahrhunderte das Bodenniveau erhöht. Die Oberkapelle St. Johannis Baptistae (St. Johannes der Täufer) wurde um 1050 aufgesetzt; das geschwungene Dach ist viel später entstanden. Der Innenhof war früher einmal ein Kreuzgang und wird auch Paßhof genannt.

Der lange Nordostflügel besitzt auf seiner Außenseite einen Mittelgiebel. Der repräsentativste Flügel ist der mit der nach Südosten gerichteten Schauseite; er besitzt zwei kurz vorspringende Seitenteile und einen dreieckigen Mittelgiebel, und vor allem hat er drei Portale, das Hauptportal in der Mittelachse, die beiden anderen direkt neben den kurzen Seitenflügeln. Während sich die Räume für die Mönche im Nordwest- und im Nordostflügel befanden, und in letzterem noch ein großer Saal mit prächtigen Stuckdekorationen aus der Rokokozeit liegt, lagen im Südostflügel rechts die Wohnung des Propstes (Praepositus), übergehend in den Nordflügel, in der Mitte das Refektorium und im Süden die Wohnung des Kellermeisters (Cellerarius). Jedes der drei Portale auf der Südostseite trägt einen prunkvollen Wappenstein mit Inschrift.

Ein Kloster - zwei Standorte
Das ehemalige Benediktinerkloster Helmstedt ist eine Gründung aus dem späten 8. Jh. und älter als die benachbarte Stadt Helmstedt. Kloster Helmstedt und Kloster Werden sind, obwohl 300 km Luftlinie voneinander getrennt, eng miteinander verbunden. Hinter diesem Kloster steht, untrennbar mit ihm verbunden, die Abtei Werden in der Nähe von Essen. Genau wie Werden wurde auch das Kloster in Helmstedt von Ludger (Liudger) selbst gegründet. Bereits kurz nach dem Jahr 1000 gibt es eine enge Verbindung zwischen Werden und Helmstedt, und beide Klöster hatten immer einen gemeinsamen Abt. Beide Klöster waren frei und reichsunmittelbar, und beide waren exemt. Werden gehörte jedoch zur Kirchenprovinz Köln, Helmstedt zum Bistum Halberstadt und zur Kirchenprovinz Mainz. Und an jedem Standort mußte man sich mit anderen Interessen der großen Territorialherren auseinandersetzen, in Werden waren das die Herzöge von Berg, die Herzöge von Kleve und die Grafen von der Mark, dann die Herzöge von Pfalz-Neuburg sowie später Brandenburg und dann Preußen, und in Helmstedt waren das die Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel. Jedes Kloster für sich hatte aber eigene Klosterämter, einen Propst für die äußere Führung und einen Dekan oder Prior für die innere Führung, daneben die anderen üblichen Ämter. Nur der Abt war gemeinsam, und der Propst von Helmstedt war dem Abt von Werden und Helmstedt zu Gehorsam und Rechenschaft verpflichtet. Während in Werden das Amt des Propstes im späten 15. Jh. aufgegeben wurde, wurde es in Helmstedt bis zur Säkularisation beibehalten.

Auch wenn beide Klöster einem gemeinsamem Abt unterstanden, es sozusagen ein Kloster mit zwei Standorten war, waren dennoch die Klöster nicht gleichberechtigt verfaßt, und Helmstedt spielte die zweite Geige. Wegen einer von Abt Gerhard am 25.7.1230 getroffenen Bestimmung waren die Mönche von Helmstedt nicht an der Wahl des Abtes beteiligt, angeblich wegen der großen Entfernung und der Wahlverzögerung durch die aufwendige Anreise. Erst seit dem 17. Jh. und einer größeren Auseinandersetzung nahmen die Helmstedter als Kompromiß wenigstens an den Wahlen in Werden teil. Ein zweiter Unterschied war, daß der Konvent in Werden bis zur Reform größtenteils adelige Mitglieder hatte, der in Helmstedt bürgerliche. Erst durch die Reform unter Adam Meyer nach 1474 änderte sich das in Werden, und es dauerte 196 Jahre, bis wieder ein adeliger Abt an die Macht kam. Wegen dieser Benachteiligung und einer gewissen Eigenständigkeit beanspruchten die Mitglieder des Helmstädter Standortes, daß sie wenigstens selber ihren Propst wählen dürften, ein ständiges Konfliktpotential im Verhältnis zu Werden.

Mit der Stadt Helmstedt bestand kein gutes Verhältnis. Abt Antonius Grimholt trat 1490 die aufmüpfige Stadt als Lehen an den Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel ab. Insbesondere in der Reformationszeit war das Verhältnis zwischen Kloster und Bürgerschaft extrem angespannt. Einem Klostersturm fielen einige Abteigebäude und die Klosterkirche 1553 zum Opfer. Zeitweise hatte der Werdener Abt sogar überlegt, ob es nicht besser sei, den Rat der Stadt mit der Verwaltung des Klosters zu belehnen, das kam aber nicht zur Ausführung. Da nicht nur Helmstedt, sondern auch das niedersächsische Umland der Reformation zugeneigt war, blieb der Nachwuchs an Novizen aus, und Mönche aus Werden wurden zur Aufrechterhaltung des Klosterbetriebs nach Helmstedt entsandt.

Das Klosterwappen
Älteste Siegel des Klosters Werden zeigen den Gründer, den hl. Ludger. Erst in der ersten Hälfte des 15. Jh. ist auf den Münzen des Abtes Johann Stecke (amtierte 1436-1451) ein Wappen nachzuweisen, und darin wird in gespaltenem Schild das Kreuz rechts mit dem Familienwappen links kombiniert. Auch der Schild mit den schräggekreuzten Krummstäben taucht auf den Münzen auf. Beide noch separat verwendete Symbole tauschen also gleichzeitig auf und sind beide dem Kloster Werden und seinem zweiten Standort in Helmstedt zuzurechnen.

In der weiteren Entwicklung werden beide Symbole zusammengelegt. Das Klosterwappen von Werden und Helmstedt wird nun ein silbernes durchgehendes Balkenkreuz in blauem Feld, belegt mit einem roten Herzschild mit zwei schräggekreuzten goldenen Abtsstäben. Das Wappen aus Kreuz und Krummstäben ist das Stiftswappen, wenn es alleine geführt wird. Eine solche Kombination taucht erstmals im Siegel des Abtes Theodor Hagedorn (amtierte 1477-1484) in einer Urkunde von 1480 auf und verfestigt sich seitdem als Klosterwappen. Die frühen Äbte hatten keine eigenen Familienkomponenten in ihren Wappen, sondern verwendeten das Klosterwappen. Das lag auch daran, daß es innerhalb der Bursfelder Kongregation verpönt war, sich als Abt mit personenbezogener Repräsentation in den Vordergrund zu stellen, auch mit eigenen Wappen, und die Äbte des 15. und 16. Jh. hielten sich streng daran. Die Äbte Theodor Hagedorn (amtierte 1477-1484), Antonius Grimholt (amtierte 1484-1517), Johann von Groningen (amtierte 1517-1540) und Hermann von Holten (amtierte 1540-1572) hatten keinerlei persönliches Symbol in ihren Siegeln, und selbst auf ihren Grabsteinen erscheint nur das Klostersymbol. In Farbe taucht das Klosterwappen erstmals im 16. Jh. auf. Unter Abt Heinrich Duden wurde 1573 ein Lehnbuch angefertigt, darin wird ein goldenes Kreuz in silbernem Feld geführt. Später setzte sich die Farbe Silber für das Kreuz durch. In der genannten Quelle werden die Krummstäbe golden in rotem Feld geführt.

Nach einer Theorie soll das Element mit den schräggekreuzten Krummstäben für den Zweitstandort Helmstedt stehen. Dafür spricht, daß die Pröpste von Helmstedt nur die Krummstäbe führen, meist in gespaltenem Schild rechts, während heraldisch links ihr Familienwappen positioniert wird (zwei Portale am Südostflügel). Aber auch andere Kombinationen z. B. im geteilten Schild sind möglich und waren üblich (vgl. am Türkentor). Das Kreuzwappen wird nur von den Äbten geführt, nicht von den Pröpsten. Mit Sicherheit symbolisieren die zwei Abtsstäbe die zwei Klöster mit gemeinsamem Abt. Und ohne Helmstedt hätte Werden nicht zwei Krummstäbe führen können. Daraus aber abzuleiten, daß dieses Motiv allein für das Kloster in Helmstedt steht, ginge zu weit. Aber es hat sich offensichtlich der Usus herausgebildet, dieses Krummstabwappen alleine zu verwenden, wenn nur ein Bezug zum Zweitstandort gegeben ist, wie bei den Pröpsten.

Wir haben oben gesehen, daß die beiden Komponenten des Stiftswappens im 15. Jh. vereinigt wurden. Im 17. Jh. setzt ein gegenläufiger Trend ein, entsprechend der barocken Vorliebe für vielfeldrige Wappen. Beide Komponenten werden wieder auseinandergenommen und bekommen wieder separate Felder. Das Stift besitzt aber noch ein weiteres Wappen, das in den mehrfeldrifgen Wappen der Äbte auftaucht, das ist der silberne Doppeladler in blauem Feld. Dieser wird seit der Renaissance in den Abtswappen hinzugenommen, erst in vierfeldrigen, später in sechsfeldrigen Wappen mit Herzschild, in dem das persönliche Wappensymbol des jeweiligen Abtes geführt wird. Anstelle der in ein Feld passenden Kombination hat man dann so im Barock sechs Felder alleine für das Kloster erzeugt, unterscheidend wurde allein der Herzschild.

 

beide Abb.: Hauptportal in der Mitte des Südostflügels

Südostflügel: Hauptportal
Wir beginnen mit dem prächtigsten Portal in der Mittelachse des Südostflügels: Die rechteckige, doppelflügelige Tür besitzt ein Oberlicht, in dem in durchbrochener Arbeit der doppelköpfige Adler des Reichs eingearbeitet ist, oben zwischen den Häuptern die Kaiserkrone, im rechten Fang ein Zepter haltend, im linken ein Schwert. Dieses Symbol zeigt an, daß es sich bei dem Kloster Werden um ein reichsunmittelbares Stift handelt. Die Plätze rechts und links des Reichsadlers in der zeittypischen Form werden von doppelten, spiegelsymmetrischen und miteinander verschränkten Initialen ausgefüllt, links sieht man zweimal den Buchstaben "C", rechts zweimal den Buchstaben "L". Als dieses Portal gebaut wurde, war Karl VI. Kaiser des Reichs, vielleicht soll CL für Carolus stehen.

Die Türöffnung wird flankiert von zwei Zwillingspilastern mit vergoldeten Kompositkapitellen, die das Gebälk tragen. In der in der Mitte leicht verkröpften Gebälkzone befindet sich die Bauinschrift: "SUB REVERENDISSIMO & ILL(USTRISSI)MO DOMINO DOMINO BENEDICTO DEI GRATIA S(ACRI) R(OMANI) I(MPERII) ABBATE / WERDINENSI & HELMSTADIENSI, HANC ALAM EXSTRUXIT LAURENTIUS HANE PRAEPOSITUS" - unter dem ehrwürdigsten und durchlauchtigsten Herrn, dem Herrn Benedikt (von Geismar), von Gottes Gnaden des Heiligen Römischen Reiches Abt in Werden und in Helmstedt, errichtete Propst Laurentius Hane diesen Flügel. Über den beiden inneren Pilastern steht auf den Zwischenflächen links "ANNO" und rechts "1735".

Der gesprengte Dreiecksgiebel über dem Portal gibt Raum für ein großes rundes Medaillon, dessen Rand außen von Ornamenten umgeben ist. Oben durchbricht das Medaillon das untere Fenstergesims des Obergeschosses und ragt mit seinem verdickten oberen Profilabschluß in das Fenster hinein. Dort oben ist ein Schriftband aufgelegt mit dem Wortlaut "DOMINUS FORTITUDO MEA" - der Herr ist meine Stärke. Seitlich wachsen aus den beiden Seitenschrägen des Sprenggiebels vertikal zwei weitere Zierformen heraus, die das Medaillon mit etwas Abstand flankieren.

Das Zentrum des Medaillons wird ausgefüllt von einem qualitätvollen Wappenrelief für den Abt Benedikt von Geismar (20.12.1680-29.8.1757), der als Werdener Abt 1728-1757 amtierte. Der Schild ist einmal geteilt und zweimal gespalten und mit Herzschild versehen, Feld 1 und 6: in Blau ein durchgehendes silbernes Kreuz (Kloster Werden und Helmstedt), Feld 2 und 5: in Blau ein silberner Doppeladler (Kloster Werden und Helmstedt), Feld 3 und 4: in Rot zwei schräggekreuzte goldene Abtsstäbe (Kloster St. Ludgeri in Werden und Helmstedt), Herzschild: geteilt, oben in Silber ein aus der Teilungslinie wachsender schwarzer Adler, unten in Rot ein silbernes Wagenrad (Familienwappen von Geismar). Beim Wappen am Hauptportal ist der Herzschild mit dem Familienwappen der von Geismar korrekt tingiert.

Dazu werden drei Helme geführt, Helm 1 (Mitte): auf einem roten Kissen mit goldenen Quasten eine rote, silbern verzierte Inful, Helm 2 (rechts): auf dem gekrönten Helm ein silberner Doppeladler, Helm 3 (links): auf dem gekrönten Helm ein silbernes Wagenrad vor schwarzen Federn. Die Helmdecken müßten in der Mitte und rechts blau-silbern und links rot-silbern oder rot-schwarz sein. Die Decken des Helmes 3 sind hier rot-golden gefaßt, was zum Herzschild passen würde, aber nicht zur Helmzier mit dem Rad und den Federn, die sich eindeutig der Familie von Geismar zuordnen läßt, da wären rot-silberne oder schwarz-rote oder schwarz-rot-silberne Decken erforderlich. Etwas abweichend Siebmacher Band: Klö Seite: 26 Tafel: 46, dort sind die Abtsstäbe in den Feldern 1 und 6, das Kreuz in den Feldern 3 und 4, und als Helmzier auf Helm 3 ist das Rad außen mit fünf grünen Pfauenspiegeln besteckt. Hinter dem Wappen schrägrechts der Abtsstab (nur einer), schräglinks das gestürzte Schwert.

Benedikt von Geismar entstammte einer aus dem Stadtpatriziat von Warburg hervorgegangenen landsässigen Adelsfamilie und wurde in Riepen geboren. Er wuchs als Ferdinand Caspar Adam von Geismar auf und war der Sohn von Oberst Wilhelm Otto von Geismar (1644-1727), Freiherr auf Riepen, und dessen Frau, Susanna Maria von Bolandt, Tochter von Wilhelm von Bolandt und Agnes von Hillen. Sein Ordenseintritt erfolgte am 25.7.1700 in Werden; die  Profeß legte er am 22.8.1701 ab. Die Priesterweihe erhielt er 1705. Am 10.3.1706 ging er als Mönch nach Helmstedt, dann nach Erfurt in das dortige Benediktinerkloster St. Peter und Paul. Dort studierte er weiter Theologie, bis sein Abt ihn erst ins Kölner Kloster St. Pantaleon und dann in das Steinfelder Seminar schickte. 1710 kam er zurück nach Werden und wurde am 16.5.1710 Lektor der Philosophie. 1712 wurde er Prior in Helmstedt, 1723-1728 war er Propst in Helmstedt, und er hatte in seiner Amtszeit als Propst bereits den Nordostflügel erbaut, wo er mit seinem pröpstlichen Wappen über dem rechten Seitenportal der Südostseite erscheint (siehe unten).

Die Abtswahl in Werden fand am 10.5.1728 statt; er amtierte als Werdener Abt 1728-1757. Die Bestätigung vom Kölner Erzbischof bekam er am 8.6.1728, die Abtsweihe erfolgte am 20.6.1728 in der Kapelle des Kölner Augustinereremitenklosters. Die Regalienverleihung durch Kaiser Karl VI. fand am 8.11.1728 statt, und die nächstfolgende durch Kaiser Franz I. am 22.4.1746. 1728 wurde er auf dem Generalkapitel in Köln in die Bursfelder Kongregation aufgenommen. Bald nach Übernahme des Klosters wurde der Abt Kapitelsekretär der Bursfelder Kongregation. Er wollte dieses Amt 1730 wieder abgeben, weil er zu viel um die Ohren hatte, doch das gelang ihm erst 1732. 1737 war er Conpräsident, als das Kapitel in Werden tagte. Mehrfach wiederholte sich das bei den nächsten Tagungen des Kapitels. Schließlich wurde der Abt 1751 Präsident. 1754 war er wieder Gastgeber in Werden für das Kapitel der Kongregation. Dieser Abt vollendete den barocken Umbau der Werdener Klosteranlage. Er baute 1732 die Meierei und stellte ab 1745 die Dreiflügelanlage der Propstei fertig. Zwei wichtige Leistungen waren 1730 die Publikation einer Instruktion für Pfarrer über die Verwaltung des Pfarramtes und 1734 die Herausgabe des Werdener Landes- und Statutarrechts.

 

Abb. links: linkes Seitenportal des Südostflügels, Abb. rechts: rechtes Seitenportal

Südostflügel: linkes Seitenportal
Das linke, südliche Seitenportal im Eck neben dem vorspringenden Kurzflügel, in der äußersten Achse des Mittelteiles, ist im Prinzip ähnlich wie das Mittelportal, aber schlichter gebaut. Es gibt nur ein einzelnes Pilasterpaar, die vergoldeten Kapitelle sind ionischer Ordnung, und das Gebälk ist schlichter und in der Mitte nicht verkröpft. Der Giebel ist ein gesprengter Segmentbogengiebel, der Schmuck auf den Seitenteilen fehlt. In der Mitte ist kein Medaillon vorhanden, sondern ein von Voluten flankiertes Viereck, das bis zum darüberliegenden unteren Sims des Fensters reicht, dieses aber nicht durchbricht. Die Voluten sind mit Girlanden belegt, die Zwischenstücke tragen außen ein Schmuckmotiv aus Palmblättern.

Im Zentrum ist das Wappen des Propstes Laurentius Hane angebracht. Die ovale Schildkartusche ist gespalten, rechts in Rot zwei schräggekreuzte goldene Abtsstäbe (Klosterwappen St. Ludgeri in Werden und Helmstedt), links in Blau ein silberner, golden bewehrter Hahn (redendes Wappen Hane), auf dem gekrönten Helm mit rechts blau-silbernen und links rot-goldenen Decken ein hier schwarzer Adlerflug. Die Inschrift in der Kartusche unter dem Wappen lautet "LAURENTIUS / HANE PRAEPOSITUS / 1735". Das Portal ist also im gleichen Jahr wie dasjenige in der Mitte entstanden, wo auch schon dieser Propst erwähnt wurde, der 1728-1737 amtierte, es aber nicht wie sein Vorgänger oder seine Nachfolger schaffte, danach selber Abt zu werden. Dafür konnte er sich in Helmstedt mit dem unter ihm errichteten Südostflügel und der Vollendung des Neubaus der Abteigebäude ein Denkmal setzen.

Laurentius Hane (19.11.1678-19.11.1737) stammte aus Münster. Sein Geburtsname war Johannes Hane; er war der Sohn von Johann Heinrich Hane und dessen Frau, Katharina Elisabeth Schwick. Er kam am 25.7.1700 ins Kloster und legte am 22.8.1701 die Profeß ab. Als Klosternamen wählte er den Namen Laurentius. Am 20.9.1704 wurde er Subdiakon, 1705 Diakon und Priester, dann ging er 1706-1708 zum Theologiestudium nach Liesborn. Am 21.6.1712 ernannte man ihn zum Novizenmeister. Eine undurchsichtige Rolle spielte er 1715: Abt Mertens von Schönau erbat sich ein paar Mönche vom Generalkapitel zur Hebung der Disziplin in den eigenen Reihen. Laurentius Hane gehörte zu den Entliehenen. Aber anstatt zusammen mit dem reformwilligen Abt zusammenzuarbeiten, paktierte er mit Gegnern des Abtes und beantragte eine Visitation, die dann der Abt von Maria Laach vornahm. Der bisherige Prior wurde abgesetzt, und Laurentius Hane erhielt den Posten. Er reformierte ein bißchen auf eigene Faust, d. h. er veränderte gegen den Willen des Abtes, so daß die Tage seines Bleibens bald gezählt waren. Also zurück nach Werden, und da erstmal nach Helmstedt. 1717 ging er nach Kornelimünster und versah da die Aufgaben eines Novizenmeisters und Lektors. Am 28.7.1721 wurde er Pfarrer in Selm, und über die Schönauer Sache wuchs Gras. So wurde er am 3.7.1728 Helmstedter Propst und amtierte als solcher bis zu seinem Tod 1737.

Südostflügel: rechtes Seitenportal
Das rechte, nördliche Seitenportal im Eck neben dem vorspringenden Kurzflügel, in der äußersten Achse des Mittelteiles, ist genau gleich wie das linke konzipiert; beide Portale sind gestalterisch aus einem Guß. Auf den ersten Blick sieht man nicht, daß beide Seitenportale zwar gleiche Formen, Größen und Proportionen besitzen, aber nicht gleichen Bauphasen entstammen. Von der Baugeschichte her entstand dieses rechte Seitenportal zusammen mit dem Nordostflügel 11 Jahre vor dem mittleren und dem linken Teil.

Propst Robert Verbockhorst (amtierte 1706-1721) begann mit dem Neubau der Konventsgebäude im Nordwesten, wo der entsprechende Flügel 1708 datiert ist. Der Nordostflügel entstand unter den Pröpsten Ernst Stieffken (amtierte 1721-1723) und Benedikt von Geismar (amtierte als Propst 1723-1728), und in diesem Zuge entstand auch das Kopfende des Nordostflügels mit diesem Portal. Dann folgte der restliche Südostflügel unter Propst Laurentius Hane (amtierte 1728-1737). Entsprechend spiegelt die Heraldik die Situation 1724 wider, und so kommt es zu der ohne Beachtung der Jahreszahlen verwirrenden Situation, daß die gleiche Person in verschiedenen Ämtern über dem rechten und dem mittleren Portal zu sehen ist.

Benedikt von Geismar (20.12.1680-29.8.1757), amtierte 1723-1728 als Propst in Helmstedt, und in dieser Zeit wurde das rechte Seitenportal erbaut. Die Bauinschrift in der Kartusche unter dem Wappen besagt: "BENEDICTVS de GEISMAR / PRAEPOSITVS CONSTRVXIT / 1724" - Propst Benedikt von Geismar erbaute (diesen Gebäudeteil) 1724. Nachdem er in Werden am 10.3.1728 zum Abt gewählt worden war, leitete er beide Klöster 1728-1757. Er vollendete den barocken Umbau der Werdener Klosteranlage.

Sein Wappen als Propst ist gespalten, rechts in Rot zwei schräggekreuzte goldene Abtsstäbe (Klosterwappen St. Ludgeri in Werden und Helmstedt), links geteilt, oben eigentlich in Silber ein wachsender, eigentlich schwarzer Adler, unten eigentlich in Rot ein silbernes Rad (Familienwappen von Geismar), auf dem gekrönten Helm mit rechts blau-silbernen und links rot-goldenen Decken ein silbernes Rad vor drei schwarzen Straußenfedern. Die Farben des Klosterwappens sind korrekt, diejenigen des Familienwappens in der gegenwärtigen Farbfassung nicht. Hier wurden rechts und links die Helmdecken des Klosters gewählt, wobei dem Propst das blau-silberne Kreuz nicht zustand, also auch die Helmdecken nicht, und die Helmdecken des Familienwappens wären nicht repräsentiert. Korrekter wäre rechts rot-golden, links rot-silbern oder rot-schwarz.

Das Wappen der westfälischen Familie von Geismar (nicht zu verwechseln mit der anderen hessischen Familie gleichen Namens, aber mit dem Hirsch im Wappen) wird beschrieben im Westfälischen Wappenbuch. Dort wird angegeben: Von Silber und Rot geteilt, oben ein aus der Teilungslinie wachsender schwarzer Adler, unten ein sechsspeichiges silbernes Rad (Wagenrad), auf dem Helm mit schwarz-rot-silbernen Decken ein sechsspeichiges silbernes Rad (Wagenrad) zwischen einem Busch aus 4 (2 - 2) schwarzen, nach innen gekrümmten Straußenfedern (Text: Adlerfedern). Im vermehrten Wappen hat der betreffende Helm rot-silberne Decken und trägt als Kleinod ein sechsspeichiges silbernes Rad mit drei schwarzen Straußenfedern besteckt. Ähnlich mit Variation der Helmdecke bei Grote, dort schwarz-rot angegeben. Analog bei Rietstap: "Coupé, au 1 d'argent à l'aigle naissante de sable mouv. du coupé, au 2 de gueules à une roue d'argent. Cimier la roue entre deux plumes de sable. Lambrequin de gueules et de sable".

Aus dieser aus der Gegend von Fritzlar stammenden und später in Warburg ansässigen Familie, von der es eine Linie Justus (erloschen) und eine Linie Riepen gibt, gab es zwei Äbte, neben Benedikt von Geismar (20.12.1680-29.8.1757) aus der Linie Riepen, der als Abt 1728-1757 amtierte, den früheren Coelestin von Geismar (1.11.1666-20.12.1718) aus der Linie Justus, der 1706-1718 als Abt amtierte. Die einzigen farblich korrekt gefaßten Wappen für Personen dieser Familie sind am Hauptportal und am Türkentor angebracht, ersteres für den Erstgenannten, letzteres für den Zweitgenannten. Am rechten Seitenportal und am Torbau der Wirtschaftsgebäude ist das Wappen falsch angestrichen. Das Familienwappen in korrekter Tingierung ist weiterhin an einem Altar in der Warburger Kirche St. Johannes Baptist zu sehen. Ein Epitaph der Familie steht im Wetzlarer Dom.

Nordostflügel: Portal zum Innenhof
Im Innenhof, in den man gelangt, wenn man um die Kirche im Uhrzeigersinn herumgeht und die kleine Mauerpforte in der Lücke der Vierflügelanlage durchtritt, fällt der Blick auf drei weitere Wappensteine, einer am Nordostflügel über einer schlichten, einflügeligen Tür mit einem geraden Profil als Verdachung, einer am Nordwestflügel und einer am Kirchturm. Der Nordostflügel enthält im Erdgeschoß den Kaisersaal, der so heißt, weil hier Bildnisse von Kaiser Karl VI. und seiner Frau, der Braunschweiger Prinzessin Elisabeth Christine, hängen. Auch dies ist genau wieder kaiserliche Adler im Oberlicht des Südostflügels oder das Türkentor ein Schulterschluß des Klosters mit dem Kaiser, um die eigene reichsunmittelbare Stellung herauszustreichen. Der Saal wird auch als Huldigungssaal bezeichnet.

Der bis an das Gesims des Obergeschoßfensters reichende Wappenstein am Nordostflügel gehört zeitlich zu dem zuletzt beschriebenen Wappenstein des Propstes Benedikt von Geismar, denn hier begegnen wir dem damals, 1724, amtierenden Abt. Die rechteckig gerahmte Inschrift unter dem Wappen hat den Wortlaut: "SVB R(EVERENDISSI)MO ET PERILLVSTRI DOMINO D(OMI)NO / THEODORO S(ACRI) R(OMANI) I(MPERII) LIBERARVM ET EXEMPTARVM / ECCLESIARVM WERDINENSIS ET HELMSTADIENSIS / ABBATE HANC ALAM EXSTRVXIT / BENEDICTVS DE GEISMAR / IMPERIALIS ECCLESIAE S(ANCTI) LVDGERI PRAEPOSITVS / 1724" - unter dem ehrwürdigsten und erlauchten Herrn, dem Herrn Theodor (Thier), des Heiligen Römischen Reiches Abt der freien und exemten Stifte Werden und Helmstedt, hat Benedikt von Geismar, Propst des kaiserlichen Stiftes St. Ludgeri, diesen Gebäudeflügel erbaut 1724.

 

Das rechteckig gerahmte Wappen darüber ist dasjenige des Abtes Theodor Thier (4.10.1674-4.11.1727), im Amt 1719-1727. Es ist durch ein silbernes Balkenkreuz (hier ist die Vertikale sehr schmal, aber die starke Horizontale zeigt deutlich, daß es hier nicht nur eine einfache Vierung ist) geviert mit Herzschild, Feld 1 und 4: in Blau ein silberner Doppeladler, Feld 2 und 3: in Rot ein von vier silbernen Kugeln bewinkeltes facettiertes silbernes Schragenkreuz, Herzschild: in Rot zwei schräggekreuzte goldene Abtsstäbe (Klosterwappen St. Ludgeri in Werden und Helmstedt). Ein Oberwappen fehlt, dennoch wurden hier seitlich helmdeckenähnlich gestaltete Akanthus-Ornamente angebracht, rechts blau-silbern, links rot-golden, obwohl sich Helmdecken ohne Helm von selbst verbieten. Über dem Schild wird eine rote, silbern verzierte Inful mit zwei Kugeln an den Spitzen und einer verzierenden Kugelborte am unteren Rand dargestellt, daneben ragen zwei goldene Abtsstäbe hervor, die Öffnung der Krümme nach außen gerichtet, schräglinks zusätzlich das gestürzte Schwert für die weltliche Gewalt als Reichsabtei. Das Wappen wird beschrieben im Siebmacher Band: Klö Seite: 26 Tafel: 45.

Theodor Thier (4.10.1674-4.11.1727) stammte aus Werne an der Lippe und war der Sohn von Gerichtsprokurator Everhard Thier und dessen Frau, Katharina Nettebrock. Der Ordenseintritt in Werden erfolgte 1695; die Profeß legte er am 2.12.1696 ab. Die  Priesterweihe erhielt er am 18.9.1700. Danach wurde er 1703 Kaplan an St. Lucius, am 24.8.1705 Subprior, am 20.3.1706 Prior in Werden. Er amtierte als Abt 1719-1727; die Wahl hat am 7.2.1719 stattgefunden, die Kölner Bestätigung kam am 24.3.1719, die Abtsweihe erhielt er am 23.4.1719 in der Kölner Stiftskirche St. Ursula. Die kaiserliche Belehnung mit den Regalien erfolgte unter Kaiser Karl VI. am 12.10.1719. Er wurde 1721 in die Bursfelder Kongregation aufgenommen, als deren Generalkapitel in Werden tagte. Auf dem Generalkapitel von 1722 wurde er Conpräsident. Er begann den barocken Umbau der Werdener Klosteranlage. Sein Tod war die Folge eines langjährigen Steinleidens.

Wandel der Äbtewappen im Barock
Die Renaissance- und zeitlich früheren Barock-Äbte (Dücker, von Erwitte, Thier, Coelestin von Geismar) führen zwei Krummstäbe und ein Schwert hinter dem Schild, die späteren Barock-Äbte (Benedikt von Geismar, Sonius, Birnbaum) führen nur einen Krummstab und das Schwert.

Die Renaissance- und zeitlich früheren Barock-Äbte (Dücker, Borcken, von Erwitte, Thier, Coelestin von Geismar) benutzen das silberne Balkenkreuz, um ihren Schild in vier Felder aufzuteilen, von denen die Felder 1 und 4 mit dem Doppeladler belegt werden. Die schräggekreuzten Krummstäbe werden als Herzschild auf das große Balkenkreuz gelegt. Es ist vom Aufbau her also das reine Klosterwappen beider Klöster, aber die vier freigelassenen Felder werden mit Inhalten gefüllt. Daß diese Lösung unbefriedigend ist, wird daran deutlich, daß das Balkenkreuz immer schmäler wird, um den Motiven in den Feldern mehr Platz zu geben. In manchen Darstellungen wie am Türkentor ist es so schmal geworden, daß man es kaum noch von einer normalen Quadrierung durch erhabene Linien unterscheiden kann. Dann vollzieht sich ein Wandel des Konzepts: Die späteren Barock-Äbte (Benedikt von Geismar, Sonius, Birnbaum) geben dem Balkenkreuz ein eigenes Feld, was aus Symmetrie- und Layout-Gründen ebenfalls verdoppelt wird und so zu einem sechsfeldrigen Schild führt. Als Neuerung wird das Familienwappen nun in Form eines Herzschildes aufgelegt und taucht deshalb nur noch einmal auf, nicht zweimal wie vorher. Dafür ist das Balkenkreuz jetzt nicht mehr groß, sondern in Feldgröße dimensioniert und taucht zweimal auf.

Nordwestflügel: Portal zum Innenhof
Auch der Nordwestflügel trägt über dem innenhofseitigen Portal einen Wappenstein (ohne Abb.). Der vergleichsweise große, um nicht zu sagen überproportionierte und trazepförmige Sockel trägt als Inschrift den Wortlaut: "ANNO D(OMI)NI 1708 SUB R(EVERENDISSI)MO ET ILL(USTRISSI)MO D(OMI)NO D(OMINO) / CAELESTINO S(ACRI) R(OMANI) I(MPERII) LIB(ERORUM) ET / EXEMPT(ORUM) MON(ASTE)RIORUM WERD(INENSIS) ET HELMS(TADIENSIS) / ABBATE HOC AEDIFICIUM EXSTRUXIT / V(ENERABILIS) D(OMINUS) ROB(ERTUS) VERBOCKHORST · P(RAE)P(OSI)TUS" - im Jahre des Herrn 1708 hat unter dem ehrwürdigsten und durchlauchtigsten Herrn, dem Herrn Coelestin (von Geismar), des Heiligen Römischen Reiches Abt der freien und exemten Klöster Werden und Helmstedt, der ehrwürdige Herr Propst Robert Verbockhorst dieses Gebäude errichtet.

Das über dem Inschriftenstein angebrachte Wappen ist wie am Türkentor für den Abt Coelestin von Geismar (1.11.1666-20.12.1718), der 1706-1718 amtierte und 1714-1718 Präsident der Bursfelder Kongregation war. Sein Wappen folgt im Aufbau dem oben beschriebenen für seinen Verwandten. Auch hier sind die Felder 2 und 3 für das Familienwappen nicht durchgängig korrekt tingiert, nur der untere Teil stimmt. Geschweifte Ornamente rahmen die ovale Kartusche ein, die von einer Inful überhöht wird. Hinter der Kartusche stehen zwei Abtsstäbe und schräglinks das gestürzte Schwert.

Klosterkirche: Wappen am Kirchturm
Das älteste vom Innenhof aus zu sehende Wappen ist das an der Nordseite des Kirchturms (ohne Abb.). Das hoch angebrachte Wappen ist von einem rechteckigen, in den unteren beiden Ecken die Datierung auf das Jahr 1676 enthaltenden Rahmen umgeben, der eine dreieckige Profilverdachung trägt und unten von einer ovalen Inschriftenkartusche begleitet wird, auf der zu lesen ist: "R(everendissi)mus ac PErIllustris / D(OMI)N(V)S D(OMINVS) FERDINANDVS / DEI GRATIA IMPER(IALIVM) LIBERORVM / ET EXEMPT(ORVM) MON(ASTE)RIORVM S(ANCTI) LVDGERI / EP(ISCOP)I IN WERDEN & PROPE HELMSTADT / ORD(INIS) S(ANCTI) BENEDICTI ABBAS" - der ehrwürdigste und erlauchte Herr, der Herr Ferdinand (von Erwitte), von Gottes Gnaden der kaiserlichen, freien und exemten Klöster des hl. Bischofs Ludger in Werden und bei Helmstedt (und) des Ordens des heiligen Benedikt Abt.

Bei dem Betreffenden handelt es sich um Abt Ferdinand von Erwitte (25.12.1628-17.4.1706), welcher der letzte seines Geschlechts war, aber dennoch 1635 in das Kloster Werden eintrat und damit das Erlöschen seiner Familie in Kauf nahm. Er entstammte einer westfälischen Adelsfamilie und war der Sohn des kaiserlichen Generalmajors Dietrich Ottmar von Erwitte (-17.9.1631) und dessen Frau, Gertrud von Eller zu Oefte bei Werden. Der Vater starb in der Schlacht von Breitenfeld im Kampf gegen die Schweden, als der auf Schloß Ebbinghausen (Kreis Büren) geborene Sohn noch nicht einmal drei Jahre alt war. Am 29.6.1653 erfolgte der Eintritt in das Kloster Werden, die Profeß legte er am 24.8.1654 ab, 1657 erhielt er die Priesterweihe. 1660 wurde er Prior in Siegburg, 1661-1667 war er Propst in Helmstedt. Dann verließ er Helmstedt, um 1667 Prior in Corvey zu werden, dann 1668 Koadjutor des Ammenslebener Abtes und 1669 dessen Nachfolger. Er amtierte als Werdener Abt 1670-1705 und war der erste adelige Abt nach der Reform; seine Wahl erfolgte am 26.8.1670, die Kölner Bestätigung am 20.11.1670, die Regalienbelehnung am 16.3.1671. Zum Abt war er schon 1669 in Hildesheim geweiht worden wegen Ammensleben. In Werden ließ er die Klosterschule als Winterrefektorium umbauen. 1676 wurde er auf dem in Werden stattfindenden Generalkapitel zur Bursfelder Äbtegemeinschaft zugelassen. Er resignierte am 14.11.1705 auf Drängen seiner Konventualen, bei denen er wenig beliebt war und als zu fromm und asketisch empfunden wurde. Er hatte bereits 1685 die Übernahme der Präsidentschaft der Bursfelder Kongregation abgelehnt. Dennoch wurde Werden in seiner Amtszeit immer wichtiger innerhalb der Bursfelder Kongregation. In Werden gründete er 1683 eine Rosenkranzbruderschaft.

Seine wesentliche Leistung ist die Beseitigung der Schäden des Dreißigjährigen Krieges, die Wiederherstellung der Doppelkapelle und der weitere Wiederaufbau der Klosterkirche in Helmstedt. 1553 wurde die alte romanische Klosterkirche durch eine militärische Vorbeugungsmaßnahme des Herzogs Philipp Magnus von Braunschweig-Wolfenbüttel und durch die Helmstedter Bürger zerstört. Der Herzog ließ die Kirche abdecken, damit das Bleidach nicht den Truppen des Markgrafen Albrecht Alkibiades in die Hände fiel. Und die Bürger dachten sich, die Gelegenheit sei günstig, und ihrer Antipathie gegen das Kloster freien Lauf zu lassen, und legten Feuer an das Kloster und die Kirche. Abt Hermann Kellenberch (amtierte 1540-1572) hatte mit Unterstützung von Herzog Heinrich dem Jüngeren, Vater des vorgenannten Herzogs, 1556 die Kirche bereits teilweise wiederaufbauen lassen. Abt Ferdinand von Erwitte ließ auf dem erhaltenen romanischen Unterbau den nördlichen Chorflankenturm wiedererrichten.

Sein nicht farbig gefaßtes Wappen (Siebmacher Band: Klö Seite: 26 Tafel: 45) sähe korrekt tingiert folgendermaßen aus: durch ein silbernes Balkenkreuz (Kloster Werden und Helmstedt) geviert mit Herzschild, Feld 1 und 4: in Blau ein silberner Doppeladler (Kloster Werden und Helmstedt), Feld 2 und 3: siebenmal golden-rot geteilt, darüber ein gekrönter roter Löwe (Herren von Erwitte), Herzschild: in Rot zwei schräggekreuzte goldene Abtsstäbe (Klosterwappen St. Ludgeri in Werden und Helmstedt). Für das Familienwappen werden auch andere Teilungszahlen angegeben, typischerweise in Gold drei rote Balken (Westfälisches Wappenbuch) oder in Rot drei goldene Balken (Siebmacher Band: Klö Seite: 26 Tafel: 45). Die Familie von Erwitte führt als Helmzier den roten, gekrönten Löwen wachsend zwischen einem mehrfach golden-rot geteilten Flug (Westfälisches Wappenbuch). Auf dem oberen Schildrand ruht eine Inful, dazu werden zwei schräggekreuzte Krummstäbe geführt, deren Krümmen rechts und links der Inful herausstehen, und zusätzlich wird schräglinks hinter dem Schild das gestürzte Schwert geführt.

Entwicklung nach 1802
Nach der Säkularisation blieb der letzte Abt, Beda Savels (11.1.1755-1.5.1828), nur noch kurz in Werden wohnen, ehe er nach Münster und dann nach Düsseldorf zog, wo er bis zu seinem Tod lebte. Der letzte Propst in Helmstedt war Modestus Stemler (1740-1813). Der Grundbesitz des Helmstedter Klosters kam an das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg und wurde als Staatsdomäne verwaltet, als Landwirtschaftsbetrieb. Durch Brandstiftung ging die Klosterkirche 1942 verloren; sie wurde 1947-1949 in nüchternen Formen als Pfarrkirche wiederaufgebaut. Die dreischiffige romanische Felicitas-Krypta ist noch vorhanden. 1977 wurde der neue Stadtring durch das Klostergelände gelegt. Die Staatsdomäne wird seitdem südlich von Helmstedt weitergeführt. Das Konventsgebäude wurde 1980 von der Diözese Hildesheim gekauft. Nutzer ist die katholische Kirchengemeinde St. Ludgeri, die hier 1986 eine katholische Begegnungsstätte mit Tagungszentrum und Gruppenunterkunft eröffnete, das auch für private oder geschäftliche Veranstaltungen gebucht werden kann, von der Kleingruppe bis zu 120 Personen. Dazu wurden die ehemaligen Mönchszellen zu 21 Gästezimmern mit 72 Betten umgebaut, und der Kaisersaal wird als Seminarraum genutzt, aber auch für Konzerte, Lesungen und Vorträge.

persönliche Wappen weiterer Äbte (ohne Abb., nicht am Kloster):
Neben den bereits beschriebenen Wappen sind weitere Abtswappen wie folgt bekannt:

Liste der Pröpste von Helmstedt (Ausschnitt)
unter Hervorhebung der hier mit einem Wappen vertretenen oder erwähnten Pröpste mit Wappenfundstellen:

Liste der Äbte von Werden und Helmstedt (Ausschnitt)
unter Hervorhebung der hier mit einem Wappen vertretenen oder erwähnten Äbte mit Wappenfundstellen:

Literatur, Links und Quellen:
Position in Google Maps: https://www.google.de/maps/@52.2261753,11.0154997,19.25z - https://www.google.de/maps/@52.2261753,11.0154997,161m/data=!3m1!1e3
Kloster Werden bei Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Werden
Wilhelm Stüwer: Die Reichsabtei Werden an der Ruhr, Germania Sacra, neue Folge 12, die Bistümer der Kirchenprovinz Köln, das Erzbistum Köln, de Gruyter, Berlin u. a. 1980, ISBN 3-11-007877-5, online:
https://rep.adw-goe.de/handle/11858/00-001S-0000-0022-D473-2 - pdf: https://rep.adw-goe.de/bitstream/handle/11858/00-001S-0000-0022-D473-2/NF%2012%20St%c3%bcwer%20Werden%20a.%20d.%20Ruhr.pdf?sequence=1&isAllowed=y
Südostflügel, linkes Portal: Deutsche Inschriften Bd. 61, Stadt Helmstedt, Nr. 470 (Ingrid Henze), in:
www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di061g011k0047008 - http://www.inschriften.net/helmstedt/inschrift/nr/di061-0470.html#content
Südostflügel, rechtes Portal: Deutsche Inschriften Bd. 61, Stadt Helmstedt, Nr. 457 (Ingrid Henze), in:
www.inschriften.net, urn: nbn:de:0238-di061g011k0045705 - http://www.inschriften.net/helmstedt/inschrift/nr/di061-0457.html#content
Max von Spießen (Hrsg.): Wappenbuch des Westfälischen Adels, mit Zeichnungen von Professor Ad. M. Hildebrandt, 1. Band, Görlitz 1901 - 1903.
H. Grote: Geschlechts- und Wappenbuch des Königreichs Hannover und des Herzogtums Braunschweig.
Innenhof Nordostflügel: Deutsche Inschriften Bd. 61, Stadt Helmstedt, Nr. 457 (Ingrid Henze), in:
www.inschriften.net, urn: nbn:de:0238-di061g011k0045705 - http://www.inschriften.net/helmstedt/inschrift/nr/di061-0457.html#content
Innenhof Nordwestflügel: Deutsche Inschriften Bd.  61, Stadt Helmstedt, Nr. 428 (Ingrid Henze), in:
www.inschriften.net, urn: nbn:de:0238-di061g011k0042804 - http://www.inschriften.net/helmstedt/inschrift/nr/di061-0428.html#content
Wappen am Kirchturm: Deutsche Inschriften Bd. 61, Stadt Helmstedt, Nr. 254 (Ingrid Henze), in:
www.inschriften.net, urn: nbn:de:0238-di061g011k0025404 - http://www.inschriften.net/helmstedt/inschrift/nr/di061-0254.html#content
Familie von Erwitte auf Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Erwitte_(Adelsgeschlecht)
Ferdinand von Erwitte auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_von_Erwitte
Ferdinand von Erwitte auf den Seiten seines Geburtsortes:
http://www.ebbinghausen.de/ug_Ferdinand.html
Familie von Geismar auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Geismar_(Adelsgeschlecht)
Kloster St. Ludgeri auf den Seiten der Stadt Helmstedt:
https://www.stadt-helmstedt.de/tourismus-kultur/helmstedt-erleben/kloester/kloster-st-ludgerus.html
Webseite der Kirchengemeinde St. Ludgeri:
https://www.ludgeri-he.de/
Begegnungsstätte Kloster St. Ludgerus:
http://klosterludgerus.de/ - http://klosterludgerus.de/das-kloster/
Albert Schuncken: Geschichte der Reichsabtei Werden a. d. Ruhr, Schwann, Köln u. a. 1865,
https://archive.org/details/bub_gb_AKgDAAAAcAAJ - pdf: https://archive.org/download/bub_gb_AKgDAAAAcAAJ/bub_gb_AKgDAAAAcAAJ.pdf

der ehemalige Wirtschaftshof des Klosters St. Ludgeri - das Türkentor am Ludgerihof

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