Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2672
Halberstadt (Landkreis Harz, Sachsen-Anhalt)

Die Spiegelsche Domherrenkurie

Die Spiegelsche Kurie befindet sich auf dem Domberg nördlich des Langhauses des Doms, in der dortigen Ausbuchtung der Domburg (Domplatz 36). Das haupthaus, die zweistöckige Domherrenkurie selbst, ist nach Norden zurückgesetzt; der Vorplatz wird von zwei einstöckigen Flügelbauten mit Mansarddach flankiert, die aber später verändert wurden. Zur Straße hin grenzt ein Gitter zwischen zwei sandsteinernen Torpfosten das Gelände ab. Diese Gestaltung mit Ehrenhof verleiht der Domherrenkurie ein schloßähnliches Aussehen. Die zurückgesetzte Position des Haupthauses entspricht einerseits dem Bedürfnis einer repräsentativen Anlage, andererseits rückt es das Haupthaus aus dem Schatten des Domes: Das 1782 fertiggestellte Haupthaus steht an der Schattengrenze des Langhauses des Domes zur Zeit der Tag - und Nachtgleiche.

Bauherr dieser Domherrenkurie war Ernst Ludwig Christoph Freiherr von Spiegel zum Desenberg (22.2.1711-22.5.1785), derselbe, der auch den Landschaftspark Spiegelsberge im Süden der Stadt anlegte. Das Wappen der von Spiegel ist im geschwungenen Giebel des dreiachsigen, leicht vorspringenden Mittelrisalites angebracht; es zeigt in Rot drei (2:1) silberne, golden eingefaßte runde Spiegel (Scheiben), auf dem gekrönten Helm mit rot-silbernen Decken ein roter Flug, beiderseits belegt mit drei (2:1) silbernen, golden eingefaßten runden Spiegeln (Westfälisches Wappenbuch, Siebmacher Band: He Seite: 26 Tafel: 29, Band: Pr Seite: 386 Tafel: 434, Band: PrGfN Seite: 22 Tafel: 17).

Unter dem Wappen ist neben zwei Laubgirlanden das Ordenszeichen des preußischen St. Stephansorden (siehe auch Kapitel zu den Spiegelsbergen) zu sehen, es bestand aus einem in acht Spitzen ausgehenden Kreuz, in dessen Mitte sich auf der einen Seite das Bild des hl. Stephanus als Patron des Halberstädter Doms befand, während auf der Rückseite der goldengekrönte schwarze Adler Preußens mit ausgebreiteten Flügeln und einem goldenen Namenszug zu sehen war. Nach dem Tode des Hauptbegünstigten ist dieser Orden in Vergessenheit geraten. Zwei Löwen dienen als Schildhalter. Die Inschrift besagt: "POSTERIS. / ERN. LVD. SPIEGEL. / L. B. A. DIESENBERG. / ECCL. CATH. DEC. ECCL. B. M. V. / ET. SS. PET. ET. PAVLI. PRAEP. / MDCCLXXXII." = ausgeschrieben: POSTERIS ERNESTVS LVDOVICVS SPIEGEL LIBER BARO AB DIESENBERG ECCLESIAE CATHEDRALIS DECANUS ECCLESIAE BEATAE MARIAE VIRGINIS ET SANCTIS PETRI ET PAVLI PRAEPOSITUS MDCCLXXXII.

Der in Gießen geborene Ernst Ludwig Christoph von Spiegel, Sohn von Carl Ludwig von Spiegel zum Desenberg und Eberhardine Dorothea von Neipperg, schlug zunächst eine militärische Laufbahn ein, nach dem Vorbild seines Vaters, der Offizier erst in Diensten von Hessen-Kassel, dann von Rußland war. Nach dem im Alter von nur 11 Jahren begonnenen Studium in Gießen trat der Sohn ebenfalls in die Militärdienste von Hessen-Kassel und wurde mit 19 Jahren Kornett. Er wurde aber schon ein Jahr später durch Vermittlung seines Onkels 1731 protestantischer Halberstädter Domherr. 1746 wurde er Domscholaster und am 25.9.1753 zum Domdechant gewählt, wodurch er praktisch das preußische Fürstentum Halberstadt regierte. Gewählt wurde er u. a. von den Domherren von Diepenbrock, von Ketteler, von Ysenburg, von Hardenberg, von Fürstenberg und von Berg. Außerdem war er Propst des Stifts St. Peter und Paul und Propst des Stifts Beatae Mariae Virginis, Ämter, die hier auch in der Inschrift aufgelistet sind.

Als Dechant des Stiftskapitels war er der Leiter und hatte die Oberaufsicht über damals ca. 16-28 Kapitulare mit Sitz und Stimme im Kapitel (Maiorpräbenden) und einer geringeren Anzahl ohne (Minorpräbenden). Denn obwohl das ehemals geistliche Fürstentum in ein weltliches Fürstentum umgewandelt worden war, das zu Spiegels Zeiten zum Königreich Preußen gehörte, bestand das Domkapitel bis 1810 fort. Erst mit dem Königreich Westphalen, dem Halberstadt zugeschlagen wurde, wurden die geistlichen Stifte aufgelöst. Der bikonfessionelle Status des Domkapitels war festgelegt worden. Von den Kapitularenstellen waren seit der Reformation des Stifts 1591 eine Minderheit (4) mit katholischen und eine Mehrheit mit evangelischen Mitgliedern besetzt. Während ein normales Kapitelmitglied nur seine Anwesenheitsverpflichtungen von 14 Wochen im Jahr erfüllen mußte, war der Dechant praktisch durchgehend präsent. Er leitete auch das mindestens zweimal jährlich stattfindende Generalkapitel. Ernst Ludwig Christoph Spiegel stand 32 Jahre lang dem Domkapitel vor, von 1753 bis 1785.

Unter Ernst Ludwig Christoph von Spiegel erlebte Halberstadt eine kulturelle Blütezeit. Er war hochgebildet und ein Kind der Aufklärung. Er war Mitgründer eines Lehrerseminars und der Literarischen Gesellschaft Halberstadt. Seit 1747 arbeitete er mit dem Juristen, Literaturmäzen, Sammler, Aufklärer und Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim (2.4.1719-18.2.1803) zusammen, der sein Sekretär und immer mehr sein Freund und Vertrauter war. Eigentlich war er sogar de facto sein ausführendes Organ bei den Regierungsgeschäften mit weitgehender Handlungsfreiheit. Spiegel berief auch den Pädagogen und Autor Christian Gottfried Struensee (14.8.1717-14.8.1782) 1747 als Lehrer und später 1758 als Rektor an das Stephaneum in Halberstadt, wo er sich durch die Schulreform großes Ansehen erwarb. 1778 bekam er die Aufsicht über das von Ernst Ludwig Christoph von Spiegel und Friedrich Eberhard von Rochow ins Leben gerufene Lehrerseminar. Aufklärer, Pädagogen, Kulturschaffende machten Halberstadt während der Regierung von Spiegels zu einem sehr lebendigen Zentrum der Spätaufklärung. Von Spiegel war ein aufgeschlossener, gastfreundlicher und geselliger Philanthrop, der aber auch die Jagd liebte und gerne an Jagdgesellschaften teilnahm.

Ernst Ludwig Christoph von Spiegel heiratete 1749 Ehrengard Melusine Johanna Spiegel von Peckelsheim aus dem anderen Familienzweig, die Tochter des halberstädtischen Domherrn Werner Ludwig Freiherr von Spiegel. Sie war die Erbin von Seggerde, das seit 1618 den von Spiegel zu Peckelsheim gehörte, und so kam der Besitz 1768 an den Domdechanten und an die von Spiegel zum Desenberg. 1765 war er als seit 1759 amtierender Senior seiner Linie mit Burg und Herrschaft Desenberg belehnt worden. Der einzige die Eltern überlebende Sohn hieß Werner Adolf Heinrich von Spiegel.

Nach dem Tod des Bauherrn auf einer Reise in Wetzlar kam das Gebäude in den Besitz dessen Enkels, Werner Friedrich Julius Stephan von Spiegel. Danach kam das Anwesen in den Besitz von Landrat von Davier. 1813 hatte hier ein Militärgouverneur seinen Sitz. 1904 kaufte der Magistrat der Stadt Halberstadt unter Leitung von Oberbürgermeister Dr. Oehler das Anwesen auf, um einem geplanten Umbau zu Mietwohnungen zuvorzukommen. In diesem Bau ist seit der Eröffnung am 18.11.1905 das Städtische Museum Halberstadt untergebracht, das seit 2003 verwaltungstechnisch mit dem Historischen Stadtarchiv verbunden ist.

Literatur, Links und Quellen:
Position in Google Maps: https://www.google.de/maps/@51.8967257,11.0483261,19z- https://www.google.de/maps/@51.8967257,11.0483261,115m/data=!3m1!1e3
Städtisches Museum Halberstadt:
http://www.museum-halberstadt.de/de/startseite.html
Geschichte der Domkurie auf den Seiten des Museums:
http://www.museum-halberstadt.de/de/haus.html und auf den Seiten der Stadt: https://www.halberstadt.de/de/haus.html
Ernst Ludwig Christoph von Spiegel:
https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Ludwig_Christoph_von_Spiegel
Domkapitel Halberstadt:
https://de.wikipedia.org/wiki/Domkapitel_Halberstadt
Familie von Spiegel:
https://de.wikipedia.org/wiki/Spiegel_(westfälisches_Adelsgeschlecht)
Heinrich Pröhle: Ernst Ludwig Christoph von Spiegel, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 35, Duncker & Humblot, Leipzig 1893, S. 146-149 -
https://www.deutsche-biographie.de/sfz80713.html
https://www.halberstadt.de/de/geschichte_1-104140003387/geschichte-der-spiegelsberge.html
Johann Wilhelm Ludwig Gleim:
https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Wilhelm_Ludwig_Gleim
Christian Gottfried Struensee:
https://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Gottfried_Struensee

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