Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2660
Halberstadt (Landkreis Harz, Sachsen-Anhalt)

von Beutel-Anwesen (Westendorf 45)

Während fast die gesamten Fachwerk-Altbauten im Osten und Süden der Stadt Halberstadt im Zweiten Weltkrieg und danach zerstört wurden, hat sich im Nordwesten und Westen des Domplatzes noch recht viel historische Bausubstanz erhalten, ebenso in der südwestlich des Domplatzes verlaufenden Straße Westendorf, wo Fachwerkbauten, Gründerzeit- und Jugendstilbauten nebeneinander stehen und ein ursprüngliches Stück Halberstadt bilden. Die Hausnummer 45 befindet sich auf deren Nordseite in Höhe der Westtürme der Liebfrauenkirche. Das traufständige Fachwerkhaus von 9 Gefachen Breite ist derzeit sehr heruntergekommen und dringend renovierungsbedürftig. Im ersten Obergeschoß sind fünf Gefache mit Fenstern versehen, im zweiten Obergeschoß sind in sieben der neun Gefache unpassende einteilige Fenster eingesetzt. Das Kompartiment der Toreinfahrt nimmt zusammen mit der Schmuck- und Wappenzone die gesamte Höhe bis zum leicht vorkragenden zweiten Obergeschoß ein. Zwischen Basisgeschoß und erstem Obergeschoß gibt es keinen Versatz. Das Basisgeschoß besitzt neben dem großen Einfahrtsportal noch eine niedrige Tür und vier Fenster. Inschrift und Wappen über der Toreinfahrt an der linken Seite der Vorderfront sind aber noch mäßig erhalten, aber auch hier müßte dringend etwas zur Konservierung und Vermeidung von weiteren Schäden getan werden; die Verwitterung ist auch hier deutlich sichtbar und hat bei den Helmdecken schon zu Substanzverlust geführt.

Rechts und links des Torbogens schmücken je ein Fächer- und ein Wirbelornament die Zwickel. Die darüber über die ganze Breite der Toreinfassung verlaufende, zweizeilige und erhaben geschnitzte Inschrift lautet: "EVSTACHIVS A BÖTEL CANONICVS ET CELL(ER)ARIVS CATHEDRALIS PRAEPOSITVS VERO COLLEGIATAE / ECCLESIAE BEATAE MARIAE VIRGINIS HALBERSTADENSIS ME FIERI FECIT ANNO DOMIN(I) 1588" - Eustachius von Beutel, Kanoniker und Cellarius der bischöflichen Kirche, in Wahrheit Propst des Stifts der Kirche der seligen Jungfrau Maria zu Halberstadt, hat mich errichten (eigentlich "machen") lassen im Jahre des Herrn 1588.

Unter dem im Feld zwischen Tor und Schwellbalken angebrachten Wappen wird in einer Rollwerkkartusche unterhalb des Vollwappens der Bauherr erneut erwähnt, leicht anders geschrieben: "EVSTACHIVS, VON BÖTHEL". Die Pünktchen des "Ö" sind hier so klein, daß sich dir Frage stellt, ob sie ursprünglich so geschrieben wurden oder erst hinzurestauriert worden sind.

Die Wappentafel wird von zwei das Gebälk tragenden Hermenpilastern eingefaßt, mit einer Löwenmaske mit Ring auf dem unteren Stück und einem geflügelten Engelskopf im Sockelbereich darunter. Auf der eingefügten Relieftafel sind zusätzlich noch zwei Schildhalter zu sehen; die optisch linke Figur hält einen Palmzweig und stellt vielleicht eine Allegorie des Friedens (Pax) oder den hl. Stephanus dar, das rechte Pendant hat ein Kind auf dem Arm und kann als Allegorie der Caritas identifiziert werden.

Das Wappen ist das der märkischen (Uckermark, Besitz in Baumgarten, Brüssow, Göritz, Güstow, Schenkenberg, Oberbarnim, Großbarnim, Templin, Wilmersdorf, Weesow, Batzlow) Adelsfamilie von Beutel, geteilt, oben von Blau und Gold in drei Reihen zu je vier Plätzen geschacht, unten in Silber drei (2:1) grüne gestürzte Lindenblätter, auf dem bewulsteten Helm mit rechts blau-goldenen, links grün-silbernen Decken ein silberner Flug mit einem in drei Reihen blau-silbern geschachten Balken belegt (Siebmacher Band: BraA Seite: 11 Tafel: 5, dort jede Reihe des Schachs mit 5 Plätzen, Farbe der Decken Widerspruch zwischen Text und Abb., nicht im Rietstap). Im Siebmacher wird noch eine andere Farbdarstellung erwähnt, auf dem Helm mit rechts blau-goldenen, links rot-silbernen Decken ein von dem blau-goldenen Schachbalken silbern-blau übereck geteilter Flug. Die vorzufindenden Farbreste haben wenig mit den Literaturangaben zur Tinktur zu tun. Die Familie, die sich auch Boytel oder Botel schrieb, ist in der zweiten Hälfte des 18. Jh. erloschen.

Eustachius von Beutel (-2.11.1590) kann ab 1583 als Domherr in Halberstadt nachgewiesen werden. Seit 1588 taucht er urkundlich als Cellerarius auf, seit 1589 auch als Propst des Liebfrauenstiftes, aber gemäß Bauinschrift war er das ja schon im Jahr davor. Er war außerdem Gerichtsherr in Harsleben. Einkünfte bezog er zudem aus der Kirche in Veltheim und aus den Altarlehen von St. Martini und St. Jacobi in Gröningen.

Im Alten Kapitelsaal des Doms ist an der Nordwand seine Grabplatte zu sehen (ohne Abb.), auf der sein Name als "BOIJTHEL" geschrieben wird. Auf dieser Grabplatte sind vier Ahnenwappen zu sehen, heraldisch oben rechts von Beutel (wie oben), oben links von Lindstedt (in Blau über einem goldenen Ring stehend drei fächerartig gestellte und gestürzte blanke Schwerter, auf dem bewulsteten Helm zwei geharnischte Arme, die den mit Flügeln versehenen Ring halten, Siebmacher Band: PoA Seite: 54 Tafel: 33), unten rechts von Winterfeld (in Blau ein silberner Wolf, der über eine goldene Garbe springt, auf dem bewulsteten Helm der Wolf wachsend zwischen zwei aufgereckten geharnischten Armen, Siebmacher Band: Pr Seite: 452 Tafel: 492 mit Farbangabe Rot für den Wolf, Band: Me Seite: 21 Tafel: 21) und unten links von Sparr (in Blau ein silbernes Schildchen bordweise begleitet von sieben silbernen Sternen, auf dem blau-silbern bewulsteten Helm mit blau-silbernen Decken ein silberner Flügel mit einem mit drei silbernen Sternen belegten blauen Schrägbalken, Siebmacher Band: Bö Seite: 171 Tafel: 75, Band: PoA Seite: 92 Tafel: 58). Sein Epitaph befand sich früher an der Ostwand des Kreuzgangs zwischen dem siebten und achten Gewölbe. Das Wappen dieser Familie taucht auch nicht weit entfernt auf der Südseite des Domplatzes an der ehemaligen Dompropstei auf, in der oberen Reihe.

Literatur, Links und Quellen:
Position in Google Maps: https://www.google.de/maps/@51.8946837,11.0438716,19z - https://www.google.de/maps/@51.8946111,11.0438082,57m/data=!3m1!1e3
Westendorf 45: Deutsche Inschriften Bd. 86, Halberstadt (Stadt), Nr. 184 (Hans Fuhrmann), in:
www.inschriften.net, urn: nbn:de:0238-di086l005k0018409 - http://www.inschriften.net/halberstadt-stadt/inschrift/nr/di086-0184.html#content.
Grabplatte: Deutsche Inschriften Bd. 75, Halberstadt Dom, Nr. 230 (Hans Fuhrmann), in:
www.inschriften.net, urn: nbn:de:0238-di075l003k0023007- http://www.inschriften.net/halberstadt-dom/inschrift/nr/di075-0230.html#content
Familie von Beutel auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Beutel_(Adelsgeschlecht)
Abbildung des Siebmacher-Wappens mit Schraffuren:
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Beutel-Wappen_Sm.png - https://gdz.sub.uni-goettingen.de/id/PPN640975070?tify=%7B%22pages%22:%5B139%5D%7D

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