Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2521
Erfurt (Landeshauptstadt von Thüringen)

das Erfurter Rathaus

An der Nordostseite des Fischmarktes befindet sich das Erfurter Rathaus, eine mehrflügelige Anlage um einen Innenhof. Der Gebäudekomplex ist zwar seit dem 13. Jh. über die Jahrhunderte gewachsen, dennoch wird sein Erscheinungsbild im wesentlichen von der neugotischen Gestaltung 1869-1875 bestimmt. In dieser Zeit entstanden nach Abriß der älteren Gebäude 1830 und 1869/1870 die heute prägenden Gebäudeteile nach Plänen von August Thiede und Theodor Sommer. Zum Fischmarkt hin entstand eine monumentale Vorhalle. Dieser Neubau mit seiner für die damalige Zeit sehr repräsentativen Gestaltung und Ausstattung (Wandgemälde des Treppenhauses von Professor Eduard Kämpffer, der Flure und des Festsaales, letztere von Historienmaler Johann Peter Theodor Janssen) steht im Zusammenhang mit dem neuen Selbstbewußtsein der Stadt, die am Übergang vom 19. zum 20. Jh. einen neuen Aufschwung als Handels- und Industriestadt erlebte. Es gab noch ein paar spätere Ergänzungen, so wurde 1904-1905 der Ostflügel noch verlängert und 1934-1935 der Südbau mit der Stadtsparkasse nach Plänen von Johannes Klaß errichtet, welcher den Komplex am Fischmarkt und an der Rathausgasse abschloß.

Hoch oben im Dreiecksgiebel über der mittleren Arkade der Vorhalle befindet sich unterhalb der Uhr das Erfurter Stadtwappen, auf das Jahr 1873 datiert, in Rot ein silbernes, sechsspeichiges Rad (Abb. unten). Dieses Motiv ist auch an der Figur des Römers auf der Säule auf dem Fischmarkt zu sehen, sowohl auf dem Schild als auch in dem Fähnchen. Beiderseits des kleinen trapezförmigen Balkons vor der Festsaalfront befinden sich Bronzefiguren von Bonifatius (links) und Martin Luther (rechts), die 2017 als Spende des Rotary-Clubs Erfurt dort aufgestellt wurden, nachdem die früher dort vorhandenen Sandsteinfiguren von Georg Kugel, die Kaiser Friedrich I. Barbarossa und Kaiser Wilhelm I. darstellten, 1950 auf Ratsbeschluß entfernt und zerstört worden waren.

Vom alten Rathaus aus der Zeit der Gotik und Renaissance gibt es nur noch einige Ausstellungsstücken im Angermuseum und eine Wappentafel von 1418 an einer Innenhofwand (Rückseite des Westflügels). Früher befand sich dieser Wappenstein aus Seeberger Sandstein an der Außenfassade des alten Rathauses unmittelbar neben dem Haupteingang; jetzt ist er im Innenhof versteckt (normalerweise ist der Innenhof unzugänglich, aber man kann durch die Cafés im Erdgeschoß des Nordflügels gehen). Im Mittelpunkt steht das von zwei Engeln gehaltene Stadtwappen von Erfurt, hier mit einem ringsum mit Pfauenspiegeln besteckten Rad auf einem gestulpten Hut als Kleinod, flankiert wird es von den 2 x 2 Herrschaftswappenschilden. Die vier weiteren Schilde machen die Komposition zu einem Wappen des "Landes Erfurt". Denn Erfurt war nicht nur Stadt, sondern besaß auch Territorium, bildete mit seinem Umland das "Land Erfurt", wie man es im Mittelalter nannte. Die Zuerwerbungen begannen 1269 mit Stotternheim, und es kam immer mehr hinzu. Dieses "Land" umfaßte schließlich die Stadt Sömmerda und rund 80 Dörfer und Burgen. Unter Hinzunahme der Wappen der im Besitz der Stadt Erfurt befindlichen Herrschaften entstand das Große Wappen der Stadt Erfurt als Ausdruck des Selbstbewußtseins der "Metropolis Thuringiae", die nicht nur eine der größten Städte im Reich war, sondern sich mit ihrem Landbesitz durchaus mit den kleineren Fürstentümern in Thüringen messen konnte. Im einzelnen stehen die vier Wappenschilde für die in der Mitte des 14. Jh. von Erfurt erworbenen Herrschaften Vieselbach, Vargula, Kapellendorf und Vippach.

Optisch oben rechts: Die Herrschaft Vieselbach führte in Blau einen silbernen, mit vier roten Balken belegten Adler. Die hier nicht dargestellte Helmzier wäre zu rot-silbernen Decken auf einem blauen und an den freien Ecken mit Pfauenspiegeln besteckten Schirmbrett ein silberner, mit vier roten Balken belegter Adler. Die Herrschaft Vieselbach war ursprünglich ein Eigentum der Grafen von Gleichen, die sie 1343 an die Stadt Erfurt verkauften. Das Wappen wird beschrieben im Alten Siebmacher II, Tafel 22 unter den Grafen als "Viselbach", dort aber ohne Schirmbrett im Kleinod. Heute führt der Ort Vieselbach in Blau einen siebenmal silbern-rot geteilten, rot bewehrter und gezungter Adler.

Optisch unten rechts: Die Herrschaft Vargula, auch Varila oder Großvargula genannt, führte in Silber ein hier sechsspeichiges, schwarzes Rad. Die hier nicht dargestellte Helmzier wäre zu schwarz-silbernen Decken ein silberner Flug. Früher gehörte die Herrschaft Vargula dem Deutschen Ritterorden; sie wurde 1385 an die Stadt Erfurt verkauft. Das Wappen wird beschrieben im Alten Siebmacher II, Tafel 22 unter den Grafen als "Vargvle". Die heutige Gemeinde Großvargula (Unstrut-Hainich-Kreis) führt den Schild wie beschrieben, den Flug der Helmzier aber farblich geteilt.

Optisch oben links: Die Herrschaft Kapellendorf führt in Schwarz drei silberne Pfähle. Die hier nicht dargestellte Helmzier wäre zu schwarz-silbernen Decken ein hoher, wie der Schild bez. Hut mit Aufschlag, an der Spitze mit einem Federbusch besteckt. Die Herrschaft gehörte ursprünglich den Burggrafen von Kirchberg als Reichslehen, die sie 1348 an die Stadt Erfurt verkauften, die die Burg als Juwel des Erfurter Landgebietes ansahen. Daher ist das Wappen auch dem der Burggrafen von Kirchberg entlehnt. Da es ein Reichslehen war, sicherte es der Stadt das Ansehen einer Quasi-Reichsstadt. Die Stadt war vom König mit dieser Burg belehnt worden und damit über diese Burg reichsunmittelbar. Der Stadtrat Erfurts wurde aufgrund des Besitzes dieser Burg z. B. zu Reichstagen eingeladen und hatte in der Reichsversammlung Sitz und Stimme, obwohl man die Herrschaft des Mainzer Fürsterzbischofs nie offiziell abgeschüttelt hatte. Die Burg Kapellendorf bildete zugleich den östlichen Außenposten des Erfurter Territoriums nahe der Straße zwischen Weimar und Jena und hatte dadurch eine große strategische Bedeutung. Bis 1508 war die Burg in Erfurter Besitz. Das Wappen wird beschrieben im Alten Siebmacher II, Tafel 22 unter den Grafen als "Caplendorf", wird dort aber falsch dargestellt, nämlich nur dreimal schwarz-silbern gespalten, und der Hut ist ohne Aufschlag. In anderen Quellen werden noch weitere Varianten angegeben, darunter eine farblich invertierte. Für die Stadt vgl. Band: St Seite: 300 Tafel: 290.

Optisch unten links: Die Herrschaft Vippach oder auch Schloßvippach führt einen rot-silbern einmal gespaltenen und zweimal geteilten Schild. Die hier nicht dargestellte Helmzier wäre zu rot-silbernen Decken ein Paar silbern-rot übereck geteilter Büffelhörner. Otto von Vippach verkaufte 1387 seine Herrschaft an die Stadt Erfurt. Das Wappen wird beschrieben im Alten Siebmacher II, Tafel 22 unter den Grafen als "Vippach", vgl. auch Siebmacher Band: SaA Seite: 174 Tafel: 113 und Band: ThüA Seite: 24 Tafel: 17 sowie Band: ThüA Seite: 109 Tafel: 86. Der Wappenschild wird heute identisch geführt von der Gemeinde Schloßvippach (Verwaltungsgemeinschaft An der Marke, Landkreis Sömmerda). Das Wappen darf nicht verwechselt werden mit dem der Gemeinde Markvippach mit einem anderen Motiv.

Ein ganz ähnlich aufgebauter Wappenstein des "Landes Erfurt" mit dem Stadt- und allen vier Herrschaftswappen befindet sich in der Burg Kapellendorf (siehe eigenes Kapitel dazu). Dort werden alle Kleinode der vier Herrschaftswappen dargestellt. Ein weiteres Vergleichswappen befindet sich heute im Erfurter Angermuseum und stammt vom äußeren Johannestor in Erfurt (an der Johannesmauer hängt heute eine Kopie). Dieser Stein ist auf 1447 zu datieren (Baujahr des Johannestores). Ein weiteres derart aufgebautes Wappen befindet sich am Nordturm der Cyriaksburg und ist auf 1528 zu datieren. Kurz darauf ging Erfurt dazu über, die einzelnen Elemente in einem gevierten Schild zu kombinieren, mit je einer Herrschaft in einem Feld, und das Erfurter Stadtwappen als Herzschild aufzulegen. Ein solches Wappen ist am Herrenhaus des Großen Hospitals von 1544 angebracht. Diese Form findet sich auch am Wappen an der Mauer des Flutgrabens zwischen der Eisenbahnbrücke und der Fußgängerbrücke am Schmidtstedter Knoten in Erfurt; der Stein stammt von 1647 und befand sich einst am Schmidtstedter Tor. Im Alten Siebmacher I, Tafel 221 ist in der zweiten Reihe ganz links ein kombiniertes Erfurter Stadtwappen wiedergegeben, allerdings mit völlig abwegigen Farbangaben. Diese kombinierte Form wurde bis zur Reduktion 1664 verwendet und erst dann durch das "einfache" Erfurter Stadtwappen abgelöst.

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@50.9779446,11.0294676,19z - https://www.google.de/maps/@50.9779581,11.0293965,80m/data=!3m1!1e3
Steffen Raßloff: Historisches Stadtwappen am Rathaus - Symbol des "Landes Erfurt", Beitrag der Serie: Denkmale in Erfurt, aus der Thüringer Allgemeinen vom 19.5.2012
http://www.erfurt-web.de/Stadtwappen_Rathaus_Erfurt
Rolf-Torsten Heinrich, Erfurter Wappenbuch Teil I, Kapitel 6, das Wappen der Stadt Erfurt, S. 23-26
Die vier Herrschaften im alten Siebmacher:
http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10455335_00055.html?zoom=1.1500000000000006
kombiniertes Erfurter Wappen im alten Siebmacher:
http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10455334_00557.html
Erfurter Rathaus:
https://www.erfurt.de/ef/de/erleben/sehenswertes/rathaus/index.html
Geschichte des Rathauses:
https://www.erfurt.de/ef/de/erleben/sehenswertes/rathaus/geschichte/index.html
Rathaus Erfurt:
https://de.wikipedia.org/wiki/Rathaus_(Erfurt)
Siebmachers Wappenbücher wie angegeben
Rathaus Erfurt:
https://www.thueringen.info/erfurt-rathaus-erfurt.html
Steffen Raßloff: Römer auf dem Fischmarkt, Beitrag der Serie Denkmale in Erfurt aus der Thüringer Allgemeine vom 30.12.2011
http://www.erfurt-web.de/Denkmal_R%C3%B6mer_Erfurt?PageSpeed=noscript

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