Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2465
Groß-Umstadt (Landkreis Darmstadt-Dieburg)

Pfälzer Schloß

Das Pfälzer Schloß ist einer der sieben Adelssitze in Groß-Umstadt. Es bildete die Südwestecke der Altstadt; nördlich grenzen die katholische Kirche und das Wambolt-Schloß an. Es wird auch Oberschloß genannt zur Unterscheidung vom Unterschloß = Darmstädter Schloß an der Nordostecke des mittelalterlichen Mauerrechtecks. Beide nahmen unter den sieben Adelssitzen der Stadt eine besondere Stellung ein, weil sie einerseits jeweils aus einer Wasserburg hervorgingen, stärker befestigt waren als die anderen Sitze und jeweils einen Torzugang zur Stadt kontrollierten und bewachten, und andererseits, weil sie beide Verwaltungssitze der am Kondominium beteiligten, anteiligen Herren über die Stadt waren. Die Kurpfalz hatte immerhin 376 Jahre lang die Herrschaft über die Hälfte der Stadt inne.

Die Kurpfalz kam 1390 in Groß-Umstadt ins Spiel. Bis dahin hatte das Kloster Fulda die Herrschaft über die Stadt inne. Teilweise war die Herrschaft als Lehen vergeben, an die Grafen von Katzenelnbogen, an die Herren von Münzenberg, später an die Herren von Hanau. 1390 verkaufte das Kloster Fulda die Stadt an die Kurpfalz. Aber der Übergang stockte: Die Herren von Hanau hatten einerseits die Hälfte als Fuldaer Lehen inne. Andererseits, und das machte jetzt Probleme, hatte Fulda 1374 die andere bisher in Eigenbesitz verwaltete Hälfte an die Herren von Hanau verpfändet und noch nicht wieder ausgelöst. Die Kurpfalz wiederum sah nicht ein, den Kaufpreis zu entrichten, solange das Kloster Fulda das Pfand nicht ausgelöst hatte. De facto waren die Herren von Hanau 1390-1427 vollständig Herren der Stadt. Erst mit der Einlösung des Pfandes 1427 ging die Stadtherrschaft an die Kurpfalz über, und Hanau wurde wieder für die Hälfte von Groß-Umstadt Lehensnehmer, diesmal von der Kurpfalz. Die Kurpfalz behielt die andere Hälfte der Stadt als Eigenbesitz. Nachdem Hessen infolge des Landshuter Erbfolgekrieges Groß-Umstadt besetzt hatte, ging die Stadtherrschaft zwar an die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt über; die Kurpfalz behielt ihren Besitz der halben Stadt bis 1803, als beim großen "Aufräumen" im Reichsdeputationshauptschluß das Kondominium beendet wurde und Groß-Umstadt als ungeteilte Herrschaft an die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt (ab 1806 Großherzogtum Hessen) fiel.

Ursprung des Pfälzer Schlosses war eine 1306 erstmalig urkundlich in Erscheinung tretende Burg des Klosters Fulda, auf der die entsprechenden Vögte saßen. Als eine Hälfte der Stadt als Lehen an die Grafen von Katzenelnbogen ging, war die Burg vermutlich Teil des Lehens. Sie wurde allerdings nie Eigenbesitz der Bewohner, wie das den Hanauern mit der anderen, zur anderen Hälfte gehörenden Burg gelang. Mit der Übernahme der halben Stadtherrschaft bauten die Pfalzgrafen die ehemalige Wasserburg zu einem Amtssitz des von ihnen eingesetzten Oberamtmannes aus.

Bei dem langrechteckigen, zweigeschossigen Bau, der im Norden noch einen schmäleren Anbau mit Treppenhaus und sanitären Anlagen besitzt, fällt das extrem hohe und starke Erdgeschoß aus Sandstein auf, das hat seine Ursache darin, daß im Süden und Westen das Gebäude der Stadtmauer aufsaß, die Erdgeschoßmauer also identisch mit der Stadtmauer ist. Diese entsprechend dick angelegten Mauern mit tiefen Fensternischen sind in das 15. Jh. zu datieren. Im Erdgeschoß befindet sich ein riesiger, zweischiffiger, 19 m langer und 10 m breiter Saal mit drei Säulen, der zeitweilig als katholische Kirche genutzt worden war und heute als Tagungs-, Versammlungs-, Veranstaltungs- und Ausstellungsraum dient. Der Zugang erfolgte von Osten über eine doppelläufige, reich verzierte, sandsteinerne Freitreppe aus dem 18. Jh. mit dem Eingang zum Gewölbekeller unter dem Podest. Das Obergeschoß sah früher ganz anders aus: Glaubt man einem Merian-Stich von 1646, hatte das aus Fachwerk gebaute Wohngeschoß um das steil aufragende Zeltdach herum mehrere oktogonale Ecktürmchen mit spitzer Dachhaube. Im Jahre 1806 brannte das Schloß; danach wurde noch im selben Jahr ein Obergeschoß in barockem Stil aus heute verschindeltem Fachwerk mit Krüppelwalmdach darüber errichtet. Das in Stadtbesitz befindliche Schloß wurde jeweils 1976, 2009-2012 und 2017 renoviert.

 

Außen sind am Pfälzer Schloß an der Westseite rechts neben dem mittleren Stützpfeiler drei ehemalige Grenzsteine aufgestellt, jeder mit einer ovalen Kartusche und Ranghut auf dem oberen Rand des stark verwitterten Wappens. Die Kartuschen sind unterschiedlich aufgebaut: Der optisch linke und der mittlere Wappenstein haben ein durch eine eingebogene Spitze in drei Felder geteiltes Oval, Feld 1: in Schwarz ein goldener, rot gekrönter Löwe (Pfalz), Feld 2: von Silber und Blau schräg geweckt (Wittelsbach), Feld 3: ledig und rot. Hier ist in dem betreffenden dritten Feld nur eine Damaszierung zu sehen, um die Leerfläche, wo sich in zeitlich früheren Wappen der Reichsapfel befand, zu füllen. Die Kurpfalz besaß traditionell das Erzamt des Erztruchsessen (Archidapifer), das sie aber im Dreißigjährigen Krieg verlor, daher die leere Fläche: 1623 wurde die pfälzische Kurwürde an die Herzöge von Bayern übertragen. 1648 bekamen die Pfalzgrafen das neu geschaffene Amt des Erzschatzmeisters (8. Kurwürde). Erst 1706 konnte die Pfalz das Erztruchsessenamt wiedererlangen, nachdem Bayern die Kurwürde zur Strafe für das Engagement im Spanischen Erbfolgekrieg abgeben mußte. Das Erzschatzmeisteramt ging an Hannover.

 

Der dritte Wappenstein ist komplexer und gehört zu Johann Philipp von Schönborn (6.8.1605-12.2.1673), der in drei Hochstiften Fürstbischof war, in Würzburg ab 1642, in Mainz ab 1647 und in Worms ab 1663. Alle drei sind hier zu sehen, denn der Hauptschild: geteilt und zweimal gespalten, Feld 1: "Fränkischer Rechen" = von Rot und Silber mit drei aufsteigenden Spitzen geteilt, Herzogtum zu Franken, Feld 2 und 5: in Rot ein silbernes sechsspeichiges Rad (Erzstift Mainz), Feld 3 und 6: in Schwarz ein schräg aufwärts gerichteter und schräggestellter silberner Schlüssel, begleitet von 4:4 goldenen Schindeln, Hochstift Worms, Feld 6: "Rennfähnlein" = in Blau eine rot-silbern gevierte und an den beiden senkrechten Seiten je zweimal eingekerbte, schräggestellte Standarte mit goldenem Schaft, Hochstift Würzburg, Herzschild: in Rot auf drei silbernen Spitzen ein schreitender goldener Löwe mit blauer Krone, Stammwappen der von Schönborn. Über der Kartusche ist ein Kurhut zu sehen, darunter ein verwitterter geflügelter Kopf. Das gestürzte Schwert (abgewittert) sowie der Krummstab (sehr vereinfacht) sind hinter dem Schild schräggekreuzt. In dieser Form wurde das Wappen 1663-1673 geführt. Auf diesem Stein, der nicht originär zu Groß-Umstadt gehört, ist der Fürstbischof in seiner Funktion als Bischof von Mainz vertreten - der natürlich in der Stadt nichts zu sagen hatte, weil er kein Landesherr war. Der ehemalige Grenzstein stammt vielmehr aus kurmainzischem Gebiet, das Bachgau und die Vogtei Obernburg waren mainzisch und grenzten an das Kondominat Umstadt.

Direkt neben dem Pfälzer Schloß befindet sich über einem Friedhofseingang im gesprengten Dreiecksgiebel des Toreinganges ein Wappen der Familie Curti (Curtius Baronet), das im Kapitel zum Curti-Schloß besprochen wird. Dieser Stein stammt von der ehemaligen Familiengruft in der Friedhofskapelle, die abgerissen wurde.

Literatur, Links und Quellen:
Position auf google maps: https://www.google.de/maps/@49.8678532,8.926878,19.55z - https://www.google.de/maps/@49.8678532,8.926878,117m/data=!3m1!1e3
Kondominat Umstadt:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kondominat_Umstadt
Pfälzer Schloß:
https://de.wikipedia.org/wiki/Pf%C3%A4lzer_Schloss
Grundriß des Rittersaales:
http://www.gross-umstadt.de/sites/default/files/dateien/pfaelzer_schloss-grundriss.pdf
Pfälzer Schloß:
http://www.burgenwelt.org/deutschland/pfaelzerschloss/index.htm
Wolfgang Schröck-Schmidt: Umstädter Schlösser und Adelssitze, Pfälzer Schloß, in: 1250 Jahre Groß-Umstadt 743-1993, hrsg. vom Magistrat der Stadt, Geiger-Verlag, Horb am Neckar, S. 192 ff
Peter W. und Marion Sattler: Burgen und Schlösser im Odenwald, 240 S.,
Verlag Diesbach Medien, 1. Auflage 2004, ISBN-10: 3936468249, ISBN-13: 978-3936468243
Hinweistafel am Bauwerk
Johann Philipp von Schönborn:
https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Philipp_von_Sch%C3%B6nborn
Alfred Wendehorst: Johann Philipp von Schönborn, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 10, Duncker & Humblot, Berlin 1974, ISBN 3-428-00191-5, S. 497-499 -
https://www.deutsche-biographie.de/gnd118610066.html#ndbcontent - http://daten.digitale-sammlungen.de/0001/bsb00016327/images/index.html?seite=511
Constantin von Wurzbach: Johann Philipp von Schönborn, in: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, 31. Theil, Kaiserlich-königliche Hof- und Staatsdruckerei, Wien 1876, S. 136 f. -
https://de.wikisource.org/wiki/BLK%C3%96:Sch%C3%B6nborn,_Johann_Philipp_von - http://www.literature.at/viewer.alo?objid=12540&page=156&scale=3.33&viewmode=fullscreen
Siegfried R. C. T. Enders: Landkreis Darmstadt-Dieburg, Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmäler in Hessen,  Braunschweig/ Wiesbaden, 1988, S. 239

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