Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2464
Groß-Umstadt (Landkreis Darmstadt-Dieburg)

Renaissance-Rathaus

Das historische Renaissance-Rathaus von Groß-Umstadt liegt zentral am Nordende des Marktplatzes, im Osten von der Kirche beseitet. Das Prunkportal ist auf das Jahr 1596 datiert; die hauptsächliche Bauzeit erstreckte sich aber von 1604 bis 1605. Man begann aber schon 1588 mit der Planung und 1596 mit dem Portal. Der Neubau, einer der repräsentativsten, prächtigsten und fortschrittlichsten Rathausbauten der damaligen Zeit, ersetzte damals einen gotischen Vorgängerbau. Für den Bau verantwortlich war Philipp III. Wambolt von Umstadt, der sich kurz zuvor das Wamboltsche Schloß für sich selbst hatte errichten lassen. Als Architekt kann im Jahr 1600 Johannes Schoch nachgewiesen werden, der Baumeister des Friedrichsbaus am Heidelberger Schloß, was die stilistische Nähe erklärt. Die Steinmetze ließ man aus Aschaffenburg und Würzburg anreisen. Der Prunk der Fassadengestaltung des Rathauses orientiert sich eher an Vorbildern in der ranghöheren Kurpfalz, wie wir sie in Heidelberg sehen, als an der schlichteren Darmstädter Renaissance, wie wir sie z. B. an Schloß Lichtenberg sehen.

Im Erdgeschoß befand sich eine Säulenhalle, die als Markthalle der Tuchhändler diente. Deshalb ist an einem Fenstergewände außen auch die Umstadter Tuchmacherelle mit einer Länge von 54,5 cm als Richtmaß befestigt. Besagte Säulenhalle diente auch als Sitz des Cent- und Stadtgerichts, ebenso für den gerichtlichen Oberhof und das Halsgericht.

 

Die beiden lebensgroßen Dachfiguren beiderseits des Prunkgiebels stellen Allegorien der Gerechtigkeit (Justitia in ungewöhnlicher Darstellung, ohne Augenbinde, mit senkrecht erhobenem Schwert, mit der Waage im linken Arm, so als habe sie ihr Urteil bereits gefunden, die Waage unter dem Arm zusammengeknüllt und das Schwert zur Vollstreckung erhoben) und Klugheit (Prudentia mit ihren Attributen Schlange und Spiegel) dar. Die Auswahl der Figuren spiegelt das Selbstverständnis der Ratsherren wider, die dieses Figurenprogramm in Auftrag gegeben hatten, und dienten ebenso als tägliche Mahnung, klug und gerecht die Geschicke der Stadt zu lenken. Dazu paßt die Inschrift in einer nachträglich eingesetzten ovalen Kartusche oberhalb des Portals: "M D SALVS POPVLI SVPREMA LEX ESTO CXXV" - des Volkes Heil sei oberstes Gebot 1625. Gutes Motto - das könnte man auch mal in Berlin ein bißchen mehr beherzigen.

 

In den Jahren 1982-1991 wurde das zu Beginn der Maßnahme akut einsturzgefährdete Rathaus unter Leitung des Architekten und Kunsthistorikers Johannes Sommer grundlegend restauriert. Dabei wurden auch die 14 kleinen Dachgauben rekonstruiert, die der Bau von 1605 einst besaß, die aber zwischenzeitlich verlorengegangen waren. Wer diesen wunderschönen Bau heute bewundert, sollte sich auch in Erinnerung rufen, wie knapp es einmal war: 1738 war das Rathaus teilweise baufällig, und das Oberamt Darmstadt machte den Vorschlag, das Rathaus komplett abzureißen und durch einen barocken Neubau zu ersetzen. Nur dank einer Bürgerinitiative, die sich gegen den Abriß stemmte, konnte der Plan verhindert werden. Es war eine der frühesten bekannten Bürgerinitiativen Deutschlands gegen einen Landesherrn.

Über dem Portal befinden sich die beiden landesherrlichen Wappen: Wie auch am Marktbrunnen sehen wir hier ein Pfälzer Wappen und ein hessisches Wappen nebeneinander. Heraldisch rechts steht das Wappen der Pfalz, heraldisch links das der Landgrafen. Die Pfalz nimmt hier den höherwertigen Platz ein, weil sie als Kurfürsten eine höhere Stellung im Heiligen Römischen Reich einnahmen als die Landgrafen, weil im Reichstag der Pfalzgraf auf der Stirnseite unter den Kurfürsten Platz nahm, während die Landgrafen auf der weltlichen Reichsfürstenbank saßen. Im Jahr 1596, der Datierung auf dem Torbogen, gehörte die eine Hälfte von Groß-Umstadt der Kurpfalz, die andere Hälfte den Landgrafen von Hessen. Von der letztgenannten Hälfte gehörte die Hälfte zur Landgrafschaft Hessen-Darmstadt und die andere Hälfte zur Landgrafschaft Hessen-Kassel. Im Jahr 1596 herrschte in Kassel Moritz Landgraf von Hessen-Kassel (25.5.1572-15.3.1632), während es in diesem Jahr in Darmstadt einen Wechsel von Georg I. Landgraf von Hessen-Darmstadt (10.9.1547-1596) zu seinem Sohn Ludwig V. Landgraf von Hessen-Darmstadt (24.9.1577-1626) gab.

Hessen trat erst 1504 in das Umstadter Kondominium ein. Das war aber kein politischer, sondern ein militärischer Akt, denn als Folge des Landshuter Erbfolgekrieges besetzte Hessen Umstadt, das bis dahin der Kurpfalz ganz gehörte, aber zur Hälfte als Lehen an die Grafen von Hanau gegeben war.  Die Grafen von Hanau wurden nun aus Umstadt verdrängt, indem man ihnen Geld und ein paar Dörfer als Kompensation bot, was diese angesichts ihrer Position des Schwächeren auch annahmen. Nun war Umstadt gemeinsames Eigentum der Kurpfalz und der Landgrafschaft Hessen, jeweils zur Hälfte. Die Landgrafen verpfändeten 1549-1570 ihre Hälfte an die Kurpfalz für 20000 fl.

1567 kam es bei den Landgrafen zu einer Teilung: Ein Viertel von Umstadt gehörte zur Landgrafschaft Hessen-Darmstadt und ein Viertel zur Landgrafschaft Hessen-Kassel. Das blieb im wesentlichen bis 1626 so, auch wenn die Kurpfalz nun ihrerseits 1593-1594 ihre Hälfte für 20000 fl. an Hessen-Darmstadt verpfändete. Im Dreißigjährigen Krieg eroberten die Landgrafen pfälzische Gebiete und besaßen 1626-1648 ganz Umstadt. Nach dem Westfälischen Frieden wurden 1648 die Vorkriegs-Besitzverhältnisse wiederhergestellt: Hälfte Kurpfalz, ein Viertel Hessen-Darmstadt, ein Viertel Hessen-Kassel. Das hatte aber nur 2 Jahr lang Bestand, denn Hessen-Kassel gab von seinem Viertel eine Hälfte an Hessen-Rheinfels ab. Die neue Besitzverteilung war also: Hälfte Kurpfalz, ein Viertel Hessen-Darmstadt, ein Achtel Hessen-Kassel, ein Achtel Hessen-Rheinfels. In den 1660er Jahren kam es zu einem Gebietstausch, wodurch das Achtel der Linie Hessen-Rheinfels an Hessen-Darmstadt kam. Die neue Besitzverteilung der Anteile an Umstadt war nun: Hälfte Kurpfalz, drei Achtel Hessen-Darmstadt, ein Achtel Hessen-Kassel. Das verbleibende Achtel tauschte Hessen-Kassel dann zu Anfang des 18. Jh. gegen andere Gebiete, so daß ab 1705/1708 Hessen-Darmstadt wieder eine ganze Hälfte an Umstadt innehatte, was bis zum Reichsdeputationshauptschluß 1803 so blieb. Dann flog die bisher so konstant ihre Hälfte besitzende Kurpfalz aus dem Kondominium heraus, die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt bekam durch das Ende des Kondominiums alle Anteile an Umstadt und wurde 1806 zum Großherzogtum Hessen.

Das hessische Wappen hat eine Form, wie sie bis in die Mitte des 17. Jh. geführt wurde und für beide Linien, Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt, während der Erbauung des Rathauses zutraf (erst danach kamen weitere Elemente in das Wappen, und beide Linien hatten ein unterscheidendes Merkmal). Es ist geviert mit Herzschild, Feld 1: in Gold ein roter Löwe, blau bewehrt und blau gekrönt (Grafschaft Katzenelnbogen), Feld 2: schwarz-golden geteilt, oben ein silberner sechsstrahliger Stern (Grafschaft Ziegenhain), Feld 3: schwarz-golden geteilt, oben zwei eigentlich achtstrahlige, hier nur sechsstrahlige silberne Sterne (Grafschaft Nidda), Feld 4: in Rot zwei goldene, blau bewehrte schreitende Löwen übereinander (Grafschaft Diez), Herzschild: in Blau ein silbern-rot mehrfach geteilter aufrechter Löwe, golden gekrönt und golden bewehrt (Landgrafschaft Hessen).

 

Abb. links: Kleinod Hessen, Abb. rechts: Kleinod Ziegenhain

Dazu werden drei Helme geführt, Helm 1 (Mitte): auf dem gekrönten Helm mit rot-silbernen Decken zwei Büffelhörner, außen besteckt mit je 7 Lindenzweigen (Landgrafschaft Hessen), Helm 2 (rechts): auf dem gekrönten Helm mit rot-goldenen Decken ein schwarzer Flug, beiderseits belegt mit einer wie Feld 1 tingierten Scheibe (Grafschaft Katzenelnbogen), Helm 3 (links): auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken ein wachsender schwarzer Ziegenbock zwischen einem wie der Schild tingierten und mit je einem silbernen sechsstrahligen Stern belegten Flug (Grafschaft Ziegenhain).

 

Abb. links: Kleinod Katzenelnbogen, Abb. rechts: Kleinod Pfalz

Die Kurlinie der Pfalzgrafen (im fraglichen Jahr war die regierende Linie die Simmerner Linie, die 1559 übernahm und 1685 erlosch) verwendet nur die Elemente Pfalz, Wittelsbach und Reichsapfel. Diese drei Elemente sind hier in drei separaten, zusammengestellten Schilden untergebracht und unter einem einzigen Helm mit der Pfälzer Stammhelmzier (ein sitzender goldener, rot gekrönter Löwe zu schwarz-goldenen Decken) vereinigt: Schild 1 (heraldisch rechts, gewendet): in Schwarz ein goldener, rot gekrönter Löwe (Pfalzgrafschaft bei Rhein), Schild 2 (links): silbern-blau schräg gerautet (Wittelsbach), Schild 3 (unten Mitte): in Rot ein goldener Reichsapfel (Erztruchsessenamt der Kurlinie). Im Jahr 1596, der Datierung auf dem Portalbogen, war Friedrich IV. (5.3.1574-9.9.1610) Kurfürst von der Pfalz; er war vermählt mit Luise Juliane Gräfin von Nassau-Oranien (31.3.1576-15.3.1644). Im Jahre 1583 wurde er Kurfürst und Pfalzgraf, stand aber noch bis 1592 unter Vormundschaft.

Direkt über dem Portalbogen ist in einer Rollwerkkartusche das Stadtwappen von Groß-Umstadt angebracht. Es zeigt in Blau eine silberne Stadtsilhouette mit Zinnenmauer, einem viereckigen Mittelturm mit zwei Rechteckfenstern und einem Dreipaßfenster über einem geschlossenen roten Tor zwischen zwei Dreipaßfenstern in der hier erhöhten Mauer und mit zwei achteckigen Seitentürmen mit je zwei Rechteckfenstern, alle drei Türme mit rotem Dach, der mittlere mit einem goldenen Kreuz an der Spitze, die äußeren mit goldenen Kugeln.

Zwischen den Türmen befinden sich zwei Wappenschilde, beide durch einen Steg mit dem mittleren Turm verbunden, rechts golden mit drei roten Sparren (Grafschaft Hanau), links silbern mit einem durchgehenden schwarzen Kreuz (Stift Fulda). Das Stadtwappen wird mit seiner Geschichte beim Marktbrunnen weiter diskutiert.

Renaissance-Torbogen an der rechten Stirnseite des Rathauses (Ost-Giebel-Seite)

Abb. oben und unten: barocker rückwärtiger Teil des Rathauses

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf google maps: https://www.google.de/maps/@49.868778,8.9288929,20.18z - https://www.google.de/maps/@49.8687562,8.9287978,47m/data=!3m1!1e3
Johannes Sommer: Das Renaissance-Rathaus zu Groß-Umstadt, eine Dokumentation zu Entstehung und Bewahrung des Bauwerks 1600-1991, 80 S., Verlag Langewiesche, 1993,ISBN-10: 3784558003, ISBN-13: 978-3784558004
Rathaus Groß-Umstadt:
https://www.outdooractive.com/de/historische-staette/odenwald/renaissance-rathaus/4707781/
Geschichte von Groß-Umstadt:
http://www.gross-umstadt.de/de/geschichte
Wappen von Groß-Umstadt:
http://www.ngw.nl/heraldrywiki/index.php?title=Groß-Umstadt
Besitzgeschichte:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kondominat_Umstadt

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Die Entwicklung des Hessischen Wappens - Wappen der Wittelsbacher (1): Pfalz

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