Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2435
Siegen (Kreis Siegen-Wittgenstein)

Das Siegener Untere Schloß

Im Gegensatz zum Oberen Schloß steht das Untere Schloß mitten in der Siegener Altstadt, zwischen Martini-Kirche im Westen und Karstadt im Osten. Drei riesige langgestreckte Flügel umgeben den rechteckigen Hof, der sich nach Nordosten öffnet. Der Dicke Turm bildet den markanten nordöstlichen Abschluß des Nordwestflügels. Früher war hier ein Franziskanerkloster, das seit 1489 bestand. Die Notwendigkeit einer zweiten Residenz ergab sich erst, als Graf Johann VII. der Mittlere von Nassau-Siegen (1561-27.9.1623) starb. Zuvor hatte sich durch die Konversion seines Sohnes Johann VIII. (1583-1638) ein Problem ergeben: Er war bis dahin als Alleinerbe vorgesehen, doch nach seiner Konversion änderte der calvinistische Vater sein Testament. Er bekam nur das Obere Schloß, aber die Stadt Siegen sollten nun alle drei Söhne Johanns VII. gemeinsam erhalten und sich die Einkünfte teilen. Doch Johann VIII. brachte zunächst ganz Siegen in seine Hand; sein Halbbruder Johann Moritz konnte aber mit Hilfe von Truppen des schwedischen Königs Gustav II. Adolf (1594-1632) seine Interessen durchsetzen und dem väterlichen Testament entsprechend sein Erbteil in Besitz nehmen. Eine Residenz mußte her: Man nahm Quartier in besagtem, 1534 im Zuge der Reformation aufgelöstem und zeitweise als Sitz der Herborner Hohen Schule genutztem Kloster, das nun Nassauischer Hof genannt wurde.

Unter Wilhelm Moritz Fürst von Nassau-Siegen (1649-23.1.1691) wurde hier eine Fürstengruft gebaut; in der Mitte des Westflügels befindet sich der wappengeschmückte Eingang. Die gußeiserne schwere Doppeltür führt in eine kreuzförmige tonnengewölbte Anlage. Der Erbauer war der niederländische Baumeister Maurits Post. Weiterhin wurden ein Galerieflügel errichtet und ein Torhaus. Als der Nassauische Hof 1695 beim Stadtbrand bis auf das Torhaus (1889 abgebrochen, Reste am Oberen Schloß) und die Fürstengruft ein Raub der Flammen wurde, baute man unter Friedrich Wilhelm I. Adolf Fürst von Nassau-Siegen (20.2.1680-13.2.1722) an der Stelle des Klosters ein dreiflügeliges Schloß. 1698-1711 entstand der Nordwestflügel durch Baumeister Peter Remboldt. Er heißt Kurländerflügel, weil Fürst Friedrich Wilhelm I. Adolf in zweiter Ehe mit einer Prinzessin von Kurland verheiratet war. Das neue Corps de logis, der durch seine lange Arkadenreihe charakterisierte Südwestflügel, bezog die Fürstengruft ein. Sein einachsiger Mittelrisalit stammt aber erst von 1884, und 1915 fand eine Aufstockung mit einem Mezzanin-Geschoß statt. Im Jahre 1717 begannen die Arbeiten am Südostflügel (Wittgensteiner Flügel). Der Dicke Turm entstand 1721 als Archivturm. Erst stand er solo; die Baulücke wurde erst 1802 mit einem Zwischenbau geschlossen. Das Ensemble wurde früher noch durch einen Marstall und ein Ballhaus im Osten vervollständigt; diese Bauten existieren nicht mehr, sondern wurden in der Nachkriegszeit durch Karstadt ersetzt. Das Untere Schloß wurde noch bis 1734 von Friedrich Wilhelm II. Adolf Fürst von Nassau-Siegen (11.11.1706-2.3.1734) als Residenz genutzt. Mit ihm starb die protestantische Linie aus; das Schloß war danach noch bis 1782 Witwensitz. In der Preußenzeit war das Gebäude Sitz des Landratsamtes. Der Wittgensteiner Flügel war zeitweise Gefängnis. Das Gebäude befindet sich im Eigentum des Landes Nordrhein-Westfalen und wurde seit vielen Jahrzehnten als Behördenhaus genutzt. Heute dient es zunehmend der Universität Siegen als Campus und wurde 2013 für die Wirtschaftsfakultät der Universität Siegen und für die Südwestfälische Mittelstandsakademie umgebaut. Der Wittgensteiner Flügel dient heute als wissenschaftliche Bibliothek.

 

Die Tür zur Gruft ist auf das Jahr 1669 datiert. Auftraggeber war Johann Moritz Fürst von Nassau-Siegen (18.6.1604-20.12.1679), seit 1652 in den Fürstenstand erhoben. Das Wappen an der Tür ist das der Linie Nassau-Siegen; es ist geviert, Feld 1: Grafschaft Nassau, in blauem und mit goldenen aufrechten Schindeln bestreuten Feld ein goldener Löwe, rot gezungt, ungekrönt und rot bewehrt, Feld 2: Grafschaft Katzenelnbogen, in Gold ein roter, hersehender Löwe, blau bewehrt und blau gekrönt, Feld 3: Grafschaft Vianden, in Rot ein silberner Balken, Feld 4: Grafschaft Dietz: in Rot zwei goldene, blau bewehrte, hersehende, schreitende Löwen) übereinander.

Das achtspitzige Kreuz hinter dem Schild verweist auf den Johanniterorden. Im Jahre 1652 war Fürst Johann Moritz auf Antrag des Großen Kurfürsten zum Herrenmeister des Johanniterordens der Ballei Brandenburg ernannt worden. Weil er vorher noch nicht einmal Ordensritter gewesen war, mußte er schnell noch vor der Ernennung vom Ordenssenior Georg von Winterfeld zum Johanniterritter geschlagen werden, damit er überhaupt ernennbar war. Fürst Johann Moritz übernahm eine durch den Dreißigjährigen Krieg verwüstete Ballei und mußte sie wieder wirtschaftlich und kulturell in Schwung bringen, was ihm auch gut gelang. In Sonnenburg (Neumark) bei Küstrin ließ er 1662-1667 als Ersatz für den kriegszerstörten Ordenssitz das dortige Johanniterschloß vom niederländischen Baumeister Cornelis Ryckwaert nach Entwürfen des niederländischen Baumeisters Pieter Post errichten, das bis 1945 Sitz der Herrenmeister war, seit einem Brand im Jahre 1973 aber eine Ruine ist.

Von besonderem Interesse ist der unter dem Schild hängende dänische Elefantenorden, der den Wappeneigner als Ritter dieses Ordens ausweist. Das Abzeichen des Elefantenordens, des höchsten Ritterorden Dänemarks, ist ein silberner Elefant mit einem Kreuz auf der Seite. Der sonst übliche Turm auf dem Rücken des Elefanten fehlt hier. Friedrich III., König von Dänemark, verlieh Fürst Johann Moritz im Jahre 1657 den Elefantenorden als Dank für die vermittelnde Hilfe gegen den schwedischen Eroberer Carl Gustav von Brandenburg.

Das gleiche Wappen taucht übrigens an einer leeren Grabanlage für den gleichen Johann Moritz von Nassau-Siegen auf, die er sich 1678 hat vorbereiten lassen in Berg und Tal (im Südosten der Stadt Kleve, sogenannter Alter Park). Der 1663 gegossene, leere Sarkophag war ursprünglich für den "Ruheberg" beim "Amphitheater" bestimmt und steht heute als Kenotaph hinter einem 1929 instandgesetzten Halbrund aus Steinen mit Nachbildungen römischer Spolien und mit Vasen in dem Park am Ende der westlichen Achse, einer von drei vom Papenberg ausstrahlenden Alleen. Auf der Stirnseite ist das Wappen des einstigen Regenten von Kleve mit Johanniterkreuz und Elefantenorden dargestellt, an der Längsseite befinden sich die Ahnenwappen. 1649 hatte ihn der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm zu seinem Statthalter in Kleve und Mark ernannt, ab 1658 auch von Minden. In der Siegener Fürstengruft steht ein Modell des Kenotaphs.

Auszug aus der Genealogie:

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf google maps: https://www.google.de/maps/@50.8739731,8.0214057,177m/data=!3m1!1e3
Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Unteres_Schloss_(Siegen)
Campus Unteres Schloß:
http://www.siegen-zu-neuen-ufern.de/campus-unteres-schloss.php
Siegen-Guide:
http://www.siegen-guide.de/sehenswuerdigkeit/unteres-schloss-und-die-fuerstengruft/
Schloßgeschichte:
https://www.blb.nrw.de/BLB_Hauptauftritt/Einblicke/siegen/index.php
Baukunst NRW:
http://www.baukunst-nrw.de/objekte/Unteres-Schloss-Siegen--912.htm
Wittgensteiner Flügel:
http://www.burgerbe.de/2014/04/09/unteres-schloss-siegen-brand-in-altem-gefangnis/
Jens Friedhoff: Sauerland und Siegerland, Theiss-Burgenführer, 70 Burgen und Schlösser, Konrad Theiss-Verlag, Stuttgart 2002, ISBN 3-8062-1706-8, S. 140-141
Wilhelm Güthling: 700 Jahre Burg und Stadt Siegen, in: Siegerland - Blätter des Siegerländer Heimatvereins e. V., Bd. 36, Heft 2, Vorländer, Siegen 1959, S. 37-42.
Johann Moritz Fürst zu Nassau-Siegen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Moritz_(Nassau-Siegen)
Johann Moritz Fürst zu Nassau-Siegen:
http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/persoenlichkeiten/J/Seiten/JohannMoritzvonNassau-Siegen.aspx
Johann Moritz Fürst zu Nassau-Siegen:
https://www.preussen.de/de/geschichte/1640_kurfuerst_friedrich_wilhelm/fuerst_von_nassau-siegen.html
Johann Moritz Fürst zu Nassau-Siegen:
https://www.potsdam.de/content/fuerst-johann-moritz-von-nassau-siegen
Ludwig Driesen: Leben des Fürsten Johann Moritz von Nassau-Siegen, Verone 2017, Nachdruck des Originals von 1849, ISBN 978-9-92505-822-8
Alfredo Schmalz: Johann Moritz von Nassau-Siegen, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 10 (1974), S. 502 f. -
https://www.deutsche-biographie.de/pnd118738097.html#ndbcontent
Dänischer Elefantenorden:
http://kongehuset.dk/publish.php?dogtag=k_en_his_ord
J. H. F. Berlien, Der Elephanten-Orden und seine Ritter, Kopenhagen 1846, online:
http://books.google.de/books?id=-BAZAAAAYAAJ
Johannitersitz Sonnenburg:
https://de.wikipedia.org/wiki/Ordensschloss_Sonnenburg
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Grabanlage in Kleve:
http://www.klevischer-verein.de/arbeitskreise/kermisdahl_wetering_002.htm
Karte der Anlagen in Kleve:
http://www.klevischer-verein.de/arbeitskreise/kermisdahl_wetering_bilder/01.jpg

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