Bernhard Peter
Kalender und Zeitrechnung:
Der Sowjetische "Ewige" Revolutionskalender

Geschichte des sowjetischen "Ewigen Kalenders" von 1929
Russland bzw. die Sowjetunion hat viele Kalender-Umstellungen durchgemacht:

Jahresaufbau im Revolutionskalender von 1929:
Monate: 1 Jahr hat 12 Monate zu je 30 Tagen. 1 Monat hat 6 Wochen zu je 5 Tagen.

Damit man auf die Zahl von 365 Tagen kommt, wurden 5 Feiertage eingeschoben. Diese Feiertage wurden weder einem Monat noch einem Wochentag zugeordnet, sie liefen komplett außerhalb der Zählung. Die Durchzählung der Wochentage setzte an einem Feiertag einfach aus. In dieser Hinsicht entsprach der Kalender einem Fixkalender: Jeder Monat begann mit dem gleichen Wochentag, jedes Jahr begann mit dem gleichen Wochentag, nichts verschob sich gegeneinander. Entsprechend wurde der Kalender auch "Ewiger Kalender" genannt.

Schaltsystem:
Mit der Übernahme des gregorianischen Kalenders wurde auch dessen Prinzip der Schaltjahre übernommen. Der Schalttag in Schaltjahren wurde nach dem 30. Februar eingefügt, ebenfalls außer der Zählung.

Bewertung:
Der Kalender knüpft in seiner Konzeption an große Vorbilder revolutionärer Kalender wie den Kalender der französischen Revolution an. Insbesondere die Monate zu 30 Tagen sind von ähnlicher Konzeption, ebenso die feste Anzahl von Wochen pro Monat, desgleichen die "Noname"-Feiertage außerhalb der Zählung, hier nur nicht am Ende des Jahres, sondern immer mal wieder zwischendrin. Ebenso radikal und revolutionär ist die strikte Abkehr von religiösen Bezügen, die Zerstörung der Sieben-Tage-Woche und Ersetzung durch eine Fünf-Tage-Woche (vergleiche in Frankreich die Zehn-Tage-Woche).

Entsprechend wurde als antichristliche Maßnahme der Sonntag als allgemeiner Ruhetag abgeschafft. Wer am Sonntag arbeitet, ist dem "schädlichen Einfluß" der Kirche an diesem Tage entzogen. Wenn traditionelle religiöse Feste nicht mehr mit dem Alltag der Menschen zusammenpassen, werden sie vielleicht unpopulärer, so der Gedanke.

Stattdessen teilte man die arbeitende Bevölkerung in fünf Gruppen ein – die Gelben, die Pinkfarbenen, die Roten, die Lilafarbenen und die Grünen. Die Belegschaft erhielt Kärtchen in der Farbe ihrer Gruppe. Und jeweils eine Farbgruppe machte an einem Tag der Fünftagewoche frei.

Im revolutionären Staat wurde ohne allgemeinen Ruhetag pausenlos und durchgehend an der Verwirklichung des Sozialismus gearbeitet. Nie stand die gesamte industrielle Produktion des Landes ganz still. Daß aber wegen dieses Systems der rotierenden Ruhetage immer nur 4/5 der Belegschaft in einem Betrieb anwesend war, und daß meistens gerade der, den man brauchte, frei hatte, führt die Unpraktikabilität und ideologische Verbohrtheit dieses Systems anschaulich vor Augen, mal ganz davon abgesehen, daß das soziale und familiäre Leben zum Erliegen kam, wenn Ehepartner oder Freunde oder Eltern und Kinder verschiedenen Farbgruppen angehörten – aber vielleicht war ja auch die Zerschlagung der traditionellen nicht-sozialistischen Sozialstruktur revolutionäre Absicht.

Anmerkung: Es wird manchmal angeführt, daß die Produktion durch Ausbeutung der Arbeiter gesteigert werden sollte, indem der Schnitt von Arbeitstag/Freizeit von 5/2 auf 4/1 geändert wurde. Das ist völliger Unfug, denn man darf unsere heutige Fünftagewoche nicht auf Rußland in den Zwanzigerjahren des 20. Jh. projezieren! Die Arbeiter konnten von einer Fünftagewoche nach westlichem Muster nur träumen! Also: Die Idee von der Steigerung der Produktivität durch erhöhte Ausbeutung der Arbeiter ist schön und antikommunistisch, aber Blödsinn.

Zu theoretisch, zu ideologisch, zu unpraktisch, unsozial, am Menschen vorbei gedacht und nicht wirklich wirtschaftlich erfolgreich – das ist das Fazit des sowjetischen Revolutionskalenders.

Und dennoch kann ich mir den Kommentar nicht verkneifen, daß die erzkapitalistischen Unternehmen des Westens in ihrem Schichtsystem das Prinzip der rotierenden Freizeit bei niemals stillstehenden Fließbändern ebenso realisieren….

Reformierter sowjetischer Revolutionskalender
Teilweise Rückkehr zum gregorianischen Kalender, Rückkehr zu alternierenden Monatslängen.
Beibehaltung der Fünftagewoche, aber der rotierende freie Tag wurde zugunsten eines allgemeinen Ruhetages aufgegeben. Nach einer ununterbrochenen Fünftagewoche kam immer ein freier Tag für alle Arbeiter. Also bestand ein Monat aus 5 Fünftage-Arbeitswochen und fünf freien Tagen am jeweils 6., 12., 18., 24. und 30. jeden Monats.

Die Bindung der Wochenstruktur an den Monat blieb. Der 31. Tag der langen Monate wurde nicht als Wochentag berücksichtigt und war ein Überstunden- oder Ruhetag, je nachdem, wo man angestellt war. Große Frage: Was war mit dem kurzen Februar? Hatten die Arbeiter da eine 9-Tage-Woche vom 25.2.-5.3.? In Schaltjahren gar 10 Arbeitstage hintereinander? Oder war man so nett und gab den Arbeitern dafür am 1. März frei? Wer dazu etwas beitragen kann, bitte mailen.

Nach der kurzen Erprobungsphase der rotierenden Ruhetage hatte man offensichtlich erkannt, was für ein verbohrter Unfug das System war. Dennoch – als überzeugte Antichristen tat man sich sehr schwer mit einer Art Sonntag – das stank ja förmlich schon wieder nach Kirche. Also schuf man de facto eine Sechstagewoche mit gemeinsamem Ruhetag, "gerettet" war wenigstens die Abkehr vom christlichen Sonntag.

Nur – Menschen kann man nur bedingt unterdrücken, und Himmelskörper schon mal gar nicht... Der Wunsch der Bevölkerung nach ihrem gewohnten Sonntag führte dazu, daß Arbeiter sowohl den Sonntag als auch den neuen Ruhetag wahrnahmen….  Und wenn der wirtschaftliche Erfolg des Landes durch einen außergewöhnlich hohen Krankenstand an Sonntagen beeinträchtigt wird, weil viele Arbeiter an Sonntagen einen akuten Anfall von "Nolle-Syndrom" erlitten, kehrt man eben zur Sieben-Tage-Woche zurück, wie 1940 geschehen. Mit "Ewigen" Kalendern ist es wie mit "tausendjährigen Reichen".... - was am Menschen vorbeigedacht ist, hat nicht lange Bestand.

andere Kalendersysteme, Literatur zu Kalendersystemen
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© Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2005
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