Bernhard Peter
Typisch japanische Dinge: Omamori


Ein typischer Bestandteil der Geschäfte in Tempeln und Schreinen ist der Verkauf von Omamori. Das Wort setzt sich zusammen aus dem Honorativpräfix "O" und dem Wort Mamori, das "Beschützer" bedeutet. Ein "geehrter Beschützer" ist damit ein Talisman, den man in einem Tempel erwirbt. Diese Talismane nimmt man mit nach Hause oder trägt sie ständig bei sich, typischerweise werden sie an der regelmäßig mitgeführten Tasche, am Rucksack, am Handy, am Schlüsselbund, am Geldbeutel, am Autorückspiegel etc. angebunden, um sie ständig mitzuführen, oder zu Hause in Ehren gehalten. Aber eigentlich sind die äußerst populären, traditionell handgearbeiteten, aber aufgrund der hohen Nachfrage zunehmend industriell gefertigten, von einem Priester gesegneten Kleinigkeiten vorrangig als ständiger Begleiter ihres Erwerbers gedacht. Sie werden außen sichtbar getragen, und auch wenn sie dadurch abgeschabt werden oder sie leicht schmutzig werden sollten, tut das der Schutzwirkung keinen Abbruch. Vielmehr zeigt die Patina, was der Talisman alles schon von seinem Träger abgehalten hat. Omamori sind personenbezogen, werden also nur von einer Person benutzt, aber man kann sie auch verschenken, und das tun Japaner gerne. Omamori kosten zwischen 300 und 1500 Yen, also ganz grob 2,80 € bis 13 €. Für den ausgebenden Tempel bzw. Schrein ist das ein einträgliches Geschäft.

Beide Religionsformen praktizieren den Brauch gleichermaßen, und es gibt fast keinen Unterschied im Gebrauch, ob man den Talisman im Tempel oder am Schrein gekauft hat, der Talisman des Tempels trägt Kesshin in sich, der des Schreins Busshin. Bis zu den Meiji-Reformen waren Buddhismus und Shintoismus eng miteinander verwoben, und das Omamori-Wesen bildete eine der vielen Schnittstellen: Der Buddhismus brachte seine Amulett-Tradition ein, und der Shintoismus seine Talisman-Tradition (Ofuda). Beide verschmolzen. Im Shintoismus kommt die Kraft des Talismans aus dem eingeschreinten Kami (Go-shintai), im Buddhismus vom verehrten Hauptkultbild (Go-honzon). Es gibt nur eine einzige Richtung im Buddhismus, die Omamori nicht fördert und in deren Tempeln keine Talismane zum Verkauf angeboten werden, das ist die Jodo-Shinshu-Richtung. Das liegt daran, daß hier die Fokussierung ganz auf Amida und das Paradies liegt, und Talismane sind allzu sehr auf das Wohlbefinden in dieser Welt ausgerichtet, um dazu zu passen. Aber diese Richtung des Buddhismus hat vieles nicht, was woanders gang und gäbe ist und Spaß macht, erst keine Goshuin, jetzt auch noch keine Omamori.

Gut ist es, wenn sich am Heiligtum oder in der Nähe schon einmal eine besondere Wirkung nachweisen läßt. Anders ausgedrückt: Wenn sich an der religiösen Stätte schon mal etwas Besonderes, Magisches etc. ereignet hatte, läuft der Verkauf von Omamori wie geschmiert. Z. B. wird dem Senso-ji in Tokyo-Asakusa nachgesagt, daß hier einst ein goldener Drache der See entstieg und sich an der Stelle des Tempels niederließ - es ist heute der Tempel mit den meisten verkauften Omamori pro Jahr. Irgendwie ist das faszinierend: Auf der einen Seite haben Japaner ein so rationales und agnostisches Verhältnis zu Religion wie kaum eine andere Nation, auf der anderen Seite blüht das Talisman-Wesen und der Aberglaube. Natürlich glaubt man nicht daran, aber man geht trotzdem auf Nummer Sicher. Jeder kauft Omamori, denn jeder will auf der sicheren Seite sein, auch wenn jeder genau weiß, daß allein die eigene Umsicht zählt.

Verkauf von Omamori in Inuyama am Schrein Haritsuna Jinja.

Der wichtigste Typ Omamori ist eine winzige, teebeutelförmige Tasche mit Inhalt. Damit der Inhalt transportfähig ist, besteht die äußere Hülle aus einem rechteckigen Brokatsäckchen aus Seide oder häufiger Kunstseide mit eingewebten Symbolen und Beschriftungen, die häufig den Ort und den Namen der ausgebenden Glaubensstätte und vor allem den genauen Zweck angeben. Beispiele für wichtige Grundtypen sind:

Das Angebot an Talismanen im Nigatsudo in Nara (Todai-ji-Komplex)

Die Säckchen werden mit einer besonders attraktiv geknoteten Schnur verschlossen, an der man den Talisman auch gleich irgendwo anknoten kann. Die Attraktivität der hübschen Verpackung belebt das Geschäft, denn Omamori gehören zu den unwiderstehlich hübschen kleinen Dingen, die man einfach im ihrer Schönheit willen haben muß und die man aufgrund ihrer Vielfalt sammeln muß ("Kawaiiii-Faktor", kawai = süß, niedlich). Man glaubt fest an den Erfolg, auch wenn die Wirkung rational nur daran liegen sollte, daß man sich ein bißchen mentalen Rückenwind holt und einfach dem Thema erhöhte Aufmerksamkeit widmet. Wer glaubt, Erfolg zu haben, hat diesen eher als ein Zweifler. Jedenfalls ist der Erwerb von Omamori für Japaner ein liebgewonnenes Ritual. Für die Japaner sind Omamori auch beliebte Reisemitbringsel.

Der Inhalt - oh weh: Nein, man schaut natürlich nicht in die Säckchen hinein! Das ist respektlos und streng verboten und könnte die Wirksamkeit kosten. Denn sobald man das Säckchen öffnet, ist all das Glück, all der Schutz auf und davon; die Wirksamkeit geht durch die respektlose Behandlung sofort verloren. Wenn man es doch tut und damit Unglück und Pech riskiert, wird man innen in den meisten Fällen nur ein beschriftetes Stück Papier finden, das ein Gebet enthält, das eine bestimmte Sache zu fördern vermag, das Eintreten von guten Ereignissen oder das Ausbleiben von schlechten unterstützt. Oder es steht dort einfach der Name der speziellen Gottheit des Tempels oder Schreines. Oder man findet einen Teil einer Sutra. Ein solches Papier alleine, das für die Positionierung am Hausaltar gedacht ist, würde man O-fuda nennen. Da ohne Hülle, wird ein O-fuda nicht ständig mitgeführt, sondern bekommt zu Hause seinen festen Platz. Ein Omamori ist also meistens ein sehr hübsch verpacktes und haltbareres O-fuda. Manchmal werden die Worte auch auf ein Stückchen Holz geschrieben und dann in das Stoffsäckchen getan.

verschiedene Talismane im Nigatsudo in Nara (Todai-ji-Komplex)

Neben diesen Säckchen mit Inhalt gibt es auch bildlich geformte Omamori, also Talismane in Form von etwas Bestimmtem, einem Tier, einer Glocke o.ä. Z. B. stehen Eulen für materielles Glück, denn Glück = "Fuku" hat eine Nähe zu Eule = "Fukurou". Es gibt aber auch ganz spezielle Omamori:

Die Vielfalt ist unendlich; einer der Spitzenreiter ist der Konpira-Schrein auf Shikoku, der 77 verschiedene Omamori für alle möglichen Gelegenheiten anbietet. Etwas abgefahrenere Talismane sind: "Joho-anzen-kigan" (Jouhoou-anzen-kigan) hat das Aussehen einer Platine und hilft, digitale Sicherheit zu haben: Schutz der Daten vor Verlust, Schutz der digitalen Identität sind das Spezialgebiet dieses Talismans, der am Denden-gu in Kyoto verkauft wird, passend zum Geist der Telekommunikation. Dieser Schrein steht auf dem Gelände des Horin-ji in Arashiyama. Dort werden auch Talismane in Form einer SD-Karte verkauft, zum Schutz elektronischer Daten (1200 Yen). Ebenso hat sich der Kanda Myoujin-Schrein in Chiyoda-ku, Tokyo, auf IT-Sicherheit spezialisiert.

Traditionell werden Omamori am Verkaufsstand des Tempels von einem Mönch oder Priester bzw. im Schrein von einem Schreinmädchen gekauft. Nur so ist garantiert, daß die Talismane auch die spirituelle Kraft besitzen, daß sie vorher entsprechend von einem Priester durch eine heilige Handlung aufgeladen wurden. Aber auch die heiligen Stätten gehen mit der Zeit: Im Zenkoji in Nagano gibt es bereits eine "Vending machine" für Omamori.

Verfallene Omamori in einem Verbrennungsplatz am Schrein Higashi-Tenno Okazaki-Jinja in Kyoto.

Das Glück hält aber nicht ewig, sondern hat ein Verfalldatum: Man erkauft sich mit einem Omamori ein Jahr Sicherheit, Glück und alles, wofür sie stehen, ab Erwerb gerechnet. Doch dann ist der Schutz abgelaufen, und ein neuer Talisman muß her. Wenn ein Talisman für ein ganz bestimmtes Ereignis gekauft wird, ist er nach Eintreten des Ereignisses und Erreichen des Zieles abgelaufen, denn hier wird alle Energie auf ein Ziel fokussiert, und für das nächste Ziel braucht man einen neuen Talisman. Schließlich muß das Geschäft im Tempel ja weiter laufen, und der Talisman-Verkauf ist eine wichtige Einnahmequelle. Ein Höhepunkt des Neukaufs ist Neujahr. Ein verfallenes Omamori wird nicht in den Hausmüll geworfen, sondern weiterhin mit Respekt behandelt: Alte Talismane werden in der Regel verbrannt. An manchen Tempeln oder Schreinen sieht man Sammelstellen, wo alte Devotionalien für die nächste Verbrennung abgegeben werden können. Manchmal sieht man auch kleine rußgeschwärzte Öfen, wo man den verfallenen Talisman deponieren kann für das nächste heilige Feuerchen.


Literatur, Links und Quellen:
Bernhard Scheid: Glücksbringer und diesseitiges Wohlergehen, in: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Alltag/Gluecksbringer
Omamori, Artikel von Donna Rhae:
https://www.tokyocreative.com/articles/19386-feel-the-fortune-omamori
Omamori:
https://www.tokyoweekender.com/2015/05/japanese-lucky-charms-the-guide-to-omamori/
Omamori:
https://deeperjapan.com/journal/japanese-amulet-omamori
Omamori:
https://allabout-japan.com/en/article/1284/
Omamori-Online-Handel:
https://www.omamori.com/en/
Omamori:
http://tokyo.com/omamori-handle-essentials
auf Wikipedia:
https://en.wikipedia.org/wiki/Omamori - https://de.wikipedia.org/wiki/O-Mamori
auf Tofugu:
https://www.tofugu.com/japan/omamori/
auf Japanwelt:
https://www.japanwelt.de/blog/omamori-japanische-gluecksbringer/
auf Discover Kyoto:
https://www.discoverkyoto.com/kyoto-voice/kyotos-curious-charms/
Nicholas Bornoff, Michael Freeman: Things Japanese - Everyday Objects of Exceptional Beauty and Significance, 143 S., Verlag Periplus, 2014, ISBN-10: 480531303X, ISBN-13: 978-4805313039, S. 126-127


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