Bernhard Peter
Kyoto, Shoren-in (1)


Lage und Erreichbarkeit
Der Shoren-in (vollständig: Shouren-in Monzeki) ist ein Tempel im Stadtbezirk Higashiyama, im Osten des Stadtteils Gion und nördlich des Chion-in gelegen. Er ist der nördlichste Tempel der "Tempelmeile" in Higashiyama, die vom Kiyomizudera bis hierhin reicht, ehe die große Querstraße Sanjo Dori kommt und weiter im Osten die nächste "Tempelmeile" vom Konchi-in bis zum Ginkaku-ji folgt. Nicht weit vom Shoren-in steht bereits das riesige Torii des Heian-Schreins. Die Adresse lautet: 69-1 Sanjobo-cho Awataguchi, Higashiyama-ku, Kyoto-shi, 605-0035, Japan. Der Zugang erfolgt von Westen von der Jingu-michi aus. Durch die Nähe zur Hauptverkehrsachse Sanjo Dori ergibt sich eine sehr gute Erreichbarkeit: Am besten fährt man mit der U-Bahn der Tozai-Line an und steigt am Bahnhof Higashiyama aus, von dort sind es 5 min. Fußweg. Mit dem City Bus Nr. 5 (Richtung Ginkaku-ji via Heian-jingu) oder dem Raku-Bus 100 kann man den Tempel auch gut ab Kyoto Bahnhof erreichen; die Haltestelle heißt Jingu-michi; von dort sind es 3 min. zu Fuß. Auch die Buslinie 46 fährt diese Haltestelle an, z. B. ab Keihan Gion-Shijo (Bus-Haltestelle Shijo Keihan-mae), mit dem Ziel Kamigamo-jinja. Zu diesem Tempel gehören übrigens auch noch die abseits gelegenen Dainichi-do und Shogun-zuka östlich des Maruyama-Parks auf dem Berg, ca. 30 min. Fußweg.

Im Vergleich zu dem benachbarten Giganten Chion-in fallen sowohl Gebäude als auch Grundfläche des Tempels (ca. 130 m x 130 m) überschaubar aus. Dennoch wurde aus dem Tempelgrund ein Maximum an abwechslungsreicher Architektur und Gartengestaltung gemacht. Gerade weil hier Architektur und Natur eine erlebbare Harmonie eingehen, zählt er zu den sehenswertesten Tempeln Kyotos. Die Gebäude sind zwar weder Nationalschätze noch wichtige Kulturgüter; der Tempel kann einzig mit Naturdenkmälern aufwarten, mit den uralten Kampferbäumen (Kusunoki, Cinnamomum camphora), deren erster schon gleich rechts vor dem Eingang steht und ein phantastisches Wurzel-Kunstwerk neben dem Zuweg bildet. Doch die innige Verbindung von Hallen, Galerien, Gärten und Landschaft läßt den Besucher die Quintessenz japanischer Tempelgestaltung erfahren.

Der Tempel ist überraschend wenig besucht, obwohl jeder hier früher oder später vorbeikommt, der die "Tempelmeile" abläuft, und im Nordwesten des Tempels ein Busparkplatz liegt. Dennoch wird er von vielen Touristen übersehen oder übergangen. Zum Glück steht der Tempel meistens nicht auf der Liste derer, die für Kyoto nur 1-2 Tage einplanen (was eine unglaubliche Ignoranz gegenüber dem reichhaltigen kulturellen Erbe der Stadt ist), so daß es hier trotz prinzipiell sehr touristischer Lage noch überschaubar und friedlich zugeht, vor allem, wenn man früh da ist (öffnet um 9.00 Uhr). Der Rundgang beginnt beim Tempelbüro; zunächst besucht man die mit Korridoren verbundenen Hallen, dann geht man zum Ausgang zurück, sammelt seine Schuhe wieder ein und geht unter einem Verbindungskorridor hindurch in den Garten auf den dortigen Rundweg, der am Ende wieder zum Ausgang führt. Wer den Tempel in größter Ruhe genießen möchte, wählt einen Regentag: Fast alle Wege sind überdacht, in den Hallen kann man wunderschön sitzen und die vielen verschiedenen Aussichten auf den Garten genießen, und es ist ein wirklich besinnlicher Ort. Für Photofreunde: Im Kachoden darf man photographieren, im Garten ebenso oder von den Veranden aus den Garten, aber nicht in den historischen Räumlichkeiten mit alten Kunstwerken. Im Frühjahr (März, zusammen mit Higashiyama Hanatoro und Kirschblütensaison), während der Goldenen Woche und im Herbst (November, zusammen mit der Herbstlaubsaison) finden Sonderveranstaltungen mit abendlicher LED-Illumination des Gartens statt.


Geschichte und Bedeutung
Gegründet wurde der Tempel während der Heian-Zeit im Jahr 1150. Der Gründer war der 12. oberste Abt der Tendai-Schule, Gyogen (1097-1155). Der eigentliche Ursprung des Tempels war ein zum Enryaku-ji gehörendes Shukubo (Mönchsquartier), das Shoren-bo (Shouren-bou) genannt wurde und das auf den Gründer Saicho (Dengyo Daishi, 767-822) zurückgeht und in dem er selber mit anderen wichtigen Persönlichkeiten seiner Zeit residierte. Auch die berühmten Personen En-nin, An-ne, und So-oh wohnten zu ihrer Zeit in diesem Gebäude. Kaiser Toba (1103-1156) war ein frommer Anhänger der Tendai-Schule und gab, selbst längst als Kaiser zurückgetreten, seinen siebten Sohn, Kakukai Shinno (1134-1181), bei einem Mönch des Shoren-bo in die Schule. Dieser Mönch war Gyogen, der 12. Hauptpriester des Enryaku-ji. Damit sich das Ganze etwas praktischer gestalten ließ, ließ der Kaiser eine städtische Residenz erbauen, für die der Name Shoren- übernommen wurde, nun als Shoren-in. Hier konnte der Kaisersohn unterrichtet werden, und die Gebäude dienten den Mönchen des Shoren-bo als Quartier, wenn sie in die Stadt kamen.

Der Shoren-in ist ein Tempel der esoterischen Tendai-Schule. Der Shoren-in untersteht damit dem Haupttempel Enryaku-ji auf dem Berg Hiei. Als Haupt-Kultbild wird ein Shijoko Nyorai verehrt, der Buddha des Lichts. Der Shoren-in ist der einzige Tempel Japans, der diesem speziellen Buddha geweiht ist. Bei dem Kultbild handelt es sich um ein Mandala in Form eines Rollbildes, auf Ultramarin-Grund gemalt. In der Mitte befindet sich ein Sanskrit-Zeichen, das Shijoko Nyorai repräsentiert, dazu ein Kopf des Dainichi Nyorai und darüber das goldene Rad Ichiji-kinrin-Bucho. Im Uhrzeigersinn werden Kanjizai, Kongoshu, Bigutei, Butsugen Butsumo, Fushigi-doji, Monju und Kyugosei Buddha dargestellt. Acht Mondkreise außenherum symbolisieren die Macht und Stärke des Shijoko Nyorai. In den vier Ecken sind vier Myo-o dargestellt, rechts oben Kongo Yasha, rechts unten Gozanze Myo-o, links unten Gundari Myo-o und links oben Dai-Itoku Myo-o. Der noch fehlende Fudo Myo-o befindet sich auch im Zentrum und überschneidet sich mit dem Shijoko Nyorai. Das echte, 2005 restaurierte Kultbild wird abgesehen von der einmaligen Präsentation aus Anlaß der Wiederherstellung nie öffentlich gezeigt.

Der Shoren-in gehört weiterhin zu den Monzeki-Tempeln, also einer, bei dem die Äbte Angehörige des Kaiserhauses oder des hohen Hofadels waren. Das kam dadurch, daß der oben erwähnte kaiserliche Prinz, Kakukai Shinno, nach Gyogen die Leitung des Tempels als zweiter Abt übernahm. Nach ihm übernahm Jien die Leitung des Tempels, und das war in intellektueller Hinsicht eine der größten Zeiten, denn Jien war Historiker und Dichter und veröffentlichte mehrere Werke zur Geschichte des Kaisertums in Japan und zur Staatstheorie und zur allgemeinen Lage des buddhistischen Glaubens in Japan und über die Notwendigkeit einer Erneuerung. Der siebte Abt des Shoren-in war Prinz Son-en, Sohn des Kaisers Fushimi. Er wurde ein berühmter Kalligraph mit einem ganz speziellen Stil und begründete eine seitdem aufrechterhaltene kalligraphische Tradition im Tempel.

Als "Monzeki" wurde nicht nur der Tempel bezeichnet, sondern auch der Abt desselben. Durch ihre enge Beziehung zum Kaiserhaus erfuhren diese Tempel oft eine bevorzugte Behandlung, insbesondere was Ausstattung, Zuwendungen oder Gebäudespenden betraf. Bis zur Meiji-Zeit standen Angehörige des Kaiserhauses diesem Tempel vor; dann wurde diese Praxis im Zuge der Einschränkungen buddhistischer Tempel abgeschafft. 1868 wurden die Monzeki, also die Prinzen als Äbte, wieder weltlich, und die enge Bindung an das Kaiserhaus kam zum Ende. Der Shoren-in, der Sanzen-in im Dorf Ohara und der Myoho-in sind die drei wichtigsten Monzeki-Tempel der Tendai-Schule. Insgesamt gibt es fünf Monzeki-Tempel der Tendai-Schule in Kyoto, die anderen beiden sind der Manshu-in und in Yamashina der Bishamondo. In Kyoto gibt es noch mehrere andere Monzeki-Tempel anderer buddhistischer Schulen, darunter der nahe Chion-in, der Daikakuji in Arashiyama, der Ninna-ji im Nordwesten, der Shogo-in und in Yamashina der Kaju-in. Es gibt übrigens auch Tempel, in denen weibliche Angehörige des Kaiserhauses oder des hohen Hofadels dem Tempel vorstehen, die werden Amamonzeki genannt. Ein Beispiel ist der Reikan-ji in Kyoto.

Heute wirkt der Shoren-in wie ein kleines Anhängsel an der Seite des riesigen Chion-in. Tatsächlich war es geschichtlich jedoch genau andersherum: Das Gelände des Chion-in gehörte einst dem Shoren-in. Dessen dritter Abt, der bereits oben erwähnte Jien (Ji = Liebe, En = unendlich), der an der Schwelle zwischen Heian-Zeit und Kamakura-Zeit lebte, teilte nicht die radikale Linie des Muttertempels Enryaku-ji und gewährte dem Gründer der Jodo-Schule, Honen, Schutz. Mehr noch, er trat ihm Teile des Tempelgeländes ab, worauf sich der Chion-in entwickelte, was die enge Nachbarschaft erklärt.

Im Onin-Krieg wurde der Shoren-in wie die meisten Tempel Kyotos zerstört. Das Kaiserhaus förderte die Wiederherstellung durch das Spenden von Gebäuden; so schenkte die Kaiserwitwe Tofukumon-in dem Tempel eine Staatshalle (der jetzige Shinden), und ihre Tochter Meisho schenkte zwei Tore. Deshalb wirkt der Tempel auch insgesamt von seinem architektonischen Charakter her eher wie eine Villa. In der Zeit des Tokugawa-Shogunates griff der in dieser Zeit ausgebaute Chion-in mit starker Rückendeckung nach weiterem Grund und Boden, so daß er auf Kosten des Shoren-in weiter wachsen konnte, während das verbleibende Gelände des Shoren-in immer kleiner wurde. Hier spiegelte sich wohl auch das Kräfteverhältnis zwischen Kaiserhaus und Shogun wider, ausgetragen zwischen kaiserhausnahem und shogunnahem Tempel.

Auch zur Jodo-Shinshu-Schule des Gründers Shinran Shonin (1173-1263) hat der Shoren-in eine enge Beziehung, auch hier war es der Abt Jien, der Shinran seinen Weg ermöglichte, ihn im Alter von neun Jahren als Mönch aufnahm und ihn ordinierte. In der Halle Uegami-do wird ein Kinderbild und in einer Steinpagode daneben eine Haarprobe von Shinran aufbewahrt. Für die Anhänger der Jodo Shinshu-Schule gilt der Tendai-Tempel Shoren-in daher als heiliger Platz und Ort der Verehrung ihres Gründers. Bis zur Meiji-Zeit war es üblich, daß alle Äbte des Hongan-ji eine Ordinierung als Priester im Shoren-in bekommen mußten, um offiziell als Abt anerkannt zu werden, und der Hongan-ji betrachtete es als Ehre, auf diese Weise in einer Art Filiation zum Shoren-in zu stehen.

Zeitweise wurde der Shoren-in als Residenz benutzt, als die Kaiserin Go-Sakuramachi (23.9.1740-24.12.1813, Tochter des Kaisers Sakuramachi und dessen Frau Nijo Ieko, regierte 1762-1771) hier Zuflucht suchte, nachdem 1788 ein Feuer den Kaiserpalast heimgesucht hatte. Deshalb hat der Tempel den Status einer Nationalen Historischen Stätte. Um an diese zeitweise Nutzung als Palast zu erinnern, trägt der Shoren-in auch den Namen kaiserlicher Palast Awata (= Awata Gosho, auch: Kyuu Awata Gosho = ehemaliger, alter Awata-Palast), nach dem sich hinter dem Tempel erhebenden Berg Awata. Ein großes Feuer vernichtete 1893 fast alle Gebäude des Tempels. Deshalb stammen alle Gebäude aus der Zeit des Wiederaufbaus 1895 und sind Meiji-zeitlich.

Dem Tempel gehört ein Nationalschatz, das ist der "Ao Fudo", der blaue Fudo, ein Gemälde von Fudo-Mydo-o in ebendieser Farbe, von dem eine Replik in der 2014 neu gebauten Halle Shogunzuka Seriryu-den (Exklave des Tempels, Zushioku Kachocho, Yamashina-ku, oben auf dem Gipfel des Hügels) ausgestellt wird. Das ist eines der drei berühmtesten Fudo-Gemälde Japans. Die anderen beiden sind der Aka Fudo, der rote Fudo, im Myo-o-in auf dem Koya-san (Präfektur Wakayama) und der Ki Fudo, der gelbe Fudo, im Onjo-ji (Mii-dera) in Otsu (Präfektur Shiga).


Rundgang und Beschreibung
Von Westen her führen insgesamt drei Tore in die Anlage. Das südlichste Tor ist das Shikyaku-mon, zu dem eine breite Treppenanlage schräg hinaufführt. Es ist ein einfaches Tor mit gebogenem Satteldach. Seitlich springt die Begrenzungsmauer vor und endet mit den Stirnseiten zum Ankommenden gewandt, ehe die Fortsetzungsmauern mit etwas Abstand vom Tor nach rechts und links abknicken. Das zweite Tor ist das Nagaya-mon. Der langgestreckte, in West-Ost-Richtung aufgestellte Bau, der an ein Burgtor erinnert, wird durch eine von Norden nach Süden den Hang hinaufführende Treppe erreicht. Das war der eigentliche Haupteingang. Diese beiden genannten Tore stammen aus dem alten Palast der Kaiserin Meisho (1624-1696, regierte 1629-1643) und sind zwei der wenigen Gebäude, die das Feuer von 1893 unbeschadet überlebt haben. Damit sind diese beiden Tore die ältesten Gebäude des Tempels.

Direkt neben besagter Treppe steht einer der berühmten uralten Kampferbäume (Kusu) mit seinem malerisch von Moos überzogenen Wurzelwerk und der gigantischen Krone (Naturdenkmal). Insgesamt gibt es auf dem Tempelgelände fünf Kampferbäume (Kusunoki), die mehr als 800 Jahre alt sind. Nördlich von Kampferbaum und Treppe verläuft die kleine Stichstraße, die von der Jingu-michi zum dritten Tor führt, dem Yakui-mon, welches der Besucher nimmt, früher nur der Eingang zum Küchenbau. Es handelt sich um ein einfaches Tor mit einem Satteldach auf schön gestalteter Tragekonstruktion. Den Besucher führt der Weg zum Eingang beim Jimusho, dem Tempelbüro.

Im westlichen Teil des Hauptkomplexes ist ein geschwungenes Vordach auf Stützen weit vorgezogen, das ist der O-Genkan (auch: Dai-Genkan), ein Vestibül und formaler Eingangsbereich zum Shinden. Dahinter liegt im Zwischenraum zum nächsten Gebäude weiter östlich und zum Tempelbüro ein kleiner Karesansui-Garten (Kies- und Felsen-Garten). Südlich dieses Bereiches liegt das größte Gebäude, die für einen Monzeki-Tempel typische Halle Shin-den. Der heutige Shin-den ist Meiji-zeitlich, da er nach dem Brand von 1893 im Jahre 1895 wiederaufgebaut worden ist. Hier finden die buddhistischen Andachten und Totenfeiern statt, und im mittleren Raum ist ein Altar mit hölzernen Statuen aufgebaut. Andere Räume haben historische Bemalung der Schiebewände (z. B. Pfauen) und ausgestellte Tempelschätze (Truhen mit Chrysanthemen-Mon, Sänfte = Kago des Kaisers Komei (1831-1866) etc.). Der Architektur-Stil und vor allem die Hängerollos zum Abtrennen der Raumkompartimente erinnern eher an einen Palast als an einen Tempel. Das trifft auch zu, weil die ursprüngliche, abgebrannte Halle ein Geschenk der Kaiserwitwe Tofukumon-in war, die eine "abgelegte" Shishinden (Staatshalle) an den Tempel gegeben hatte. Tofukumon-in ist der buddhistische Name für Tokugawa Masako, die Enkelin von Tokugawa Ieyasu und Ehefrau des Kaisers Go-Mizunoo. Sie waren die Eltern der Kaiserin Meisho, die die beiden Tore spendierte.

Abb.: Plan mit Beschriftung der Gebäude des Shoren-in

Direkt vor der Halle stehen zwei Bäume, ein Tachibana-Baum (Ukon no tachibana, eine Zitrusfrucht-Art, Citrus tachibana) und ein Sakura-Baum (Sakon no sakura, Kirschbaum), die typisch sind vor einer ehemaligen Staatshalle, die aus dem kaiserlichen Palast hierher verbracht wurde; und genau so waren die Bäume im ehemaligen Kaiserpalast von Kyoto angeordnet. Auch dadurch wirkt der Shin-den wie eine Miniaturausgabe eines kaiserlichen Palastes. Weil beide Bäume so eine hohe Symbolkraft haben, sind sie zu ihrem Schutz umzäunt. Vor dem Shin-den liegt ein großer Garten im Süden, dessen freie Fläche vollständig von Moos bedeckt ist. Eigentlich war hier einmal ein Sand- oder Kiesgarten angelegt, doch der Schatten der hohen Bäume ließ es zu einer Moosfläche werden. Am Rande stehen weitere uralte Kampfer-Bäume, vier außerhalb der Umfassungsmauern, einer neben dem Shinden. In der äußersten südwestlichen Ecke befindet sich zwischen zwei dieser Bäume der schlichte Shoro (Glockenturm). Ein weiterer Kampferbaum steht zwischen Nagaya-mon und Shikyaku-mon, die beiden anderen jenseits des erstgenannten Tores.

Die Ostseite des Komplexes beginnt im Süden mit der Haupthalle, dem Hondo. Hier wird das Hauptbildnis des Tempels aufbewahrt und verehrt, ein Mandala des Shijoko Nyorai (s. o.). Deshalb wird diese Halle auch Shijoko-do genannt. Weiter im Norden steht der einst in der Edo-Zeit als kaiserlicher Palast benutzte und unter Kaiserin Go-Sakuramachi hierher verbrachte Ko-gosho (mit einer wunderschönen Malerei von Kiefern und Wasserfall in einem Alkoven, Gebäude 1895 nach Brand erneuert), der auf den Soami-no-niwa-Garten mit Teich (Ryuu-jin no ike, Ryuu = Drache, jin = Gottheit, no = Bezugspartikel, ike = Teich, also "Teich des Drachen-Gottes") und der aus zwei Granitsorten gebauten Steinbrücke (Koryu-no-hashi) blickt. Im Wasser liegt ein großer Felsen, der an einen im Teich badenden Drachen erinnert. Der Teich wird von einem Stein-Arrangement (Ishigumi) begleitet; rechts neben diesen Steinen befindet sich ein Wasserfall (Senshin-no-taki). Links vom Teich wurde ein künstlicher Hügel (Tsuki-yama) aufgeschüttet, der eine dreizehnstöckige Zierpagode aus Stein trägt. Dieser Teich-Garten (Typus Chisen-kaiyu-shiki-teien) wurde während der Muromachi-Zeit von dem berühmten Künstler und Maler Soami (Souami, 1472-1525) gestaltet und hat trotz aller Zerstörungen des Tempels sein Gestaltungskonzept aus der damaligen Zeit erhalten, auch wenn er im frühen 20. Jh. von Ogawa Jihei (1860-1933) wiederhergestellt wurde. Von hier gehen Wege den östlichen Berghang hinauf.

Im Norden ist der Ko-gosho ("kleiner Palast") an einen zentralen Bau angebunden, der quasi als Hauptverteiler zwischen den verschiedenen Gebäuden dient und der zum Shinden einerseits und zur nördlichen Baugruppe andererseits überleitet. Im Norden liegt die Halle Kacho-den (Empfangsgebäude, ehemaliges Gästehaus), westlich anschließend befindet sich das Tempelbüro (Jimusho) mit dem Besuchereingang, dem Baiten (Souvenirladen) und der Möglichkeit, sich ein Goshuin malen/stempeln zu lassen, welches den Namen des Hauptbildes trägt, Shijoko Nyorai und mit einem roten Chrysanthemensiegel abgestempelt wird, weil der Tempel kaiserliche Residenz war. Auf der Südseite des Kacho-den steht das berühmte Wasserbecken Ichimonji-Chozubachi, das in Form eines langgestreckten Troges in einen entsprechend geformten Naturstein gehauen ist und ein Geschenk von Toyotomi Hideyoshi ist.

Abb.: Plan mit Beschriftung der Gärten und wichtiger Naturdenkmäler

Im Kacho-den, dem Gebäude, das die Besucher als erstes nach dem Ticketkauf besichtigen, befinden sich bemerkenswerte, modern von Künstlerhand mit Lotus-Pflanzen bemalte Schiebetüren (Fusuma). Sie wurden 2005 von Kimura Hideki (Ki-Yan, 1942-) gestaltet. Der Titel des Werkes ist Hasu san-busaku - Lotus-Trilogie. Der Bezug zum Shoren-in ergibt sich durch die Doppelbedeutung mancher Kanji - das erste Kanji "Hasu" des Werktitels ist das gleiche wie das zweite des Tempelnamens Shoren-in. Unter der Decke hängen im Kacho-den Bilder der 36 größten Tanka-Dichter. In den Räumen sind Bilder der kaiserlichen Familie aufgehängt. Der Kacho-den besitzt eine große Veranda mit Blick auf den Soami-no-niwa-Garten. Hier kann man sich einen grünen Tee kaufen, hinsetzen und die phantastischen Aussichten auf den Garten genießen; es ist der beste Platz dafür.

Aber ebenso überblickt man von dem Kacho-den den im Osten angelegten, nördlicheren Kirishima-no-niwa-Garten, der auf der Ostseite des Soka-den und nördlich des Teehauses liegt. Er heißt so nach den hier gepflanzten Kirishima-Azaleen, ist vom Typ eines Wandelgartens  und wurde von Kobori Enshu (Kobori Masakazu, 1579-1647) angelegt, der auch als Gründer einer Teeschule (Kobori Enshu Ryu) bekannt wurde. Die große Steinlaterne (Mikoshigata Toro) im Kirishima-no-niwa ist ein Geschenk von Toyotomi Hideyoshi.

Jenseits der beiden Gärten befindet sich losgelöst von den anderen Gebäuden das Teehaus Kobun-tei. Für Go-Sakuramachi diente das Gebäude während ihres Aufenthaltes im Shoren-in als Studierzimmer. Erst in der Meiji-Zeit wurde es als Teehaus genutzt. Das 1993 durch Brandstiftung zerstörte Gebäude wurde 1995 als exakte Replik wieder aufgebaut und durch Sen Soshitsu, das Oberhaupt der Urasenke-Teeschule, in Gegenwart von Angehörigen der kaiserlichen Familie wiedereröffnet. Es wird abwechselnd von verschiedenen Teeschulen für Teezeremonien benutzt, z. B. von der Sencha-do-Schule Hoenryu und von der Cha-do-Schule Urasenke. Die Aktivitätsschwerpunkte liegen im Frühjahr und im Herbst; das Teehaus kann nur im Rahmen einer Teezeremonie besucht werden. Innen gibt es 13 Fusuma, die der Künstler Uemura Atsushi (12.4.1933-) mit Malereien gestaltet hat. Neben dem Teehaus befindet sich noch ein Gartenabschnitt, der nach seinem Gestalter als Garten des Omori Yuhi bezeichnet wird.

Im Südosten des Tempelgeländes liegt am höchsten Punkt des Tempelgeländes am Hang inmitten eines Bambuswaldes der Shinto-Schrein Hiyoshi-sha, bestehend aus einem Hauptschrein mit Torii davor und zwei flankierenden großen Steinlaternen (Ishidoro), daneben noch ein paar kleinere Schreine seitlich. Am Hauptschrein wird Hiyoshi-sanno verehrt, ein Schutzgott der Tendai-Schule. Ein Nebenschrein ist durch zwei Fuchsstatuen als Inari-Schrein erkennbar. Vor allem hat man von einem Aussichtspunkt hier oben einen wunderbaren Blick auf die Tempelanlage.

Die Halle Uegami-do befindet sich ganz im Norden jenseits einer kleinen Querstraße, stammt aus der Meiji-Zeit und wurde 1880 erbaut. Hier wird ein Bild von Shinran, dem Gründer der Jodo-Shinshu-Schule, als Kind aufbewahrt, der 1181 in den Mönchsstand eintrat. Die Figur ist mit seinem Echthaar versehen. Eine weitere Haarprobe von ihm (Scheren des Kopfes bei Eintritt in den Stand des Mönches) befindet sich in der nördlich dahinter aufgestellten kleinen steinernen Pagode Ihatsu-to.


Kusunoki vor dem Eingang, angeschnitten Nagaya-mon

Karesansui-Garten, rechts Shinden von Norden gesehen

Faltschirm im Gästehaus

modern gestaltete Fusuma im Kachoden

ein Werk von Kimura Hideki

bunte Lotus-Pflanzen aus dem Jahr 2005

im Kachoden

Blick auf die südliche Veranda des Kachoden

Korridor zum Ko-gosho (rechts, Nordwestecke)

Südseite des Kachoden

Südseite des Kachoden

links Kirishima-no-niwa, rechts Kachoden

Laub der Ahornbäume

 

Blick von Nordosten auf den Ko-gosho

Blick vom Hang auf Kachoden und dahinter Jimusho

Blick vom Hang auf Kachoden und dahinter Jimusho

Blick am Kachoden vorbei auf den Ko-gosho

Ryuu-jin-no-ike, See des Drachengottes. Im Hintergrund links das Teehaus.

Koryu-no-hashi, Brücke aus zwei Granitsteinen

zwischen den einzelnen Hallen

Ko-gosho, Nordseite

im Soami-no-niwa

auf dem künstlichen Hügel steht eine steinerne Zierpagode

Koryu-no-hashi, Brücke aus zwei Granitsteinen

Blick nach Süden auf den Ko-gosho


Literatur, Links und Quellen
Lokalisierung auf google maps:
https://www.google.de/maps/@35.0073543,135.7836409,19.75z - https://www.google.de/maps/@35.0073543,135.7836409,129m/data=!3m1!1e3
eigene Webseite:
http://www.shorenin.com/ - http://www.shorenin.com/english/index.html - Geschichte: http://www.shorenin.com/english/history/ - Rundgang: http://www.shorenin.com/english/precincts/ - Karte: http://www.shorenin.com/english/precincts/img/map.gif - Kultbild: http://www.shorenin.com/english/principal/
John H. Martin, Phyllis G. Martin: Kyoto - 29 Walks in Japan's Ancient Capital, 376 S., Verlag: Tuttle Pub. 2011, ISBN-10: 4805309180, ISBN-13: 978-4805309186, S. 76-80
Akihiko Seki, Thomas Daniell: Houses and Gardens of Kyoto, 224 S., Verlag: Tuttle Shokai Inc.  2010, ISBN-10: 480531091X, ISBN-13: 978-4805310915, S. 68-72
auf Discover Kyoto:
https://www.discoverkyoto.com/places-go/shoren/
auf JPManual:
http://jpmanual.com/shorenin - http://jpmanual.com/en/shorenin
auf Kyoto Project:
http://thekyotoproject.org/english/shoren-in/
auf Japan-Kyoto:
https://japan-kyoto.de/tempel-shorenin-kyoto/
auf Wikipedia:
https://en.wikipedia.org/wiki/Sh%C5%8Dren-in
auf Japan Experience:
https://www.japan-experience.com/city-kyoto/shoren-in
auf Japan Guide:
https://www.japan-guide.com/e/e3954.html
auf Inside Kyoto:
https://www.insidekyoto.com/shoren-in-temple
auf Kyoto Travel:
https://kyoto.travel/de/shrine_temple/160
auf Garden in a City:
https://gardeninacity.wordpress.com/2018/02/19/kyotos-shoren-in-temple/
Tale of Genji:
http://www.taleofgenji.org/shoren-in.html
Places of interest in Kyoto:
http://kyoto.asanoxn.com/places/higashiyama_mid/shorenin.htm
auf Japan Visitor:
https://www.japanvisitor.com/japan-temples-shrines/shoren-temple
auf Japanhoppers:
https://www.japanhoppers.com/de/kansai/kyoto/kanko/1714/
auf Japantravel:
https://en.japantravel.com/kyoto/kyoto-shoren-in-temple/8616
auf travel around Japan:
http://www.travel-around-japan.com/k62-24-shoren-in.html
Monzeki-Tempel:
https://japan-kyoto.de/monzeki-tempel-mit-aristokratischen-oder-kaiserlichen-abt/
Besucherfaltblatt des Tempels
auf Kyotofukoh:
https://kyotofukoh.jp/report110.html


Kyoto, Shoren-in (2) - Kyoto, Shoren-in (3): Natur und Gärten

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