Bernhard Peter
Kyoto, Shorin-in (Ohara)


Lage und Erreichbarkeit
Der Shorin-in ist ein Tempel im Dorf Ohara am Nordrand von Kyoto, das noch zum Stadtbezirk Sakyo gerechnet wird (Adresse: 187 Ohara Shorinincho, Sakyo-ku, Kyoto-shi, Kyoto-fu). Er liegt im Norden in der Tempelgruppe östlich der Hauptstraße. Das Dorf ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur per Bus erreichbar. Von der örtlichen Bushaltestelle, die wenige Schritte südlich der Brücke über den Takano-Fluß liegt, kurz vor der Ampel und der Einmündung einer größeren Straße von Osten, sind es ca. 25 min. Fußweg zum Tempel. Zu den Anreisemöglichkeiten per Bahn und Bus siehe beim Sanzen-in. Man folgt der im Kapitel zum Sanzen-in gegebenen Wegbeschreibung bis zu diesem und geht dann an dem Goten-mon vorbei weiter nach Norden und überquert den Bach Ritsu-gawa. Mit ein paar Stufen getreppt führt der Weg geradewegs auf den Shorin-in zu, am Jikko-in und an den Kaisergräbern vorbei.

Von den Tempeln im ländlichen Ohara ist der Sanzen-in der Publikums-Magnet, und da der Shorin-in nur wenige Schritte entfernt liegt, liegt er ebenfalls im Focus der Besucher. Da die Haupthalle aber gut sichtbar ist, ohne das Gelände selbst zu betreten, verzichten etliche Besucher auf den Eintritt, zumal es eh im wesentlichen nur dieses eine alte Gebäude gibt. Ein Blick, ein Photo, und weiter geht es zum Hosen-in, dem zweitbestbesuchten Tempel in Ohara. Zu Unrecht, weil einem dann interessante Details wie die wunderschönen Schnitzereien und die Figurensammlung im Inneren entgehen. Es gibt zudem zwei wichtige Kulturgüter und zwei Kulturgüter der Stadt Kyoto, die Haupthalle, den Glockenturm mit Glocke und eine Stein-Pagode. Das Herbstlaub ist bekanntermaßen schön, also wird es hier im späten November und frühen Dezember voller wie überall. Das Goshuin (der Pilgerstempel) hat als Wortlaut "Ohara Mondo" und erinnert so an ein berühmtes religionsgeschichtliches Ereignis (s. u.).


Geschichte und Bedeutung
Der Shorin-in ist eine Tendai-Gründung. Seine geistigen Wurzeln liegen im Jahr 835. Ennin (794-864), postum Jikaku Daishi genannt, einer der Tendai-Gründer, führte die Praxis buddhistischer Ritualgesänge (Shomyo) ein. Der Priester Jakugen (-1024), Ennins Schüler in neunter Generation, etablierte den Tempel Shorin-in in der Heian-Zeit im Jahre 1013. Dieser Priester hieß eigentlich Minamoto no Tokinobu, und er war der achte Sohn von Minamoto no Masazane, Minister zur Linken. Der formale Name des Tempels lautet Gyozan Ohara-dera.

Dieser Tempel ist berühmt wegen der religiösen Debatten (Ohara Mondo), die hier im Jahre 1186 stattfanden. Mit dem Begriff "mondo" bezeichnet man eine Debatte, auch im Zen-Buddhismus nennt man so einen Dialog zwischen Lehrer und Schüler, der benutzt wird, um intuitiv zur Wahrheitsfindung zu gelangen. An jenen Ohara-Debatten in der Halle Joroku-do nahmen damals Kenshin (Tendai-Schule, Zasu = Oberpriester des Berges Hiei), Honen Shonin (auch: Genku, erst Tendai, dann Gründer der Jodo-shu), Shunjobo Chogen aus Nara (Shingon-shu, Wiederaufbauer des Todai-ji) mit über 30 seiner Schüler, Jokei (Hosso-Schule), Myohen (vom Berg Komyo, Sanron-Schule), Gedatsu (vom Tempel Kasagi), Nenbutsubo (Tendai-Priester, vom Tempel Saga Ojoin), Myojobo Renkei (aus dem Tempel Raigo-in in Ohara), Renkobo, Rinsenbo Chikai und Hochibo Shoshin (Tendai-Mönch) teil, also alles, was damals Rang und Namen hatte in der religiösen Welt des Kamakura-zeitlichen Japan. Der "Moderator" der Veranstalter war Honjobo aus den Bergen von Ohara. Insgesamt gab es rund 300 Zuhörer der Dispute. Hauptthema waren die Überwindung des Wiedergeburtszyklus und die diesbezüglichen Lehren des "Reinen Landes" und des Amida-Buddhismus, sowie der Nutzen des Nenbutsu, und Kenshin wurde stark durch Jodo-shinko, den Glauben an das Reine Land, beeinflußt. "Ohara Mondo" steht wegen der Wichtigkeit dieses Ereignisses auch auf den Pilgerstempeln des Tempels. Besagtes Treffen endete damit, daß alle Versammelten unter Kenshins Führung ein gemeinsames Nenbutsu veranstalteten, das drei Tage und drei Nächte lang angedauert haben soll.

Noch in der Kamakura-Zeit wurde der Tempel hineingezogen in den gewaltsam ausgetragenen Konflikt zwischen Jimon und Sanmon, zwischen Miidera (Onjo-ji) und Enryaku-ji, und alle ursprünglichen Gebäude gingen bei den Kämpfen in Flammen auf; nichts aus der Zeit ist geblieben. Erst während der Edo-Zeit wurden die Haupthalle und einige andere Gebäude wiederhergestellt. Finanzielle Zuwendungen dafür gab Kasuga-no-Tsubone (1579-1643), die Amme des Shoguns Tokugawa Iemitsu (Tochter von Saito Toshimitsu, lebte 1604-1651, regierte 1623-1651), und darüber hinaus eine sehr einflußreiche und politisch aktive Frau am Hofe des Shoguns. Von den von ihr finanzierten Bauten existiert alleine noch der Glockenturm; die Haupthalle mußte nach einem Brand 1778 erneuert werden.

Während der Edo-Zeit waren dem Tempel Shorin-in insgesamt vier Mönchsunterkünfte angegliedert, von denen zwei überlebten und zu Subtempeln wurden, das sind heute der Hosen-in und der Jikko-in, beide in nächster Nachbarschaft. Alle gehören der Richtung des Tendai-Buddhismus an. Das im Shorin-in verehrte Hauptkultbild (Honzon) ist ein Amida Nyorai (Buddha Amida, Amitabha Tathagata). Hier im Shorin-in wird ebenfalls die gesangartige Rezitation gepflegt, die Shomyo genannt wird, wie auch im Jikko-in, im Hosen-in und im Raigo-in, und wie auch der Raigo-in diente der Shorin-in lange Zeit als Trainingsstätte für diesen Ritualgesang. Der Besucher kann in der Haupthalle Shomyo-Gesänge vom Band hören.


Rundgang und Beschreibung:
Gleich rechts hinter dem Tempeleingang, der auf der Südseite des Areals liegt und ohne Tor auskommt, befindet sich der früh Edo-zeitliche Glockenturm (Shoro). Er stammt aus der Kanei-Ära (1621-1645) und ist als materielles Kulturgut der Stadt Kyoto eingestuft. Die Glocke selbst, mit gleichem Status, ist noch älter und stammt aus der Heian-Zeit. Geht man weiter nach rechts, kommt man zu den Ruinen des Sairin-in, wo in früheren Zeiten ein Amitabha geweihter Tempel stand. Ganz im Osten befindet sich die steinerne Pagode Hokyoin-to, auch sie ist ein wichtiges Kulturgut aus der Kamakura-Zeit. Man glaubt, daß sie 1316 entstand. Ein Stück weiter im Norden liegen unter hohen Bäumen die winzige, schreinartige Kannon-Halle (Kannon-do) auf einem hohen Steinsockel und links daneben der kleine Schrein San-no-sha (Hie-san-no-sha) für eine lokale Gottheit des Tempelgeländes.

Nun wenden wir uns der mit Zypressenrinde gedeckten Haupthalle (Hondo) zu: Zu ihr gelangt man auf geradem, gepflastertem Weg vom Eingang her, sie ist das beherrschende Gebäude, und durch ihre erhöhte Lage auf der geländebedingten Terrasse und die breite Treppe davor wirkt sie noch eindrucksvoller. Sie stammt ursprünglich aus der frühen Edo-Zeit und wurde in der Kanei-Ära (1621-1645) errichtet. Sie wurde jedoch wieder durch Feuer zerstört und 1778 rekonstruiert. Sie ist als materielles Kulturgut der Stadt Kyoto klassifiziert. Besonders schön ausgearbeitet ist das Schnitzwerk der Klammern unter dem vorgezogenen Dach; die üppig verzierten Schmuckelemente zeigen Chrysanthemen (Kiku) und Pfingstrosen (Botan). Die in dieser Halle verehrte Amida-Sitzfigur (Honzon Amida nyorai za-zo) ist ein registriertes Kulturgut der Stadt Kyoto. Ein in fünf Farben geflochtenes Seil hängt von seinen Händen den Altar herab und führt nach vorne, ein Instrument, das die Gläubigen in die Hand nehmen können und so eine materielle Verbindung herstellen können, um mit dem Göttlichen symbolisch auf Tuchfühlung zu gehen. Die erste Figur an dieser Stelle wurde 1013 angefertigt, angeblich von Kosho. Sie ging durch Feuer verloren. Die gegenwärtige Figur stammt aus der Edo-Zeit. Ihr schimmerndes Gold kann schon durch die mittlere Türöffnung wahrgenommen werden, wenn man die Stufen zur Haupthalle hinaufschreitet. Die Figur wird begleitet links (vom Besucher aus gesehen) von einer Figur der Gottheit Bishamonten (Bishamonten ritsu-zo), einem der Himmelskönige, rechts von einem Fudo (Fudo-myo-o ryu-zo). In der Haupthalle wird außerdem noch eine elfgesichtige Kannon (Juichimen-kanseon-bosatsu-zo) aufbewahrt. Eine Plattform mit Treppe und Baldachin wird Mondo-dai genannt, Disput-Plattform, da nahm man für formellere religiöse Diskussionen Platz. Fugen Bosatsu (Sanskrit: Samantabhadra) reitet im hinteren Teil des Gebäudes auf einem weißen Elephanten, selbst auf einem grünen Lotus-Sockel sitzend. Weiterhin gibt es im hinteren Bereich der Haupthalle eine üppig verzierte Gebetstafel für Go-hime (Oeyo, 1573-1626), Prinzessin in der Sengoku-Zeit und Mutter des dritten Shoguns der Tokugawa-Zeit. Sie hat dreimal geheiratet, erst Saji Kazunari, dann Toyotomi Hashiba Hidekatsu und schließlich  Tokugawa Hidetada. Sie selbst war die Tochter des Daimyos Azai Nagamasa. Der verschnörkelte Rand trägt seitlich des Namensfeldes zwei Tokugawa-Kamon. So spielen Mutter und Amme des dritten Shoguns beide eine Rolle für diesen Tempel.

Hinter der Haupthalle liegt noch das Edo-zeitliche Grab des kaiserlichen Prinzen Saiin, den 8. Sohn des kaiserlichen Prinzen Fushimi-no-miya Kunisuke (1513-1563). Die Familie Fushimi-no-miya geht zurück auf einen Sohn von Kaiser Suko (lebte 1334-1398, regierte 1348-1351) vom nördlichen Kaiserhof und ist der älteste der vier Shinnoke-Zweige der kaiserlichen Familie, die im Falle des Aussterbens der Hauptlinie sukzessionsberechtigt wären. Prinz Saiin war 28 Jahre lang Oberpriester der Tendai-Schule. Innerhalb eines aus bemoosten Mauern gebildeten Rechtecks erhebt sich auf einem Stufensockel eine Säulentrommel mit einem suppositorienartig geformten Aufsatz. Die Brüder des Prinzen Saiin waren Fushimi-no-miya Sadayasu (1547-1568), Fushimi-no-miya Kuninobu (1566-1622) und die Mönche bzw. Priester Join und Soncho. Prinz Saiin war der 169. Tendai-zasu (Oberhaupt des Tendai-Buddhismus, oberster Priester des Enryaku-ji).

Dort im Rücken der Haupthalle steht auch die Benten-Halle (Benten-do) für die Gottheit Benzaiten, ein kleines, schreinartiges Gebäude aus Holz mit Satteldach. Eine letzte Sehenswürdigkeit gibt es noch in der Nähe des Eingangs, bzw. kurz vor dem Ausgang rechterhand, ein mit einem Gedicht beschriebener Felsblock: "Hier können wir die Melodie des Priesters hören, die wie ein Fluß über das Moos fließt". Dahinter, wenige Meter vom Tickethäuschen entfernt, stehen noch zwei Speichergebäude (Kyozo), kenntlich an den geschlossenen, abweisenden weißen Wänden; nur der Sockel ist mit Holz verkleidet.


Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@35.1213586,135.8341718,19.66z - https://www.google.de/maps/@35.1211511,135.834546,137m/data=!3m1!1e3
Shorin-in auf Japan Travel Manual: http://jpmanual.com/en/shorinin
auf Kyotofukoh:
https://kyotofukoh.jp/report135.html
Shorin-in auf Discover Kyoto:
https://www.discoverkyoto.com/places-go/ohara/shorin-in/
Shorin-in auf Japan Visitor:
https://www.japanvisitor.com/japan-temples-shrines/shorinin
bei Asano Noboru:
http://kyoto.asanoxn.com/places/ohara/shorinin.htm
auf Japan Wonder:
https://japanwonder.com/2018/02/11/shorin-in-in-ohara-kyoto-autumn-2017/
auf Travel around Japan:
http://www.travel-around-japan.com/k62-54-ohara.html
auf Tale of Genji:
http://www.taleofgenji.org/shorin-in.html
Ohara auf Inside Kyoto:
https://www.insidekyoto.com/a-day-trip-to-ohara
Ohara:
https://www.discoverkyoto.com/places-go/ohara/
Ohara auf traditional Kyoto:
https://traditionalkyoto.com/traditional-areas/ohara/
Ohara allgemein:
https://stevejobko.com/6067.html
George Joji Tanabe: Religions of Japan in Practice, Princeton University Press, Princeton 1999, S. 379, Abschnitt 15: The Ohara Debate
https://books.google.de/books?id=TOQ9DwAAQBAJ
Lady Kasuga:
https://en.wikipedia.org/wiki/Lady_Kasuga
Go-hime:
https://en.wikipedia.org/wiki/Oeyo
John H. Martin, Phyllis G. Martin: Kyoto - 29 Walks in Japan's Ancient Capital, 376 S., Verlag: Tuttle Pub. 2011, ISBN-10: 4805309180, ISBN-13: 978-4805309186, S. 305
Judith Clancy, Ben Simmons: Kyoto - City of Zen, 144 S., Verlag Tuttle Shokai Inc. 2012, ISBN-10: 4805309784, ISBN-13: 978-4805309780, S. 90-91


Andere Artikel über Japan lesen
Andere Länder-Essays lesen
Home

© Copyright bzw. Urheberrecht an Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2019
Impressum