Bernhard Peter
Kyoto, Jikko-in (Ohara)


Lage und Erreichbarkeit
Der Jikko-in ist ein Tempel im Dorf Ohara am Nordrand von Kyoto, das noch zum Stadtbezirk Sakyo gerechnet wird (Adresse: 187, Ohara Shorinincho, Sakyo-ku, Kyoto-shi, Kyoto-fu). Er liegt zentral in der Tempelgruppe östlich der Hauptstraße. Das Dorf ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur per Bus erreichbar. Von der örtlichen Bushaltestelle, die wenige Schritte südlich der Brücke über den Takano-Fluß liegt, kurz vor der Ampel und der Einmündung einer größeren Straße von Osten, sind es ca. 25 min. Fußweg zum Tempel. Zu den Anreisemöglichkeiten per Bahn und Bus siehe beim Sanzen-in. Man folgt der im Kapitel zum Sanzen-in gegebenen Wegbeschreibung bis zu diesem und geht dann an dem Goten-mon vorbei weiter nach Norden und überquert den Bach Ritsu-gawa. Mit ein paar Stufen getreppt führt der Weg an der Tempelmauer vorbei. Auf Höhe der rechts des Weges befindlichen Kaisergräber liegt der Jikko-in auf der linken Seite. Ginge man weiter geradeaus, käme man zum Shorin-in.

Von den Tempeln im ländlichen Ohara ist der Sanzen-in der Publikums-Magnet, und da der Jikko-in nur wenige Schritte entfernt liegt, bekommt er ebenfalls den vollen Besucherstrom ab. In dem relativ hohen Eintrittsgeld ist eine Schale grünen Tees inbegriffen. Die Hauptattraktion des Tempels sind nicht seine relativ jungen Gebäude, sondern die Gärten. Entsprechend voll wird es hier zur Zeit der Herbstlaubfärbung. Das Goshuin (der Pilgerstempel) hat als Wortlaut "Bonnonjaku" für die schwarz kalligraphierte Schrift (Sumigaki), das ist der gleiche Text wie auf einem steinernen Monument im Garten (s. u.).


Geschichte und Bedeutung
Ursprünglich hieß der Tempel Jikko-bo und war eine Mönchsunterkunft der späten Heian-Zeit. Diese entstand in Zusammenhang mit der Revitalisierung des Shorin-in durch Jakugen im Jahre 1013. Der Tempel wurde von Soshin Hoin während der Oei-Ära (1394-1428) in der Muromachi-Zeit erneut revitalisiert. Das Tempelgelände war damals größer und lag auf dem Gelände rechts (= östlich) der Straße, wo sich die Kaisergräber befinden. 1919 wurde das Tempelgelände beschnitten und der Tempel auf die Westseite der Straße verlegt. Tatsächlich wurden in diesem Tempel während der Muromachi-Zeit die Erinnerungstafeln an die beiden Kaiser aufbewahrt. Heute sind sie allerdings im Ohara no Misasagi in der Nachbarschaft. Die Anlage des Jikko-in in der gegenwärtigen Form ist also Taisho-zeitlich. Der Jikko-in ist ein Subtempel des Shorin-in. Wie dieser gehört er der Richtung des Tendai-Buddhismus an. Das im Tempel verehrte Hauptkultbild (Honzon) ist ein Jizo Bosatsu (Jizo Bodhisattva). Hier wird ebenfalls die gesangartige Rezitation gepflegt, die Shomyo genannt wird, wie auch im Shorin-in, im Hosen-in und im Raigo-in.


Rundgang und Beschreibung:
Man betritt den Tempel durch das San-mon, ein schlichtes Tor mit Satteldach. In dem Hauptgebäude dahinter befindet sich der 1921 errichtete, Taisho-zeitliche Kyakuden (Gästehalle, Empfangshalle). Auf den Ranma (Partie über den Schiebetüren, gesprochen "Ramma") sind kleinformatige Edo-zeitliche Malereien der Kano-Schule ausgestellt und Portraits der 36 großen chinesischen Dichter, zusammen mit Gedichten ihrer Urheberschaft, jeweils über ihrem Bild. In den Tatami-Räumen und in der Schmucknische (Tokonoma) sind alte Musikinstrumente ausgestellt, darunter Glocken, die zur Begleitung der buddhistischen Gesänge genutzt wurden. Eine Besonderheit ist ein Lithophon, gebaut wie unser Xylophon, nur mit Steinen als Klangelementen. Auf dem Altar steht eine Gruppe von drei Figuren, Jizo Bosatsu als Hauptkultbild in der Mitte, mit weißer Körperfarbe und einem Pilgerstab in der Rechten, sitzend, mit einer kreisrunden und oben kielbogenförmig ausgezogenen Aureole, begleitet von Bishamonten (rechts vom Betrachter aus gesehen, ) als Beschützer des Nordens und Fudo Myo-o (links vom Betrachter aus gesehen, mit riesiger Flammen-Aureole). Die drei Figuren wirken nicht aufeinander abgestimmt, das helle Weiß der mittleren kontrastiert mit der schwarzen Oberfläche der beiden äußeren Figuren, weiterhin wirkt durch die unterschiedliche Aureolen-Gestaltung die linke Seite übergewichtet, obwohl die Figur selbst die gleichen Proportionen wie ihr Gegenüber hat.

Der Jikko-in besitzt zwei Gartenanlagen. Der eine liegt südlich der Halle Kyakuden, heißt Keishin-en und ist vom Typ eines Chisen-kanshoshiki-teien (Teich-Wertschätzungsgarten, Chi = Teich, sen = Quelle, kansho = betrachten, shiki = Stil, teien = Garten). Kei-shin-en bedeutet Garten (en) des Herz-(shin)-Versprechens (Kei). Er ist ein Betrachtungsgarten, in seiner Wirkung optimiert auf das Betrachten von der Südseite des Kyakuden aus. Der Teich, in dem Koi-Karpfen gehalten werden, wird vom Bach Ritsu-gawa gespeist. Viele klassische Elemente lassen sich wiederfinden. Der äußere Umriß des Shin-ji-ike entspricht dem Kanji für "Herz" (Shin, Kokoro). Felsen neben dem Wasserfall stehen für den mythischen Berg Horai (Horai Ishigumi) und für das Reine Land, das Paradies. Auf dem künstlichen Hügel (tsuki-yama) steht eine Kiefer, die einen Kranich (Tsuru) symbolisiert. Im See selbst liegt die Schildkröteninsel (Kame-jima), so daß wir wieder beide Langlebigkeitssymbole repräsentiert haben. Es handelt sich um eine spät-Edo-zeitliche Anlage.

Der zweite, flächenmäßig größere Westgarten ist ein Wandelgarten mit verschlungenen Wegen. Er ist eine spätere Hinzufügung und jünger als der zuvor vorgestellte Garten. Viele Felsen, Steinlaternen, Steinpagoden, Moosflächen etc. schaffen ein immer wieder abwechselndes Wahrnehmungserlebnis. Er bezieht geschickt nach dem Prinzip der geborgten Landschaft (Shakkei) die drei sichtbaren Berge von Ohara ein (Ohara Sanzan). Prägend sind die beiden Berge Konpira-yama und Koshio-yama. Hier wächst eine große Besonderheit, eine Kirschbaumart, die vom September bis in den Frühling hinein blüht (Fudan-zakura). So kommt es zu der äußerst seltenen Konstellation, gleichzeitig Kirschblüten (Sakura) und rote Ahornblätter (Momiji) sehen zu können. In der Kunst werden die beiden Motive als Symbole jahreszeitlicher Höhepunkte gerne gemeinsam dargestellt und als Unkin-Motiv angesprochen, z. B. auf Lackarbeiten wie Natsume. Hier kann der Besucher das mit etwas Glück selbst in natura erleben. In den Westgarten integriert ist ein Showa-zeitliches Teehaus (Rikaku-an); es wurde erst 1975 erbaut. Ganz im Westen befindet sich noch ein Stein-Monument, mit der Inschrift "Bonnonjaku" in drei Kanji-Zeichen, mit "Bonnon" = "Stimme des Gebets zu Buddha" und "Jaku" = "Stille" - sinngemäß: in der  Stille dieses Ortes vernimmt man die Stimme des Gebets zu Buddha.


Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@35.1205836,135.8341632,19.66z - https://www.google.de/maps/@35.1205836,135.8341632,137m/data=!3m1!1e3
Jikko-in auf Japan Travel Manual: http://jpmanual.com/en/jikkoin
Jikko-in auf Kyotofukoh: https://kyotofukoh.jp/report134.html
Ohara:
https://kyotofukoh.jp/report137.html
Auf Japan Visitor:
https://www.japanvisitor.com/japan-temples-shrines/jikkoin
Ohara auf Japan Guide:
https://www.japan-guide.com/e/e3932.html
Jikko-in auf Discover Kyoto:
https://www.discoverkyoto.com/places-go/ohara/jikko-in/
Webseite des Tempels Jikko-in:
http://www.jikkoin.com/index.php?data=./data/l3/
Ohara:
https://www.discoverkyoto.com/places-go/ohara/
John H. Martin, Phyllis G. Martin: Kyoto - 29 Walks in Japan's Ancient Capital, 376 S., Verlag: Tuttle Pub. 2011, ISBN-10: 4805309180, ISBN-13: 978-4805309186, S. 304-305
Judith Clancy, Ben Simmons: Kyoto - City of Zen, 144 S., Verlag Tuttle Shokai Inc. 2012, ISBN-10: 4805309784, ISBN-13: 978-4805309780, S. 90-91


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