Bernhard Peter
Kyoto, Koryu-ji


Lage und Erreichbarkeit
Der Koryu-ji (Kouryuu-ji) liegt im Nordwesten Kyotos, im Stadtbezirk Ukyo und im Stadtteil Uzumasa; er liegt nördlich der Sanjo Dori (Adresse: 32 Hachioka-cho Uzumasa, Sakyo-ku, Kyoto). Alternative Namen sind Uzumasa Taishido, Hatanokimi-dera, Kadono-dera und Hachioka-dera. Auch Hoko-ji wurde er genannt, was eine große Verwechslungsgefahr mit anderen Tempeln dieses Namens birgt, insbesondere mit dem einst sehr großen Daibutsu-Tempel des Namens in Higashiyama, den Toyotomi Hideyoshi erbauen ließ. Der vom Trubel und den Massen verschonte Tempel ist mit JR über den Bahnhof Uzumasa erreichbar; von dort ist es 1 km Weg; einen vernünftigen Bus gibt es nicht, ist auch nicht sinnvoll bei ca. 15 min. Weg. Mit der U-Bahn kann man die Tozai Line bis zu ihrem Endbahnhof Uzumasa Tenjingawa nehmen, von dort sind es 880 m zu Fuß; besser steigt man im nahen Bahnhof Randen-Tenjingawa in die Keifuku Electric Railroad Arashiyama Main Line. Alternativ nimmt man einen der auf der Sanju Dori verkehrenden Busse, die Nr. 11, 72, 73 oder 76 (Haltestelle Uzumasa Koryuji-mae). Eine weitere Buslinie ist die Nr. 75 bis zur Haltestelle Tokiwa-Nakanomati. Die privaten kleinen Eisenbahnlinien haben Bahnhöfe in engerer Nachbarschaft zum Zieltempel: Die Keifuku Electric Railroad Kitano Line hält in Satsueisho-mae 620 m entfernt, und die Keifuku Electric Railroad Arashiyama Main Line hält quasi vor der Haustür im Bahnhof Uzumasa Koryuji. Mit 130 m zum Tempel ist das der günstigste Bahnhof. Wenn man mit Hankyo anreist, kann man von der Kyoto Line in Omiya in die Keifuku Line umsteigen. Der Tempel ist nicht überlaufen, trotz großen Parkplatzes in der Nähe, was normalerweise böse Ahnungen aufkommen läßt. Im Gegenteil, die Massen kommen nicht hierhin. Für die Tagesplanung bietet sich entweder eine Kombination mit dem Hokongo-in und dem Myoshin-ji an, oder eine Kombination mit der Weiterfahrt nach Arashiyama. Der Hauptzugang liegt im Süden des Areals; ein weiterer Weg führt vom Parkplatz im Westen zum Tempelgelände.


Geschichte und Bedeutung
Der Tempel ist sehr alt und geht der eigenen Gründungsgeschichte zufolge auf das 7. Jh. zurück. Als Gründungsjahr wird 603 = Suiko 11 oder auch 622 angegeben. Vermutlich bezeichnet das frühere Datum die Gründung durch die Hata-Familie an den Ufern des Katsura-Flusses und das spätere Datum die Verlegung an den heutigen Standort durch Hata-no-Kawakatsu, um das Andenken an den kurz zuvor verstorbenen Prinzen zu ehren. Damit ist der Koryu-ji einer der ältesten, wenn nicht sogar der älteste Tempel der Stadt Kyoto. Dennoch sind die Gebäude aufgrund etlicher Brände (818, 1150 etc.) jüngeren Datums. Von der einstigen regelmäßigen Anlage ist kaum noch etwas wiederzuerkennen. Der Tempel ist von überschaubarer Größe, bietet dem Kunstinteressierten aber hochkarätige Kunstwerke, zwei alte und wertvolle Bauwerke und viele sehr wertvolle Figuren im Innern der Hallen und des Museums (Photographieren verboten). In der Tat besitzt der Tempel eine der großartigsten Sammlungen alter buddhistischer Figuren: 17 der Figuren des Koryu-ji sind als Nationalschatz klassifiziert, 31 als wichtige Kulturgüter. Und diese Statuensammlung hat wie durch ein Wunder alle Zerstörungen und Brände des Tempels überlebt. In religiöser Hinsicht ist der Koryu-ji ein Tempel der Shingon-Schule und gehört zur Omuro-Richtung.


Struktur der Anlage und Beschreibung
Im Süden der Anlage steht direkt an der Sanjo Dori das 1702 (Genroku 15) erbaute Haupttor, das Nandai-mon (großes Südtor). Es ist ein Nio-mon mit zwei grimmigen Wächterfiguren (Nio) in den seitlichen Nischen, die aber mit Lattenzaun und Kaninchendraht verschlossen sind, so daß man wenig von den alten, vermutlich aus der Muromachi-Zeit stammenden, aber ziemlich verstaubten Holzfiguren hat. Vom baulichen Typus her kann man das Tor  weiterhin als Ro-mon bezeichnen, weil es ein Turmtor ist, ein hohes, scheinbar zweistöckiges Torgebäude, das zwar außen eine umlaufende Galerie, aber im Innern keine zwei Stockwerke hat. Ein mächtiges Irimoya-Dach ragt auf allen Seiten weit über die Galerie hinaus. Das Tor ist in eine Lehmmauer auf Steinsockel integriert, die rechterhand aber schon nach drei Pfostenabständen an den Nord-Süd-Abschnitt der Mauer stößt, die aber auch schon nach 9 Pfostenabständen von einer schlichten, der Straße im Bogen folgenden Steinmauer abgelöst wird. Nach links reicht die mit fünf horizontalen weißen Streifen bezeichnete Mauer weiter, endet aber auch dann an einem kurzen, senkrecht dazu stehenden Teilstück.

In gerader Linie nach Norden kommt man vom Haupttor zur 1165 (Eiman 1) erbauten Lehr- und Lesehalle (Kodo, wichtiges Kulturgut). Da wir es mit einem Shingon-Tempel zu tun haben, heißt sie Kodo; bei einem Zen-Tempel wäre es ein Hatto. Sie wird auch als "Rote Halle" bezeichnet und mißt 5 x 4 Interkolumnien (Ken). Sie ist eines der ältesten erhaltenen Holzgebäude der Stadt und besitzt ein Yosemune-Dach (Walmdach). Sie stammt noch aus der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Brand von 1150. Die glockenförmigen Fenster im Zen-Stil stammen freilich nicht aus der Bauzeit, sondern sind eine Zutat anläßlich eines Umbaus im Jahre 1565. Innen wird eine Heian-zeitliche, ca. 840 entstandene Statue eines sitzenden Amida Nyorai (Amida Buddha, Mokuzo amida nyorai zazo, 2,63 m hoch, Nationalschatz) aus lackiertem und vergoldetem Holz aufbewahrt, die zu beiden Seiten von einem Jizo-Bosatsu und einem Kokuzo-Bosatsu (Sanskrit: Akasagarbha, Bodhisattva der Weisheit und des Gedächtnisses) flankiert wird. Beide sind als wichtige Kulturgüter eingestuft. Letzterer ist besonders für die Shingon-Schule von Wichtigkeit. Dem Tempel gehört ferner eine aus der Heian-Zeit stammende, aufrecht stehende tausendarmige Kannon (Mokuzo senju kannon ryuzo) von 2,66 m Höhe (Nationalschatz).

Östlich vom Kodo befindet sich der Glockenturm (Shoro), etwas versteckt unter hohen Bäumen. Linkerhand des Weges vom Haupttor zum Kodo stehen von Süden nach Norden die Yakushi-Halle (Yakushi-do), der Nogaku-do (Noh-Bühne) und der Jizo-do (die Jizo-Halle).

Der Hauptweg führt links an der Lehr- und Lesehalle vorbei zur Edo-zeitlichen, im Jahre 1730 (Kyoho 15) erbauten Haupthalle (Hondo), die auch als Jogu-Oin-taishi-den oder nur als Taishi-den oder Taishi-do bezeichnet wird. Der Grundriß des einstöckigen Gebäudes ist gestürzt T-förmig. Der Name ist abgeleitet von Prinz Shotoku Taishi (574-622), Ratgeber bei Kaiserin Suiko und Verfasser der berühmten 17 Verfassungsartikel. Er war es, der die Verbreitung der buddhistischen Lehre in Japan förderte, der den Tempel Shitenno-ji in Osaka bauen ließ und der dem Gründer des Koryu-ji den Bosatsu Miroku mit dem heiter-nachdenklichen Gesichtsausdruck geschenkt haben soll, für den der Tempel gebaut wurde. Das Bildnis des Prinzen wird in dieser Halle verehrt.

Auf dem Weg zur Haupthalle stehen rechterhand am Weg das überdachte Wasserbecken (Chouzusha) und wenige Meter dahinter, auf der Höhe der beiden Steinlaternen, ein Bauwerk namens Uzumasa-dono (Kawakatsu-dono) aus dem Jahre 1843. Im Westen der Haupthalle, noch diesseits des kleinen Wasserlaufes, stehen Shoin und Kuri (1973). Dieser Bereich ist separat ummauert mit einem Tor (Kuri no mon) zum Hauptweg; auf der anderen Seite des Weges befindet sich ein kleiner Gartenteich; Trittsteine im Wasser führen zu einem kleinen Shinto-Schrein.

Nördlich der Haupthalle liegt der Garten (Teien), den man erreicht, wenn man dem Hauptweg links der Halle weiter nach Norden folgt. Dort gelangt man dann zur nördlichsten Gebäudegruppe mit der größten Halle des Ensembles zur Rechten, dem 1982-1983 in Tempelhallenform erbauten Reihoden (Schatzhaus = Museum, auch Shin-Reihoden = neues Schatzhaus). Hier werden mehrere Nationalschätze aufbewahrt, darunter zwei aus Holz geschnitzte Figuren des Miroku Bosatsu (Bodhisattva der Gegenwart, vgl. Miroku Butsu als Buddha der Zukunft, Sanskrit: Maitreya), die vermutlich ursprünglich aus Korea (Königreich Silla) stammen. Sie sind beide in die Asuka-Zeit zu datieren. Beide (Mokuzo miroku bosatsu hanka-zo, hanka = ein Bein über das andere schlagen) sind in Halb-Lotus-Position dargestellt. Das Holz ist mit Lack und Gold überzogen. Der größere, 1,23 m in der Höhe messende Miroku ist der ältere aus dem frühen 7. Jh. und wird Hokan miroku genannt, der nachdenkliche Miroku, oder auch Miroku bosatsu hanka shiyui-zo. Er war 1951 die erste als Nationalschatz registrierte Figur und eröffnete die Liste der Objekte. Dieser Miroku wurde aus einem einzigen Stück Rotkiefer in der Technik Ichiboku-zukuri geschnitzt. Ursprünglich war die Figur lackiert und vergoldet. Und an diesem äußerst feinen und wertvollen Kunstwerk passierte 1969 einem Studenten ein Mißgeschick: Vor lauter Ehrfurcht vor der unfaßbaren Schönheit brach er der Figur versehentlich einen Finger ab. Der kleinere Miroku ist um 700 entstanden und wird Naki miroku genannt, weinender Miroku. Weiterhin sieht man eine Heian-zeitliche Gruppe von 12 himmlischen Generälen (Mokuzo ju-ni shinsho ryu-zo), darunter Kumbhira und Andira. Das Set wurde 1064 von Chosei hergestellt. Dem Tempel gehört weiterhin eine 3,14 m hohe Fuku Kensaku Kannon (Mokuzo fuku kensaku kannon ryu-zo) aus der Heian-Zeit, um 800 entstanden und aus bemaltem Holz bestehend. Die feingliedrige, achtarmige Figur ist im Museum gegenüber dem Miroku aufgestellt. Daneben stehen weitere Kannon-Figuren von hohem Alter und ein Jizo aus dem 9. Jh. Im Westen neben dem Museum liegt, etwas kleiner in den Ausmaßen, der Kyo Reihokan (alter Reihokan, altes Schatzhaus), eine Vierflügelanlage mit rechteckigem Innenhof.

Weit nach Westen abgesetzt steht jenseits des Parkplatzes innerhalb einer rechteckigen Ummauerung mit Tor ein einstöckiges, achteckiges Gebäude (Keigu-in Hondo, Keiguu-in Hondou). Es steht inmitten eines dichten Haines und wird leicht übersehen; dabei handelt es sich um ein sehr altes, Kamakura-zeitliches, in seiner heutigen Form aus dem Jahr 1251 (Kencho 3) stammendes Gebäude (als Nationalschatz klassifiziert). Jede Seite mißt 2,30 m Breite. Aufgrund seiner achteckigen Form wird es auch als Hakakku-en-do bezeichnet. Es ist mit Zypressenrinde (Hinoki) gedeckt. Das kleine Gebäude ist selten geöffnet, in den Monaten Apr., Mai, Okt. und Nov. jeden Sonntag und an Nationalfeiertagen.


Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf google maps: https://www.google.de/maps/@35.0141901,135.7070038,18.25z - https://www.google.de/maps/@35.0146212,135.7067897,275m/data=!3m1!1e3
John H. Martin, Phyllis G. Martin: Kyoto - 29 Walks in Japan's Ancient Capital, 376 S., Verlag: Tuttle Pub. 2011, ISBN-10: 4805309180, ISBN-13: 978-4805309186, S. 243-244
auf Kyotofukoh:
https://kyotofukoh.jp/report377.html
auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/K%C5%8Dry%C5%AB-ji - https://en.wikipedia.org/wiki/K%C5%8Dry%C5%AB-ji
Koryu-ji:
http://kanko.city.kyoto.lg.jp/detail.php?InforKindCode=1&ManageCode=1000064
Statuen des Museums:
http://rubens.anu.edu.au/htdocs/bycountry/japan/kyoto/koryuji/
Liste der Nationalschätze (Skulpturen):
https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_National_Treasures_of_Japan_(sculptures)
Liste der Nationalschätze (Gebäude):
https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_National_Treasures_of_Japan_(temples)
auf Kyoto Travel:
https://kyoto.travel/de/shrine_temple/166
auf Japan Hoppers:
https://www.japanhoppers.com/de/kansai/kyoto/kanko/631/
auf Travel around Japan:
http://www.travel-around-japan.com/k62-67-koryuji.html
auf Japan Visitor:
https://www.japanvisitor.com/japan-temples-shrines/koryuji-temple
auf Japan Travel:
https://www.japan.travel/en/spot/1149/
auf Tale of Genji:
http://www.taleofgenji.org/koryuji.html
auf JNTO:
https://www.jnto.go.jp/eng/location/spot/shritemp/koryuji.html
auf The Kyoto Project:
http://thekyotoproject.org/deutsch/uzumasa/
auf Japan Experience:
https://www.japan-experience.com/city-kyoto/koryuji
Hokan Miroku:
https://de.wikipedia.org/wiki/H%C5%8Dkan_Miroku


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