Bernhard Peter
Sprache: Nomen und Kasus-Partikeln


Nomen im Japanischen:
Nomen (Substantive, jap. Meishi) sind im Japanischen in den meisten Fällen deckungsgleich mit dem, was wir im Deutschen für Nomen halten. Hund, Buch, Herz, Leber - all das sind auch im Japanischen Nomen. Von daher nichts Besonderes, und diese gleiche Wahrnehmung deckt einen Großteil der Nomen ab. Aaaaber...

...im Japanischen sind noch mehr Wörter Nomen, die wir im Deutschen NICHT als Nomen wahrnehmen. Deshalb eine zunächst seltsam klingende, aber im Grunde sehr praktische Definition: Nomen sind all die Wörter, hinter die man die Attributiv-Partikel "no" setzen kann. Und damit sind noch ein paar Wortgruppen mehr im Japanischen Nomen, die es im Deutschen nicht sind:


Keine Unterscheidung nach Anzahl und Geschlecht im Japanischen:
Es gibt keine Artikel, es gibt auch keine Deklination. Substantive oder Verben werden weder nach Numerus noch nach Genus unterschieden.

Es gibt bei Nomen keine Flexion, ein Nomen ist unveränderlich. Es gibt auch keine Unterscheidung bestimmter (der, die das) und unbestimmter (ein, eine, eines) Nomen. Es gibt keine Unterscheidung von Singular und Plural. Shinbun = die Zeitung, eine Zeitung, die Zeitungen, Zeitungen. Alles ist nur "Shinbun". Und "Inu" = der Hund, die Hündin, ein Hund, eine Hündin, irgendwelche Hunde, irgendwelche Hündinnen, genau die Hunde, genau die Hündinnen. Der Verlust all dieser strukturierenden Verwandlungen eines Nomens entfällt. Ersatzlos. Doch etwas anderes tritt an ihre Stelle: Die Partikeln. Denn egal wie - wir brauchen ein System, das die Funktion der Nomen im Satz definiert, also das, was im Deutschen die Artikel und Kasus-Endungen machen. Wir reduzieren die deutschen Ausdrücke "der Mann", "des Mannes", dem Mann", "den Mann", den Männern" etc. alle damit auf "Mann". Aus einem logischen Satz " der Mann sieht die Männer und gibt einem Mann die Bücher" wird damit "Mann Mann sehen und Mann Buch geben". Die Notwendigkeit eines neuen Ordnungssystems ist offensichtlich.


Partikeln und ihre Rolle im Satz, Verbbaupläne
Partikeln sind deshalb notwendig, um anzuzeigen, welche Rolle ein Nomen im Satz spielt. Nur so wird klar, was Subjekt und was Objekt ist und was sonst noch mit den ganzen Nomina gemacht wird. Das Verb regiert den Satz, das ist der Dreh- und Angelpunkt des ganzen Geschehens. Da herum gruppieren sich die anderen Blöcke. Das Nomen und die nachgestellte Partikel bilden jeweils einen untrennbaren Block, der zusammengehört und nicht auseinandergerissen werden darf, so wenig wie die Kasusendung -us vom lateinischen "praepositus" abgehängt werden darf. Erst Nomen + Subjektpartikel = Subjekt, erst Nomen + Objektpartikel = Objekt, erst Nomen + Aufzählungspartikel = Aufzählungsposition etc.

Aus dem obigen Beispiel "Mann Mann sehen und Mann Buch geben" wird damit "Mann-Nominativ Mann-Akkusativ sehen und Mann-Dativ Buch-Akkusativ geben"

Von der Art des Verbs hängt es ab, welche Partikeln (und Nomen) man für einen vollständigen Minimalsatz benötigt werden. Bsp.: im Deutschen: das Verb "schwimmen" braucht nur ein Subjekt (wer?), "geben" braucht Subjekt (wer?), Objekt (was?) und Empfänger (wem?), sonst fühlt sich der Satz unvollständig an. Der Minimalsatz besteht aus dem Verb und den Substantiven, die die Rollen erfüllen, die das Verb vorgibt. Welches Nomen welche Rolle erfüllt, genau das markieren die Partikeln. Intransitive Verben erfordern nur "ga", A ga tut etwas ganz allein ohne Mitwirkung anderer Nomen. Das ist der einfachste Verbbauplan. Andere Verben haben komplexere Verbbaupläne, die man sich am besten mit dem Verb zusammen merkt. Transitive Verben haben im einfachsten Fall "A ga B o Verb" als Bauplan, A macht was mit B.

Alle Partikeln stehen hinter dem Nomen. Nomen und Post-Partikel bilden einen untrennbaren Block im Satz. Wenn ein solcher Block definiert ist, ist dann die Abfolge der Aneinanderreihung mehrerer solcher Blöcke egal, solange das Verb am Ende steht.


Arten von Partikeln (Joshi)
Vorab: Es heißt die Partikel, Plural: die Partikeln, wenn das grammatikalische Phänomen gemeint ist. Partikeln (Joshi) sind selbst nicht flektierbar und lassen sich in fünf Gruppen einteilen. Zwei Gruppen stehen mit Verben, drei Gruppen stehen mit Substantiven.

Die Partikeln mit Substantiven lassen sich in folgende drei Gruppen einteilen:

Die Partikeln mit Verben (und Adjektiven) bilden zwei Gruppen:

Wenn Partikel an Verben angehängt werden, muß man sie von den Jodoushi unterscheiden. Joshi = Partikeln sind nicht flektierbar. Sie führen zum Kettenabbruch, es kann kein Waggon mehr angehängt werden. Joshi führen zu einem Agglutinations-Stop. Jodoushi hingegen werden angehängt, selber flektiert und koppeln weitere Elemente hinten an. Joshi hingegen sind nicht flektierbare Anhängsel. Gleich den Jodoushi erfordern sie die Vorbereitung der Kupplung durch Flexion des vorangehenden Elements, also des Verbs. Die KP "node" erfordert die RT, die KP "ba" erfordert die IZ des Verbs des Nebensatzes. Anders als die Jodoushi sind Joshi selbst nicht flektierbar, und deshalb geht es danach nicht weiter: Man kann nichts an Joshi anhängen.


Erzeugung von Fällen ("Deklination") durch Kasus-Partikeln:
Unter der Gesamtregie des Verbs stellen die Kasus-Partikeln zusätzliche Informationen zum Geschehen zur Verfügung. Das Verb liefert die Kern-Information, WAS passiert. Die Nomen nennen zunächst einmal alles, was irgendwie am Geschehen beteiligt ist, noch ohne Rollen-Definition. Die Kasus-Partikeln klären die entscheidenden Fragen und weisen den Nomen ihre Rollen zu: Wer? Wo? Wann? Mit wem zusammen? Warum? Womit? Wer ist der Handelnde? Wer ist das Opfer? Mit wem wird was gemacht? All das weisen die Kasus-Partikeln dann den zugehörigen Nomen A, B, C und D zu, um die Antworten auf diese Fragen blockweise in den Satz zu schieben: [ A - KP - B - KP - C - KP - D - KP - V ]. Die Fälle werden durch nachgestellte Partikeln erzeugt:

übliche Wortfolge: Subjekt steht als erstes, dann folgen Objekte und adverbiale Ergänzungen, Verb steht als letztes: Subjekt ga Objekt o Verb

Aber im Grunde spielt die Satzstellung keine zwingende Rolle: Nachfolgender Satz ergibt keinen Sinn, weil man nicht weiß, wer was ist, wer welche Rolle hat:

Erst die Partikeln bringen Ordnung rein und weisen den Nomen ihre Rolle zu. Die drei nachfolgenden Sätze sind grammatikalisch korrekt, weil es keine zwingende Reihenfolge der Blöcke gibt:


Die Kasus-Partikel "ga" für das Subjekt:
Beginnen wir mit dem Nominativ: Die allgemeine Subjekt-Partikel ist "ga". "Ga" kennzeichnet das Subjekt, den eine Handlung ausführenden, den Täter einer Handlung. Die Struktur [ A - ga - V ] drückt aus, daß es A ist, welcher die durch das Verb beschriebene Handlung ausführt. Das Nomen vor "ga" ist immer die Antwort auf die Frage "wer?".


Fragen nach einem Subjekt mit der Kasus-Partikel "ga":
Aus all den oben formulierten Sätzen lassen sich Entscheidungsfragen (Ja-Nein-Fragen) bilden durch Anhängen der Frage-Partikel "ka":

Und aus all diesen Sätzen lassen sich Informationsfragen (Fragen, die eine echte, informative Antwort erfordern) bilden durch 1.) Ersatz des Nomens durch das Fragewort UND 2.) Anhängen der Frage-Partikel "ka".

Das Fragewort "dare" oder höflicher "donata" ist einfach nur der Platzhalter für eine handelnde Person. Anstelle des die Person bezeichnenden Nomens wird der fragende Platzhalter eingebaut, die übrige Satzstruktur MIT Partikel bleibt bestehen. Dabei bedeutet "dare" nicht automatisch "wer?" Ohne Partikel dahinter ist "dare" nur ein Ersatz für eine Person, ein Platzhalter, mit noch unbekanntem Kasus. Ohne Partikel kann "dare" für wer, wem, wessen, mit wem, wegen wem, wen etc. stehen, es kann alles sein. Erst "dare ga" ist die präzise Frage nach dem "wer?". Ein typischer Fragesatz lautet also, wie in einem Baukasten-Schema:

und


Partikeln der Richtung: Verwendung der Kasus-Partikel "ni" (1. Bedeutung):
Die Partikel "ni" ist eine der vielfältigsten Partikeln mit mehreren unterschiedlichen Bedeutungen. Hier geht es zunächst um die Richtung. Die Partikel "ni" zeigt die Richtung an, in die sich etwas bewegt, bzw. das Objekt, auf das sich etwas zubewegt. Man spricht auch vom Lokativ, das die Partikel "ni" kennzeichnet. Die Partikel "ni" ist die Antwort auf die Frage "wohin?". Häufig ist die Kombination mit den Verben:

Beachte den Unterschied:

ebenso:

Die Konstruktion erfolgt so: Subjekt - Ziel - ni -Verb. Beispiele:

Beachte auch den Unterschied: "Ni" verwendet man, wenn man die Bewegung in ein Kompartiment HINEIN meint, von außerhalb kommend in den Raum, Ort etc., also außen startet und innen endet. Wenn man das Kompartiment verläßt, also innen startet und außen endet, HINAUS geht, verwendet man "(w)o", ebenso wenn es durch das ganze Kompartiment HINDURCH geht. (siehe Abschnitt zur Partikel "o").

Die typische Frage nach der Richtung ist "doko". "Doko" wird allgemein mit "wo" übersetzt, doch bei genauerem Hinsehen greift das zu kurz. Primär ist "doko" ein Platzhalter für einen Ort. Erst mit der Partikel "ni", also in der Form "doko ni" ist es die Frage nach einer Richtung. "Doko ni" = "wohin?" oder "zu welchem Ort?". Und selbst diese Übersetzung ist nicht eindeutig, denn weiter unten werden wir sehen, daß "doko ni" auch die Frage nach einem Ort, an dem sich etwas befindet, sein kann. Die wirkliche Übersetzung ist immer auch ein Zusammenspiel mit dem verwendeten Verb. So werden aus den obigen Sätzen Fragen gebildet:

Wie im Abschnitt zur Partikel "e" erläutert, kann "ni" in der Bedeutung einer Richtungsangabe durch "e" ersetzt werden. Es gibt jedoch ein paar Bereiche, wo alleine "ni" geht und NICHT durch "e" ersetzt werden kann:

Problem: Die Richtungs-Partikel "ni" ist an Orte gebunden: Gebäude, Plätze, Städte, Länder, Einrichtungen, Zimmer - alles geht. Nur: Personen gehen nicht. Man kann NICHT konstruieren "Person 1 - wa - Person 2 - ni - ikimasu", das ist falsch. Statt dessen muß man die Person zum Ort machen. Standard-Konstruktion ist: "Person 1 - wa - Person 2 - no - tokoro ni - ikimasu". Tokoro ist der Ort, und bei dem der Person 2 zugeordneten Ort kann man selbstverständlich "ni" benutzen. Also: Wenn man die Richtung zu einer Person hin ausdrücken will, setzt man hinter die Person den festen Baustein "no tokoro ni". Auch andere personenbezogene Orte gehen: Haus, Zimmer, Wohnung.


Partikeln der Richtung: Verwendung der Kasus-Partikel "e":
Die Partikel "e" (geschrieben: "he", gesprochen: "e") ist so ähnlich wie "ni" und zeigt auch eine Bewegungsrichtung an, die Antwort auf die Frage "wohin?". Die beiden Richtungspartikeln haben eine große Überschneidung in der Verwendung. Aber: "e" ist kleiner und eingeschränkter in der Bedeutung, "ni" umfassender in seiner Verwendung. "Ni" hat auch noch viele andere Bedeutungen, Markierung von Urheber und Empfänger, Markierung von Resultaten einer Veränderung, Zeitangaben - das alles kann "e" nicht. Die Partikel "e" ist allein für Richtungsangaben reserviert. Also:

Identisch sind in der Bedeutung:

Beachte, es gibt drei Sonderaussprachen bei den Partikeln, und das hier ist eine davon: "wo" wird "o" gesprochen, "ha" wird "wa" gesprochen, und "he" wird "e" gesprochen. Das Hiragana-Zeichen "he" kommt selten vor, und wenn es vorkommt im Textfluß, ist es höchstwahrscheinlich die Partikel "e".

Gibt es einen Unterschied in der Verwendung von "ni" und "e" in Bezug auf die Richtung?
historisch gab es einmal einen Unterschied:

Praktischer Unterschied:

Spielt diese historische Unterscheidung eine Rolle? Praktisch nein, die Grenzen sind verwischt. Ältere Japaner werden diesen Unterschied vielleicht noch machen, die jüngere Generation macht keinen. Diese Unterscheidung spielt nur noch insofern wirklich eine Rolle, als "e" nicht funktioniert, wenn am Ende der Bewegung ein Kontakt besteht, wenn man z. B. sagen will "ich habe das Auto gegen die Wand gesetzt" - watashi wa kuruma o kabe ni butsuketa, da geht allein "ni". Ebensowenig geht "e", wenn ich ein Bild an die Wand hänge (watashi wa kabe ni e o harimasu) oder einen Ball an die Wand werfe (watashi wa kabe ni mukatte bouru o nageru), auch da geht nur "ni", weil am Ende ein Kontakt mit dem Zielpunkt steht.

Für die Richtung auf Personen zu gilt das bei "ni" Gesagte (s. o.) analog für "e". Die Partikel "e" kann nur mit Orten kombiniert werden, nicht mit Personen. Wenn man die Richtung zu einer Person hin ausdrücken will, setzt man hinter die Person den festen Baustein "X no tokoro e", zum Ort des X. Alles Weitere siehe bei "ni" (Richtung).


Partikeln des Ortes: Verwendung der Kasus-Partikel "ni" (2. Bedeutung):
Zweite Bedeutung der Partikel "ni": Die Partikel "ni" zeigt den Ort an, wo sich etwas befindet, so sich jemand aufhält. Die Verwendung ist allein auf die Beschreibung des Aufenthaltes beschränkt. Will man dagegen die an einem Ort stattfindende Handlung ausdrücken, muß man "de" nehmen, "ni geht nicht. "Ni" ist die Antwort auf die Frage: "Wo befindet sich etwas?", "de" ist die Antwort auf die Frage "Wo findet etwas statt?". "Ni" in dieser zweiten Bedeutung ist richtungslos.

Typische Verben sind imasu (sein), arimasu (sein), sunde imasu (wohnen, das ist keine Tätigkeit, sondern etwas Stationäres):

Wichtig: iru, imasu wird verwendet bei Personen, Tieren, allgemein Lebewesen, aru, arimasu wird verwendet bei Gegenständen, und auch bei Pflanzen.

Die typische Frage nach dem Ort ist "doko". "Doko" wird allgemein mit "wo" übersetzt, doch bei genauerem Hinsehen greift das zu kurz. Primär ist "doko" ein Platzhalter für einen Ort. Erst mit der Partikel "ni", also in der Form "doko ni" ist es die Frage nach einem Ort, an dem sich etwas befindet. "Doko ni" = "an welchem Ort?", vulgo "wo?". Und selbst diese Übersetzung ist nicht eindeutig, denn oben haben wir gesehen, daß "doko ni" auch die Frage nach einer Richtung sein kann. Die wirkliche Übersetzung ist immer auch ein Zusammenspiel mit dem verwendeten Verb. So werden aus den obigen Sätzen Fragen gebildet:


Partikeln der Zeitangabe: Verwendung der Kasus-Partikel "ni" (3. Bedeutung):
Neben der Angabe von Ort und Richtung, was zweifelsohne die beiden Hauptfunktionen der Partikel "ni" sind, kann man "ni" auch noch zur Zeitangabe verwenden, genauer zur Angabe eines Zeitpunktes, an dem eine Handlung stattfindet oder stattfand. Das kommt einem zunächst komisch vor, aber folgende Formulierung drückt gut die Nähe beider Bedeutungen von "ni" aus: Im vorigen Absatz wird "ni" verwendet, um eine Position im Raum anzugeben, und jetzt wird eine Position in der Zeit angegeben - beides sind Positionsangaben. Diese Sichtweise macht die neue Verwendung gedanklich plausibler. Das Schema [ N - ga - X - o - V ], N tut was mit X, wird erweitert um die Klärung der Frage: "Wann?" und wird zu [ Y - ni - N - ga - X - o - V ].

Dabei gibt es zwei Arten von Zeitangaben:

Bei absoluten Zeitangaben ist es egal, WANN der Sprecher/Schreiber von ihnen spricht/schreibt. Sie sind für jedermann nachvollziehbar ohne Kenntnis der Position des Sprechers/Schreibers. Auch wenn diese Gruppe ganz unterschiedliche Typen von Zeitangaben umfaßt, gibt es innerhalb einer Gruppe, eines Zeitzyklusses, nur genau eine bestimmte Zeit mit diesem Namen: Es gibt nur einen Montag in der Woche, es gibt nur einen Mai im Jahr, es gibt nur ein Jahr 2022 in unserer Zeitrechnung. Typische absolute Zeitangaben:

Bei relativen Zeitangaben ist es wichtig, sogar essentiell für das Verständnis, WANN der Sprecher/Schreiber von ihnen spricht/schreibt. Sie sind nicht nachvollziehbar ohne Kenntnis der Position des Sprechers/Schreibers. Es gibt innerhalb einer Gruppe, eines Zeitzyklusses, viele Zeiten mit diesem Namen: Es gibt in der Woche sieben "morgen", ebenso viele "gestern" und "vorgestern", es gibt im Jahr 12 x "im letzten Monat", es gibt in unserer Zeitrechnung n. Chr. aktuell 2022 x "nächstes Jahr". Was gemeint ist, ist also etwas ganz Anderes, abhängig davon, ob ich im Mai oder im September vom "letzten Monat" spreche, am Montag oder am Freitag von "gestern", im Jahr 1918 oder im Jahr 2022 von "dieses Jahr", in der 31. oder 45. Kalenderwoche von "nächste Woche". Ohne Zusatzinformation ist eine relative Zeitangabe für das Verständnis folglich wertlos. "Ni" wird generell nicht verwendet bei relativen Zeitangaben wie kyou - heute, kinou - gestern, ashita - morgen, asatte - übermorgen, kotoshi - dieses Jahr, kyonen - letztes Jahr, raishu - nächste Woche. Im Deutschen wird das übrigens ganz ähnlich gehandhabt: Absolute Zeitangaben werden mit Präpositionen benutzt (im Mai, am 22.4.2022, um 3 Uhr morgens, in der 31. KW), relative Zeitangaben ohne Präpositionen (morgen, heute, gestern). Im Japanischen sind übrigens beide Gruppen Meishi, also Nomen.

Hier wird eine bemerkenswerte Eigenschaft der Partikel "ni" deutlich: Während die Partikeln "wa", "ga" und "o" genau einmal pro Satz vorkommen, genauer pro verwendetem Verb, kann "ni" aufgrund seiner unterschiedlichen Funktionen mehrmals vorkommen (so wie das auch bei "de" geht):


Partikel der Richtung: Verwendung der Kasus-Partikel "ni" zur Markierung von Urheber oder Empfänger einer Handlung (4. Bedeutung):
Neben der Angabe von Ort und Richtung in Bezug auf einen Ort, was zweifelsohne die beiden Hauptfunktionen der Partikel "ni" sind, und der Verwendung als Zeitangabe, kann man "ni" auch benutzen, um eine Richtung in Bezug auf Personen, Personengruppen oder Institutionen zu beschreiben. Und interessanterweise geht das sowohl für den Ursprung als auch den Empfänger einer Handlung. Die Partikel "ni" sagt dabei aber nicht, ob es sich bei der Person, Personengruppe oder Institution um den Ursprung oder um den Empfänger handelt, sondern nur, daß diese Person, Personengruppe oder Institution Beteiligte der gerichteten Handlung ist. Ob die Person, Personengruppe oder Institution Ursprung oder Empfänger der Handlung ist, ergibt sich allein aus der Handlung selbst, also aus dem Verb.

Diese Verwendung von "ni" kommt einem zunächst komisch vor, man kann sie sich aber logisch so erklären, daß es sich auch hier um eine Richtungsangabe handelt, um die Beschreibung von einer auf jemanden hin gerichteten Handlung oder einer von jemandem ausgehenden und auf einen anderen gerichteten Handlung. Insbesondere der letzte Aspekt ist bei der Konstruktion von Passivsätzen wichtig, denn ein Passiv ist nichts anderes als das Erleiden einer auf einen selbst gerichteten Handlung.

Achtung: Zur Markierung des Urhebers einer Handlung geht auch die Partikel "kara". "Ni" und "kara" sind hier gleichwertig, gleichbedeutend und austauschbar, wobei "ni" ein bißchen besser und passender für diesen Zweck ist.


Partikel der Richtung: Verwendung der Kasus-Partikel "ni" zur Markierung des Endpunkts einer Veränderung oder Verwandlung (5. Bedeutung):
Neben der Angabe von Ort und Richtung in Bezug auf einen Ort, was zweifelsohne die beiden Hauptfunktionen der Partikel "ni" sind, und der Verwendung als Zeitangabe und als Markierung von Urheber/Ursprung und Empfänger/Endpunkt einer Handlung, kann man "ni" auch benutzen, um eine Richtung im Sinne einer Veränderung oder Verwandlung zu beschreiben, eine Richtung, zu einem Ergebnis führt. Zugegeben, die Wahrnehmung einer Richtung zum Resultat, einer aufs Ergebnis gerichteten Handlung ist hier weit hergeholt. Dennoch gehört die Wahrnehmung eines Werdens oder eines Sichveränderns in den Gesamtkontext einer Transition zwischen Vorher und Nachher, einer gerichteten Transformation, die durch bestimmte Verben des Werdens und Veränderns beschrieben wird. Das Ergebnis des Veränderungs- oder Verwandlungsprozesses wird mit "ni" markiert. Typische Verben sind:

Im Deutschen wird das ganz anders gehandhabt: Entweder steht hier einfach ein prädikatives Nomen (Herr Takeda wird Pfarrer, Pfarrer = Resultat der Veränderung), oder man verwendet eine Präposition zur Markierung des Endziels (den Bock zum Gärtner machen, zu = Präposition, Gärtner = Resultat der Verwandlung). Insbesondere der zweite Fall erleichtert das Verständnis für die japanische Lösung: X ni shimasu = zu X machen. Beispiele:

Besonderheit: Bei der Konstruktion [ Nomen - ga - Adjektiv - ni - narimasu / naru / natta / narimashita ] etc. wird unterschieden:


Die vielen Gesichter der Kasus-Partikel "de":
Die Partikel "de" kann ganz verschiedene Funktionen haben, wie an einem Beispielsatz erläutert werden soll: "Watashi wa tegami o kakimasu" - ich schreibe einen Brief. Diesen Satz können wir jetzt wie folgt ergänzen:

Es ist jeweils das Nomen, das indiziert, wie jetzt das "de" gemeint ist. Der semantische Gehalt des Nomens entscheidet über die jeweilige Funktion von "de" im Satz. Jeder wird Papier als Material erkennen und die Stunde als Zeitrahmen, die Bibliothek als Ort etc. Im folgenden werden diese einzelnen Bedeutungen mit Beispielen erläutert werden. Natürlich kann das alles kombiniert werden (kein Mensch wird das je so sagen, aber prinzipiell geht das), wobei wir 6x "de" in verschiedenen Bedeutungen unterbringen:

Realistischer sind Beispiele mit weniger "de", die aber auch gut zeigen, daß die Partikel "de" in mehreren verschiedenen Bedeutungen hintereinander gereiht werden kann (so wie das auch bei "ni" geht):


Partikel des Ortes: erste Verwendung der Kasus-Partikel "de":
Die Partikel "de" hat mehrere Bedeutungen. Hier interessiert die Bezeichnung einer Handlung an einem Ort. "De" wird verwendet, um anzuzeigen, an welchem Ort sich etwas tut. Es wird nur bei Handlungen verwendet, nicht bei Zuständen. Wenn man an einem Ort irgend etwas tut, ist "de" richtig, für alle Aktivitäten, nicht aber für sich befinden, da sein, nichts passieren, da nimmt man die Partikel "ni". Beispiele:


Partikel des Ortes: Abgrenzung der Kasus-Partikeln "de" und "ni":
Die Partikel "de" markiert den Handlungsort, den Ort des Geschehens und des Ereignisses. Handelt es sich jedoch um bloßes Da-sein, Existieren, Sich aufhalten, wird "ni" genommen. Unterscheide also:

Es gibt unendlich viele Verben, die Handlungen beschreiben (essen, trinken, spielen, schreiben, lesen, ...), aber nur wenige, die das statische Da-sein beschreiben (arimasu = sein bei Gegenständen, imasu = sein bei Lebewesen, sunde imasu = wohnen, übernachten, sich aufhalten etc.). Eine Besonderheit gibt es zu beachten, wenn das Verb "aru" ein Geschehen, ein Ereignis beschreibt. Es hat ein Ereignis gegeben - > das ist Action! Ergo wird "de" verwendet, nicht "ni". Das Verb "aru" zieht also nicht immer "ni" nach sich, wie folgende Gegenüberstellungen zeigen:

Auch ein Unfall, ein Sturm, eine Invasion etc. sind Action, auch wenn das Verb "aru" sie lokalisiert. Das Kriterium für die Entscheidung "ni oder de" ist, ob es eine Dynamik im Geschehen gab, ob es Action gab, ob was bewegt oder verändert wurde -> "de", oder ob es sich allein um eine statische Existenz handelt -> "ni".

versus


Partikel des Mittels: zweite Verwendung der Kasus-Partikel "de":
Die Partikel "de" hat auch noch eine andere Bedeutung, die des Mittels, des Instruments, oder der Verwendung. Die Partikel zeigt das Werkzeug an, mit dem eine Handlung ausgeführt wird. Immer handelt es sich um materielle Gegenstände. Man spricht auch vom Instrumentalis, das diese Partikel anzeigt. Man kann die Bedeutung am ehesten mit "mit, mittels, vermittels" wiedergeben. Das solcherart markierte Nomen ist die Antwort auf die Frage "womit?". Beispiele:

In den obigen Beispielen gibt es keine feste Abfolge, welcher Block imSatz vor welchem kommt. Genauso richtig wäre:

Anmerkung: Die Übersetzung mit "mit" ist nicht 1:1, weil "mit im Deutschen zwei verschiedene Bedeutungen hat:


Partikel der zahlenmäßigen Gesamtmenge: dritte Verwendung der Kasus-Partikel "de":
Die Partikel "de" hat auch noch eine weitere Bedeutung, die der Angabe einer zahlenmäßigen Gesamtmenge, das kann eine Zeit oder eine Personenzahl sein. "de" markiert den zahlenmäßigen Gesamtumfang, der mit einer Handlung in Verbindung steht. In dieser Funktion steht "de" alleine da, es gibt keine Überschneidungen mit anderen Partikeln. Beispiele:


Partikel des Grundes: vierte Verwendung der Kasus-Partikel "de":
Die Partikel "de" hat auch noch eine vierte Bedeutung, die der Angabe eines Grundes. Das solcherart markierte Nomen ist die Antwort auf die Fragen "warum?", "weshalb?", "weswegen?". Die allgemeine Konstruktion ist: [ A wa Grund de Verb ]. Beispiele:


Partikel des Materials: fünfte Verwendung der Kasus-Partikel "de":
Die Partikel "de" hat auch noch eine fünfte Bedeutung, die der Angabe eines Materials. Das solcherart markierte Nomen ist die Antwort auf die Fragen "woraus?" und "aus was bestehend?". typische Satzbausteine:

Beispiele:


Partikel des Materials: Abgrenzung der Kasus-Partikeln "de" und "kara":
Wichtig ist die Abgrenzung "de" gegen "kara", denn beide bezeichnen das Ausgangsmaterial. In den beiden obigen Beispielen könnte man auch "kara" einsetzen. In der Verwendung ergibt sich aber ein deutlicher Unterschied:

versus


Kasus-Partikel "o", Akkusativ-Postpartikel = (w)o / o, Objektpartikel
Verwendung für alle Objekte einer Handlung: Wen oder was sehen/essen/trinken wir? (trinken = nomu / nomimasu, essen = taberu / tabemasu, sehen = miru / mimasu). "O" markiert generell das Opfer einer Handlung.
Diese Partikel wird mit dem Zeichen "(w)o" geschrieben, aber nur o gesprochen. Es handelt sich NICHT um das Zeichen für den Vokal "o", sondern um das "o" in der "W-Reihe" der Hiragana-Tabelle, die nur aus wa und (w)o besteht. Im modernen Japanisch gibt es keinen Lautunterschied zwischen beiden Zeichen. Die Wahl des "(w)o" ist allein für die Objekt-Partikel reserviert, und die Verwendung ist auch darauf beschränkt. Der einzige Zweck dieses nirgends sonst benutzten und dennoch beibehaltenen Zeichens ist, die Objektpartikel zu schreiben.

Diese Partikel kann man naturgemäß nur mit transitiven Verben kombinieren, nicht mit intransitiven Verben. Transitive Verben beschreiben das Einwirken des Subjekts auf etwas anderes, das Objekt. Typische Beispiele: lesen, schreiben, bauen, bemalen, töten. Intransitive Verben: schlafen, schwimmen, liegen, sterben - nur Tätigkeiten, die das Subjekt ganz alleine mit sich macht. Intransitive Verben haben kein Objekt. Die Konstruktion von Sätzen mit transitiven Verben ist nach Baukasten-Schema: [ [N - ga] - [N - o] - V ].

Ausnahmen und Sonderfälle: Die Kasus-Partikel "o" kann entgegen dem oben Gesagten auch in zwei Fällen mit intransitiven Verben benutzt werden, und zwar jeweils im Kontext mit räumlich abgeschlossenen Einheiten, die für die Bewegung eine Rolle spielen:


Fragen nach einem Objekt mit der Kasus-Partikel "o":
Aus all den oben formulierten Sätzen lassen sich Entscheidungsfragen (Ja-Nein-Fragen) bilden durch Anhängen der Frage-Partikel "ka":

Und aus all diesen Sätzen lassen sich Informationsfragen (Fragen, die eine echte, informative Antwort erfordern) bilden durch 1.) Ersatz des Objekts durch das Fragewort UND 2.) Anhängen der Frage-Partikel "ka". Für Dinge, Gegenstände (was?) ist das Fragewort "nani", für Personen ist das Fragewort "dare" oder "donata".

Das Fragewort "nani" ist einfach nur der Platzhalter für einen Gegenstand. Anstelle des das Opfer einer Handlung (Verb V) bezeichnenden Nomens N wird der fragende Platzhalter eingebaut, die übrige Satzstruktur MIT Partikel bleibt bestehen. Dabei bedeutet "nani" nicht automatisch "was?" Ohne Partikel dahinter ist "nani" nur ein Ersatz für einen Gegenstand, ein Platzhalter mit noch unbekanntem Kasus. Erst "nani o" ist die präzise Frage nach dem "was?" als Objekt der mit dem Verb V bezeichneten Handlung. Erst das "o" macht aus dem allgemeinen Gegenstands-Platzhalter einen Objekt-Platzhalter. Ein typischer Fragesatz lautet also, wie in einem Baukasten-Schema:

und


Literatur, Links und Quellen:
Martin und Maho Clauß: Japanisch Schritt für Schritt, Band 1, der Sprachkurs für Unterricht und Selbststudium, Book on Demands, 2014, ISBN: 978-3-7322-9974-4
Herbert Zachert: Japanische Umgangssprache, 4. Auflage, Otto Harrassowitz Verlag Wiesbaden, 1976, ISBN 3-447-01814-3
Yoshiko Watanabe-Rögner, Kumiko Ikezawa-Hanada, Midori Satsutani: Japanisch, bitte! neu, A1-A2, Japanisch für Anfänger, Kursbuch, Klett-Verlag 1. Auflage, Stuttgart 2019, ISBN: 978-3-12-606971-7
Online Sprachkurs Japanisch von Christina Plaka: Nr. 20 Partikel
https://www.youtube.com/watch?v=qZN853PjS-s

ideo-Sprachkurs von Dominik Wallner:
B1 Das Nomen https://www.youtube.com/watch?v=3nKIA-uiCps
B2 joshi-Kategorien
https://www.youtube.com/watch?v=dLXzAU-PQLA
B3 Die Kasuspartikel GA
https://www.youtube.com/watch?v=9RdGyQOmg70
B4 Die Kasuspartikel O
https://www.youtube.com/watch?v=FAJNZnqoLmo
B5 Die Kasuspartikel O (2. Teil)
https://www.youtube.com/watch?v=CycMDeknUxk
B6 Die Kasuspartikel NI
https://www.youtube.com/watch?v=S5slLxWCdTw
B7 Die Partikel NI zur Zeitangabe
https://www.youtube.com/watch?v=5nfpc8It_w4
B8 Die Partikel NI zur Angabe von Empfänger und Urheber
https://www.youtube.com/watch?v=cPNEMD7J4w8
B9 Die Kasuspartikel NI für das Resultat einer Veränderung
https://www.youtube.com/watch?v=Vgs9ssX_iac
B10 Die Kasuspartikel E zur Richtungsangabe
https://www.youtube.com/watch?v=gKvTBqA1M8k
B14 Die Partikel DE (Überblick)
https://www.youtube.com/watch?v=tr9KK9lsOAQ
B15 Die Partikel DE (Handlungsort)
https://www.youtube.com/watch?v=eqotm36Hseo
B16 Die Kasuspartikel DE mit Zahlenangaben
https://www.youtube.com/watch?v=shoFaZYSd4g
B17 Die Kasuspartikel DE (Instrument)
https://www.youtube.com/watch?v=wL3E7QLDnfU
B18 Die Kasuspartikel DE (Grund)
https://www.youtube.com/watch?v=aL8slfLDOcM
B19 Die Kasuspartikel DE (Material)
https://www.youtube.com/watch?v=9wjkBrXXgBc

Weitere Artikel von Dominik Wallner zu den Partikeln:
Wa-ga-Syntax: https://blog.qwyga.com/2022/10/21/japanische-grammatik-wa-ga-struktur-syntax/


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